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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Bilder des Lebendigen und des Unlebendigen"
RessourcentypCall for Papers
TitelBilder des Lebendigen und des Unlebendigen
BeschreibungWorkshop eikones NFS Bildkritik
Basel, 2.-3. Oktober 2009
Bilder des Lebendigen und des Unlebendigen

Benjamin skizziert bekanntlich in seinem Wahlverwandtschaften-Aufsatz einen tiefgründigen Bezug zwischen dem (An)ästhetischen und dem „Leben“: das im Kunstwerk „wogende Leben“ soll „wie in einem Augenblick gebannt“ erscheinen, mehr noch: sein organischer „Schein“ muss vom „Ausdruckslosen“ (als einer „erhabnen Gewalt des Wahren“) gebrochen oder unterbrochen werden. Dessen „Einspruch“ belegt das „Leben“ mit dem Bann einer materialen Bildlichkeit – jenes wird zu seiner eigenen Figur, gar Kopie (wie das vom Oberflächeneffekt der Wogen nahegelegt wird). Der „Bann“ kommt erst vom „Ausdruckslosen“ her, das jegliches „Bild“ in diesem Sinne überhaupt setzt und es zugleich auch durchkreuzt. Welche Funktion kann das „Bild“ in diesem performativen „Bann“ erhalten? Das „Leben“ wird zwar zu seinem eigenen Bild, gleichzeitig würde jedoch gerade die bildliche Referenz den Schein des Organischen oder des Lebendigen immer schon aufrechterhalten können. Der „Augenblick“ kann nämlich genau das Erstarrt-sein des Ikonischen, aber auch das plötzliche Ereignis des „Einspruchs“ bedeuten. Für die Unentscheidbarkeit von „Bann“ und „Leben“ kann also die referentiell-semantische Ambivalenz des Bildes verantwortlich sein. Es handelt sich um Bilder, die das Lebendige versprechen, es zugleich auch töten – das Lebendige in den Bildern oder der Bilder kann sowohl das falsch Repräsentierte wie auch das Erstarrte meinen. Ihre Funktion kann in einem „Archivieren des Lebendigen“ bestehen, in dessen paradoxer Medialität, wo das „Bild“ etwa als Archiv des Lebendigen und nicht bloß als seine Repräsentation herhalten muss. Die ambivalente Seinsweise des Bildes als Spur eines Einspruchs des „Ausdruckslosen“ kann sich auch darin manifestieren, dass der Code, der die Entscheidung zwischen dem Lebendigen und dem Unlebendigen ermöglichen würde, suspendiert wird. Dieses „Leben“ wird also zu einem „Nachleben“ oder „Überleben“, zu einem Leben nach (oder jenseits des) Leben(s), wo das ursprüngliche Leben vielleicht nie als solches existierte (vgl. die verwandte Topik auch in Die Aufgabe des Übersetzers, später bei de Man und Derrida).

Welche literaturhistorische und ideengeschichtlich-epistemische Formationen lassen sich in diesem Zusammenhang befragen? Von den mythopoetischen Figurationen der Geschichte als Natur (und umgekehrt) bei Hölderlin etwa über den „Leben“ und „Natur“ nachdrücklich unterscheidenden Nietzsche (Jenseits von Gut und Böse) oder das „provozierte Leben“ bei Gottfried Benn bis zur „biologischen Poesie“ Durs Grünbeins werden diese und ähnliche Fragen inszeniert und verhandelt. Von der „Hälfte des Lebens“ (dessen andere Hälfte ja Supplement, „Klirren der Fahnen“ ist) über die allegorische Anti-Natur-Ästhetik Baudelaires oder die spätmoderne, die „Mutationen“ akzentuierende Geschichtsauffassung Benns bis zur Dichtung im Zeitalter der Gentechnologien also. Auf diesem Terrain könnten u.a. die anthropoetischen Züge der Texte erforscht werden, also Fragen z.B. der Hand, des Berührens, der körperlich-leiblichen Mimiken bzw. Manifestationen und deren testimonialer wie testamentarischer Charakter. Weiter kann hier die Problematik der Zeugenschaft interessieren, insofern der Zeuge „immer ein Überlebender ist“ (Derrida), also – Benjamin weiterführend – von einem radikal vergangenen Einspruch des Ausdruckslosen Zeugnis (wenn auch ein falsches) abzulegen versucht. Dabei kann sich die technische Supplementierung des Lebendigen (also die erstarrten Bilder) wiederum als dessen falsches Zeugnis (und auch des Einspruchs) erweisen.

Was geschieht ferner auf den Feldern der Wissenschaft und der Philosophie in der Zeitspanne zwischen der Etablierung der Biologie als einer Wissenschaft vom Kollektivsingular „Leben“ über die Anthropologie bzw. Phänomenologie von „Körper und Leib“ (Plessner, Merleau-Ponty) bis zu den heutigen Lebenswissenschaften als Erkundungen der genetischen Vererbung etwa? Welche latente Wirkungsgeschichte besitzt der Gedanke des Klons im Laufe des 20. Jahrhunderts in den Künsten und den diskursiven Formationen? Der Klon stellt ja die Widerlegung oder Umformung der Pygmalion-Geschichte dar, wo der sekuläre Mythos der Verlebendigung von technischen Beständen nicht mehr zu lösen sein wird. Zugleich bewirkt die materielle Produktivität und Eigenständigkeit des Klons auch eine Subversion des bildlichen Codes.

„Bann“ figuriert auch als Grundwort der biopolitischen Untersuchungen, die die politisch-rechtliche Macht in Bezug auf das „Leben“ zu bestimmen versuchen (Foucault, Agamben). In der Erstarrung des Ausnahmezustands wird das Leben einer tiefgreifenden Modifikation zugeführt, wo sich die juristisch-politische Instrumentierung des Lebendigen als Grundzug jeglicher Politik erweist und die die Frage nach dem Souverän – der den erwähnten „Einspruch“ betätigen könnte – aufwirft. „Bild“ als Effekt des performativen „Banns“ steht in einem Zusammenhang mit der materialen Aktivität des Ereignisses.


Im Interesse einer intensiven Besprechung der jeweiligen Fragestellung und Problemlage wird jeder Beitrag eine Stunde zur Verfügung haben (30 Minuten Vortrag plus 30 Minuten Diskussion). Für die Beiträge schlagen wir folgende thematische Bereiche vor:

1. Archive des Lebendigen (Sprache, bildgebende Verfahren, Aufschreibesysteme, Problemkomplex des Erbes)
2. Supplemente des Lebendigen (technische Prothesen)
3. Manifestationen des Lebendigen (Affekte, Körper-Leib-Problematik, die Hand, das Berühren)
4. Begriffsgeschichten und diskursive Formationen von „Leben“ und „Unlebendigkeit“ (wissenschaftliche und ideengeschichtliche Theoriebildungen, epistemische Konfigurationen, etwa der „Natur“)
5. Leben und Recht (Biopolitik der Texte)

Veranstaltungsort: „Forum“ im Gebäude des NFS Bildkritik: Rheinsprung 11 in Basel

Senden Sie das Exposé Ihres Vortrags (eine Seite) und einen kurzen Lebenslauf bis zum 30. August 2009 an:
csongor.loerincz@staff.hu-berlin.de
Prof. Dr. Csongor Lõrincz
Humboldt-Universität zu Berlin
Philosophische Fakultät II
Institut für Slawistik
Hungarologie

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortBasel
Bewerbungsschluss30.08.2009
Beginn02.10.2009
Ende03.10.2009
PersonName: Loerincz, Csongor [Prof. Dr.] 
Funktion: Ansprechpartner 
E-Mail: csongor.loerincz@staff.hu-berlin.de 
Ediert von  H-Germanistik
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