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Ergebnisanzeige "Das Intime und das Politische in zeitgenössischer Kunst und Literatur (von den 1970er Jahren bis heute)"
RessourcentypCall for Papers
TitelDas Intime und das Politische in zeitgenössischer Kunst und Literatur (von den 1970er Jahren bis heute)
BeschreibungInterdisziplinäres Kolloquium
Call for papers

Das Intime und das Politische in zeitgenössischer Kunst und Literatur (von den 1970er Jahren bis heute)



Autofiktionen, Tagebücher, der Trend zu (Auto)–biographischem, das endoskopische Bild des eigenen Körpers der Künstlerin Mona Hatoum in ihrer Installation “Fremdkörper” sowie die Ausstellung “Hast Du mich gesehen?” (2003) der Künstlerin Sophie Calle... Die zeitgenössische Kunst und Literatur ist ohne Zweifel mit der Frage des Intimen beschäftigt. Die Etymologie des Begriffs geht auf den Superlativ « Intimus » zurück, der auf das Innerste, das Tiefste und das Verborgenste im Menschen hindeutet. Das Kunstwerk erfüllt dabei eine Paradoxie, insofern es eben dieses Innerste und Tiefste sichtbar werden lässt, welches üblicherweise dem Blick des Anderen verwehrt bleibt. Wenn aber ein Kunstwerk trotz dieses nach außen gestülpten Inneren als « intim » gelten will, dann muss es gleichzeitig charakteristische Merkmale des Intimen zur Schau tragen, Zeichen des Eigenen und des Persönlichen etwa, die auf eine authentische Nähe voll Empfindungen, Emotionen und Affekte hinweisen. Jedes “intime” Kunstwerk bestimmt außerdem auf seine eigene Weise die Grenzen des Intimen neu und spielt dabei mit Normen, die nicht nur von jedem Einzelnen, sondern auch von der Gesellschaft und von deren kollektiven Vorstellungen abhängen.

Es erheben sich indessen viele Stimmen, um den Trend zum Intimen anzuprangern. Die Kritiken kommen aus ganz unterschiedlichen Richtungen, aber alle neigen dazu, die “intimen” Kunstwerke in einer außerpolitischen Sphäre zu verorten. So kommt aus Teilen der Kunstsoziologie der Vorwurf, die übertriebene Ich-Bezogenheit zeitgenössischer Kunst und Literatur hindere diese daran, sich um das politische “Zusammenleben” zu kümmern. Weitere kritische Stimmen tadeln diesen Trend, weil solche “intimen” Kunstwerke ihrer Meinung nach in “Exhibitionismus” und schließlich ins “Obszöne” münden würden: “Intime” Kunstwerke würden folglich nur noch von einem “moralischen”, vom Politischen völlig abgekoppelten Standpunkt aus berücksichtigt. Für andere Autoren bildet das selbst in den Kunstwerken “instrumentalisierte” Intime einen Beweis dafür, dass die Gesellschaft nun durch eine “panoptische Intimität(1)” regiert wird und dass die Formen der Selbstkontrolle sich auch auf den kulturellen Bereich ausgedehnt haben. Die “intime” Kunst wäre also symptomatisch für die Inbesitznahme der Individuen durch die Macht und zugleich für das Verschwinden des Politischen - die Macht wird hier als Herrschaftsdispositiv über Körper und Geist verstanden, während der Begriff des Politischen die freie Handlung bezeichnet. Parallel zu diesen Kritiken werden jedoch auch Stimmen hörbar, die eine andere Auffassung des Intimen vertreten und sogar für dessen Wiederaufwertung plädieren, damit das Intime nicht auf die “Intimität des Magens(2)” beschränkt wird. Das Intime kann nämlich auch als Zufluchtsort der Subjektivität vor der Macht oder als Bruch betrachtet werden, der neuen Möglichkeiten, sogar Utopien Raum lässt: Da das Intime sich der Gesellschaft entzieht, kann es zur Unterbrechung, zur Verschiebung, zum Anachronismus werden und dabei andere Aussichten als die etablierte Ordnung bieten. Und wenn die Kunst das Intime in Szene setzt, wenn sie auf ihre eigene Art dessen Grenzen (neu) definiert und es vom Schatten ins Licht bringt, dann findet dieses nonkonforme Intime dadurch ein öffentliches Echo(3): Beim “intimen” Kunstwerk könnte also das Intime und dessen politisches Potential unter dem Zeichen des Dissenses(4) (wieder) erobert werden. Der Trend zu Intimem in zeitgenössischer Kunst und Literatur hätte also überhaupt nichts mit Eskapismus zu tun, sondern kündige vielmehr eine gemeinsame Welt an, in der sich unterschiedliche Standpunkte polyphon entfalten könnten und die durch Heterogeneität und Konfliktualität charakterisiert wäre. In dieser Hinsicht würde das Intime keineswegs “das Andere des öffentlichen Raums” darstellen, sondern geradezu “eine Voraussetzung für die Entstehung des öffentlichen Raums in der modernen Welt.(5)”

Ist also das Intime in der zeitgenössischen Kunst und Literatur symptomatisch für einen regressiven Rückzug aufs Ich oder, im Gegenteil, eher Ausgangspunkt für eine Neuerfindung des Politischen im Kleinen? Könnte “die scheinbar intimste Kunst” als “eine
hoch politische Kunst” gelten, und dies “nicht im Sinne der großen Apparate, Institutionen oder Parteien, sondern im Sinne einer unmerklichen Politik des Alltags(6)”, die in den Subjektivitäten Gestalt annimmt?

Dieses Kolloquium wird von Germanisten in Zusammenarbeit mit Anglisten organisiert. Es soll zugleich interdisziplinär und international sein.

Themen:
• Figuren des Intimen und des Politischen in zeitgenössischen Kunstwerken.
• “Intime” künstlerische Verfahren und deren Bezug auf das Politische (Beziehungen zwischen Kunstwerk und Publikum; Austausche, Reversibilität und Fusion zwischen dem Anschauenden und dem Angeschauten.)
• Besonderheiten der Verbindung von Intimem und Politischem je nach Kunstgattung (Literatur, Bühnenkünste, visuelle Künste, bildende Künste...); mögliche Auswirkungen der für die zeitgenössische Kunst typischen Aufweichung von Gattungsgrenzen auf solche gattungsspezifischen Konstellationen; die Bedeutung künstlerischer Experimente mit neuen Technologien.
• “Intime” Kunstwerke im Kontext – Verschiebung der Grenzen zwischen Politischem und Intimem: historische und theoretische Gesichtspunkte, gegenwärtige (Neu-)Bestimmungen der Grenzen/ (Neu-)Definierung von Territorien (Kann von einer Vermischung des Privaten und des Öffentlichen, oder gar vom Verschwinden des Intimen die Rede sein?)

Die Beitragsvorschläge (maximal 1500 Zeichen) mit einer Kurzbiographie (+ Veröffentlichungen) sind bis spätestens zum 30. September 2009 per E-Mail an Florence Baillet, Karin Maire-Parienti oder Arnaud Regnauld einzusenden:
colloque@intimeetpolitique.org

Dieses internationale Kolloquium wird im Rahmen der Forschungsgruppe 1577 der Universität Paris 8 in Zusammenarbeit mit dem Heinrich-Heine-Haus veranstaltet. Es wird am 3., 4. und 5. Juni 2010 im Heinrich-Heine-Haus (Cité internationale, Paris, Frankreich) stattfinden. Die Akten des Kolloquiums sollen veröffentlicht werden. Arbeitssprachen: Französisch (erwünscht), Deutsch, Englisch.
Um zusätzliche Informationen über dieses Kolloquium zu erhalten, können Sie auf folgenden Weblink klicken:
http://intimeetpolitique.org/



1
Magali Uhl, « Intimité panoptique. Internet ou la communication absente », in : Cahiers internationaux de
sociologie n°112, Paris, PUF, 2002, S.151-168.
2
Jean-Paul Sartre, Situations philosophiques, Paris, Gallimard, 1990, S.10.
3
Nach Hannah Arendt richtete sich „Die Rebellion gegen die Gesellschaft, in der Rousseau und die Romantik nach ihm das Intime entdeckten, [...] vor allem gegen ihre nivellierenden Züge, gegen das, was wir heute Konformismus nennen und was in Wahrheit ein Merkmal aller Gesellschaft ist“. Hannah Arendt vertritt die These, dass die Gesellschaft in der Moderne den öffentlichen Raum erobert hat, so dass „[d]ie größte Schwierigkeit für ein wie immer geartetes Vergleichen [...] darin liegt, dass die Neuzeit das Gesellschaftliche nicht eigentlich vom Politischen scheidet und unterscheidet“ : Die Gesellschaft ist gleichzusetzen mit einer Art Ausdehnung in die öffentliche Sphäre der familiären Verhälnisse, welche eigentlich der Privatsphäre
zuzuordnen sind, was letztendlich dazu führt, den öffentlichen Raum in einen „ ins Gigantische gewachsene[n] Haushaltsapparat“ zu verwandeln, fern von der antiken Auffassung der Politik, die diese Denkerin weiterhin entwickelt. Vgl. Hannah Arendt, Vita Activa oder vom tätigen Leben, München, Zürich, Piper, 2003, S. 50, S. 43, S.39.
4
Nach Jacques Rancière besteht die Politik gerade darin, « die Aufteilung des Sinnlichen neu zu gestalten, die
das Gemeinsame einer Gemeinschaft definiert, neue Subjekte und Objekte in sie einzuführen, sichtbar zu
machen, was nicht sichtbar war, und als Sprecher jene vernehmbar zu machen, die nur als lärmende Tiere
wahrgenommen wurden. Diese Arbeit der Erzeugung des Dissenses macht eine Ästhetik der Politik aus
(...) ».Vgl. Jacques Rancière, Unbehagen in der Ästhetik, übers. v. Richard Steurer, Wien, Passagen Verlag,
2008, S. 35.
5
Michaël Foessel, La privation de l’intime – Mises en scène politiques des sentiments, Paris, Seuil, 2008, S.70.
6
Pierre Zaoui, « Deleuze et la solitude peuplée de l’artiste (sur l’intimité en art) », in : Elisabeth Lebovici (hrsg.),
L’Intime, Paris, Ecole nationale supérieure des Beaux Arts, 2004 (2. Auflage), S.58.


Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortParis
Bewerbungsschluss30.09.2009
Beginn03.06.2010
Ende05.06.2010
PersonName: Baillet, Florence [Dr.] 
Funktion: Maître de conférence 
E-Mail: colloque@intimeetpolitique.org 
Name: Regnaud, Arnaud [Dr.] 
Funktion: Maître de conférence 
E-Mail: colloque@intimeetpolitique.org 
Name: Maire, Karin [Mag.] 
Funktion: ATER (Attachée temporaire à l'emploi de chercheur)  
E-Mail: colloque@intimeetpolitique.org 
KontaktdatenName/Institution:  Institut für deutsche Sprache und Literatur der Universität Paris 8, Forschungsgruppe 1577 
Strasse/Postfach: 2, rue de la Liberté  
Postleitzahl:  93526  
Stadt: SAINT-DENIS cedex  
Telefon: 00331-49 40 67 89 
Fax: 00331-49 40 68 10 
Internetadresse: http://www.univ-paris8.fr/allemand/ 
LandFrankreich
BenutzerführungDeutsch; Englisch; Französisch
SchlüsselbegriffeKomparatistik (Kulturvergleich, Interkulturelle Literaturwissenschaft); Literatur nach 1945
Zusätzliches Suchwort Literatur und Politik
Klassifikation04.00.00 Allgemeine Literaturgeschichte > 04.03.00 Vergleichende Literaturgeschichte; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989); 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.09.00 Stoffe. Motive. Themen; 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart; 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart > 19.09.00 Stoffe. Motive. Themen
Ediert von  H-Germanistik
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