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Ergebnisanzeige "Gertrud Kolmar: Unbekannte Klassikerin der Moderne - Tagung zu Leben und Werk"
RessourcentypCall for Papers
TitelGertrud Kolmar: Unbekannte Klassikerin der Moderne - Tagung zu Leben und Werk
BeschreibungCFP

GERTRUD KOLMAR: Unbekannte Klassikerin der Moderne - Tagung zu Leben und Werk

Weimar, 18.03.-21.03.2010

Scroll down for English version.

Internationale und interdisziplinäre Tagung der Anna Amalia und Goethe-Akademie zu Weimar

in Kooperation mit

Universität Leipzig – Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung
The Franz Rosenzweig Minerva Research Center, The Hebrew University of Jerusalem
Bauhaus-Universität Weimar - Fakultät Medien
Europäisches Informations-Zentrum Thüringen in der Thüringer Staatskanzlei

Frist zur Einreichung von Papers: 1. September 2009

Gertrud Kolmar, bürgerlich Gertrud Käthe Chodziesner, geboren am 10. Dezember 1894 in Berlin, gestorben März 1943 in Auschwitz, entstammt einer bürgerlichen jüdisch-assimilierten Familie. In die Literatur-Geschichte hat sie sich als Lyrikerin, Dramatikerin und Erzählerin eingeschrieben, obwohl sie nur wenig Zeit für ihr Dichterleben und das Ausreifen ihres Werkes hatte. Drei Gedichtbände erschienen im Jüdischen Buchverlag bis 1938: „Gedichte“ (1917), „Preußische Wappen“ (1934), „Die Frau und die Tiere“ (1938), außerdem einige Einzeldrucke. Die größeren Ausgaben erschienen posthum: „Das lyrische Werk“(1955) mit einem Nachwort des Essayisten Max Picard; erweitert 1960 mit einem Lebensabriss der Dichterin von Hilde Wenzel, ihrer Schwester. Auch die tiefgründige Erzählung „Susanna“ von 1933 konnte erst 1959 erscheinen – und zwar in einer Anthologie von Karl Otten, ihr Essay „Das Bildnis Robespierre“ gar erst 1965, das Robespierre-Drama „Cécile Renault“ (1934/1935) im Jahr 2000. Die Erzählung „Die jüdische Mutter“ ist kaum bekannt geworden. Mit den Arbeiten unter anderem von Gudrun Jäger (Publikations- und Rezeptionsgeschichte), Regina Nörtemann (Edition), neuerlich Dieter Kühn (Interpretation) ist inzwischen die Grundlage für eine intensive Auseinandersetzung gelegt.
Die von Hause aus behütete, tierliebende Bürgertochter, die mit Hingabe behinderte Kinder versorgte, schrieb anfangs eher für sich, hatte kaum Resonanz. Sie, die tief Empfindende, von Deutschen tief Gedemütigte, Einsame, fragte, mahnte, schrie, litt und rebellierte, fand aber kein Publikum als Partner. Doch selbst aus dieser Lage heraus wuchs sie zur bewussten jüdischen Dichterin. Und schuf ein Oeuvre von erregender Modernität in Fragestellung wie Metaphorik, dabei von strenger, fast klassischer Formbewusstheit: Sonette, Stanzen, Hymnen, gereimt und reimlos, meist zyklisch geordnet. Sie äußerte sich leidenschaftlich in oft hocherotischen Gedichten, begehrend und in tiefer – unerfüllt gebliebener – Sehnsucht nach dem Kind. Sie war engagiert in Frauensachen, nahezu revolutionär in ihrem Wollen, stark im Pathos für soziale Gerechtigkeit. Und letztlich war sie Jüdin durch und durch, besonders im Spätwerk, Traditionen des Tenach sowie des chassidischen Ostens aufnehmend, vielfach kämpferisch im Zuge wachsender Verfolgung: am stärksten im frei rhythmischen Gedicht „Wir Juden“. Im März 1943 wurde sie deportiert und vergast – den genauen Tag wissen wir nicht.
Über fünfundsechzig Jahre nach ihrem Tod sollen Leben und Werk erstmals im Rahmen einer interdisziplinären und internationalen Tagung beleuchtet, gedeutet werden. Es ist im Grunde nicht zu begreifen, dass das Werk einer Dichterin von solchem Rang im Bewusstsein der deutschen wie internationalen literarischen Öffentlichkeit nahezu unbekannt geblieben ist. Lag es an der Kulturpolitik der Nachkriegszeit, durch die eher solche dem NS-Regime nahestehenden Autorinnen wie Agnes Miegel und Ina Seidel hofiert, dutzendfach Schulen nach ihnen benannt wurden? Gibt es überhaupt ein Gertrud-Kolmar-Gymnasium? Sicher lag es ebenso an der Bildungspolitik wie an mangelhaften Editionen und Interpretationen, fehlenden Aufführungen und Lesungen. Insgesamt hatte die deutsche Gesellschaft kein Verhältnis zu dieser Frau, dieser deutschen Jüdin und ihrem Werk. Jedenfalls stehen wir vor dem Phänomen einer unbekannten Klassikerin der Moderne: Sie sei „eine der wichtigsten und besten Lyrikerinnen der deutschen Literaturgeschichte“, eine der „bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts“ liest man erstaunt in Fachabhandlungen - etwa auf einer Stufe nicht nur mit Annette von Droste-Hülshoff, wie Walter Benjamin, übrigens ihr Vetter, meinte, sondern auch mit Nelly Sachs, Else Lasker-Schüler und Rose Ausländer.

Thematische Gewichtung bzw. Zielsetzung sind bei diesem Call for Papers Interpretationen der Lyrik, der Dramatik, der Prosa; tiefere Erforschung der Biografie, damit ihres sozialen und künstlerisch-kulturellen Umfeldes; des weiteren ihres jüdischen Hintergrundes bzw. ihres schon assimilierten jüdischen Lebens, ihrer Inhalte und Ideen, der religiösen Momente trotz ihres ansonsten säkularen Judentums; von Spuren der Thora und anderer Schriften des Tenach im Werk, also jüdischer Motive, etwa in der bereits genannten Schrift „Wir Juden“. Angesprochen sind Teilbereichsdisziplinen wie etwa Literaturwissenschaft, Historik, Judaistik, Medienwissenschaft, Philosophie, Politologie, Psychologie bzw. Psychoanalyse, Soziologie, Theaterwissenschaft und Wissenschaftsgeschichte. Es ist davon auszugehen, dass die Tagung Anregungen gibt, Leitmotive formuliert, Fragen stellt, vielleicht sogar auch schon im einen oder anderen Fall Antworten liefert – oder die Richtung zu ihnen. Daneben sind Lesungen und Theater-Aufführungen vorgesehen, die den Zugang zum Werk erleichtern, zu ihm hinführen oder gar dazu beitragen, es sich anzueignen.

Es wird angestrebt, dem zusammenfassenden, die Ergebnisse sichernden Tagungsband eine umfassende Personalbibliografie beizugeben sowie eine Video-Dokumentation herzustellen.

Es sind jeweils ca. 30-minütige Vorträge mit anschließenden Diskussionen vorgesehen. Vorschläge für Referate in deutscher oder englischer Sprache (Abstracts) sowie Angaben zu benötigtem technischem Equipment werden von Interessenten aller Disziplinen bis zum 1.9.2009 erbeten an post@AnnaAmalia-Goethe.de. Zusagen werden umgehend versendet.

Wissenschaftliche Leitung:
Prof. Dr. Ilse Nagelschmidt, Leipzig
Prof. Dr. Jochanan Trilse-Finkelstein, Berlin
Prof. Wolfgang Kissel, Weimar

Tagungsorganisation:
Dr. Martin Borowsky, Deutsch-Israelische Gesellschaft Erfurt
Keren Sagi, The Franz Rosenzweig Minerva Research Center, Jerusalem
Dr. Dr. Dietmar Görgmaier, Europäisches Informations-Zentrum Thüringen in der Thüringer Staatskanzlei
Dr. Ettore Ghibellino, MJur (Oxford), Anna Amalia und Goethe Akademie zu Weimar

Kontakt:
Anna Amalia und Goethe Akademie zu Weimar
Cranachstraße 29 - Ehemals Sächsische Gesandtschaft
D-99423 Weimar
Tel.: +49 (0)3643 7737 612
Fax: +49 (0)3643 7737 572
E-Mail: post@AnnaAmalia-Goethe.de
Internet: www.AnnaAmalia-Goethe.de

*** English version***

GERTRUD KOLMAR: Unknown classical writer
Conference on her life and work

Weimar, 18-21 March 2010

International and interdisciplinary conference of the Anna Amalia and Goethe-Academy, Weimar

In collaboration with
University of Leipzig Centre for Women’s and Gender Research
The Franz Rosenzweig Minerva Research Center, The Hebrew University of Jerusalem
Bauhaus-University Weimar – Media Faculty
European Information Centre of Thuringia in the Thuringian Minister President’s Office

Deadline for handing in of papers: 1 September 2009

Gertrud Kolmar, family name Gertrud Käthe Chodziesner, was born on 10 December 1894 in Berlin and died in March 1943 in Auschwitz. She came from an integrated middle-class Jewish family. She has gone down in literary history as a poet, playwright, and storyteller, although she had little time to devote to her literary life and work. By 1938 three volumes were published by Jewish Publisher: ‘Gedichte’ (1917), ‘Preußische Wappen’ (1934), ‘Die Frau und die Tiere’ (1938); in addition, there were some single publications. The larger editions appeared posthumously: ‘Das lyrische Werk’(1955) with an epilogue by the essayist Max Picard; this edition was expanded in 1960 with an outline of the poet’s life by Hilde Wenzel, her sister. The profound story ‘Susanna’, written in 1933, could only be published in 1959 – and even then only in an anthology by Karl Otten. Her essay ‘Das Bildnis Robespierre’ appeared only in 1965, the Robespierre-Drama ‘Cécile Renault’ (1934/1935) in the year 2000. The story ‘Die jüdische Mutter’ has hardly become known at all. In the meantime, with publications by (amongst others) Gudrun Jäger (publication and reception history); Regina Nörtemann (editions); more recently Dieter Kühn (interpretation), the foundation for an intensive study has been laid.
The sheltered, animal-loving daughter of a middle-class family, who, with dedication, cared for disabled children, wrote initially for herself and made hardly any impact. Her feelings ran deep. Humiliated by Germans and isolated, she questioned, warned, screamed, suffered, and rebelled, but found no public response. But even in this situation she grew into an aware Jewish poet. She produced work of rousing modernity – with regard to the questions she asked, the imagery, and the strict, almost classical sense of form: sonnets, ottava rima, hymns, rhymed and without rhyme, and mostly arranged in cycles. She expressed herself with passion in poems which were often highly erotic, full of desire and unfulfilled longing for childhood. She was committed to the cause of women, almost revolutionary in her quest, and strong in her sense of social justice. Finally, she is Jewish through and through, especially in her later work, in which she took up traditions of the Tanach and the Chassidic east. She is often full of fight – as a result of growing persecution – most noticeably in ‘Wir Juden’ – a poem in free rhythms. In March 1943 she was deported and died in the gas chambers. The exact date is unknown.
More than sixty-five years after her death, her life and work are to be studied and interpreted in the context of an interdisciplinary and international conference. It is hard to believe that the work of such an accomplished poet has remained virtually unknown to the German and international literary public. Was this due to post-war cultural politics, which was more inclined to pay court to writers close to the National Socialist regime like Agnes Miegel and Ina Seidel and to name dozens of schools after them? Is there even one Gertrud-Kolmar-Gymnasium? It was certainly due also to education policy, unsatisfactory editions and interpretations, and to the lack of performances and readings. German society as a whole could not relate to this woman – this Jewish woman – and her work. In any case, we are confronted with the phenomenon of an unknown modern classical writer. We are astounded to read in academic essays that she is ‘one of the most important and best German language female poets of the twentieth century’. She is seen not only to be on the same level as Annette von Droste-Hülshoff – according to Walter Benjamin, her cousin – but also as Nelly Sachs, Else Lasker-Schüler and Rose Ausländer.
This Call for Papers focuses on interpretations of her poetry, drama, and prose; new biographical research, including the social, artistic, and cultural context; her Jewish background or her life as a Jew assimilated into German society; her themes and ideas; religious elements – despite her otherwise secular Jewishness –; traces of the Torah and other writings of the Tanach in her work; also Jewish motifs, for instance in the above-named work ‘Wir Juden’. Contributions are invited from disciplines such as Literary History, History, Jewish Studies, Media Studies, Philosophy, Political Science, Psychology or Psychoanalysis, Sociology, Theatre Studies, and the History of Science. It is assumed that the conference will raise questions, introduce themes, give stimulus, perhaps provide the occasional answer or provide an indication of where answers may lie. It is envisaged that the conference will be accompanied by readings and theatre productions to make the work more accessible, to introduce it, and even to contribute to its assimilation.
The aim is to include a comprehensive bibliography in the Conference Proceedings, and to produce a documentary video.
Lectures of 30 minutes duration are envisaged, followed by discussion. Submissions for lectures in German or English (Abstracts), together with details of technical equipment required, are invited from all disciplines and should be sent by 1 September 2009 to post@AnnaAmalia-Goethe.de. Acceptance will be promptly notified.

Chaired by
Prof. Dr. Ilse Nagelschmidt, Leipzig
Prof. Dr. Jochanan Trilse-Finkelstein, Berlin
Prof. Wolfgang Kissel, Weimar

Conference organizers
Dr. Martin Borowsky, Deutsch-Israelische Gesellschaft Erfurt
Keren Sagi, The Franz Rosenzweig Minerva Research Center, Jerusalem
Dr. Dr. Dietmar Görgmaier, Europäisches Informations-Zentrum Thüringen in der Thüringer staatskanzlei
Dr. Ettore Ghibellino, MJur (Oxford), Anna Amalia and Goethe Akademie Weimar

Contact:
Anna Amalia und Goethe Akademie zu Weimar
Cranachstraße 29 – Formerly Embassy of Saxony
D-99423 Weimar
Tel.: +49 (0)3643 7737 612
Fax: +49 (0)3643 7737 572
E-Mail: post@AnnaAmalia-Goethe.de
Internet: www.AnnaAmalia-Goethe.de
Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://www.AnnaAmalia-Goethe.de
Verknüpfte Ressourcehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortWeimar
Bewerbungsschluss01.09.2009
Beginn18.03.2010
Ende21.03.2010
PersonName: Ghibellino, Ettore [Dr.] 
Funktion: Tagungsorganisation 
E-Mail: post@annaamalia-goethe.de 
KontaktdatenName/Institution: Anna Amalia und Goethe Akademie zu Weimar 
Strasse/Postfach: Cranachstraße 29 
Postleitzahl: D-99423 
Stadt: Weimar 
Telefon: +49 (0)3643 7737 612 
Fax: +49 (0)3643 7737 572 
E-Mail: post@AnnaAmalia-Goethe.de 
Internetadresse: www.AnnaAmalia-Goethe.de 
LandDeutschland
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Bibliographien, Handbücher; Dramentheorie; Erzähltheorie; Genderforschung; Geschichte der Germanistik; Literarische Wertung/Literaturkritik; Literatur 1880 - 1945; Literatur- u. Kulturgeschichte; Literaturpsychologie; Literatursoziologie; Literaturtheorie: Klassiker; Lyriktheorie
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.06.00 Literaturtheorie; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.07.00 Ästhetik; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.08.00 Poetik; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.08.00 Poetik > 03.08.01 Studien; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.08.00 Poetik > 03.08.02 Dichtung und Sprache; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.13.00 Literaturkritik. Wertung; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.14.00 Literatursoziologie; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.16.00 Literarisches Leben; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.16.00 Literarisches Leben > 03.16.02 Schriftsteller; 17.00.00 20. Jahrhundert (1914-1945); 17.00.00 20. Jahrhundert (1914-1945) > 17.01.00 Forschung; 17.00.00 20. Jahrhundert (1914-1945) > 17.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte
Ediert von  H-Germanistik
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