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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige ""Erzählte Welten" in Deutschland und Frankreich"
RessourcentypCall for Papers
Titel"Erzählte Welten" in Deutschland und Frankreich
Beschreibung„Erzählte Welten“

In der Zeit vom 5. März 2009 stellt die Schriftstellerin Kathrin Röggla fest, dass wir bis jetzt noch keine narrative Form gefunden hätten, mit der sich die weltweite Finanzkrise verstehen ließe. Zwar hat sich eine neue politische Dramaturgie rund um die Globalisierung nach dem Muster des Katastrophenfilms entwickelt, doch niemand ist heute in der Lage, den Ausgang dieser Krise vorauszusagen. Es müsste also ein solcher erfunden werden. In einer Sonderausgabe der Zeitschrift Sciences humaines von März/April 2009 mit dem Titel Idéologies, le retour de flamme, konstatiert Jean-François Dortier die Rückkehr der „großen Erzählungen“, die mit der Rückkehr der Ideologien einhergehe. Im Bereich der Literatur lässt sich in Deutschland mit Kulturwissenschaftlern wie Vera und Ansgar Nünning ein Aufkommen „postklassischen“ Erzählens beschreiben. Der Begriff der „Fiktion“, sei es in der Literatur oder in anderen Bereichen, hat zunehmend Erfolg. Wir seien, so hört man, seit dem „narrativist turn“ der 80er Jahre in ein neues „narratives Zeitalter“ eingetreten, ja vielleicht sogar in ein Zeitalter des „narrativen Imperialismus’“ (James Phelan). Mit dem storytelling (Christian Salmon) sei alles erzählend geworden: das Management, die Politik, der Journalismus, die Therapien, aber auch die Wirtschaft (Deirdre Nansen McCloskey), die Politikwissenschaft und letztendlich alle Geistes- und Sozialwissenschaften. Das frühere „Dies ist nur eine Geschichte, nenn mir Fakten!“ des logischen Denkens wurde ersetzt durch „Das sind nur Fakten, erzähl mir eine Geschichte!“.

Wie ist diese erfolgreiche Rückkehr des Erzählens zu verstehen? Im 19. Jahrhundert zeichnete sich die Moderne durch die Zerstörung der traditionellen Bindungen (Körperschaften, Familie, Religion...) aus, die sie durch eine Vielzahl diskursiver Formen auszugleichen versuchte, die wiederum, wie man kürzlich entdeckte, eigentlich „große Erzählungen“ darstellten: große Erzählungen von universeller Freiheit und Gleichheit, von Emanzipation, von der Industrialisierung, von Fortschritt, von der Nation, dem Ende des ökonomischen Protektionismus, dem politischen Liberalismus, der Erklärung der Menschenrechte, dem Sozialismus usw. Auch die Sozialwissenschaften bemühten sich im Grunde, die komplexe Wirklichkeit in Systeme einzufügen, die durchdrungen waren von „großen Erzählungen“ mit wissenschaftlichem Anspruch (Positivismus, Marxismus...). Diese großen Erzählungen ersetzten die kleinen Erzählungen der einfachen Erfahrungen des täglichen Lebens, die, wie Walter Benjamin feststellte, nicht mehr kommuniziert werden konnten. Doch diese großen Erzählungen wurden wiederum auf Grund ihres historischen Scheiterns und des zunehmenden Eindrucks, dass sie die singulären Eigenarten unterdrückten, in Frage gestellt. Die „Postmodernen“ hätten das „Ende der großen Erzählungen“ zur Kenntnis genommen und es sich zum Ziel gesetzt, die narrativen Strategien zu ändern, indem sie die Wirklichkeit nicht mehr mit Hilfe von großen universellen Erzählungen auszulegen versuchen, die sich hinter pseudo-logischen Formen verbergen, sondern mit Hilfe von zahlreichen eigentümlichen, auswechselbaren, relativen und transparenten Erzählungen. So haben es sich die Geisteswissenschaften ermöglicht, aus der Wirklichkeit explizit eine Erzählung zu machen und einer relativen Wahrhaftigkeit dabei den Vorzug vor einer universalen Wahrheit zu geben. Der historische Bruch der 90er Jahre mit dem Einsturz des sowjetischen Blocks, dem Auftrieb der neo-konservativen Theorien und der neoliberalen Wende in Europa, die bei Bruno Jobert und Pierre Muller besprochen wird, und die so gleichzeitig ein „Ende der Geschichte“ und den „Schock der Zivilisationen“ in Verbindung bringen, haben vermutlich dazu beigetragen, die historischen Kollektive und sozialen Strukturen immer unsichtbarer zu machen und sie letztlich ins Kuriositätenkabinett zu verbannen.

Doch diese Entwicklung, so sie wirklich besteht, muss mit einer parallel verlaufenden Entwicklung in Verbindung gebracht werden. So versucht man heute zunehmend sowohl auf individueller als auch auf gemeinschaftlicher Ebene mit Hilfe insbesondere der neuen Medien sich selbst in eine Erzählung, eine „Intrige“ einzubinden, sich „zu erzählen“: Blogs, „soziale Netzwerke“, Familiengenealogien; Autobiographien, Autofiktionen, Selbstinszenierungen; intimistische Kunst, das Tragen von ostentativen Zeichen, extrem nach außen gekehrte Personalisierung; reelle oder fiktive Konstruktion historischer Gemeinschaften (sexueller, religiöser Art) durch ihre Einbindung in Erzählungen im Rahmen verschiedener Erinnerungsfeiern. Es ist heute an den Geistes- und Sozialwissenschaften, diese Vielzahl von Erzählungen zu erfassen.

So kann das Erzählen sowohl als neue Methode als auch als neuer Gegenstand angesehen werden. Doch welches Verhältnis besteht zwischen beiden? Ist diese Rückkehr zur Erzählung Ausdruck einer regelrechten „Kultur des Narzissmus“, die unsere Gesellschaften auszeichnet, des Versuchs der Individuen, sich ihre eigene Geschichte anzueignen, oder einer Nostalgie der großen Erzählung, die auch die Wissenschaftler teilen? Was können die Geistes- und Sozialwissenschaften angesichts dieser „Rückkehr des Erzählens“ tun? Tragen sie mit ihrem erneuten Interesse für mündliche Traditionen, Briefkorrespondenzen und Lebensberichte nicht auch zu dieser Rückkehr zur Erzählung bei? Sollten sie nicht ihr „narratives Paradigma“ hinterfragen, indem sie die Gültigkeit ihres „produktiven Erzählaktes“ (Gérard Genette), ihrer Einbettung in eine „Intrige“ (Paul Ricoeur) als heuristische Verfahrensweise in Hinblick auf diese neuen Gegenstände untersuchen?

Das Erzählen ist eine gesellschaftlich komplexe Sprachhandlung, deren Funktion darin besteht, Ereignisse darzustellen, ihnen Sinn zu verleihen und eine Erzählung zu konstruieren, mit der sich die Gruppe identifizieren kann. So gliedern die narrativen Schemata die Welt wie eine mentale Karte, und das gilt auch für diejenigen Wissenschaften, die Tatsachen, Modelle und Theorien in „Intrigen“ umsetzen, um ihnen eine nützliche Kohärenz zu geben, in der sich Kausalitätsverbindungen abzeichnen können. In dem Sinn entspricht jeder Erzählung immer auch eine bestimmte Sicht auf die Welt.

Gemäß der deutsch-französischen und interdisziplinären Ausrichtung der Zeitschrift wird das Erzählen hier sowohl unter dem Gesichtspunkt eines möglichen Wiederauflebens der wissenschaftlichen Vorgehensweise als auch als neuer Forschungsgegenstand betrachtet und das Verhältnis zwischen beiden hinterfragt. Die Artikelvorschläge (3000 Zeichen) können sich unter methodischem Gesichtspunkt mit dem Erzählen als neuem Erkenntnismodus befassen (heuristische und epistemologische Fragen; Erzählen und Argumentieren, Erzählen und Beschreiben, Erzählen und Moral usw.). Unter dem Gesichtspunkt des Gegenstandes sollten Sie sich mit den neuen Funktionen des Erzählens (Identitätskonstruktionen, Legitimation, Bedeutung, Übermittlung, Hierarchisierung) und den neuen Medien des Erzählens (Internet, virtuelle Bilder, neues Verhältnis zum Publikum, Kommunikationsstrategien, Storytelling, usw.) befassen. Der fächerübergreifenden Ausrichtung entsprechend, richtet sich dieser Call for papers sowohl an Politologen als auch an Historiker, Geographen, Soziologen, Wirtschaftswissenschaftler, Juristen, Germanisten, Musikwissenschaftler, Literaturwissenschaftler, Anthropologen, Philosophen usw. Er richtet sich in erster Linie an die Mitglieder des CIERA (kostenlose Einschreibung über http://www.ciera.fr), deren Arbeitsgebiet unmittelbar oder komparatistisch die deutschsprachige und/oder französische Welt ist.

EINSENDESCHLUSS IST DER 6. JUNI 2009. Kontaktadresse: trajectoires(at) ciera.fr

Koordination des Dossiers :

Marc Berdet, Thibaut Chaix-Bryan, Mathieu Dubois, Sidonie Kellerer, Peter Krilles, Anne Kwaschik

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://www.ciera.fr/ciera/spip.php?article523
Verknüpfte Ressourcehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
Bewerbungsschluss06.06.2009
Anmeldeschluss06.06.2009
Ende06.06.2009
PersonName: Kellerer, Sidonie 
E-Mail: trajectoires@ciera.fr 
KontaktdatenName/Institution: CIERA 
Strasse/Postfach: 28 rue Serpente 
Postleitzahl: 75006  
Stadt: Paris 
Internetadresse: http://www.ciera.fr/ciera/ 
LandFrankreich
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Erzähltheorie; Komparatistik (Kulturvergleich, Interkulturelle Literaturwissenschaft); Medien- u. Kommunikationstheorie
Ediert von  H-Germanistik
Ein Angebot vonGermanistik im Netz
URL dieses Wer-Was-Wo-Datensatzeshttp://www.germanistik-im-netz.de/wer-was-wo/8408

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