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Ergebnisanzeige "Wissenschaftsgeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts als Begriffsgeschichte: Übertragungen, Wechselwirkungen, Parallelen"
RessourcentypCall for Papers
TitelWissenschaftsgeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts als Begriffsgeschichte: Übertragungen, Wechselwirkungen, Parallelen
BeschreibungWissenschaftsgeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts als Begriffsgeschichte: Übertragungen, Wechselwirkungen, Parallelen
Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/Oder
8.-10-6.2007

In der frühen Neuzeit beginnt eine Neuordnung des Wissenssystems. Ein Verständnis von Wissenschaft bahnt sich an, das zu der uns heute geläufigen Einteilung der Fakultäten und Disziplinen führt. Der Bruch mit der scholastisch-aristotelischen Tradition macht den Weg frei für eine radikale Neuausrichtung der Theorie auf Technik und Praxis und für eine Orientierung des Denkens an Regeln, die vorgeblich der Vernunft inhärent sind, durch Beobachtung, Experiment und Empirie. Mit zeitlicher Verzögerung bilden sich dann im 18. Jahrhundert Formen der Reflexion aus, die zur modernen Zweiteilung des Wissenschaftssystems und im deutschsprachigen Raum zur Institutionalisierung der "Geisteswissenschaften" führen werden. Anzeichen dieses Prozesses sind etwa die Wandlung der Rhetorik zur Poetik und Stilistik, die Entstehung der Ästhetik als einer eigenen Disziplin und der Beginn eines kulturgeschichtlichen Denkens. Gleichwohl überschneiden und durchkreuzen sich die Bereiche noch lange, die Figur des Gelehrten oder die Wissensanordnung der Naturgeschichte können davon Zeugnis geben. Diese allmähliche Ausdifferenzierung der Einzelwissenschaften wird besonders gut dokumentiert durch die Veränderung und Neubildung von Begriffen.

Auf der Tagung soll exemplarisch nachgezeichnet werden, auf welchen Wegen sich die Geistes- und Naturwissenschaften im 18. Jahrhundert voneinander trennen. Anhand der "Karriere" einzelner Begriffe sollen unterschiedliche Fälle des Transfers von Bedeutungen, der Analogiebildung und der Neudefinition vorgestellt werden. Zu Grunde liegt dabei die Annahme, dass sich die noch unentschiedene Grenzziehung zwischen den Wissensfeldern besonders gut am Gebrauch einzelner Begriffe beobachten lässt und dass diese Unentschiedenheit unter Umständen eine durchaus produktive war, da sie im Spannungsfeld von Ähnlichkeit und Differenz einen Transfer von Konzeptionen und Bedeutungen ermöglichte. Die konkrete begriffliche Operation markiert nicht selten die Entstehung einer fachspezifischen Methodik oder eines neuen Gegenstandsbereiches, wohingegen eine Orientierung an den ,großen' Fragen nach der Ordnung der Natur, den Merkmalen des Lebens oder der Beschaffenheit des Menschen Gefahr läuft, vor allem die Kontinuität der Reflexion in den Blick zu bekommen, weil sich die Antworten immer schon mit der Tradition versöhnt wissen.

Der vorgeschlagene Zugriff ist zu verstehen als Beitrag zu einer systematischen Ergänzung und Kommentierung der grundlegenden Begriffsrekonstruktion, die die historischen Wörterbücher bisher geleistet haben. Denn während diese die epochalen und für die längerfristige Etablierung der Disziplinen entscheidenden Stichwörter in ihrer Entwicklung erläutern, können mit dem interdisziplinären Blick auf auch nur vorübergehende Transferprozesse jeweils spezifische historische Interessenkonstellationen beleuchtet werden, die im weiteren Verlauf möglicherweise wieder in Vergessenheit geraten sind.

In auffälliger Weise gilt das etwa für Begriffe, deren Definition mit der Trennung der Disziplinen nicht Schritt hält. Solche Begriffe werden für einen begrenzten Zeitraum in unterschiedlichen Fachgebieten weiterverwendet, bevor sie in einer Disziplin Fuß fassen und dort ihren langfristig gültigen Zuschnitt erhalten. Der Fokus auf die Phase vor einer Etablierung bestimmter Begriffsdefinitionen erlaubt es zudem, metaphorische bzw. katachretische semantische Vorgänge zu thematisieren. Dabei können Wörter nicht nur zwischen Wissensgebieten übertragen werden, sondern auch aus der Alltagssprache, um ein noch wenig bekanntes Phänomen sinnfällig zu bezeichnen, oder aufgrund ihrer Metaphorizität in literarischen Texten zum Einsatz kommen.

Ein prominentes Beispiel für einen Transferbegriff ist der Terminus "Kraft", der von seiner alltagssprachlichen Verwendung (Fertigkeit, List, Kunst, Handwerk) im 17. Jahrhundert zu einem wichtigen Konzept der physikalischen Fachsprache wurde (Newton) und schließlich auch in der allgemeinen erkenntnistheoretischen Reflexion (bei Leibniz etwa) an Bedeutung gewann. Hier wäre nun unter anderem zu fragen, welche Aspekte seiner physikalischen Bedeutung übernommen wurden, wie diese Anschlüssen möglich waren, welche neuen Perspektiven eine solche Übernahme erlaubt und welche Art von Rückwirkung es gegeben hat.

Auch für das Begriffsfeld "Architektur, Architektonik" ließen sich diese Fragen stellen. Die semantische Reichweite ist hier nicht so groß, kann dafür aber umso pointierter herausgearbeitet werden: Neben der ursprünglichen Verwendung für die Baukunst taucht der Begriff der Architektonik im deutschen Rationalismus auf (Leibniz, Wolff, Lambert), wo er die Bedeutung von "Ontologie" annimmt und zur Bezeichnung des Aufbaus und der begrifflichen Darstellung des Seienden gebraucht wird.

Zu beachten ist die Unterscheidung in rezeptionsgeschichtlich verifizierbare (genetische) Transfers und parallele (typologische) Begriffsentwicklungen:

a) genetisch: Eine bewusste und gezielte Übernahme eines Begriffes aus einem anderen Wissensgebiet lässt sich plausibel belegen, als direktes Rezeptions- oder Reaktionsverhältnis.
b) typologisch: Die fraglichen Begriffe entwickeln sich parallel, mit einer je eigenen fachlichen Prägung und ohne nachweisbar direkte Bezugnahme aufeinander. Von einem Transfer kann hier strenggenommen gar nicht mehr gesprochen werden.

Diese Differenzierung lässt sich nicht immer exakt durchführen, aber jeder Fall wirft eine Reihe von sehr konkreten Fragen auf: Findet eine lineare, verlustfreie Übernahme von Wissen statt? Werden übernommene Kenntnisse ergänzt oder uminterpretiert? Handelt es sich um metaphorische Übertragungen, wenn ja: Was ist deren epistemologische Relevanz über die rhetorische Funktion hinaus? Lassen sich gemeinsame, fachübergreifende Prämissen, Strukturen, Paradigmen erkennen, die den Transfer überhaupt erst ermöglichen (z.B. Repräsentationsverhältnisse, Historisierung oder Verräumlichung des Wissens, empirische Begrenzungen oder transzendente Absicherungen)?

Die Wissenschaftsgeschichte, so Georges Canguilhem, "muß eine Genealogie der Begriffe rekonstruieren. Aber diese Genealogie besitzt eine Diskontinuität [.]. Lückenlose Abstammungslinien könnte man nur erreichen, wenn man alle Träume und Programme, alle Vorahnungen und Antizipationen ineinanderfließen ließe; überall fände man Vorläufer für alles." (Wissenschaftsgeschichte und Epistemologie, Ffm 1979, S.17)

Erbeten sind Vorschläge (max. 1 Seite) für 30-minütige Vorträge, bis 31.10.2006 per E-Mail an die Organisatoren. Vorbehaltlich einer Bewilligung von Fördermitteln für die Tagung erhalten die Teilnehmer eine Aufwandsentschädigung.

Dr. Matthias Rothe
Kulturwissenschaftliche Fakultät, Lehrstuhl für linguistische Medien- und Kommunikationsforschung
Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/Oder
maroth1@gmx.net

Dr. Michael Eggers
Institut für deutsche Sprache und Literatur
Universität zu Köln
m-eggers@gmx.net

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortFrankfurt an der Oder
Bewerbungsschluss31.10.2006
Beginn08.06.2007
Ende08.06.2007
PersonName: Matthias Rothe [Dr.], Michael Eggers [Dr.] 
Funktion: Organisation 
E-Mail: maroth1@gmx.net, m-eggers@gmx.net  
KontaktdatenName/Institution: Kulturwissenschaftliche Fakultät, Lehrstuhl für linguistische Medien- und Kommunikationsforschung, Europa-Universität Viadrina 
Strasse/Postfach: Große Scharrnstraße 59 
Postleitzahl: 15230 
Stadt: Frankfurt/Oder 
Telefon: +49(0)335-5534-27 51 
E-Mail: sw2@euv-frankfurt-o.de 
Internetadresse: http://www.sw2.euv-frankfurt-o.de/ 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeHistorische Semantik (Wissensgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Ideengeschichte); Literatur- u. Kulturgeschichte
Klassifikation11.00.00 17. Jahrhundert > 11.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte; 12.00.00 18. Jahrhundert > 12.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte; 13.00.00 Goethezeit > 13.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte
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