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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Der Tanz in den Künsten 1770 - 1914"
RessourcentypKonferenzen, Tagungen, Kolloquien
TitelDer Tanz in den Künsten 1770 - 1914
BeschreibungInterdisziplinäres Colloquium "Der Tanz in den Künsten 1770 - 1914" in Freiburg i.Brsg. (29. und 30. September 2006)

Der Tanz in den Künsten ist das Thema eines interdisziplinären Colloquiums das anläßlich des 80. Geburtstags des Musikwissenschaftlers Walter Salmen (Freiburg/Innsbruck) am 29. und 30. September 2006 im "Haus zur lieben Hand", Löwenstr. 16 in Freiburg i.Brsg. stattfinden wird. Deutsches Seminar II und Studium generale der Universität Freiburg haben dazu eine Vielzahl namhafter, internationaler Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus den Bereichen Literatur-, Musikwissenschaft, Kunstgeschichte, Philosophie und Tanzforschung nach Freiburg eingeladen. Größen wie Albrecht Riethmüller, Bernhard Waldenfels, Gabriele Brandstetter, Christoph Wolff u.a. werden an den beiden Tagen die literarische wie bildkünstlerische Rezeption des Tanzes, die Austauschbeziehungen mit den Künsten und die musikgeschichtliche Bedeutung des Tanzes nach 1770 in Fallstudien beispielhaft erschließen.
In der Tanzgeschichte gilt die Zeit um 1770 als markanter Wendepunkt. Zum einen wird der Tanz durch Jean Georges Noverres Ballettreform zu einem neuen 'natürlichen' Ausdrucksmedium, das die Körpersprache im Sinne einer 'Beredsamkeit des Leibes' aufwertet. Zum anderen gewinnt der Tanz im zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts eine neue gesamtgesellschaftliche und ästhetische Relevanz. Vorher als Kunstform fast nur ein adliges Vergnügen, wird der Tanz nun auch in die bürgerliche Erziehung und durch akademische Tanzmeister in die universitäre Ausbildung integriert. Da die ständisch-hierarchische Schichtung der Tanzformen - vom Bauerntanz über den bürgerlichen Walzer bis hin zu den höfischen Tänzen des Adels - die Zeiten revolutionärer Umbrüche überdauert, wird die Tanzfläche zu einem Schauplatz und Erfahrungsraum gesellschaftlicher wie ästhetischer Konkurrenz. Welche große Bedeutung der Tanz in der Bildungsgeschichte der ästhetischen Eliten seit der Goethezeit gewinnt, ist bisher nur obenhin bekannt - tatsächlich dürfte es aber kaum eine bürgerliche Biographie geben, die nicht von 'Tanzmeisterzwängen' und im Tanz erfahrenen gesellschaftlichen Anpassungsprozessen geprägt war.
Von der immensen sozialen und ästhetischen Bedeutung, die das Phänomen 'Tanz' seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert erlangte, zeugt - um zuerst die nächstliegende Schwesterkunst zu nennen - die kaum überschaubare Menge von Tanzmusik, die für die großen Bälle komponiert wurde: die von der Strauß-Dynastie manufakturmäßig betriebene Produktion von Walzern, Polonaisen, Polkas u.a.m. ist nur die heute noch ausschnitthaft bekannte Spitze des Eisbergs funktionaler Musik. Aber auch die Nachbildung von Tanzformen sowie -rhythmen in der (nicht für die Tanzbegleitung gedachten) Kunstmusik Frédéric Chopins, Franz Liszts und vieler Zeitgenossen wäre ohne die vitale Kenntnis der Ballkultur kaum denkbar gewesen und ist ohne diesen sozialhistorischen Hintergrund von heute aus kaum mehr verständlich zu machen. Gleichermaßen schlägt sich die ästhetisch-gesellschaftliche Modulation des Tanzes auf dem Musiktheater nieder: war das (höfische) Ballett bereits integraler Teil der Barockoper, so finden seit Mozarts Epoche auch bürgerliche und volkstümliche Tänze Eingang in die Oper, mit denen sich soziale Hierarchien und Spannungen sinnfällig machen ließen.
Die Herausforderung, die der Tanz für die Schwesterkünste bedeutete, indizieren sodann zahlreiche Gedichte auf den Tanz als sozial und ästhetisch zu interpretierendes Modell der Künste (etwa Friedrich Schillers Distichen Der Tanz) ebenso wie intensive Tanzbeschreibungen in literarischen Werken: "Ich war kein Mensch mehr", bündelt Johann Wolfgang Goethes Werther im Brief vom 16. Juni seine individuellen Entgrenzungserfahrungen im Tanzvergnüngen mit Lotte, die vom Menuett ausgehen und im Walzer kulminieren. Obzwar man weiß, daß Goethe im Tanz ausgebildet war, blieben seine Redouten-Libretti für den Weimarer Hof wie auch die Sublimationen des Tanzes in seinen Dramen und Prosaschriften, die nur auf dem Hintergrund seiner Affinität zum Tanz verstehbar sind, weitgehend unbeachtet. Ein in diesem Sinne erneuerter Blick auf die Korrelation von Biographie und Werk wäre auch für andere Schriftsteller, etwa E.T.A. Hoffmann, Leo Tolstoi, Theodor Fontane oder Arthur Schnitzler, zu erproben, deren leidenschaftliche bis gesellschaftlich bedrängenden Tanzerfahrungen reiche Verarbeitung in ihren epischen Werken finden und dort gerne der symptomatischen Analyse gesellschaftlich-persönlicher Zwänge und Begierden dienen. Aber auch der produktive Beitrag, den Autoren wie Heinrich Heine und Hugo von Hofmannsthal in Form von 'Tanzpoemen' und Pantomimen-Libretti zum Genre des Bühnentanzes beisteuerten, wurde in der Forschung zu Unrecht marginalisiert.
Als ästhetisch wie ikonographisch ergiebig erweisen sich schließlich ebenso die bildkünstlerischen Gestaltungen des Themas 'Tanz'. Zu denken ist an die programmatische Grenzüberschreitung zwischen der flüchtigen Bewegungskunst und der fixierenden Abbildkunst, wie sie in Edgar Germain Hilaire Degas' Die Tänzerin beim Fotografen exemplarisch zu studieren ist, und an die mit dem Tanz-Motiv verbundene Auflösung der Kontur, die der impressionistischen Wahrnehmungsästhetik förderlich sein mußte. Zum Gesamthorizont gehören gleichermaßen die mehr oder weniger kritisch konnotierten Tanz- und Ballszenen in den bildenden Künsten. Es wird die versteckte Gesellschaftskritik Adolf Menzels in seinen Tanzsujets (z.B. in Das Ballsouper) auszuloten sein, mit denen er zum unbarmherzigen Dokumentator der gesellschaftlichen Gepflogenheiten im Berlin des 19. Jahrhunderts wurde.

Ausgehend von Salmens Pionierstudien, die in Bild- und Textdokumentationen wichtiges Quellenmaterial bereitstellen und damit einem aktuellen Erkenntnisinteresse an den grenzüberschreitenden Qualitäten der Künste entschieden vorarbeiten, sollen auf der Tagung über den Einzelfall hinaus gültige Beiträge erarbeitet werden, die der interdiszplinären, sozial- wie ästhetikgeschichtlichen Relevanz des Tanzes in den Künsten die ihr angemessene Geltung verschaffen.


Das ausführliche Programm:

Freitag, 29. September 2006

10.00 Uhr: Eröffnung des Colloquiums
10.30 Uhr: Zur Phänomenologie des Tanzes
(Bernhard Waldenfels, Bochum)
11.15 Uhr: Kaffeepause
11.45 Uhr: "Jeder Gedanke ist Gebärde" - Tanz als literarisches Motiv bei Christoph Martin Wieland
(Gabriele Busch-Salmen, Freiburg)
12.30 Uhr: Mahler, Zemlinsky, Berg: Komponieren in einer Kultur des Walzers
(Susanne Rode-Breymann, Hannover)

*** ab 13.15h Mittagspause ***

15.00 Uhr: Warum tanzen die Engel nicht mehr? - Überlegungen zu einem Modusproblem in der Bildkunst
(Peter Stephan, Freiburg)
15.45 Uhr: Des Tanzes wegen favorisiert" - Friedrich Ludwig Aemilius Kunzens "Holger Danske oder Oberon" (Kopenhagen 1789) als Tanzoper
(Heinrich W. Schwab, Kopenhagen)
16.30 Uhr: Kaffeepause
17.00 Uhr: "... selbst an Abgründen noch zu tanzen" - Nietzsches Philosophie des Tanzes und ihr Gegenbild in der Musik
(Adolf Nowak, Frankfurt)
17.45 Uhr: "Und Pippa tanzt noch einmal" - Von Gerhart Hauptmanns "Glashüttenmärchen" zu Arnold Schönbergs Opernfragment
(Rudolf Denk, Freiburg)
18.30 Uhr: Pause mit kleinem Sektempfang
20.00 Uhr: Festvortrag mit Tanz: Tänze - Bälle - Redouten im Leben Goethes
(Walter Salmen, Innsbruck/Freiburg; Ensemble "Tanz durch die Jahrhunderte" und das Trio "ZOOM", München (Leitung: Lilo Grimm-Cresswell); Rezitation: Claus Thomas
21.30 Uhr: Geburtstagsempfang und Buffet


Samstag, 30. September 2006

10.00 Uhr: Schwarzer Walzer - Fin-de-siècle-Ästhetik in Literatur, Tanz und bildender Kunst
(Gabriele Brandstetter, Berlin)
10.45 Uhr: Tanzen, hören und sehen - Praxis und Verständnis des Tanzes bei Mozart
(Christoph Wolff, Cambridge, MA/Freiburg)
11.30 Uhr: Kaffeepause
12.00 Uhr: Bauerntänze, Winkeltänze, Fastnachtstänze - Tiroler Tänze in ikonographischen und literarischen Quellen des 19. Jahrhunderts
(Thomas Nußbaumer, Salzburg/Innsbruck)
12.45 Uhr: Musik und Tanz am Beginn des Tonfilms
(Albrecht Riethmüller, Berlin)


Ansprechpartner:
Prof. Dr. Achim Aurnhammer
Universität Freiburg
Deutsches Seminar II
Werthmannplatz 3
79085 Freiburg
Tel.: 0761/203-3280; Fax: 0761/203-9114
E-Mail: achim.aurnhammer@germanistik.uni-freiburg.de

oder

Prof. Dr. Günter Schnitzler
Universität Freiburg
Studium generale/Deutsches Seminar II
Belfortstr. 20
79085 Freiburg
Tel.: 0761/203-3284; Fax: 0761/203-3355
E-Mail:guenter.schnitzler@germanistik.uni-freiburg.de


Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortFreiburg im Breisgau
Beginn29.09.2006
Ende30.09.2006
PersonName: Aurnhammer, Achim [Prof. Dr.] 
Funktion: Ansprechpartner 
E-Mail: achim.aurnhammer@germanistik.uni-freiburg.de 
Name: Schnitzler, Günter [Prof. Dr.] 
Funktion: Ansprechpartner 
E-Mail: guenter.schnitzler@germanistik.uni-freiburg.de 
KontaktdatenName/Institution: Universität Freiburg, Studium generale/Deutsches Seminar II 
Strasse/Postfach: Belfortstr. 20  
Postleitzahl: 79085 
Stadt: Freiburg 
Telefon: +49 (0)761/203-3280 
Fax: +49 (0)761/203-9114  
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteratur- u. Kulturgeschichte; Theater (Aufführungspraxis)
Klassifikation13.00.00 Goethezeit > 13.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte; 14.00.00 Romantik > 14.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte; 15.00.00 19. Jahrhundert > 15.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte; 16.00.00 Jahrhundertwende (1880-1914) > 16.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte
Ediert von  H-Germanistik
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