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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Wissenschaftliches Netzwerk „Improvisation und Invention“"
RessourcentypCall for Papers
TitelWissenschaftliches Netzwerk „Improvisation und Invention“
BeschreibungZiel: Das wissenschaftliche Netzwerk „Improvisation und Invention“ möchte einer Gruppe von vornehmlich jungen Forschenden Möglichkeiten zum fachlichen Austausch und zur Entwicklung gemeinsamer Forschungsperspektiven offerieren. Voraussetzung für die Mitarbeit ist ein Interesse an produktionsästhetischen Fragestellungen. Im Schnittpunkt der unterschiedlichen Forschungen soll die schwer zu fassende und terminologisch noch weitgehend unterbestimmte Kategorie des ‚Einfalls‘ stehen. Geplant sind Tagungen und Publikationen, in denen das Thema in Form von Einzelstudien (Aufsätzen oder auch größeren Projekten) aus dem Bereich der Literatur- und Kulturwissenschaften mit historischen und systematischen Schwerpunktsetzungen studiert und analysiert wird. Die Entwicklung weiterer Forschungsperspektiven kann daran anschließen.

Thematik: Von ‚Einfällen‘ ist stets dort die Rede, wo sich in Prozessen der Lösungsfindung oder der Entwicklung von Innovationen schlagartig neuartige, für das weitere Vorgehen leitende Perspektiven mit entsprechend tiefgreifenden Konsequenzen auftun. Das gilt sowohl für literarische Prozesse im engeren Sinne als auch für kulturelle Praktiken in einem weiteren Sinne. Auch jenseits der Literatur lösen Einfälle ‚poietische‘ Impulse aus. Doch lassen sich Einfälle selbst nicht ohne weiteres auslösen und handhaben. Bereits ihre implizite Metaphorik weist darauf hin, dass sie eher zustoßen, dass sie einem eher passieren, als dass sie regelrecht produziert oder getan werden könnten. Das macht es schwierig, wenn nicht unmöglich, Einfälle im Rahmen konventioneller Handlungsbegriffe oder Verfahrenskonzepte, auch und gerade der Produktionsästhetik, zu denken. Durch ihre zumindest partikulare Unverfügbarkeit erweisen sich Einfälle in theoretischer Hinsicht als ebenso suspekt wie faszinierend. Die Rede von Einfällen ist daher auch ebenso mystifikationsanfällig wie herausfordernd für eine theoretische Re-Evaluation. Denn wer möchte den Erzählungen von zündenden Ideen, unverhofften Geistesblitzen, entscheidenden Momenten und glücklichen Fügungen, insbesondere bei ‚großen‘ Erfindungen, schlicht Glauben schenken? Doch wer möchte umgekehrt bezweifeln, dass es so etwas wie Einfälle gibt und dass sie für kreative Prozesse von eminenter Bedeutung sind?

Bereits in den antiken Rhetoriken gehört die ‚inventio‘ zu den Grundlagen einer Heuristik, die insbesondere zu einer argumentativ stimmigen Gedankenabfolge hinführen soll; sie bezeichnet den Anfangsmoment in der planvollen Vorbereitung einer Rede. Doch steht sie als Anfangsmoment auch in den Rhetoriken bereits an der Schwelle zu dem, was systematisch nicht mehr – oder eben: noch nicht – so recht zu fassen ist. Zwar werden Regeln formuliert, wie man seine Argumente zusammensuchen kann und soll, aber diese Regeln bleiben letztlich doch auch auf das Vertrauen angewiesen, dass der entscheidende Einfall im rechten Moment (kairos) ‚kommt‘, dass er – als ‚inventio‘ – ‚interveniert‘. Damit teilt die ‚inventio‘ in systematischer Hinsicht eine Grundspannung, die auch für die Improvisation – und ihre Theoretisierung: von den antiken Rhetoriken bis zu den programmatischen Schriften der Situationisten im 20. Jahrhundert – kennzeichnend ist. Improvisation ist die Kunst, etwas ohne Vorbereitung, aus dem Stegreif bzw. ad hoc dar- oder herzustellen. Vom Wort her ist das ‚Improvisierte‘ das Nicht-Vorhergesehene, das Unvorhergesehene. Doch bezeichnet die Improvisation gleichzeitig das Verfahren, wie mit dem Unvorhergesehenen gleichwohl produktiv umgegangen werden kann. Die Improvisation ist ihrerseits darauf angewiesen, im rechten Moment Invention zu sein.

Forschungsinteresse: Das wissenschaftliche Netzwerk „Improvisation und Invention“ setzt mit seinem Interesse an diesem Punkt an. Ausgangspunkt bildet die in den antiken Rhetoriken und Poetiken bereits zu entdeckende Spannung zwischen dem Setzen auf Regeln, Kalkül, Gedächtnis, Selbstbeherrschung einerseits und auf Genialität, Intuition, Enthusiasmus, Inspiration andererseits. Diese Spannung gibt Anlass, nach ihrer Produktivität für literarische und allgemein künstlerische Prozesse zu fragen und diese zu analysieren. Am Moment des Einfalls gewinnt diese Spannung ihre schärfste Kontur: Wie kommen Einfälle zustande? Gibt es eine Logik des Einfalls? Lassen sich Einfälle systematisieren? Welche Haltungen, Techniken – oder welche Unterlassungen – können als Generatoren oder als Stimulatoren von Einfällen gelten? Welchen historischen Wandlungen unterliegen die entsprechenden Konzepte und Praktiken? Welche Aufschlüsse lassen sich daraus für eine Diagnose gegenwärtiger Innovationen oder angeblicher Innovationen gewinnen? Welche Dokumentationsprobleme impliziert das Sprechen oder Schreiben über Einfälle? Wie lassen sich diese Probleme eingrenzen? Und worin könnte die Rolle der Literatur, der literarischen Verfahren und poetischen Heuristiken, in diesen Prozessen bestehen? Wie werden Einfälle in der Literatur oder allgemein in den Künsten thematisiert, wie dargestellt? Und welche Aufschlüsse lassen sich über die Literatur und die Künste, in ihrem Verbund oder in ihrem Kontrast etwa zu Modellen aus den Naturwissenschaften, über das kulturelle Wissen von Einfällen gewinnen?

Ausgehend von diesen Leitfragen zielen die Aktivitäten des wissenschaftlichen Netzwerkes zunächst in historischer Perspektive darauf ab, Konzepte aufzusuchen, zusammenzustellen und auszuwerten, die einsichtig machen, wie sehr gerade der Einfall als vermeintlich bloß momentanes Phänomen in seiner Konzeptualisierung von konkreten historischen und diskursiven Bedingungen abhängig ist, die sich – beschränkt man sich nur schon auf das Feld der Literatur – ausgehend von den antiken Theorien der Inspiration über barocke Konzepte der Gelegenheitsdichtung bis hin zu den heutigen Poetry Slams in ganz unterschiedlichen Strategien des Auffangens, Provozierens oder Einholens von Einfällen konkretisieren. Dass ein solches weites Feld nicht durch eine Einzelperson aufgearbeitet werden kann, versteht sich von selbst. Das Forschungsgebiet soll deshalb kooperativ, in Form eines wissenschaftlichen Netzwerkes, aufgearbeitet werden. Zudem wird das Gebiet eingegrenzt, indem eine systematische Präzisierung vorgenommen wird, die durch die Schnittmenge der beiden Komponenten „Improvisation und Invention“ benannt ist.

Diskussionsfelder: Was die pragmatische Seite des Netzwerkes angeht, so sollen im Wesentlichen drei Diskussionsfelder eröffnet werden, die in Form einer Kooperation zwischen wissenschaftlichem Nachwuchs und renommierten Fachkollegen bearbeitet werden. Die Ergebnisse sollen in Form von Tagungen und Publikationen auch öffentlich gemacht werden. Die drei Diskussionsfelder markieren, im Sinne einer Schärfung der historischen, jedoch dezidiert gegenwartsbezogenen Perspektive, die systematische Stossrichtung des Projekts. Die Stichworte für die drei Stationen des Projekts lauten:

1) Findkünste (= Improvisation und Invention 1)
2) Ideenmaschinen (= Improvisation und Invention 2)
3) Notlösungen (= Improvisation und Invention 3)

Mit diesen drei Stichwörtern sind drei unterschiedliche Fragerichtungen benannt, mit denen das Phänomen des Einfalls methodisch eingekreist werden soll. Mit „Findkünste“ rücken die individuellen und subjektiven Voraussetzungen eines produktiven Umgangs mit Einfällen in den Fokus der Auseinandersetzung (Aufmerksamkeit, Interesse, Begehren, Assoziation etc.). Genauer zu untersuchen wären in diesem Zusammenhängen beispielsweise die konzeptuellen Korrespondenzen und Differenzen zwischen den programmatisch entworfenen Produktionsmodellen in Novalis’ „Monolog“, Heinrich von Kleists „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ und André Bretons „Erstem Surrealistischen Manifest“ (écriture automatique). Mit „Ideenmaschinen“ sollen die produktiven Verflechtungen und Spannungen zwischen maschinellen oder sonstigen apparativen Anordnungen und ihren humanen Interakteuren ins Zentrum des Interesses rücken. Aus einer gegenwartsoffenen Perspektive ist hier etwa an die literarischen Experimente im Umkreis der Computerliteratur (Serendipity-Phänomene, Assoziations-Blaster etc.) zu denken. Mit „Notlösungen“ sollen schließlich situative Bedingungen in den Blick genommen werden, die (wie etwa im Falle der ‚Bricolage‘) einen Einfallsreichtum durch eine Notlage im Verbund mit unzureichenden Mitteln ihrer Bewältigung erzwingen (‚Not macht erfinderisch‘).

Mit den drei Stationen ist gleichzeitig eine allmähliche Verschiebung der Fragerichtung von vornehmlich individuell konnotierten zu verstärkt interaktiv geprägten bis schließlich zu primär situativ bestimmten Einfallskonzepten angedeutet. Eine Aussage über historische Veränderungen ist mit dieser Auffächerung der systematischen Perspektive noch nicht getroffen, vielmehr bleibt die historische Rückvergewisserung, die Teil des Forschungsinteresses ist, für jede einzelne Fokussierung erst noch zu leisten. Eine solche Fokussierung kann prinzipiell nur in Form von Einzelstudien erfolgen. Das wissenschaftliche Netzwerk „Improvisation und Invention“ möchte für solche Einzelstudien – vorgesehen sind neben fundierten Aufsätzen in den geplanten Publikationen auch Dissertationen – ein Dach bilden und zugleich ein Diskussionsforum etablieren, das es möglich machen soll, entsprechende Forschungsaktivitäten im deutsprachigen Raum und darüber hinaus zu verknüpfen.

Vorgehen: Die Aktivitäten des Netzwerkes sind zunächst auf drei Jahre angelegt (2009/10 bis 2011/12). Vorgesehen ist mindestens ein Treffen pro Jahr. Eine Finanzierung aller Treffen sowie der Publikationen wird angestrebt (keine Stipendien), unter anderem durch einen Antrag bei der DFG auf Förderung wissenschaftlicher Netzwerke. Über Teilnahme oder Nicht Teilnahme am Netzwerk entscheidet die Projektleitung. Vorschläge für Einzelstudien (Aufsätze oder größere Projekte) sollen nicht mehr als drei Seiten umfassen und einen Hinweis auf eine mögliche Zuordnung zu den drei genannten Diskussionsfeldern enthalten. Die Vorschläge sind zusammen mit einem kurzen halbseitigen CV bis zum 28. Februar 2009 in elektronischer Form erbeten an: zanetti@uni-hildesheim.de


Kontakt: Projektleitung „Improvisation und Invention“
Prof. Dr. Sandro Zanetti
Juniorprofessur für neuere deutsche Literaturwissenschaft mit dem
Schwerpunkt Produktionsästhetik der Moderne und Postmoderne
Institut für deutsche Sprache und Literatur
Universität Hildesheim
Marienburger Platz 22
D-31141 Hildesheim
E-Mail: zanetti@uni-hildesheim.de

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
Bewerbungsschluss28.02.2009
PersonName: Zanetti, Sandro [Prof. Dr.] 
Funktion: Ansprechpartner 
E-Mail: zanetti@uni-hildesheim.de 
KontaktdatenName/Institution: Institut für deutsche Sprache und Literatur, Universität Hildesheim 
Strasse/Postfach: Marienburger Platz 22 
Postleitzahl: D-31141 
Stadt: Hildesheim 
E-Mail: zanetti@uni-hildesheim.de 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.06.00 Literaturtheorie; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.07.00 Ästhetik; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.08.00 Poetik
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