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Ergebnisanzeige "Versteckter Glaube oder doppelte Identität? Das Bild des Marranentums im 19. und 20. Jahrhundert"
RessourcentypCall for Papers
TitelVersteckter Glaube oder doppelte Identität? Das Bild des Marranentums im 19. und 20. Jahrhundert
BeschreibungCall for papers
Tagung : Versteckter Glaube oder doppelte Identität?
Das Bild des Marranentums im 19. und 20. Jahrhundert

Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien, Potsdam
in Kooperation mit dem Geschichtsforum Jägerstraße, Berlin
22./23.3.2009 – Berlin (Remise im ehemaligen Stammhaus der Mendelssohn-Bank)

Als Marranen bezeichnete man gemeinhin Juden, die im Mittelalter und in der frühen Neuzeit in Spanien und Portugal zur Verleugnung ihrer Religion gezwungen waren, sie aber heimlich aufrecht hielten. Das Phänomen dieser „heimlichen Juden“ spielt jedoch nicht nur im Zeitalter der Inquisition eine wichtige Rolle, sondern wird auch im 19. Jahrhundert zu einer identitätsstiftenden Projektionsfläche für das deutsch-jüdische Bürgertum. Tatsächlich war die Haltung der Juden in dieser Epoche in Bezug auf ihr Verhältnis zum Judaismus und ihrer Konversion zum Christentum durchaus widersprüchlich, insofern stellen
sie soziologisch gesehen ein ähnliches, wenn auch nicht identisches Phänomen dar wie die zwangsgetauften Juden im Spanien des 14. und 15. Jahrhunderts. Beispielsweise wurden die bekannten Berliner Salons auch als Orte „exklusiver Begegnung“, wo sich Conversos untereinander trafen, aber auch mit der übrigen Gesellschaft verkehrten, diskutiert. In erweiterter Perspektive kann festgestellt werden, dass sich im 19. Jahrhundert eine deutschjüdische Oberschicht herausgebildet hat, die aus einigen wenigen Familien bestand, die enge persönliche und geschäftliche Kontakte pflegten, tendenziell untereinander heirateten und sich damit auch deutlich von anderen Schichten der Bevölkerung abgrenzten. So entstand um David Friedländer, die „jüngeren“ Mendelssohns und andere eine Gruppe „am Rande oder schon gänzlich außerhalb der jüdischen Gemeinschaft“ (Julius H. Schoeps).
In Frankreich bildete sich um 1830 eine jüdische Schicht heraus, die eine vergleichbare Heiratspolitik verfolgte. Ähnlich wie Julius H. Schoeps und Felix Gilbert für Deutschland, und insbesondere für die Mendelssohns, konstatiert auch Phyllis Cohen-Albert für Frankreich eine „ethnische Solidarität“, die ebenfalls mit einer Tendenz zu endogamen Allianzen verbunden war. Weiterhin stellt Michael Graetz fest, dass diese Elite des französischjüdischen Bürgertums ebenso am Rande der jüdischen Gesellschaft stand wie die deutschjüdische Oberschicht. Vor diesem Hintergrund kann von einer „Form des modernen
Marranentums“ gesprochen werden. Dadurch hat sich das Zusammentreffen zwischen „Juden und Universellem“ (Sylvie-Anne Goldberg) in Deutschland und in Frankreich des 19. Jahrhunderts einen Weg zu eröffnen versucht. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, begünstigt durch die rechtliche Gleichstellung und den damit verbundenen gesellschaftlichen Emanzipationsprozess, bot das historische Marranentum (also die Akkulturation spanischer Juden an die christliche Mehrheitsgesellschaft bzw. die Assimilation „eines religiösen Systems, das mit dem urprünglich Jüdischen Erbe in Koexistenz lebte ohne es zu verfinstern“
Ariel Segal) ein großes Identifikationspotential. Das deutsch-jüdische Bürgertum rezipierte das spanische Spätmittelalter einerseits als „Zeit kultureller und wissenschaftlicher Spitzenleistungen und selbstbewussten Zusammenlebens mit der christlichen Mehrheit“, andererseits wurde auch die Geschichte der Marranen, ihre „Verfolgung […] durch die Inquisition und ihr Opfertod für den Glauben […] als Verpflichtung vor der jüdischen Verfolgungsgeschichte aufgefasst“ (Florian Krobb). Die zionistische Bewegung grenzte sich von dieser Lesart deutlich ab, so begriff Max Nordau den Zionismus als einzig mögliche Alternative zum „neuen Marranentum“, welches seiner Ansicht nach nur eine Fortschreibung der Diasporageschichte und damit auch einen weiteren Verlust jüdischer Identität darstellte. Der Marrane, der „verborgene Jude“ blieb aber eine faszinierende Figur, die von Sigmund Freud bis Jacques Derrida immer wieder mit subversiven theologischen und anthropologischen Aspekten aufgeladen und illustriert wurde. Damit wurde er zur Projektionsfläche, zum Symbol für die Diaspora- und Exilgeschichte des Judentums; so auch bei Fritz Heymann, der die Marranen in den 1930er Jahren als kulturell eigenständige Gruppe bezeichnete. Selbst zeitlebens ein Außenseiter und durch die Flucht aus Deutschland zusätzlich entwurzelt, hat Heymann in seiner „Marranen-Chronik“ einen Typus jüdischer Existenz „am Rande der Gesellschaft“ gezeichnet. Diese Dialektik der „untreuen Treue“ ist offensichtlich nicht kompatibel mit einer geschlossenen Gesellschaftsform, widerspricht jeglicher „Fantasie der Reinheit“ und jeglicher Integrität, welche dem Universalismus entgegen wirkt (Jacques Derrida). So tritt Edgar Morin zur Verteidigung der „neuen Marranen“ an, die er als Judeo-Gentile bezeichnet, als würdige Erben Montaignes und Spinozas; als Gegenbild entwirft er den „rejudaisierten Juden“, welcher dem Hass auf andere Völker anhängt. Daniel Bensaïd interessiert sich hingegen für den „imaginären Marranen“, seine „doppelte Identität ohne Doppelzüngigkeit“. Auch Benny Levy verwendet in seiner bekannten Studie „Être juif“ den Begriff des „imaginären Marranen“ und unterstreicht damit die Bedeutung dieses Terminus insbesondere für den französisch-jüdischen Identitätsdiskurs. Obwohl es zuletzt als provokative Lösung der „jüdischen Frage“ bzw. des „jüdischen Problems“ (Bruno Karsenti) betrachtet worden ist, bleibt das moderne Marranentum philosophisch so wie in der historisch-soziologischen Einschätzung umstritten. Die geplante internationale Tagung möchte Bildern und Begriffen des Marranentums, ihrer Entstehung und Rezeption nachgehen und diese vorstellen und diskutieren. Dafür sind Beiträge erwünscht, die anhand empirischen Materials inhaltliche oder methodologisch-theoretische Fragestellungen bearbeiten und diese vor allem als Beitrag zur historisch-soziologischen Charakterisierung des Marranentums insbesondere im 19. Jahrhundert verstehen. Ferner sind wir an historischen
Analysen interessiert, die auf den Zeitraum des 19. bis zum 21. Jahrhunderts fokussieren. Die gegenwärtige Debatte um das Marranentum als „Typus jüdischer Existenz“ sollte möglichst an konkreten Beispielen erläutert und in den historischen Kontext
eingeordnet werden.
Im Rahmen der Tagung soll den folgenden Fragen nachgegangen werden:

. Wofür haben das Konzept der Marranen bzw. die jeweiligen Begriffe von Marranentum in der geschichts-, sozial- und kulturwissenschaftlichen Diskussion gedient, wozu dienen sie heute und was für Vorstellungen sind damit verbunden? Wo lassen sich Grenzen dieses Konzepts ausmachen?
. Inwiefern bringt die Erforschung des Marranentums im 19. Jahrhundert neue Fragen an die Empirie, neue methodische Zugänge und neue theoretische Positionen in den Geschichts- und Sozialwissenschaften hervor?
. Impliziert dies die Einbeziehung einer transnationalen Perspektive und die Berücksichtigung alternativer Identitätskonstruktionen sowie einer neuen Auffassung von Religiosität und Säkularität in der Moderne?
. Welche Relevanz hat die Geschlechterforschung für die Hinterfragung von Bildern, Begriffen und der Geschichte des Marranentums? Dienten und dienen weibliche Idealbilder wie z.B. die der Berliner Salonièren im frühen 19. Jahrhunderts
oder die Figur von Esther – laut Derrida „die erste Marranin, der Archetyp“– als Idealtypus eines Marranentums, welches neuen jüdischen Selbstverständnissen und neuen weiblichen und männlichen Identitätsauffassungen in der Moderne eröffneten?
. Inwiefern spielt das Marranentum als „ein Typus jüdischer Existenz am Rande der Gesellschaft“ eine zentrale Rolle für die Erforschung der Geschichte des Judentums im 19. Jahrhunderts, insbesondere mit Bezug auf die so umstrittene „deutsch-jüdische
Symbiose“?
. Ist es sinnvoll, Nordaus und Morins Auffassungen des „Neuen Marranentums“ gegeneinander abzuwägen? Oder ist das Marranentum ein Begriff bzw. erlebte Kondition, welcher immer noch nicht als gegeben angesehen werden kann, sondern zu untersuchen ist und wodurch sich weitere theoretische und historisch-empirische Forschungsspielraume erschließen könnten?

Wir freuen uns, dass Deborah Hertz (University of California, San Diego), Florian Krobb (National University of Ireland, Maynooth) und Julius H. Schoeps (Moses Mendelssohn Zentrum, Potsdam) für Beiträge gewonnen werden konnten und bitten um
Vortragsvorschläge (max. 30 Minuten) in deutscher oder englischer Sprache aus allen sozial- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen, die als Abstract (max. 2.000 Zeichen) bis zum 1. Dezember möglichst in elektronischer Form (marranos@web.de) eingegangen sein müssen (an English version of the CFP is available at the following URL: www.mmz-potsdam.de).
Die Autorinnen und Autoren der ausgewählten Beiträge werden Ende Dezember 2008 benachrichtigt. Eine Publikation der Beiträge ist vorgesehen.

Die Tagung wird vom Moses Mendelssohn Zentrum, Potsdam in Zusammenarbeit mit der Moses Mendelssohn Stiftung, Erlangen und dem Geschichtsforum Jägerstraße, Berlin veranstaltet. Die Unterbringung wird von den Veranstaltern organisiert.
Konzeption und Organisation: Paola Ferruta, Anna-Dorothea Ludewig, Hannah Lotte Lund.
Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortBerlin
Bewerbungsschluss01.12.2008
Beginn22.03.2009
Ende23.03.2009
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteratur 1770 - 1830; Literatur 1830 - 1880; Literatur 1880 - 1945; Literatur- u. Kulturgeschichte; Motiv- u. Stoffgeschichte
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.14.00 Literatursoziologie; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.16.00 Literarisches Leben; 04.00.00 Allgemeine Literaturgeschichte > 04.03.00 Vergleichende Literaturgeschichte; 05.00.00 Deutsche Literaturgeschichte > 05.11.00 Stoffe. Motive. Themen; 15.00.00 19. Jahrhundert
Ediert von  H-Germanistik
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