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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Christlob Mylius - ein kurzes Leben in den Schaltstellen der deutschen Aufklärung"
RessourcentypCall for Papers
TitelChristlob Mylius - ein kurzes Leben in den Schaltstellen der deutschen Aufklärung
BeschreibungCall for Papers

Christlob Mylius – ein kurzes Leben in den Schaltstellen der deutschen Aufklärung
Interdisziplinäre Tagung an der Universität Siegen, veranstaltet von Nacim Ghanbari und Michael Multhammer
3.–5. April 2017, Universität Siegen

„Es würde schwer zu bestimmen seyn, ob Herr Christlob Mylius sich mehr als ein Kenner der Natur, oder mehr als einen witzigen Kopf bekannt gemacht habe, wenn nicht die letzten Unternehmungen seines Lebens für das erstere den Ausschlag geben müßten. Sein Bestreben war allezeit, diesen gedoppelten Ruhm zu verbinden, den nur diejenigen für widersprechend ansehen, welche die Natur entweder zu plumb oder zu leicht gebildet hat.“
Dergestalt charakterisiert Gotthold Ephraim Lessing seinen engen Freund und entfernten Verwandten Christlob Mylius in der Vorrede zu dessen ‚Vermischten Schriften‘, die er anlässlich des frühen und überraschenden Todes postwendend zusammengestellt und herausgegeben hatte. Mylius (1722–1745) war eine ambivalente und nichtsdestoweniger typische Figur der Aufklärung – seine Arbeiten berührten weite Interessensgebiete des aufgeklärten Publikums. Gebürtig aus einem ärmlichen sächsischen Pfarrhaus, studierte er Medizin in Leipzig. Seine eigenen Interessen waren allerdings weit umfassender. Es nimmt also nicht wunder, dass er die sich bietenden Möglichkeiten der Alma Mater Lipsiensis in ganz unterschiedlichen Gebieten der Wissenschaft unterwiesen zu werden nutzte. Sein Hauptaugenmerk lenkte er auf die Naturbeobachtung und fand in Abraham Gotthelf Kästner einen ausgezeichneten Lehrer, der zum Freund werden sollte. Weniger innig, aber mindestens ebenso bedeutend war die enge Verbindung zum Leipziger Literaturpatron Johann Christoph Gottsched, die ihm rezeptionsgeschichtlich zum Verhängnis werden sollte. Denn obwohl Christlob Mylius als vielversprechendes Talent allerorten gefeiert wurde, diskreditierte ihn die Freundschaft zu Gottsched nicht nur bei Teilen seiner Zeitgenossen, sondern bescherte ihm zudem den Ruf eines von den neuen Entwicklungen abgehängten, ja in jungen Jahren schon altbackenen und in seiner Poetik überholten Dichter. Dieses Urteil – vorwiegend festgemacht an seinen dramatischen Versuchen und von Lessing selbst in seinem ‚Nachruf‘ erhärtet – beeinflusste auch die Sicht auf seine übrigen poetischen Versuche und sogar seine naturwissenschaftlichen und philosophischen Studien. Der Stab war über Mylius’ Arbeiten gebrochen.
Dieses Werturteil wird – ganz entgegen Lessings eigentlicher Intention – in der Literatur seit der Mitte des 18. Jahrhunderts ohne weitere Prüfung der Quellen weitestgehend übernommen (Ausnahmen sind etwa Martin Mulsow: Freigeister im Gottsched-Kreis, 2007; Steffen Martus: Aufklärung. Das deutsche 18. Jahrhundert, 2015, insb. S. 536-544). Man könnte auch sagen: Es handelt sich hierbei um ein Urteil, das zeitgenössisch ganz eindeutig auch aus literaturpolitischen Gründen dergestalt ausgefallen ist, wie wir es kennen. Es geht dabei nicht nur um den jungen und geistig sehr regen Christlob Mylius; wir – die Veranstalter – gehen davon aus, dass dahinter ein sehr wirkmächtiges Narrativ, das ‚Gottsched-Narrativ‘ steht, das eine Zäsur in der Literaturgeschichtsschreibung des 18. Jahrhunderts nicht nur hervorgebracht hat, sondern dieses zugleich tradiert und festgeschrieben hat. Es ließe sich die Probe auf das Gegenteil machen. Wer sich frühzeitig und damit rechtzeitig von Gottsched losgesagt hat, dem stand der Weg in die Literaturgeschichte offen – auf einen Großteil der ‚Bremer Beiträger‘ trifft das zu.
Wir wollen daher ausgehend von den poetischen, journalistischen, naturwissenschaftlichen und theologisch-philosophischen Schriften Christlob Mylius’ erstmals die Frage nach dem genuinen Eigenwert der Schriften stellen und sie im weiteren zeitgenössischen Kontext ansiedeln. Wir erhoffen uns mit diesem Schritt den Blick freizumachen auf eine vermeintliche ‚zweite‘ oder gar ‚dritte‘ Reihe der deutschen Literatur in der Mitte des 18. Jahrhunderts, die beim Publikum erfolgreich war, allerdings durch die engen Maschen der autonomieästhetisch grundierten Literaturgeschichtsschreibung ausgesiebt und dem allgemeinen Bewusstsein entzogen wurde. Die neue Auseinandersetzung mit Mylius’ Schriften soll zugleich dazu dienen, die größeren sozialen Strukturen mit in den Blick zu nehmen. Patronage und Freundschaft als auffällige Konstanten in Mylius’ Leben können auf diese Weise als Kategorien literarischer Produktion untersucht werden.

Als mögliche Themenkreise und Fragestellungen bieten sich an:

I. Poetische Schriften
• Lustspiele (Die Ärzte, Der Unerträgliche, Die Schäferinsel)
• Lehrdichtung
• Anakreontik
• Frühe Shakespeare-Rezeption
II. Journalistische Arbeiten
• Mylius’ Mitarbeit an den von Gottsched verantworteten Journalen
• Mylius’ eigene Zeitschriftengründungen (Der Wahrsager, Der Freigeist, etc.)
• Lohnschriftstellerei in der Mitte des 18. Jahrhunderts
• Patronage und Freundschaft als Modi literarischer Produktion
• Literaturkritik
III. Naturwissenschaftliche Schriften und Unternehmungen
• Briefwechsel mit Carl von Linné
• Die geplante Forschungsreise aus dem Göttinger Umfeld (Albrecht von Haller)
• Schriften zum Tierversuch/Vivisektion
IV. Theologisch-philosophische Abhandlungen
• Frühe Volksaufklärung
• Wolffianismus
• Freidenker/Religionskritik

Um die Einsendung von Themenvorschlägen wird bis zum 01.05.2016 gebeten (Kontakt: Birgit Berger-Bedarff, berger-bedarff@germanistik.uni-siegen.de).



Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Verknüpfte Ressourcehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortSiegen
Bewerbungsschluss01.05.2016
Anmeldeschluss01.05.2016
Beginn22.03.2016
Ende01.05.2016
PersonName: Nacim Ghanbari 
Funktion: Jun.-Prof. 
E-Mail: ghanbari@germanistik.uni-siegen.de 
KontaktdatenName/Institution: Birgit Berger-Bedarff/Universität Siegen/Philosophische Fakultät 
Strasse/Postfach: Adolf-Reichwein-Str. 2 
Postleitzahl: 57076 
Stadt: Siegen 
Telefon: 0271-7402871 
E-Mail: berger-bedarff@germanistik.uni-siegen.de 
LandDeutschland
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Historische Semantik (Wissensgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Ideengeschichte)
Zusätzliches SuchwortGermanistik, neuere deutsche Literatur, Poetik und Pragmatik
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.08.00 Poetik
Ediert von  H-Germanistik
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