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Ergebnisanzeige "Perzeptionslinguistische Perspektiven auf Mehrsprachigkeit: Einstellungen, Ideologien, Positionierungspraktiken"
RessourcentypCall for Papers
TitelPerzeptionslinguistische Perspektiven auf Mehrsprachigkeit: Einstellungen, Ideologien, Positionierungspraktiken
BeschreibungPerzeptionslinguistische Perspektiven auf Mehrsprachigkeit: Einstellungen, Ideologien, Positionierungspraktiken

Im medialen Diskurs über Migration, Multikulturalität und gesellschaftliche Integration herrscht weitgehende Einigkeit darüber, dass Sprache und Sprachkompetenz in diesem Kontext eine bedeutende Rolle zukommt (vgl. Busch 2013: 112–120; für den Diskurs in Österreich ausführlich Dorostkar 2014, zur Deutschschweiz Flubacher 2014). Dabei liegt diesem Konsens in aller Regel eine strikt instrumentelle und essentialistische Sicht auf Sprache zugrunde: Angenommen wird, dass der „Erwerb“ der in der jeweiligen Gesellschaft (z.B. in Form einer offiziellen „Amtssprache“) als allgemeine Verständigungssprache genutzten Sprache/Sprachform (in Deutschland z.B. der „deutschen Sprache“, genauer: der Standardsprache) die entscheidende Voraussetzung dafür darstellt, dass sich kulturelle Vielfalt unproblematisch mit einem funktionierenden Gemeinwesen vereinbaren lässt. Während also dieser offiziellen Verständigungssprache in einem solchen Modell alle eher funktional-zweckorientierten Anforderungen an Sprache zugeschrieben werden, bleiben der jeweiligen „Herkunftssprache“ bzw. den „Herkunftssprachen“ (gleich, welchen Status diese im Repertoire der Sprechenden faktisch hat/haben) eher affektive und identitätsbezogene Aspekte vorbehalten. Mehrsprachigkeit wird somit – auf einem sprachideologischen Ordnungsvektor zwischen „Verständigung“ und „Bindung“ oder mit Ehlich (1998): zwischen teleologischer und kommunitärer Funktion – strikt indexikalisch stratifiziert (sensu Blommaert 2010: 37–39).
Sowohl aus linguistischer Perspektive als auch aus der Anwendungsperspektive insbesondere der DaZ-Praxis ergeben sich aus dieser Modellierung zahlreiche Fragen, darunter: Welchen unvermeidbaren Restriktionen – zum Beispiel hinsichtlich Lernermotivation und Lernerfolg (vgl. Dörney 2003) – ist ein Zweitspracherwerb unterworfen, der sich in dieser Weise auf instrumentelle Sprachfunktionen beschränkt? Wie prägt dies das Selbstverständnis und die Selbstverortung der beteiligten Akteure? Welche Chancen hat das Projekt einer gesellschaftlichen „Integration durch Sprache“ (wie auch immer man dieses beurteilen mag), wenn Sprachen hinsichtlich ihrer affektiven und kommunikativen „Brauchbarkeit“ rangiert und dividiert werden? Zementiert eine solche funktionale Rangierung – ein solches „Sprachregime“ (Coulmas 2005) – nicht sprachbedingte soziale Ungleichheit mehr als dass sie sie, wie sie vorgibt, abbaut? Und was sind die Alternativen? Sollen und können kommunitäre Aspekte beim Zweitspracherwerb stärker gewichtet, die funktionalen Potenziale der „Herkunftssprachen“ (in Form eines mehrsprachigen Unterrichts) stärker betont, das besondere kommunitäre Potenzial der „Herkunftssprachen“ bzw. das individuelle „Spracherleben“ (Busch im Druck) für die gesellschaftliche Integration besser nutzbar gemacht werden?
Von der Beantwortung solcher Fragen durch die Angewandte Linguistik und der Umsetzung entsprechender Erkenntnisse in DaZ-Konzepten, wie sie zurzeit mehr denn je und schneller denn je gefordert sind, wird es abhängen, wie die Realität der Mehrsprachigkeit die zukünftige Gestaltung demokratischer Gesellschaften prägt. Umso schwerer wiegt, dass entsprechende Forschungskonzepte (wie z.B. gesprächsanalytisch ausgerichtet König 2014) gerade für die Verhältnisse im deutschen Sprachraum bislang kaum entwickelt wurden (vgl. für Ausnahmen etwa Busch 2013: 182–195; Dirim 2015). Nötig wäre neben der etablierten kompetenzorientierten Zweitsprachforschung eine systematisch-empirische einstellungs- oder ideologieorientierte Forschung. Zu untersuchen und systematisch zu beschreiben wäre, mit welchen Werten und Einstellungen Mehrsprachige (mit einer anderen „Herkunftssprache“ als Deutsch) Sprache allgemein, ihrer Herkunftssprache im Besonderen sowie schließlich auch anderen Sprachen begegnen und wie sie sich ihnen gegenüber positionieren. Um entsprechende Konsequenzen für die Praxis ziehen zu können, wären hier schließlich nicht nur erwachsene Sprecher, sondern gerade auch Kinder und Jugendliche zu erfassen (vgl. z.B. Plewnia/Rothe 2011; Portnaia 2013), was wiederum spezielle Forschungsansätze nötig macht, die in der Spracheinstellungs- und Sprachideologieforschung bislang noch nicht sehr etabliert sind.
Das Symposium möchte Möglichkeiten, Probleme und methodologische Voraussetzungen einer solchen einstellungs- und ideologieorientierten Mehrsprachigkeitsforschung sowie nach Möglichkeit auch praktische DaZ-Ansätze zur Diskussion stellen. Erwünscht sind dabei ausdrücklich nicht nur Beiträge zu bereits vorliegenden Forschungserträgen, sondern gerade auch solche, die Ideen, Desiderate, Skizzen und Thesen zum Thema vorstellen. Das Symposium versteht sich damit ausdrücklich als Diskussionsforum, das sich sowohl an Linguist/innen aus der Sprachideologie- und Spracheinstellungsforschung sowie der Forschung zum Komplex „Sprache und Identität“ als auch an Wissenschaftler/innen und Praktiker/innen aus dem DaZ-Bereich und der linguistisch begründeten allgemeinen Sprachdidaktik wendet. Es ist ebenso offen für Beiträge zu den ganz grundsätzlichen Grundfragen der Sprachideologie- und -einstellungsforschung über solche zu methodischen Fragen und Projektberichte aus einschlägigen Projekten zur Mehrsprachigkeitsforschung. Auch wenn dabei die Verhältnisse im deutschen Sprachraum im Mittelpunkt stehen sollen, ist es nicht auf diesen beschränkt.
Blommaert, Jan (2010): The Sociolinguistics of Globalization. Cambridge: Cambridge University Press.
Busch, Brigitta (2013): Mehrsprachigkeit. Wien: Facultas.
Busch, Brigitta (im Druck): Expanding the Notion of the Linguistic Repertoire: On the Concept of Spracherleben – The Lived Experience of Language. Erscheint in: Applied Linguistics [Vorabdruck: Working Papers in Urban Language & Literacies 148 (2015), URL: http://www.kcl.ac.uk/sspp/departments/education/research/ldc/publications/workingpapers/abstracts/WP148-Busch-2015--Linguistic-repertoire-and-Spracherleben,-the-lived-experience-of-language.aspx <1.12.2015>].
Coulmas, Florian (2005): Changing language regimes in globalizing environments. In: International Journal of the Sociology of Language 175/176, 3-15.
Dirim, İnci (2015): Umgang mit migrationsbedingter Mehrsprachigkeit in der schulischen Bildung. In: Leiprecht, Rudolf & Anja Steinbach (Hrsg.): Schule in der Migrationsgesellschaft. Ein Handbuch. Band 2: Sprache – Rassismus – Professionalität. Schwalbach Ts.: Debus, S. 25-48.
Dörnyei, Zoltán (Hrsg.) (2003). Attitudes, orientations and motivations in language learning. Oxford: Blackwell.
Dorostkar, Niku (2014): (Mehr-)Sprachigkeit und Lingualismus. Die diskursive Konstruktion von Sprache im Kontext nationaler und supranationaler Sprachenpolitik am Beispiel Österreichs. Göttingen: V&R Unipress.
Ehlich, Konrad (1998): Medium Sprache. In: Hans Strohner/Lorenz Sichelschmidt/Martina Hielscher (Hgg.): Medium Sprache. Frankfurt a.M./Bern, 9-21.
Flubacher. Mi-Cha (2014): Integration durch Sprache – die Sprache der Integration. Eine kritische Diskursanalyse zur Rolle der Sprache in der Schweizer und Basler Integrationspolitik 1998–2008. Göttingen: V&R Unipress.
König, Katharina (2014): Spracheinstellungen und Identitätskonstruktionen. Eine gesprächsanalytische Untersuchung sprachbiographischer Interviews mit Deutsch-Vietnamesen. Berlin: Akademie-Verlag.
Plewnia, Albrecht/Rothe, Astrid (2011): Spracheinstellungen und Mehrsprachigkeit. Wie Schüler über ihre und andere Sprachen denken. In: Eichinger, Ludwig M./Plewnia, Albrecht/Steinle, Melanie (Hrsg.): Sprache und Integration. Über Mehrsprachigkeit und Migration. Tübingen: Narr, 215-253.
Portnaia, Natalia (2013): Sprachlernsituation der Kinder mit migrationsbedingter Zwei-/Mehrsprachigkeit beim Fremdsprachenlernen in der Grundschule. Eine qualitative Studie unter besonderer Berücksichtigung der Herkunftssprache Russisch. Berlin: Logos.
Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortDüsseldrof
Bewerbungsschluss02.03.2016
Beginn02.12.2016
Ende03.12.2016
PersonName: PD Dr. Kersten Sven Roth 
E-Mail: kroth@phil.uni-duesseldorf.de 
Name: Prof. Dr. Jürgen Spitzmüller 
E-Mail: juergen.spitzmueller@univie.ac.at 
KontaktdatenName/Institution: Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Institut für Germanistik 
Strasse/Postfach: Universitätsstraße 1 
Postleitzahl: 40225 
Stadt: Düsseldorf 
Name/Institution: Universität Wien, Institut für Sprachwissenschaft 
Strasse/Postfach: Sensengasse 3a 
Postleitzahl: 1090 
Stadt: Wien 
LandDeutschland
SchlüsselbegriffeAngewandte Linguistik/ Sprache im Beruf (Technische Kommunikation, Sprachberatung, Schreibtraining, Gesprächstraining, Sprecherziehung, Texttechnologie, sprachbezogene Computeranwendungen, forensische Linguistik); Kontaktlinguistik (Sprachkontakt, Interferenzforschung, Interkulturelle Kommunikation, Mehrsprachigkeit); Soziolinguistik (Varietätenlinguistik, div. Lekte, Register, Code); Sprachdidaktik (Schuldidaktik, Erwachsenenbildung, Konzepte sprachlicher Bildung); Sprache und Gesellschaft (Diskursanalyse, Ethnographie, Sprachkritik, Sprachplanung, Sprachpolitik)
Klassifikation02.00.00 Deutsche Sprachwissenschaft (in Auswahl) > 02.10.00 Sprache im 20. Jahrhundert. Gegenwartssprache
Ediert von  H-Germanistik
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