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Ergebnisanzeige "Fontanes ‚Von Zwanzig bis Dreißig‘ – Zu Edition und Interpretation des autobiographischen Werks"
RessourcentypTagungsberichte
TitelFontanes ‚Von Zwanzig bis Dreißig‘ – Zu Edition und Interpretation des autobiographischen Werks
BeschreibungFontane-Seminar „Fontanes ‚Von Zwanzig bis Dreißig‘ – Zu Edition und Interpretation des autobiographischen Werks“, 14. November 2015, Berlin


Bericht durch die Veranstalterin Dr. Gabriele Radecke (gabriele.radecke@phil.uni-goettingen.de)

Im Dezember 2014 ist Fontanes „Von Zwanzig bis Dreißig“ im Rahmen der Großen Brandenburger Ausgabe erschienen, die nunmehr unter der wissenschaftlichen Leitung von Gabriele Radecke und Heinrich Detering fortgeführt wird (vgl. http://www.uni-goettingen.de/de/154260.html). Insbesondere Wolfgang Raschs Kommentar, der in Zusammenarbeit mit der Theodor Fontane-Arbeitsstelle der Universität Göttingen entstanden ist, hat zahlreiche neue historische Details zu Tage gefördert, die die bisherige Rezeption und Interpretation dieses autobiographischen Textes erweitern.
Das Seminar „Fontanes ‚Von Zwanzig bis Dreißig‘ – Zu Edition und Interpretation des autobiographischen Werks“, das gemeinsam von der Theodor Fontane Gesellschaft Sektion Berlin-Brandenburg und der Theodor Fontane-Arbeitsstelle am 14. November 2015 veranstaltet wurde, widmete sich diesem „editorischen Ereignis“ (Klaus Bellin in Lesart 1/2015); insbesondere galt es, das Verhältnis zwischen Historizität und Poetizität kritisch zu hinterfragen sowie Fontanes autobiographisches Erzählverfahren vorzustellen.

Ausgehend von allgemeinen Bemerkungen zum Begriff und zur Geschichte der Autobiographie hat Jana Kittelmann in ihrem Eröffnungsreferat „‚daß ich lieber über die Bredows, als über mich selber schreibe‘ – Bemerkungen zu Fontanes Autobiographien“ den Versuch einer Verortung von „Meine Kinderjahre“ (1893) und „Von Zwanzig bis Dreißig“ (1898) in der literarischen Landschaft und der Gattungstradition der Autobiographie unternommen. Fontane, der in einem Zeitalter der „Memoirenschwemme“ lebte, nimmt mit seinen autobiographischen Schriften durchaus eine Sonderstellung ein. So bricht er, der erst recht spät als Autobiograph in Erscheinung trat, mit „Meine Kinderjahre“ und „Von Zwanzig bis Dreißig“ mit der chronologischen Form, dem strikten Aufeinanderfolgen von Ereignissen, dem klaren Nacheinander von einzelnen Lebenssituationen, wie es seit Goethes „Dichtung und Wahrheit“ als angemessenes Mittel biographischer Darstellung etabliert und üblich war. Fontane setzt auf Ausschnitte seines Lebens, wenngleich auch zahlreiche Bezüge zu späteren Lebensstationen und Ereignissen (etwa der Aufenthalt in England oder die Kreuzzeitungsjahre) zu finden sind. Seine Lebensdarstellungen folgen nicht Schritt für Schritt den Ereignissen der faktischen Biographie. Fontanes Liebe zur „Detailmalerei“, zu einzelnen Ausschnitten und Sequenzen der eigenen Geschichte, ersetzen die Breite und vollständige Darstellung des eigenen Lebens. Fontane war sich durchaus bewusst, dass er mit diesen autobiographischen Verfahren zu einer „Minorität“ gehörte, wie er anlässlich einer Rezension zu Wilhelm Lübkes „Erinnerungen“ 1891 in der „Vossischen Zeitung“ schrieb. Darüber hinaus wurde diskutiert, inwieweit „Meine Kinderjahre“ und „Von Zwanzig bis Dreißig“ ‚nur‘ zwei Stationen innerhalb vieler autobiographischer Formen im Werk Fontanes sind, die es als solche überhaupt erst zu entdecken und zu edieren gilt. Im Zentrum der Diskussion stand die Frage, ob man den Begriff des Autobiographischen für Fontane neu bestimmen oder zumindest sein autobiographisches Werk um die Reiseberichte, Kriegstagebücher oder auch autobiographische Gedichte wie „Meine Gräber“ erweitern müsste.

Gabriele Radecke erläuterte in einem editionswissenschaftlichen Exkurs die Entstehung der Großen Brandenburger Ausgabe (GBA), die 1994 von Gotthard Erler begründet und herausgegeben wurde und zunächst aus der ebenfalls im Aufbau-Verlag seit 1969 erschienenen Fontane-Ausgabe hervorgegangen war. Mit der Edition der Tagebücher und des Ehebriefwechsels wurden erste neue Abteilungen vorgelegt; mit der Herausgabe des erzählerischen Werks wurde begonnen, die editorischen Prinzipien dem wissenschaftlichen Standard anzupassen.
Seit 2010 werden nun an der Fontane-Arbeitsstelle drei weitere Abteilungen von einem intradisziplinär besetzten literatur- und editionswissenschaftlichen Team vorbereitet: das autobiographische Werk, das reiseliterarische Werk und das kritische Werk. Das autobiographische Werk soll insgesamt vier Bände umfassen: Fontanes „Kriegsgefangen“, „Meine Kinderjahre“; „Von Zwanzig bis Dreißig“ und kleine autobiographische Schriften. Die neuen Herausgeber haben sich für die Aufnahme von „Kriegsgefangen“ im Rahmen des autobiographischen Werks entschieden, weil Fontane in diesem Buch die Erlebnisse seiner Gefangenschaft in Frankreich erzählt und dies durch den Untertitel „Erlebtes 1870“ auch deutlich signalisiert. Zudem wurden seine Schilderungen von den zeitgenössischen Rezensenten als autobiographische Verarbeitung gelesen. Damit folgt die GBA der Hanser-Fontane-Ausgabe, die „Kriegsgefangen“ ebenfalls in die Reihe der Autobiographien Fontanes eingeordnet hat.
Mit der Fortführung der GBA wurden der Editionsplan und die Editions- und Kommentierungsprinzipien überarbeitet. So wurden etwa zu „Von Zwanzig bis Dreißig“ nicht nur das Manuskriptkonvolut im Stadtmuseum Berlin und der Splitternachlass im Fontane-Archiv Potsdam für die Stellenkommentierung einbezogen, sondern auch Fontanes Notizbücher, die in einer digitalen Edition an der Fontane-Arbeitsstelle in Zusammenarbeit mit der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen vorbereitet werden. Auf der Website der Fontane-Arbeitsstelle werden den Kommentar ergänzende Bilder und Texte veröffentlicht; Ergänzungen und Korrekturen aller bisherigen Bände werden ebenfalls dort zusammengefasst. Auch bei der Textherstellung geht man zum Teil neue Wege, wenn etwa die semantische Unterscheidung zwischen Fraktur und Antiqua auch im Neudruck durch zwei verschiedene Schrifttypen beibehalten wird. Gabriele Radecke hob hervor, dass die Fontane-Arbeitsstelle keine Konkurrenz zum Theodor-Fontane-Archiv ist, sondern vielmehr eine notwendige ergänzende Institution. Als unabhängige Einrichtung, die keine Fontane-Handschriften besitzt, konzentriert sich ihr Anliegen auf die editions- und literaturwissenschaftliche Forschung, ohne dabei eigene institutionelle Interessen berücksichtigen und archivalische Aufgaben bewältigen zu müssen. Zur täglichen Arbeit gehört nicht nur die editionspraktische Arbeit; das Fundament bilden Methoden, die in Seminaren nicht nur für Studierende, sondern auch für die Mitarbeiter als Weiterbildung angeboten werden. Die Arbeitsgruppe an der Fontane-Arbeitsstelle setzt sich aus erfahrenen Wissenschaftlern und Nachwuchswissenschaftlern zusammen; sie wird aus Drittmitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Thyssen-Stiftung finanziert.
Auf editionstheoretischer Grundlage wurde abschließend noch die Besonderheit des Kommentars von autobiographischen Werken angesprochen, der stets darum bemüht sein muss, die Unterschiede zwischen der fiktional-poetischen Erzählebene und der faktual-historischen Ebene herauszuarbeiten. Insbesondere „Von Zwanzig bis Dreißig“ wurde in der Vergangenheit bis auf wenige Beiträge, wie etwa von Charlotte Jolles, Hubertus Fischer und Rudolph Muhs, ohne Überprüfung der erzählten faktischen Details als Tatsachenbericht rezipiert; die Textinhalte wurden für Kommentare und die Fontane-Chroniken verwendet. Mit Wolfgang Raschs Neuedition, die im Kommentar zahlreiche neue biographische Details erschlossen und Quellen, Hintergründe, Sachinformationen sowie Kontexte fixiert und das weite Feld von Fontanes Erinnerungsleistung und -fehlleistung neu vermessen hat, ist es nunmehr erst möglich, Fontanes Autobiographie auch als Quelle für seine Lebensgeschichte zu nutzen.

Wolfgang Raschs Vortrag „Wege zum Kommentar – wie man Fontanes Autobiographie letzte Geheimnisse entlockt“ vermittelte anschließend Einblicke in die Kommentarpraxis eines autobiographischen Werkes, an das neben den allgemein verbindlichen Kommentarstandards spezifische Maßstäbe anzulegen sind. Denn das Spannungsverhältnis von Dichtung und Wahrheit, das die Gattung Autobiographie auszeichnet und von anderen Werkgruppen trennt, stellt an den Kommentar besondere Ansprüche. So ist der Quellenwert des Erzählten, Berichteten oder Behaupteten stets kritisch zu bestimmen.
Anhand zweier kurzer Episoden in „Von Zwanzig bis Dreißig“ wurde exemplarisch und schrittweise vorgeführt, wie die lebensgeschichtliche Erzählung auf ihren Wahrheits- bzw. Wahrscheinlichkeitsgehalt hin abgeklopft werden kann. In beiden Fällen ergab die gezielte Suche nach bislang unbekannten, von Fontane vage erinnerten Zeitungsartikeln eine zuverlässige Grundlage zur differenzierenden und erhellenden Erläuterung der Textstellen. Mit den akribisch recherchierten Fundstücken ließen sich Fontanes Erinnerungsleistungen exakt eingrenzen, Erinnerungsdefizite erkennen und die erzählerischen, fiktiven Zutaten des Autors vom Kern des tatsächlichen Sachverhalts unterscheiden.
Der Kommentar basiert auf intensiver Quellenarbeit, die eine Fülle neuer Forschungserkenntnisse zutage förderte. Davon können und sollen aus Gründen einer zielgerichteten, zweckgebundenen und ökonomisch orientierten Verfahrensweise nicht alle gewonnenen Erkenntnisse in den Stellenkommentar einfließen. Mit dem bislang unbekannten Gedichterstdruck von „Liebchen komm“ aus dem Jahr 1851 und seiner ebenfalls unentdeckt gebliebenen variantenreichen Publikationsgeschichte demonstrierte der Referent beispielhaft in einem zweiten Teil, welche Informationen in gebotener Kürze ausschließlich zur Erläuterung der Textstelle in den Kommentar gehören und welche darüber hinaus gewonnenen Erkenntnisse den Stoff zu einem selbstständigen, erweiterten Aufsatz bieten, der nicht Teil eines Stellenkommentars sein kann.
Ein dritter Teil des Vortrags widmete sich einigen, bis heute unbeachtet gebliebenen Namensmystifikationen in Fontanes Selbstbiographie. Im Zuge der Kommentararbeit konnte erstmals der Nachweis erbracht werden, dass Fontane in seiner Autobiographie für mehrere Freunde Decknamen benutzte. Präzise vollzog der Referent die Auflösung dieser Pseudonyme mit Hilfe von Werkhandschrift, Universitätsmatrikeln, Adressbüchern, entlegenen biographischen Lexika und anderer Nachschlagewerke nach. Zugleich wurden die damit gewonnenen biographischen Umrisse zweier Jugendfreunde Fontanes vorgestellt, des späteren Landwirts Fritz Johann Ernst Eltester (im Text: Fritz Esselbach) und des späteren Pfarrers Friedrich Wilhelm Ludwig Bossart (im Text: Egbert Hanisch).

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Fontanes Autobiographie »Von Zwanzig bis Dreißig« konzentrierte sich bisher vorwiegend darauf, die Faktizität der Schilderung kritisch zu hinterfragen. Die spezifische Faktur des Textes wurde dagegen selten berücksichtigt. Demgegenüber unternahm Matthias Grünes abschließender Beitrag „Und nun noch ein Geschichtchen“. Zur Erzählstruktur in „Von Zwanzig bis Dreißig“ den Versuch einer narratologischen Lektüre, wobei insbesondere die gestaltete Erzählperspektive einer Analyse unterzogen wurde. Dabei zeigte sich, dass Fontane selten die perspektivische Differenz zwischen Autor-Ich und Figuren-Ich explizit macht, obwohl die Diskrepanz zwischen Erzähler- und Figurenstandpunkt in vielen Punkten durch andere biografische Dokumente gut belegt ist. Der Text ist also nicht als eine Entwicklungsgeschichte konzipiert, ein möglicher Wandel von Einstellungen oder charakterlichen Merkmalen bei der Hauptfigur wird kaum thematisiert. Auf die Frage, warum die Autobiographie keinem entsprechenden narrativen Muster folgt, gab der Beitrag zwei Antworten: Zum einen führt Fontane die Aufmerksamkeit des Lesers generell von der eigenen Person weg; das Figuren-Ich fungiert stattdessen als eine Art Medium, das den Rezipienten mit den Lebenskreisen, in denen es sich bewegt, vertraut macht. Zum anderen liegt dem Text ein Persönlichkeitsbegriff zugrunde, der die weitgehende Beständigkeit und Unwandelbarkeit des individuellen Charakters betont. Wie abschließend aufgezeigt wurde, lässt sich auch der Gebrauch anekdotischer Erzählformen zur Charakterzeichnung aus dieser Prämisse erklären.

Eine Publikation der Tagungsreferate mit ergänzenden Beiträgen ist in Vorbereitung; weitere Fontane-Seminare zwischen der Fontane Gesellschaft Sektion Berlin Brandenburg und der Fontane-Arbeitsstelle sind geplant.


Redaktionelle Betreuung: Alexander Nebrig

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Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortBerlin
PersonName: Dr. Gabriele Radecke 
Funktion: Leiterin der Theodor Fontane-Arbeitsstelle, Universität Göttingen  
E-Mail: Gabriele.Radecke@phil.uni-goettingen.de 
KontaktdatenName/Institution: Universität Göttingen, Theodor Fontane-Arbeitsstelle 
Strasse/Postfach: Käte-Hamburger-Weg-3 
Postleitzahl: 37073  
Stadt: Göttingen 
Telefon: 0551/3910845 
E-Mail: Gabriele.Radecke@phil.uni-goettingen.de 
Internetadresse: http://www.uni-goettingen.de/de/154180.html 
LandDeutschland
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Editionstheorie; Erzähltheorie; Literatur 1880 - 1945
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