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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Convivium Germanistisches Jahrbuch Polen 2016, Thematischer Schwerpunkt: Anspielungen"
RessourcentypCall for Papers
TitelConvivium Germanistisches Jahrbuch Polen 2016, Thematischer Schwerpunkt: Anspielungen
BeschreibungConvivium Germanistisches Jahrbuch Polen 2016, Thematischer Schwerpunkt: Anspielungen

In Anspielungen wird Wirklichkeit dargestellt, verfremdet, kritisiert, ironisiert, glossiert oder absichtsvoll verändert (vgl. Wilss 1989:VII). Als Teile kollektiver und diskursiver Welterfahrung, wahrnehmung und erzeugung sind sie den Menschen, seitdem es eine Schriftkultur gibt, bestens vertraut, sowohl in der Alltagssprache wie auch in der Kunst. Nur wenige Worte oder Zeichen sind es, die in der Regel ausreichen, um in unseren Köpfen ein bestimmtes Bild oder gar ein ganzes Szenario hervorzurufen.
Anspielungen sind formal und inhaltlich nur schwer einzugrenzen. Mit Fragen wie Droht den Europäern ein weiteres Griechenland? kann auf die anhaltende Finanzmarktkrise angespielt werden, mit der im Internet omnipräsenten Warnung vor Trojanern auf das Trojanische Pferd aus der griechischen Mythologie, um nur zwei Beispiele zu nennen. Bezugspunkt kann offenbar jede beliebige berühmte Person, jedes geschichtliche Ereignis und Ähnliches sein. Wollen wir auf etwas anspielen, steht uns also ein vielfältiges und beinahe unerschöpfliches Arsenal an Möglichkeiten zur Verfügung. Aber es gibt immer auch eine Instanz, die sich gewisse Anspielungen verbietet. Manchmal können Anspielungen tödlich sein, insbesondere in totalitären Systemen. Mit Anspielungen will man oft etwas verschleiern. Für Quintilian handelt es sich bei der Anspielung um eine Figur, die eine versteckte, von den Lesern und Leserinnen selbst zu erschließende Bedeutung aufweist. Sie ist jedoch nur dann erkennbar, wenn die „wörtliche und die intendierte Ebene […] aufeinander beziehbar“ sind, d.h. wenn zwischen ihnen "ein wie auch immer geartetes Ähnlichkeitsverhältnis oder tertium comparationis vorhanden“ ist (Tischer 2006:21). Hinzukommt, dass die „Wissens- und Rezeptionsstrukturen von Sender und Empfänger […] soweit übereinstimmen [müssen], daß der Rezipient in der Lage ist, das richtige Wissen an der entsprechenden Stelle mit dem Text zu assoziieren.“ Das Erkennen einer Anspielung hängt mithin von der Auffassungsgabe des jeweiligen Adressaten ab. Erschwert wird die Erkenntnis, wenn auf Mehrfaches (etwa auf einen anderen Text und auf ein historisches Ereignis) angespielt wird.
Anspielungen stellen auch Mittel zur "Bewahrung von Traditonsbeständen" dar, zumal es seit der Renaissance die Tendenz gibt, dem "Bildungsbewußtsein des Lesers spielerisch zu schmeicheln" (Hughes 1992:654) .
Das Jahrbuch will Beiträge versammeln, die historische oder gegenwärtige Anspielungstypen, strategien und verfahren einerseits präzise erfassen und andererseits auf eine theoretische Grundlage stellen. Folgende diskurs oder textbezogene Fragen könnten im Fokus der empirischen und theoretischen Auseinandersetzung stehen:
• In welchen Kontexten oder Diskursen treten Anspielungen (besonders häufig oder selten) auf? Welche Rolle übernehmen Anspielungen im privaten oder öffentlichen Diskurs? Welche Funktionen erfüllen sie in einer kollektiv und diskursiv erzeugten Welt, in der „Wirklichkeit“ und „Wissen“ erst in Sprache und durch Kommunikation konstituiert und konstruiert werden (vgl. Felder 2009)?
• In welchen Kontexten oder Diskursen werden Anspielungen als solche erkannt und thematisiert? Welche Rolle oder Bedeutung wird ihnen jeweils zugeschrieben?
• Unter welchen Umständen nimmt die Zahl der Anspielungen zu?
• Welche Form nehmen Anspielungen (z.B. als Parodie, Travestie, Pastiche, Persiflage etc.) an, wenn Verbote ausgesprochen worden sind, von wem auch immer?
• Welche Beispiele gibt es für ungewollte Anspielungen?
• Welche Beispiele gibt es für die Entdeckung von Anspielungen in der Forschung (etwa zur inneren Emigration oder zur Literatur des realen Sozialismus) dort, wo sie gar nicht intendiert waren? Es geschieht zumeist, um Persönlichkeiten, die sich für das jeweilige Regime engagiert haben, von Belastungen freizusprechen.
Möglich wären auch Studien zur Anspielung als einer Form des intertextuellen Dialogs.

Literatur
Felder, Ekkehard/Müller, Marcus (Hgg.) (2009): Wissen durch Sprache. Theorie, Praxis und Erkenntnisinteresse des Forschungsnetzwerks „Sprache und Wissen“. Berlin/New York: de Gruyter.
Holthuis, Susanne (1993): Intertextualität. Tübingen: Stauffenburg-Verlag (S. 123-154).
Hughes, P. (1992): Anspielung. In: Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Bd. 1, Hg. v. Gerd Ueding, Tżbinden: Max Niemeyer, S. 652-655.
Meyer, Herman (1967), Das Zitat in der Erzählkunst, Stuttgart, Metzler.
Perri, Carmela (1978): On alluding. In: Poetics 7. S. 289-307.
Perri, Carmela: Allusion studies. An international annotated bibliographie, 1921-1977. In: Style 13, S. 178-225.
Pfister, Manfred (1992): Intertextualität. In: Moderne Literatur in Grundbegriffen. Hg. v. Dieter Borchmeyer und Viktor Žmegač. 2., neu bearb. Aufl. Tübingen: Niemeyer.
Römer, Ruth (1977): Die Anspielung als Sprechakt. In: Muttersprache 87. S. 396-412.
Tischer, Ute (2006): Die zeitgeschichtliche Anspielung in der antiken Literaturerklärung. Tübingen: Narr.
(1992)
Wilss, Wolfram (1989): Anspielungen. Zur Manifestation von Kreativität und Routine in der Sprachverwendung. Tübingen: Niemeyer.


Wir freuen uns auf Beiträge aus dem Bereich der Literatur-, Sprach- und Kulturwissenschaft.
Bitte senden Sie Ihren Aufsatz bis zum 15.09.2016 an:

gheidemann@onet.eu
Dr.Gudrun Heidemann (Germanistik, Universität Łódź)

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
Bewerbungsschluss15.09.2016
Ediert von  H-Germanistik
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