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Ergebnisanzeige "Riesen: Deutungsmodelle germanischer und keltischer Mythologien in mittelalterlicher Literatur"
RessourcentypCall for Papers
TitelRiesen: Deutungsmodelle germanischer und keltischer Mythologien in mittelalterlicher Literatur
BeschreibungCfP Interdisziplinäre mediävistische Tagung

Riesen: Deutungsmodelle germanischer und keltischer Mythologien in mittelalterlicher Literatur

Tagung an der Universität Potsdam, Lehrstuhl für Germanistische Mediävistik
23.-25. März 2017
Einreichung der Beitragsvorschläge bis zum 23. Mai 2016

In mittelalterlicher Literatur agieren Riesen nicht nur als Antagonisten des Helden, sie erscheinen ebenso als seine Verbündeten und können diverse Funktionen übernehmen. Zudem diskutieren Texte unterschiedliche Möglichkeiten, den Riesen genealogisch oder als ‚Spezies‘ im Vergleich zum Helden zu situieren: Das Heldenbuch entwirft Riesen, Helden und Zwerge als differente ‚Gattungen‘, die voneinander abgegrenzt werden. Der Prolog der Thidrekssaga dagegen sieht die Menschen hinsichtlich ihrer ‚degenerierten‘ Körperkraft, Größe und Lebenssubstanz als Nachfahren von Riesen, wobei die Menschen nur noch schwach an einstige Riesenhaftigkeit erinnern. Außerdem gelten Riesen in einigen Texten als ursprüngliche Einwohner eines bestimmten Territoriums, und damit ebenfalls in gewissem Maße als Altvordere der dort lebenden Menschen. In diesem Zusammenhang erscheinen die Riesenkämpfe etwa der mittelhochdeutschen Dietrichepik nicht nur als Form der Gigantomachie (Fromm: Riesen und Recken 1989), sondern entwerfen auch ein Zusammentreffen von Held und Riese, bei dem der Riese als Spiegelung eines archaischen, doch vergangenen Selbst des Protagonisten fungieren kann. Dabei stellt sich auch grundsätzlich die Frage, was als ‚riesisch‘ gilt bzw. was genau einen Riesen ausmacht: Dass es sich dabei nicht unbedingt um Körpergröße handeln muss, hat z. B. Katja Schulz (2004) gezeigt.

Auch wenn die Texte, die von Riesen erzählen, zuweilen einen dezidiert christlichen oder antiken Kontext aufrufen, in dem sie ihre Aussagen situieren, so stellen sie gleichzeitig deutlich aus, dass sie nicht allein vor dieser Folie adäquat zu verstehen sind. Dies ist für die skandinavische und inselkeltische Literatur dieses Zeitraums genauso anzunehmen wie für den altfranzösischen Artusroman mit seinen (festland?- oder insel-)keltischen Quellen und ihrer indirekten Rezeption in den mittelhochdeutschen Dichtungen um Artus. Und immerhin liegen aus dem 14. Jahrhundert altwalisische Texte (Weißes Buch des Rhydderch und Rotes Buch von Hergest) vor, deren Motive weitaus älter als Chrétiens de Troyes Texte sein können.

Bisher liegen in erster Linie ältere motivgeschichtliche Arbeiten zu Riesen in skandinavischer und mittelhochdeutscher Literatur vor (Grimm: Deutsche Mythologie 41875, Ahrendt: Der Riese in der mittelhochdeutschen Epik 1923, Broderius: The Giant in Germanic Tradition 1932, Motz: Old Icelandic Giants and their Names 1987 u. a.) bis hin zu einem „Typenverzeichnis der deutschen Riesen- und riesischen Teufelssagen“ (Höttges 1937). Daneben gibt es modernere Arbeiten, die Fragen nach Größenverhältnissen und Identität (Störmer-Caysa: Kleine Riesen und große Zwerge 2000) aufwerfen, aber auch nach Fremdheit und Gender (Katja Schulz: Riesen 2004, Sheehan: Giants, Boar-hunts, and Barbering 2005), mitunter wird dabei auch auf psychoanalytische Interpretationen zurückgegriffen, die den mittelalterlichen Texten nicht unbedingt gerecht werden, davon unabhängig aber das ambivalente Verhältnis von Riese, Protagonist und Identität auf komplexe Weise beschreiben (Cohen: Of Giants 1999). Jenseits der positivistischen Arbeiten und auch der Diskussionen, die den historischen Texten zu moderne Intentionen unterstellen, suchen wir BeiträgerInnen, die im Rahmen der Tagung „Riesen: Deutungsmodelle germanischer und keltischer Mythologien in mittelalterlicher Literatur“ neue Perspektiven auf literarische Riesenfiguren diskutieren möchten.
Vor dem Hintergrund der bisher schon sorgfältig aufgearbeiteten Motivik und ihrer keltischen sowie germanischen Traditionsströme stellt sich nicht nur die Frage, welches Verhältnis zwischen Mensch und Riese besteht oder ob der Riese nur ein überdimensional großer Mensch ist oder ein mythisches Relikt, das es in einen neuen kulturellen Kontext zu integrieren gilt. Auch wilde Männer und Frauen scheinen nicht klar abgrenzbar von der Figur des Riesen/der Riesin zu sein, da sie ebenfalls über große Kräfte verfügen und, wie zum Beispiel im Yvain/Iwein oder in Kulhwch ac Owen, als Hüter von Tieren erscheinen. Zu fragen wäre hier auch nach dem Verhältnis von Tier und Riese, das in gigantischen Wesen, wie dem skandinavischen Fenriswolf oder der monströsen Katze von Lausanne, gegen die Artus kämpft (Livre d’Artus; Mosaik von Otranto), kulminiert.

Überbordende Gewaltsamkeit und Zorn der Riesen eröffnen Anschlussmöglichkeiten an die Analyse von Männlichkeitskonzepten und Gender-Modellen, die mit Riesen verknüpft werden. Nicht zu unterschätzende Themenbereiche sind auch spezifische Vorstellungen von Weiblichkeit und Verhältnisse zwischen den Geschlechtern: Riesinnen begegnen in der Dietrichepik etwa in der mittelhochdeutschen und skandinavischen Dichtung. Teils grenzen sie sich nicht von ihren männlichen Vertretern ab, wenn sie in ihrer Wut die menschlichen Gegner angreifen, teils zeichnen sie sich aber auch durch Kenntnisse magischer Praktiken und List aus (z. B. im Gróttasöngr). Ob sie dies mit ‚menschlichen‘ Protagonistinnen verbindet oder die Riesinnen hier neue Möglichkeiten des Agierens und Verhandelns zwischen Männern und Frauen aufzeigen, wäre unter Gendergesichtspunkten zu bearbeiten.

Einen weiteren Aspekt stellen naturwissenschaftliche Verortungen des Riesen dar. Ob die Riesen zwangsläufig den Monstra zuzuordnen sind, wie mitunter in der Forschungsliteratur konstatiert, bedarf dringend einer kritischen Revision.

Die Tagung soll die konstitutiven Elemente ‚riesischer Identität‘ und (identitäre) Zusammenhänge von Held/Protagonist und Riesen in den einzelnen Texten beleuchten und zudem sollen die narrative Funktionen und narratologische Positionen, die der Riese eröffnet, erarbeitet werden. Mit methodischen Ansätzen aus Literatur- und Kulturtheorie sollen Riesen in mittelalterlicher Literatur (z. B. mittelhochdeutsch, altskandinavisch, altenglisch, altkeltisch und weitere) untersucht und auf ihre (mögliche) wechselseitige Beeinflussung hin befragt werden.

Außerdem besteht auch die Möglichkeit, die Rezeption des germanischen oder keltischen Riesenbildes in späteren Texten (z. B. Märchen) oder modernen Verfilmungen/Fernsehserien (z. B. Game of Thrones) zu bearbeiten.

Für die Tagung sind unter anderen folgende Themen denkbar:

- Riesen in mittelhochdeutscher Literatur
- Riesen in inselkeltischer oder skandinavischer Dichtung
- Verhältnis zwischen Riesen, Menschen und/oder Tieren
- Riesenhafte Familienbindungen und Emotionalität
- Riesen/Riesinnen und Gender
- Motiv des Riesen in Bild und Text
- Riesen und Narrativik
- Gewalt und der Riese
- Wissens- und zauberkundige Riesen
- Verwandlungen des Riesen
- Riesen und Zwerge

Darüber hinaus sind weitere Themen unter kultur- und literaturhistorischen Aspekten zu Riesen aus den Bereichen Germanistische Mediävistik, Keltologie, Skandinavistik, Anglistik oder Romanistik willkommen!

Bitte senden Sie Ihre Beitragsvorschläge als Word- oder pdf-Dokument bis zum 23. Mai 2016 an

Dr. phil. Silke Winst (Universität Potsdam/Silke.Winst@uni-potsdam.de) und
Dr. des. Ronny F. Schulz (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel/schulz@germsem.uni-kiel.de).

Die interdisziplinäre Tagung findet vom 23. bis 25. März 2017 an der Universität Potsdam statt, Fahrt- und Übernachtungskosten können voraussichtlich nicht übernommen werden. Eine Tagungsgebühr wird nicht erhoben.

Die Beiträge sollen im Herbst 2017 in einem Sammelband erscheinen.

Silke Winst und Ronny F. Schulz
Potsdam und Kiel, den 08.02.2016
Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortPotsdam
Bewerbungsschluss23.05.2016
Beginn23.03.2017
Ende25.03.2017
PersonName: Schulz, Ronny F. 
Funktion: Veranstalter 
E-Mail: schulz@germsem.uni-kiel.de 
Name: Winst, Silke 
Funktion: Veranstalterin 
E-Mail: Silke.Winst@uni-potsdam.de 
KontaktdatenName/Institution: Germanistisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel 
Strasse/Postfach: Olshausenstraße 40 
Postleitzahl: 24098 
Stadt: Kiel 
Internetadresse: https://www.germanistik.uni-kiel.de/de 
Name/Institution: Lehrstuhl für Germanistische Mediävistik an der Universität Potsdam 
Strasse/Postfach: Am Neuen Palais 10 
Postleitzahl: 14469 
Stadt: Potsdam 
Internetadresse: http://www.uni-potsdam.de/mediaevistik/index.html 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Genderforschung; Komparatistik (Kulturvergleich, Interkulturelle Literaturwissenschaft); Literatur 700 - 1150; Literatur 1150 - 1300; Literatur 1300 - 1500; Literatur 1500 - 1580; Literatur- u. Kulturgeschichte
Zusätzliches SuchwortRiesen
Klassifikation06.00.00 Mittelalter; 08.00.00 Hochmittelalter; 08.00.00 Hochmittelalter > 08.04.00 Gattungen und Formen; 08.00.00 Hochmittelalter > 08.04.00 Gattungen und Formen > 08.04.03 Epik; 08.00.00 Hochmittelalter > 08.05.00 Stoffe. Motive. Themen; 09.00.00 Spätmittelalter und Übergangszeit (14. und 15. Jahrhundert); 09.00.00 Spätmittelalter und Übergangszeit (14. und 15. Jahrhundert) > 09.08.00 Gattungen und Formen; 09.00.00 Spätmittelalter und Übergangszeit (14. und 15. Jahrhundert) > 09.08.00 Gattungen und Formen > 09.08.03 Epik; 09.00.00 Spätmittelalter und Übergangszeit (14. und 15. Jahrhundert) > 09.08.00 Gattungen und Formen > 09.08.05 Weitere Formen; 09.00.00 Spätmittelalter und Übergangszeit (14. und 15. Jahrhundert) > 09.09.00 Stoffe. Motive. Themen
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