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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Literatur im skandinavischen Exil, 1933 bis heute"
RessourcentypCall for Papers
TitelLiteratur im skandinavischen Exil, 1933 bis heute
BeschreibungCFP: „Literatur im skandinavischen Exil, 1933 bis heute“

Internationale Nachwuchstagung 23.-24.09.2016, Göttingen

Den skandinavischen Ländern galt nicht das Hauptinteresse der traditionellen Exilforschung. Für das Gros der seit 1933 Geflohenen war Skandinavien nicht das Ziel der Wahl oder der Möglichkeiten. So standen Norwegen und Dänemark nach der Invasion deutscher Truppen 1940 und Etablierung nazifreundlicher Regierungen als Exilländer nicht mehr zur Verfügung. Schweden hingegen als einzig offiziell neutrales Land in Skandinavien blieb bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges ein mögliches Exilland, jedoch verschärften sich auch dort die Einreise- und Aufenthaltsbestimmungen und das Verhältnis zu Deutschland und den Flüchtlingen blieb stets ambivalent. Die nicht vorhandenen Sprach- und Landeskenntnisse, die räumliche Nähe und die (unklare) politische Haltung zu Deutschland sowie fehlende persönliche Kontakte ließen ExilantInnen seltener gen Norden flüchten als nach West und Ost.

Dennoch fanden mehrere tausend Intellektuelle, Kunst- und Kulturschaffende temporär oder dauerhaft ein Exil in Skandinavien und ließen sich und ihre Kunst auf unterschiedlichste Weise davon beeinflussen. Unter ihnen finden sich PolitikerInnen wie Willy Brandt, Herbert Wehner, Bruno Kreisky und Anna Zammert, WissenschaftlerInnen wie Walter Berendsohn, Käte Hamburger und Max Hodann und Kultur- und Literaturschaffende wie Kurt Tucholsky, Peter Weiß, Nelly Sachs, Bertolt Brecht, Helene Weigel, Margarete Steffin, Kurt Schwitters, Hildegard Johanna Zander, Herbert Warnke, Werner Türk, Herman Greid, u.a.. Auch ganze Verlage siedelten aus dem deutschsprachigen Raum nach Stockholm über – so etwa Thomas Manns Verlag Bermann Fischer – oder ließen ihre Bücher so lange es möglich war in Oslo drucken wie der Malik Verlag. Ebenso kam es vor, dass schwedische Verlage deutsche Exilliteratur herausbrachten, die andernorts nicht mehr erscheinen konnte (so etwa der Axel Holmströms förlag). Die Rolle Skandinaviens im System der Literatur- und Kulturproduktion des Exils ist also nicht unbedeutend.

Eine auf Skandinavien konzentrierte Exilforschung hat in den letzten Jahrzehnten damit begonnen, die Rolle der nordeuropäischen Länder herauszuarbeiten. Dabei kann man Helmut Müssener den Nestor dieser skandinavischen Exilforschung nennen. Unter anderem in seiner Publikation Exil in Schweden. Politische und kulturelle Emigration nach 1933 aus dem Jahr 1974 skizziert und analysiert er Leben und Werk von PolitikerInnen, JournalistInnen und SchriftstellerInnen. Auch andere ForscherInnen, z.B. mit Anschluss an die ehemalige Stockholmer Koordinationsstelle zur Erforschung der deutschsprachigen Exil-Literatur, haben Untersuchungen zum Thema beigetragen. Dem Zufluchtsland Norwegen widmete sich insbesondere Einhart Lorenz. Er leistete u.a. mit seiner 1992 veröffentlichten Monographie Exil in Norwegen. Lebensbedingungen und Arbeit deutschsprachiger Flüchtlinge 1933-1943 sowie mit Überblicksartikeln zur Exilsituation in Dänemark, Norwegen und Schweden im Handbuch der deutschsprachigen Emigration weitere Arbeit in diesem Feld.

Für die deutschsprachige Exilforschung, die in den 1960er Jahren initiiert wurde und durch den Eichmann- und Auschwitz-Prozess in ihrer Dringlichkeit endlich ins Bewusstsein der Literaturwissenschaft rückte, wurden wichtige Arbeitsstellen errichtet wie etwa die Forschungsstelle für Exilliteratur in Hamburg. Von 1973 – 1984 widmete sich die DFG der Exilforschung in Form eines Schwerpunktprogramms, woraus 40 Studien hervorgingen. Doch bleibt von jeher der Bezug zu Skandinavien auf prominente Fallbeispiele, wie etwa Brecht, beschränkt, sodass seit Ende der 1980er Jahre kein Zuwachs, sondern ein leises Verstummen der Forschungstätigkeit in diesem Feld festzustellen ist. Sieht man von einigen Ausnahmen, wie etwa Frank Meyers Dissertation zur skandinavischen Exilpublizistik (2000) oder Aris Fioretos‘ Untersuchung zur Nobelpreisträgerin Nelly Sachs im Stockholmer Exil (2010), ab, so wird seit bald einer WissenschaftlerInnen-Generation der nach Norden gerichteten Exilforschung keine Aufmerksamkeit im nennenswerten Maße mehr gewidmet.

In der Zwischenzeit haben nun akademische, technische und gesellschaftliche Umwandlungsprozesse stattgefunden, die die Forschungen in vielen geistes- und kulturwissenschaftlichen Bereichen veränderten, neue Untersuchungsfelder aufdeckten oder zu einer Neubetrachtung der alten auffordern. Erweiterte theoretische Ansätze bereichern die literaturwissenschaftliche Forschung; z.B. hielten die Feministische Theorie, die Gender Studies und Cultural Studies Einzug in das Arbeitsfeld von LiteraturwissenschaftlerInnen. Der digitale Medienwandel schließlich macht das Auffinden und den methodischen Zugang zu den räumlich verstreuten literarischen Quellen, zu biografischen Dokumenten sowie zur Forschungsliteratur manches Mal überhaupt erst möglich, so etwa durch das Projekt Verbrannte und Verbannte. Dabei handelt es sich um eine Webpräsentation, die Daten mit Such- und Sortiermöglichkeiten aufbereitet und Lebens- und Distributionswege von dissidenten SchriftstellerInnen und ihrer Literatur durch Verlinkungen sichtbar macht.
Ein Exil war Skandinavien unterdessen nicht nur während der NS-Diktatur, sodass sich die Exilforschung in ihren Möglichkeiten beschränkt, wenn ihr Blick auf Vergangenes gerichtet bleibt. Baltische Flüchtlinge der Sowjet-Diktatur, Boat-People aus Vietnam, Geflüchtete aus den Golfkriegen und dem Balkankrieg und andere haben auch nach 1945 ihre Spuren in den skandinavischen Kulturen hinterlassen. Und nicht zuletzt setzen sich gerade jetzt wieder epochemachende Flucht- und Migrationsbewegungen mit ihren jeweiligen politischen, ökonomischen, aber auch kulturellen Begleiterscheinungen in Gang, deren Beobachtung und Analyse vielleicht auch zu einem erweiterten Verständnis früherer Exilkulturen und -phänomene verhilft.

Die Nachwuchstagung „Literatur im skandinavischen Exil, 1933 bis heute“ möchte:

- Prozesse des deutsch-skandinavischen Kulturtransfers sichtbar machen und komparatistische, intermediale und/oder transkulturelle Zugänge zur Literatur aufzeigen,
- sich von engen Text- und Gattungsbegriffen lösen und die literarischen Produktionen im skandinavischen Exil in ihrer ganzen Bandbreite darstellen,
- sowohl Fallbeispiele untersuchen, als auch aus kultursoziologischer Perspektive auf Netzwerke und Systeme hinweisen
- zu einer Neubetrachtung der bisherigen Untersuchungen einladen, ihre Ergebnisse kritisch reflektieren und neue methodische sowie theoretische Ansätze vorstellen und ausprobieren,
- Forschungsdesiderate aufzeigen,
- den historischen Fokus auf Exilsituationen nach 1945 erweitern.

Die Tagung findet vom 23.-24.09.2016 an der Georg August Universität Göttingen statt und wird organisiert von Judith Wassiltschenko und Leonie Krutzinna, Doktorandinnen am Skandinavischen Seminar der Universität Göttingen.

Promovierende, fortgeschrittene Master-Studierende und Post-Docs der Skandinavistik, Komparatistik, Germanistik, Musik-, Theater- und Filmwissenschaft oder benachbarter Disziplinen können sich mit einem Abstract (ca. 1 Seite, Deadline: 31.03.2016) um die Teilnahme bewerben. Die Vorträge sollten 30 Minuten nicht überschreiten und können auf Deutsch, Dänisch, Englisch, Norwegisch oder Schwedisch gehalten werden. Die Publikation der Vorträge und Arbeitsergebnisse in einem Sammelband ist geplant. Vorbehaltlich der Fördermittelzusage sind wir bestrebt die Übernachtungs- und Reisekosten der Teilnehmenden ganz oder anteilig zu übernehmen.

Kontakt:
Leonie Krutzinna
Skandinavisches Seminar
Käte-Hamburger-Weg 3
37073 Göttingen
leonie.krutzinna@phil.uni-goettingen.de
Tel: 0551-39 5493

Judith Wassiltschenko
Seminar für Deutsche Philologie
Käte-Hamburger-Weg 3
37073 Göttingen
judith.wassiltschenko@phil.uni-goettingen.de
Tel: 0551-39 10852
Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortGöttingen
Bewerbungsschluss31.03.2016
Beginn23.09.2016
Ende24.09.2016
PersonName: Krutzinna, Leonie 
Funktion: Ansprechpartnerin 
E-Mail: leonie.krutzinna@phil.uni-goettingen.de 
KontaktdatenName/Institution: Skandinavisches Seminar 
Strasse/Postfach: Käte-Hamburger-Weg 3 
Postleitzahl: 37073 
Stadt: Göttingen 
Telefon: 0551-395493 
Ediert von  H-Germanistik
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