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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Ostmitteleuropa in literarischen Reisebeschreibungen"
RessourcentypTagungsberichte
TitelOstmitteleuropa in literarischen Reisebeschreibungen
Beschreibung10. Mitteleuropäische Nachwuchsgermanistentagung an der Akademie Mitteleuropa e.V. mit dem Schwerpunkt „Ostmitteleuropa in literarischen Reisebeschreibungen“ (Bad Kissingen, 25. bis 29. Oktober 2015)


Bericht von Dr. Marco Bogade (projektkoordinator@heiligenhof.de)


Die Tagung mit über 50 Studierenden, Doktoranden und Lehrenden aus Polen, Tschechien, Ungarn, Rumänien, Lettland, Estland und Deutschland wurde von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) gefördert und diente dazu, ostmittel- und osteuropäische Regionen in literarischen Reisbeschreibungen deutschsprachiger Autoren des letzten halben Jahrtausends kennenzulernen, inhaltliche und methodische Forschungsfragen zu diskutieren, um Anregungen für eigene Forschungsmöglichkeiten zu erhalten. Die Tagung setzte eine 2005 begonnene Veranstaltungsreihe fort.

Othmar Andree (Berlin) beleuchtete am Beispiel der Stadt Czernowitz die historische Situation der Sprachen in der Bukowina (heute Ukraine und Rumänien), die in der Zwischenkriegszeit bzw. vor dem Ersten Weltkrieg in Czernowitz gesprochen wurden, wobei er herausstellte, dass dem Deutschen als Amts-, Verkehrs-, Umgangs- und nicht zuletzt literarische Sprache eine herausragende Rolle zufiel, solange die Bukowina als habsburgisches Herzogtum Teil des Machtbereichs der Donaumonarchie war. Mit der Rumänisierung der Bukowina nach dem Ersten Weltkrieg verschwand die Bedeutung der deutschen Sprache, die sich in die bürgerlichen und privaten Lebensräume zurück. Die Juden, die einen Großteil der Bevölkerung der Bukowina und der Stadt Czernowitz ausmachten, hielten weiter an der deutschen Sprache fest. Mit ihr bewahrten sie über den ernüchternden und zermürbenden Alltag hinweg wenigstens in dieser idiomatischen Sphäre die Vorkriegsverhältnisse und schufen sich auf den kulturellen und sozialen Ebenen, in Vereinen und Verbänden, Zustände und Rechtspositionen, wie sie in der Monarchie Allgemeingut waren.

Frank Schablewski (Düsseldorf) stellte unter dem Titel „Sehnsuchtsort Czernowitz“ die Erinnerungen und darauf bezogene Gedichte von Alfred Kittner (1906–1991) vor. Mit den autobiographischen Erinnerungen versuchte Schablewski, die Zwischenkriegszeit zu beleuchten mit „Stadtansichten“ eines Lyrikers, der durch seine Lebensaufzeichnungen das Thema der Reiseliteratur als Lebensreise gedeutet hat.

Hans-Jürgen Schrader (Genf) sprach über Joseph Roths (1894–1939) galizische Reisefeuilletons der 1920er Jahre, die als „Reisebilder“ keine journalistischen Reportagen darstellten, sondern stimmungsvolle, in anekdotische Erzählung mündende Essays, die mit ungewöhnlicher psychologischer Finesse und emotionskräftiger Begrifflichkeit das Typische des aufgerufenen Geschichtsmoments, der Region und ihrer ethnographisch vergegenwärtigten Bevölkerungsgruppen erfassten.

Orsolya Lénárt (Budapest) beschäftigte sich mit barocker Reiseliteratur über Ungarn. Die Bildungs- und Gesandtschaftsreisen bzw. Kavaliertouren prägten das Leben des Barockmenschen, und die Reisen durch Europa bzw. in den „exotischen“ Osten motivierten die Reisenden zur Aufzeichnung eigener Erlebnisse. Im Vortrag wurden drei der Reiseliteratur zuzuordnenden Werke unter dem Aspekt der Vermittlung von Fremdbildern – v.a. Ungarnbildern – analysiert (Salomon Schweigger, Martin Zeiller und Eberhard Werner Happen).

Zu deutschsprachigen Reiseberichten über Böhmen und Mähren in der frühen Neuzeit sprach Pavlína Kleiberová (Olmütz/Olomouc). Ein grundsätzliches Forschungsdesiderat sei die Erforschung der Reiseliteratur über die böhmischen Länder. Bei den frühneuzeitlichen Reiseberichten handele es sich in den meisten Fällen um Berichte, die als Folge oder während einer längeren Reise entstanden sind. Es sind Texte, die Beschreibungen der Landschaft, Kultur, der Bewohner und deren Sitten sehr oft durch spezifische Verhaltensratschläge und andere Hinweise, zum Teil auch durch Tagebucheinträge, ergänzt werden.

Das Interesse von Michael F. Runowski (Berlin) galt Reiseberichten aus Ost- und Ostmitteleuropa von Musikern des 18. und 19. Jahrhunderts. Osteuropa war ein attraktives Reiseziel für ausländische Musiker; die russischen Metropolen waren ab dem 18. Jahrhundert blühende Musikzentren. Polen erlebte zwar nach 1795 einen massiven Niedergang, der einen Musikerexodus nach sich zog. Den Bedarf an Musikern für den Privatunterricht deckten sukzessiv Musiker aus Westeuropa. Runowski stellte Jakob v. Stählin (1709–1785), Wilhelm v. Zuccalmaglio (1803–1869) sowie Clara und Robert Schumann (1819 bzw. 1810–1896 bzw. 1856) vor.

Der Beitrag von Rafał Biskup (Breslau/Wrocław) widmete sich den ostmitteleuropäischen Reisen bei Günther Anders, Hans Lipinsky-Gottersdorf und Sabrina Janesch im 20. Jahrhundert mit dem Ziel, einzelne Darstellungen Polens aus „deutscher“ Perspektive zu analysieren.

Jan Pacholski (Breslau/Wrocław) behandelte das Bild des Riesengebirges und dessen Einwohner in Reiseberichten des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Mit dem Bau einer Laurentiuskapelle auf der Schneekoppe im 17. Jahrhundert durch den Grafen Schaffgotsch begann auch die touristische Erschließung dieses Gebirgszuges, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von den aufgeklärten Universalgelehrten aufgesucht und beschrieben wurde. Die Reiseberichte der schlesischen, böhmischen, aber auch sächsischen Wanderer, die sich in ihren Arbeiten auf berühmte Vorbilder von Schweizer Autoren Bezug nahmen, wurden zum Hauptthema des Vortrags, in welchem die klassischen Wanderrouten vorgestellt wurden.

Adrian Madej (Breslau/Wrocław) setzte sich zum Ziel, den aktuellen Stand der Debatte zum historischen Erbe im heutigen Wrocław wiederzugeben, insbesondere die Rolle der schlesischen Literatur in der Erinnerungskultur. Zu den bekanntesten zeitgenössischen polnischen Autoren von Kriminalromanen zählt der gebürtige Breslauer Marek Krajewski. Der promovierte Altphilologe hat sich mit seiner Krimiserie, deren Handlungen hauptsächlich in Breslau in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielen, nicht nur in Polen einen Namen gemacht.

Anžela Fomina (Libau/Liepāja) befasste sich mit der Darstellung der kurländischen Güter in den Werken der deutschbaltischen Autoren Ulrich von Schlippenbach und Johanna Conradi. Die Deutschbalten stellten den Adel und den Großteil des Bürgertums in den ursprünglichen baltischen Provinzen Kurland, Livland, Estland und Ösel dar. Das Gutshaus war das Zentrum der Lebenswelt des baltischen Adels in den ländlichen Regionen und Mittelpunkt der landwirtschaftlichen Aktivitäten des Gutes. Der Alltag auf den deutschbaltischen Gütern und deren Landschaften wurde in den Reiseberichten von deutschen und deutschbaltischen Autoren wiedergespiegelt.

Dr. Varvara Degtjarova (Hamburg) widmete sich der medialen Weiterentwicklung der tradierten Russlandbilder der Reiseliteratur des 18. Jahrhunderts. Die wechselseitige deutsch-russische Wahrnehmung blicke auf eine lange Geschichte zurück; sie sei von zahlreichen historischen Begegnungen, sowohl von positiven als auch negativen Erfahrungen im Laufe vieler Jahrhunderte geprägt. Das 18. Jahrhundert sei, so Degtjarova, das Zeitalter der Neuentdeckung Russlands durch die Deutschen und damit Quelle der heutigen Wahrnehmung Russlands.

Thomas Schares (Bayreuth; Bukarest/Bucureşti) untersuchte am Beispiel von Helmuth von Moltke (1800-1891), wie das Wenige, das der junge von Moltke in den 1830er Jahren aus der Dobrudscha zu berichten hat, erste Wegmarken für eine zivilisatorische Ausdeutung dieses Landstrichs setzte, die einen Kulminationspunkt während des Ersten Weltkriegs in den zahlreichen Zeugnissen deutscher Reisender aus dem zeitweise besetzten Gebiet findet. Es zeigte sich, dass sich bestimmte Muster der Wahrnehmung wiederholen und im Zuge einer soziokulturellen Wahrnehmungsmechanik, die sich aus kurrenten Strukturen einer Kulturanalyse mit kolonialen, hegemonialen und in Ansätzen rassistischen Momenten speist, das Bild einer halbzivilisatorischen und letztlich zu kultivierenden Region zeichnen.

Tünde Beatrix Karnitscher (München, Budapest) erforschte anhand der „Reise in Siebenbürgen“ von Lőrinc Szabó, einem der bedeutendsten Lyriker der modernen ungarischen Litaratur (1900-1957), die Wahrnehmung des Vertrauten in der Fremde. Die Texte über die zwei Siebenbürgenaufenthalte – seit Trianon zu Rumänien gehörig – des Autors in den Jahren 1927 und 1935. Aus ihnen wird ersichtlich, dass Szabós Reise nicht durch die Sehnsucht nach Alteritätserfahrung motiviert wurde, sondern von dem Wunsch, die unveränderte Heimat wiederzuentdecken bzw. sich auf sie zurückzubesinnen.

Marijana Erstić (Siegen) stellte zum einen die literarische Stadtgeschichte Dubrovniks vor, die deutlich europäisch geprägt ist (u.a. von Pierre de Ronsard, Marin Držić, William Shakespeare, Ivan Gundulić, Heinrich von Kleist, Achim von Arnim, Hermann Bahr, Johannes R. Becher); darüber hinaus behandelte sie die „Dalmatinische Reise“ von Hermann Bahr aus dem Jahre 1909 eingehender. Die Erfahrung der Mobilität beherberge, so die leitende These, stets das Faszinationsmuster des Fremden, das im Vortrag vom Interesse war.

András F. Balogh (Budapest und Klausenburg/Cluj-Napoca) bot in seinem Referat ein umfassendes Bild über die Reisebeschreibungen und belletristischen Texte deutscher Autoren des 17. Jahrhunderts, die nach oder über Ungarn und Siebenbürgen reisten. Die Wahrnehmung dieser Autoren Ebergard Werner Happel, Daniel Speer, Martin Zeiler, Jakob Vogel auf die Region und auf die Bevölkerung wurde von humanistischen oder reformatorischen Ideen, der sich immer stärker verbreitenden Renaissanceliteratur mit neuen empirischen Sichtweisen geprägt.

Neben den literaturwissenschaftlichen und -historischen Vorträgen und Präsentationen gab es die Begegnung mit einem zeitgenössischen Autor. Der frühere Journalist und Osteuropakorrespondent Peter Pragal, Berlin, las aus seinem „Prager Notizen 2015“ genannten Blog.


Redaktionelle Betreuung: Alexander Nebrig

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Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortBad Kissingen
Beginn25.10.2015
Ende29.10.2015
PersonName: Bogade, Marco [Dr.] 
Funktion: Projektkoordinator 
E-Mail: projektkoordinator@heiligenhof.de 
KontaktdatenName/Institution: Akademie Mitteleuropa e.V. 
Strasse/Postfach: Alte Euerdorfer Str. 1 
Postleitzahl: 97688 
Stadt: Bad Kissingen 
Telefon: +49 971/7147-14 
E-Mail: info@heiligenhof.de 
Internetadresse: http://akademie-mitteleuropa.de/de/ 
LandDeutschland
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Komparatistik (Kulturvergleich, Interkulturelle Literaturwissenschaft)
Klassifikation01.00.00 Allgemeine deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft; 05.00.00 Deutsche Literaturgeschichte
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