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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "(Off) The Beaten Track? Normierungen und Kanonisierungen des Reisens"
RessourcentypCall for Papers
Titel(Off) The Beaten Track? Normierungen und Kanonisierungen des Reisens
BeschreibungUniversität Koblenz-Landau, Campus Koblenz

Auch heute noch birgt jede Reise ein Versprechen: Im Verlauf von Aufbruch, Abenteuer und Heimkehr begegnet uns Unbekanntes, Fremdes, vor allem Freiheit von und Kontrast zu den Begrenzungen und Routinen, den ausgetretenen Pfaden des Alltags. Das Versprechen ist Teil einer Erzählung und damit (Selbst-)Stilisierung der Reise und des ‚Reisenden’ sowie der „mythisch-narrativen Organisation des Reisediskurses“ (Wolfzettel). Der Mythos des Reisens erlangt etwa durch die Entwicklung der Eisenbahn zum Massentransportmittel (Schivelbusch) mit dem Ende des 19. und dem Beginn des 20. Jahrhundert eine neue, spezifisch moderne Qualität, gleichzeitig ist er brüchig und mit den realen Reisebedingungen immer schwerer in Einklang zu bringen: Die Erschließung und gleichzeitige Entzauberung des Raums, der sich – vollständig karthographiert – kaum mehr für das Abenteuer im Unbekannten eignet, hinterlässt deutliche Spuren.

Personifikation der Normierungen, Standardisierungen und Kanonisierungen der Reise und der Reiseerlebnisse ist nun ‚der Tourist’, der als Komplementär- und Gegenfigur des ‚Reisenden’ gelten kann. Der Reisende leidet unter dem Bewusstsein der Utopie des Versprechens der Reise, der Verunmöglichung seiner Einlösung durch die imperialistische und ökonomische, die normierte und kanonisierte Praxis, die das Reisen seit Beginn der Moderne zunehmend darstellt. Reise-‚Wissen’, vorgefertigte Wahrnehmungs- und Erfahrungsschemata begrenzen den Reisenden und müssen gemieden werden, das Nicht-Wissen avanciert zur Voraussetzung einer als ‚echt’ oder ‚wahr’ empfundenen Erfahrung. Der Reise-Habitus muss sich abgrenzen, scheinbar neue Praxisformen müssen gesucht werden. Der ‚Tourist’ hingegen findet die für seine Erfahrung von (Reise-)Freiheit notwendigen Begrenzungen und Orientierungen in den vielfältigen Materialisierungen des Kanons der Reiseziele sowie der Standardisierung und Normierung von habitueller Praxis, Wahrnehmungen und Erfahrungen auf der Reise: in Reiseführern, Reiseberichten, auf Plakaten, in Sprachführern, Reisekatalogen, auf den Urlaubspostkarten und in den Fotoalben und den Diaabenden, in den multimodalen Darstellungen der audiovisuellen (neuen) Medien, in Literatur, Musik, Film, in der Werbung, im Reise-‚Büro’ und auf Websites wie tripadvisor.com oder booking.com oder in Reiseblogs und den vielfältigen Apps rund um Reise und Urlaub.

Doch auch jene, die sich als ‚Reisende’ verstehen, greifen zurück auf mediale (Re-) Präsentationen von Reiseerfahrungen, wenn auch mit dem Anspruch, dass ihnen dort wenigstens (noch) nicht kanonisierte und zur ‚Anwendung’ aufbereitete, sondern individuelle, ‚authentische’ oder ‚echte’, jedenfalls exklusive Erfahrungen dargeboten werden. Das Verhältnis von Orientierung, Information und der Reise als Mythos ist entsprechend prekär. Jedoch ist auch dieser Reise-Habitus ein modischer im Sinne Siegfried Kracauers: Eine Abgrenzung und Emanzipation von der in einschlägigen und populären Reiseführern geleisteten Kanonisierung des Raumes und der Normierung und Standardisierung seiner Erfahrung führt rasch zu einer Art ‚Gegen-Kanon’, der letztlich die gleiche Normativität für sich beansprucht(e), nur eben für eine andere (Diskurs-)Gemeinschaft.

Gereist wird jedoch nicht erst seit dem Beginn der Moderne und dem Aufkommen des Tourismus. Als Formen der Reise, die mit verbindlichen, vorstrukturierten Erfahrungsformen versehen waren, können etwa die Pilgerreise, die Grand Tour, die bürgerlichen Bildungsreisen oder die ‚Künstlerreisen’ genannt werden. Hier werden, auch wenn Normierungen des Reisens im Entstehen begriffen sind und das Reisen noch nicht unter dem Vorzeichen der Suche nach neuen Wegen steht, die Grundlagen für die weitere Entwicklung gelegt.

Im Rahmen der Tagung sollen verschiedene Formen der Kanonisierung, Normierung und Standardisierung des Reisens im Hinblick auf ihre Form und ihren diskursiven Geltungsanspruch untersucht werden. Auch die Auseinandersetzungen damit in Gestalt von Gegenbewegungen und der Suche nach dem Nicht-Normierten, dem ‚Non-Standard’, dem Gegen-Kanon des Reisens soll entsprechend Beachtung finden. Gerade bei den (auch medial) vielfältigen und oft hybriden Darstellungen von Reisen liegt eine Perspektive nahe, die sprach- und literaturwissenschaftliche sowie kulturwissenschaftliche Zugänge zusammenführt.

Das Koblenzer Konzept einer kulturwissenschaftlich orientierten integrierten Germanistik, in der disziplinübergreifend entsprechende Zugriffe realisiert werden, möchte die üblichen Grenzziehungen zugunsten einer integrativen Perspektive überwinden: Nicht der isolierte, fachspezifische Blick auf die unterschiedlichen Gegenstände soll dominieren, sondern das Miteinander verschiedener, sich reflektierender Blickrichtungen wird angestrebt. Dabei ist auch eine Annäherung an die Breite der Kommunikationsformen und Genres gewünscht, wie sie gerade für den Gegenstand Reisen typisch ist.

Die Tagung im Rahmen des Forschungsschwerpunkts „Kulturelle Orientierung und normative Bindung“ der Landesforschungsinitiative Rheinland-Pfalz (vgl. https://www.uni-koblenz-landau.de/de/orientierung) wird vom 9.-11. November 2016 an der Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz, stattfinden.

Für die Bewerbung um eine Teilnahme werden Abstracts von ein bis zwei Seiten Länge bis zum 1. März 2016 erbeten. Eher sprachwissenschaftlich orientierte Beiträge richten Sie bitte an apl. Prof. Dr. Hajo Diekmannshenke, diekmann@uni-koblenz.de, eher literaturwissenschaftlich ausgerichtete Beiträge an Prof. Dr. Uta Schaffers, schaffers@uni-koblenz.de oder an Prof. Dr. Stefan Neuhaus, neuhaus@uni-koblenz.de. Die kulturwissenschaftliche Ausrichtung bedeutet allerdings, dass inner- oder außergermanistische Fachgrenzen überschreitende Beiträge bevorzugt werden, so dass Vorschläge auch an jede/n der drei Veranstalter gerichtet werden können.

Web: https://www.uni-koblenz-landau.de/de/koblenz/fb2/inst-germanistik

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortKoblenz
Bewerbungsschluss01.03.2016
Beginn09.11.2016
Ende11.11.2016
PersonName: Prof. Dr. Stefan Neuhaus 
Funktion: Mitveranstalter 
E-Mail: neuhaus@uni-koblenz.de 
KontaktdatenName/Institution: Universität Koblenz-Landau 
Strasse/Postfach: Universitätsstr. 1 
Postleitzahl: 56070 
Stadt: Koblenz 
Telefon: 0261/287-2023 
E-Mail: neuhaus@uni-koblenz.de 
Internetadresse: https://www.uni-koblenz-landau.de/de/koblenz/fb2/inst-germanistik 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeSemiotik (Text und Bild); Sprache und Gesellschaft (Diskursanalyse, Ethnographie, Sprachkritik, Sprachplanung, Sprachpolitik); Literatur- u. Kulturgeschichte; Medien- u. Kommunikationstheorie; Motiv- u. Stoffgeschichte
Zusätzliches SuchwortReiseliteratur
Klassifikation01.00.00 Allgemeine deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft > 01.03.00 Germanistik; 04.00.00 Allgemeine Literaturgeschichte; 05.00.00 Deutsche Literaturgeschichte; 05.00.00 Deutsche Literaturgeschichte > 05.11.00 Stoffe. Motive. Themen
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