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Ergebnisanzeige "'Störungen' - Kriegsdiskurse in Literatur und Medien von 1989 bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts "
RessourcentypCall for Papers
Titel'Störungen' - Kriegsdiskurse in Literatur und Medien von 1989 bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts
BeschreibungCall for papers

'Störungen' - Kriegsdiskurse in Literatur und Medien von 1989 bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts

Wissenschaftliche Tagung in Verbindung mit dem SFB 434 "Erinnerungskulturen" der Universität Gießen vom 22.-24. Juni 2009 in Schloss Rauischholzhausen



Die Auseinandersetzung mit dem Thema ,Krieg' nimmt in der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts, nicht zuletzt aufgrund der deutschen Täterrolle im Ersten und Zweiten Weltkrieg, eine zentrale Rolle ein. Sie ist prägend für den Expressionismus, die Weimarer Republik, die Exilliteratur und die Innere Emigration. Der Krieg als Gegenstand der Literatur ist aber auch zentral für das neue Selbstverständnis der jungen westdeutschen Nachkriegsliteratur nach 1945 wie für die sich als antifaschistische Alternative zur Bundesrepublik definierende Literatur in der DDR. Das Jahr 1968 bedeutete dann für viele Autoren in Ost und West eine Zäsur, die nicht zuletzt mit der Distanz gegenüber einer Politik zusammenhing, die von Vietnam bis zur CSSR erneut dazu überging, Konflikte militärisch lösen zu wollen. Mit der Aufhebung der deutschen Teilung und den globalen Veränderungen nach 1989 ist es zu einem Umbau des ,Funktionsgedächtnisses' insofern gekommen, als nunmehr eine Neuaufnahme und Neubewertung erfolgte. Es gelangten jetzt auch jene Vorgänge, Themen und Spuren ins lebendige Gedächtnis, die über einen längeren historischen Zeitraum ausgeblendet, abgewiesen, ausgemustert oder verworfen worden waren. Krieg und Holocaust erschienen ebenso in einem anderen Licht wie Flucht, Vertreibung oder Bombenkrieg. Die nachwachsende Generation von Autoren und Autorinnen, die den Krieg nicht mehr selbst als Teilnehmer oder Augenzeugen erlebt haben, befasst sich heute gerade auch mit solchen Schlüsselthemen der deutschen Vergangenheit.

Bei Kriegen handelt es sich -- ähnlich wie bei Revolutionen -- um fundamentale Störungen der gesellschaftlichen Systemzustände, um einen sozialen ,Ausnahmezustand'. Kriege führen zur Denormalisierung und können gesellschaftlich verbindliche Werte, Normen sowie Toleranzgrenzen eines "kollektiven Normalismus" (J. Link) außer Kraft setzen. Literatur als Form der "Selbstbeobachtung von Gesellschaften" (H. Böhme) wiederum stellt ein Medium dar, in dem die durch Kriege hervorgebrachten Störungszustände thematisiert werden können.

Allerdings haben sich die externen und internen Bedingungen, unter denen das Thema ,Krieg' zum Gegenstand literarischer Darstellung wird, in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Infolge des Zusammenbruchs des Realsozialismus und des fortschreitenden Globalisierungsprozesses ist es zu einem grundlegenden Wandel der weltweiten Machtverhältnisse gekommen. Damit entfallen wichtige Voraussetzungen, die für die Konzeptionalisierung des Themas in der deutschsprachigen Literatur bis weit in die 1980er Jahre prägend gewesen sind. An die Stelle einer ,binären' Systemopposition, wie sie für das 20. Jahrhundert noch weithin bestimmend war, ist eine Vielzahl neuer ,unübersichtlicher' Konfliktlagen getreten, die vielfach nicht mehr nach dem alten, allzu reduktionistischen Muster des Kampfes zwischen verfeindeten Nationalstaaten sowie der Systemkonfrontation zwischen zwei feindlichen Blöcken zu interpretieren sind. Dazu gehören etwa die Herausforderung durch den -- nicht nur islamistischen -- Terrorismus, der Terroranschlag vom 11.9.2001 und seine Folgen, die Nachfolgekriege im zerfallenden sozialistischen Lager (u.a. Serbien, Kroatien, Georgien) sowie die militärischen Auseinandersetzungen im Nahen und Mittleren Osten oder in Afrika. Starre Dichotomien -- wie der Dualismus von Täter und Opfer, Beobachter und Kombattant, Militär und Zivilbevölkerung, realem und virtuellem Krieg -- lösen sich in diesem Kontext zusehends auf.

Hinzu kommt die wachsende Bedeutung der sogenannten Neuen Medien als kulturelles Archiv und soziales Kommunikationsinstrument, aber auch als Mittel der strategischen Kriegsführung und der politischen Rhetorik. Der forcierte Medienwandel führt zu neuen Distinktionskämpfen zwischen Literatur und audiovisuellen Medien, aber auch zur Rückbesinnung auf die je spezifische Leistungsfähigkeit von etablierten Medien der Erinnerungskultur (wie Literatur, Fotografie, Film), und hat Verschiebungen in den ästhetischen Darstellungsverfahren, etwa durch die Integration von Techniken der audiovisuellen Medien in die Literatur, zur Folge.

Die Tagung setzt sich zum Ziel, diesen aktuellen Vorgängen anhand der Kriegsdiskurse in Literatur und Medien zwischen 1989 und der Gegenwart nachzugehen. Der auch in der Gegenwart, wie bereits angedeutet, in Literatur und Film noch äußerst lebhaft und kontrovers geführte Diskurs über den Zweiten Weltkrieg, den Holocaust oder Flucht und Vertreibung nach 1945 soll daher an dieser Stelle ausdrücklich /nicht/ fortgeführt werden. Er ist schon Gegenstand mehrerer Tagungen gewesen und in einschlägigen Sammelbänden aufgearbeitet worden. Erwartet werden statt dessen Beiträge, die anhand der spezifischen Konfliktkonstellationen an der Wende zum 21. Jahrhundert den Folgen der oben skizzierten Veränderungen in Literatur und Film in strikt gegenstandsbezogenen Einzelstudien, literaturhistorisch und kulturwissenschaftlich akzentuierten Überblicksdarstellungen oder in literatur- und medientheoretisch angelegten Untersuchungen nachgehen.

Literatur und audiovisuelle Medien werden dabei als kulturelle Ausdrucksformen gefasst, die in symbolischen Inszenierungen individuelle und/oder generationsspezifische Erinnerungen für das kollektive Gedächtnis bereitstellen. Die besondere Codierung, in der das geschieht, und die speziellen Themen, Probleme und Motive, die dabei im Vordergrund stehen, sind aussagekräftig in Hinblick auf die in einer Gesellschaft praktizierten Prozesse der Gedächtnisbildung und -verarbeitung. Zugleich werden in diesen Texten individuelle, generationsspezifische und kollektive Formen von Erinnerungen gewissermaßen abgebildet und damit wiederum selbst beobachtbar. Scheinbar naturwüchsige Prozesse von Erinnerung können auf diese Weise zum Gegenstand ästhetischer Reflexion, Analyse und Kritik werden. Schließlich macht die narrative Inszenierung von Erinnerung bewusst, dass jede Form von Erinnerung und Gedächtnis immer schon den Charakter eines individuellen und sozialen Konstrukts besitzt. Die Techniken und ästhetischen Strategien, die kulturellen Deutungsmuster und Zeichensysteme, mit deren Hilfe ein bestimmtes Bild historischer Vorgänge erzeugt und dem Rezipienten vermittelt wird, können dabei bis ins Detail erforscht und geschichtlich rekonstruiert werden.
Bei der Untersuchung der Frage, welche Funktion Literatur und Medien als Formen des kulturellen Gedächtnisses in den aktuellen Kriegsdiskursen zukommt und mit welchen ästhetischen Strategien in ihnen die militärischen Konflikte am Beginn des 21. Jahrhunderts re-inszeniert werden, sollen im Rahmen der Tagung unter anderem folgende Aspekte eine Rolle spielen:

- Wie haben Literatur und Medien auf die oben skizzierten neuen Konfliktlagen und Herausforderungen der Gegenwart reagiert? Welche aktuellen Themen, Motive und Probleme werden in den Texten aufgegriffen und bearbeitet?

- Mit welchen spezifischen Narrationsstrategien und Darstellungsmitteln werden sie jeweils literarisch diskursiviert? Wie werden individuelle oder generationsspezifische Erfahrungen und Erinnerungen ästhetisch gestaltet? Wie sieht die spezifische ,Rhetorik der Erinnerung' aus? Wie lässt sich die Relation zwischen bestimmten literarischen und medialen Darstellungsmodi einerseits und bestimmten Modi der Erinnerung andererseits theoretisch und begrifflich präzise analysieren?

- In welchem Verhältnis steht diese Darstellung des Krieges zu den bislang im deutschsprachigen Raum in Literatur und Medien dominanten Praktiken literarischer Erinnerungskultur? Welche Themenbereiche werden neu erschlossen, welche etablierten Deutungsmuster, Dogmen, Tabus werden bewusst oder unbewusst überschritten und außer Kraft gesetzt? Inwiefern ist dies womöglich Folge eines literarischen Generationswechsels oder Ausdruck von Veränderungen in der jeweiligen Autorposition oder im Autorkonzept? Zeichnen sich darin Verschiebungen im kollektiven Gedächtnis der Bundesrepublik und in deren offiziellen Erinnerungspolitik ab? Kann der Kriegsdiskurs in Literatur und Medien die Funktion eines kollektiven Gegen-Gedächtnisses erfüllen oder besitzt er vor allem eine das Kollektivgedächtnis stabilisierende und legitimierende Funktion?

- Welche Folgen hat das gewandelte Medienensemble der Gegenwart für die Themen, aber auch für die Darstellungsformen und kunsttheoretischen Prämissen des literarischen Kriegsdiskurses? Welche kulturelle Funktion wird von den beteiligten Autoren den von ihnen favorisierten Medien und Genres konkret zugeschrieben? Wie wirken sich diese Prämissen auf Inhalte und Formen der Darstellung aus? Wie lässt sich die wechselseitige Beeinflussung der miteinander um die Erinnerungskultur konkurrierenden Medien demonstrieren, begrifflich präzisieren, analysieren und bewerten?

Weitere Konkretisierungen und Präzisierungen durch die Referenten/innen sind innerhalb des vorgegebenen Themenrahmens ausdrücklich erwünscht.


Bei Interesse bitten wir um Rückmeldung mit einem konkreten Themenangebot bis zum 31. Oktober 2008 an eine der beiden folgenden Adressen:


Prof. Dr. Carsten Gansel
Justus-Liebig-Universität Gießen
FB 05 Sprache, Literatur, Kultur
Institut für Germanistik
Otto-Behaghel-Str. 10
35394 Gießen
Carsten.Gansel@germanistik.uni-giessen de


Prof. Dr. Heinrich Kaulen
Philipps-Universität Marburg
FB 09 Germanistik u. Kunstwissensch.
Institut für Neuere deutsche Literatur
Wilhelm-Röpke-Str. 6 A
35039 Marburg
kaulen@staff.uni-marburg.de



Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortRauischholzhausen
Bewerbungsschluss31.10.2008
Beginn22.06.2009
Ende24.06.2009
PersonName: Carsten Gansel [Prof. Dr.], Heinrich Kaulen [Prof. Dr.] 
Funktion: Kontakt 
E-Mail: Carsten.Gansel@germanistik.uni-giessen de , kaulen@staff.uni-marburg.de 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteratur nach 1945; Literatur- u. Kulturgeschichte
Klassifikation19.00.00 1990 bis zur Gegenwart > 19.09.00 Stoffe. Motive. Themen
Ediert von  H-Germanistik
Ein Angebot vonGermanistik im Netz
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