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Ergebnisanzeige "„Wir sind Experimente: wollen wir es auch sein!“ Experiment und Literatur 1790–1890 "
RessourcentypKonferenzen, Tagungen, Kolloquien
Titel„Wir sind Experimente: wollen wir es auch sein!“ Experiment und Literatur 1790–1890
Beschreibung„Wir sind Experimente: wollen wir es auch sein!“
Experiment und Literatur 1790–1890

Tagung an der ETH Zürich, 9.–11. Oktober 2008
ETH Hauptgebäude, Rämistr. 101, G 60, Aula


Der Begriff ‚Experiment‘ bezeichnet seit dem 17. Jahrhundert ein zunehmend an Bedeutung gewinnendes, bestimmendes Moment der gesellschaftlichen Moderne. Er meint im allgemeinen Sprachgebrauch eine Haltung des Probierens, die Erkundung eines Neuen, das durch Vorgaben geleitete und kontrollierte Vordringen auf ein unbekanntes Gebiet und stellt so, in seiner konstitutiven Verschmelzung von performativen und repräsentativen Verfahren, eines der wichtigsten Instrumente der neuzeitlichen Wissensproduktion dar. Der ‚Versuch‘ als explorative Praxis ist damit ein gleichermaßen vages wie zentrales Verfahren moderner Kultur; es ist daher für das Selbstverständnis einer Wissensgesellschaft von großem Interesse, seine Tragfähigkeit und Bedeutung in neuralgischen Bereichen seines Gebrauchs zu untersuchen.
Dem Experiment als kultureller Tätigkeit und den sich daraus ergebenden Produkten ist das Projekt „Experimentierkunst. Poetologie und Ästhetik des Versuchs in Neuzeit und Moderne“ gewidmet, das im Rahmen der seit Oktober 2006 bestehenden SNF-Förderprofessur für Literaturwissenschaft an der ETH Zürich verfolgt wird. Die Definitionsmacht über das ‚Experimentelle‘, so der Ansatz des Projekts, liegt nicht prinzipiell bei der Wissenschaft und ihren Praktiken; vielmehr ist die Koevolution einer allgemeinen ‚Kunst des Versuchs‘ während des 17. und 18. Jahrhunderts in verschiedenen Feldern des Wissens, im Speziellen in Literatur und Naturlehre, der Ausgangspunkt, von dem aus der ‚Versuch‘ als epistemologische und poetologische Kategorie sowie als kulturgeschichtliches Konzept erschlossen werden soll. Dabei wird davon ausgegangen, dass auch im 19., 20. und 21. Jahrhundert mehrere Paradigmen und Kulturen des ‚Versuchs‘ nebeneinander existieren und dass die Bedeutung des Experiments für die Moderne deshalb nur einer die Disziplinen übergreifenden Untersuchungsmethode zugänglich wird. Es wird damit, in synchroner wie diachroner Perspektive, nach der Partizipation von Literatur am allgemeinen und spezifizierten Wissen und nach der Bedeutung von Fiktion, Rhetorik und Narrativik für die Wissenschaften gefragt. Das Interesse richtet sich, mit methodischen, theoretischen, systematischen und historischen Fragestellungen, auf die explorative Funktion des Schreibens und verfolgt die spezifischen Techniken und Möglichkeiten der Schriftlichkeit, ihre repräsentativen und performativen Qualitäten, in verschiedenen Diskursformen. Im Rahmen des Projekts sind den historischen Konzepten der Verbindung von Experiment und Literatur drei Tagungen gewidmet, die sich in zeitlicher Abfolge mit Experimentalkulturen vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart befassen.

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Die erste Tagung, die vom 7. bis 9. Dezember 2007 an der ETH Zürich und am Collegium Helveticum stattfinden wird, beschäftigt sich mit der Zeit von 1580 bis 1790 und untersucht die Beziehung von Erfahrungswissenschaft und Literatur für eine Zeitspanne, in der sich die beiden Bereiche selbst in einer Etablierungs- bzw. Restrukturierungsphase befinden. Die zweite Veranstaltung wendet sich nun der Periode von 1790 bis 1890 zu und fragt nach der Relevanz des ‚Experiment‘-Konzepts unter den medialen, erkenntnistheoretischen und ästhetischen Bedingungen einer sich konstituierenden funktional differenzierten Gesellschaft, in der Wissenschaft und Kunst eigenständige Systeme ausbilden. Diese historische Situation ermöglicht im 19. Jahrhundert ein dynamisches Verhältnis zwischen Wissenschaft und Literatur, das einerseits geprägt ist durch Entgegensetzung und Konkurrenz, in dem anderseits aber auch weiterhin traditionelle Verbindungen der beiden Bereiche gepflegt und neue Weisen der Wiederannäherung ausprobiert werden. Zusätzlich tritt im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts zunehmend ‚Technik‘ als praktische Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse mit weit reichender gesellschaftlicher Wirkung als interferierender Faktor auf, der diesen Zusammenhängen zusätzliche Komplexität verleiht. Das Experiment fungiert dabei als ein sich verzweigender Komplex, in dem Gegensätzlichkeit und Gemeinsamkeit von Kunst und Wissenschaft verhandelt werden.
Der Fokus der Tagung ist deshalb vor allem auf drei Aspekte und die damit sich verknüpfenden methodischen und inhaltlichen Problemstellungen gerichtet: erstens den wechselseitigen Austausch zwischen den Wissensformen und die jenseits etablierter Disziplinen und Diskursformen konstituierten experimentellen Zwischenräume des Wissens, zweitens die Weisen der Reflexion von wissenschaftlichen Wissensbeständen durch die Literatur und die Künste, und drittens eine spezifische literarische Traditionsbildung des ‚Versuchs‘. Die Zeit von Romantik bis Naturalismus soll in den Beiträgen der Tagung sichtbar werden als eine Groß-Epoche, in der sich mit und neben der Konsolidierung des Experiments als Königsweg der Erkenntnisgewinnung in den Wissenschaften eine Vielzahl von Experimentalkulturen herausbildet, die alle, wenn auch in verschiedenem Maße, Anteil haben an epistemologischen und poetologischen Fragestellungen. Sie wird damit auch deutlich als ein historischer Versuchsraum, in dem mit Erkenntnis und Erzählung, Tatsache und Rhetorik, Fakten und Fiktionen mögliche Welten entworfen und geschaffen werden. Was ein ‚Experiment‘ unter diesen Umständen sei, auf welche Prozeduren und Verfahren es sich stützt, was es dabei hervorbringt, wie es dargestellt wird und welche Ziele und Zwecke es verfolgt, muss dabei von Fall zu Fall neu diskutiert werden.


Das Programm:

Donnerstag, 9. Oktober 2008

09.00

Michael Gamper, Zürich: Begrüssung und Einleitung

09.30

Mario Grizelj, München: Die „gebildete Wildniß“ des romantischen Romans und die Epistemologie der Form als Poetologie des Experiments um 1800

10.15

Britta Herrmann, Bayreuth: Dichtung als „Experimentalphysik des Gemüths“ und als Methode des Plastisierens: Poetik, Epistemologie und Wissenschaften um 1800


11.30

Rupert Gaderer, ICI Berlin: Medientechniken. „Physikalische Experimente“ und „Geistererscheinungen“ bei E.T.A. Hoffmann

12.15

Jutta Müller-Tamm, Berlin: Selbstversuch und Literatur in der Romantik


15.00

Ingrid Wurst, Konstanz: Das Experiment der Revolution. Görres’ literarisches Soziallabor.

15.45

Sabine Schimma, Weimar: Zwischen Bild und Text: Goethes Darstellungen seiner Farbexperimente


17.00

Friedrich Steinle, Wuppertal: Goethes Versuch über den Versuch und die experimentelle Naturforschung


Freitag, 10. Oktober 2008

09.00

Viola van Beek, Berlin: Experimentelle Ästhetik bei Kleist? – Plötzliche Wendungen, drängende Umstände und sonderbare Erscheinungen in Heinrich von Kleists Erzählungen

09.45

Stefan Andriopoulos, Columbia, NY: Die Experimental-Metaphysik des animalischen Magnetismus bei Schopenhauer


11.00

Boris Previsic, Basel: Zur Inversion des Subjekt- und Objektbegriffs – das medizinische und literarische Experiment bei Büchner

11.45

Roland Borgards, Würzburg: Woyzeck als Experiment


14.30

Eva Johach, Berlin: Tanzende Tische, kollektive Psychographien. Zur Experimentalkultur des Tischerückens in den 1850er Jahren

15.15

Nicolas Pethes, Hagen: Literarische Mind Control: August Strindbergs 'Vivisektionen' als Fallgeschichte eines Bewusstseinsexperiments


16.30

Martin Stingelin, Dortmund: „In Wahrheit heißt etwas wollen ein Experiment machen, um zu erfahren, was wir können“. Zur Ereignishaftigkeit der von Friedrich Nietzsche inszenierten Schreib-Szene

17.15

Christine Blättler, Potsdam/Berlin: Versucher im zweifachen Sinn. Zu Nietzsches experimenteller Epistemologie



Samstag, 11. Oktober 2008

09.00

Helmut Müller-Sievers, Northwestern, IL: Werkstatt statt Labor: Erzähltechnik und Bewegungszwingung im 19. Jahrhundert


09.45

Martina Wernli, Zürich: „Theoretisch mögen Sie Recht haben, Mr. Fogg, doch in der Praxis...“ – Die Wette und das Experiment bei Jules Verne

10.30

Ekkehard Knörer, Berlin: „That sounds like nonsense, but it is pure onsense!“ William James’ Selbstversuche mit der Anästhesie


11.45

Katrin Solhdju, Berlin: Auto(bio)graphische Pflanzen im Experiment. Gustav Theodor Fechner und Jagadis Chunder Bose

12.30

Riccardo Nicolosi, Konstanz: Degeneration als Leerstelle. (Gegen)Experimente im russischen Naturalismus






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ETH Zürich
Prof. Dr. Michael Gamper
SNF-Förderprofessur für Literaturwissenschaft
Rämistrasse 101, HG E 69.2
CH-8092 Zürich
Tel. ++41 44 632 48 42
gamper@gess.ethz.ch


Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortZürich
Beginn09.10.2008
Ende11.10.2008
PersonName: Michael Gamper [Prof. Dr.] 
Funktion: Kontakt 
E-Mail: gamper@gess.ethz.ch  
KontaktdatenName/Institution: ETH Zürich 
Strasse/Postfach: Rämistrasse 101, HG E 69.2 
Postleitzahl: CH-8092 
Stadt: Zürich 
LandSchweiz
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeHistorische Semantik (Wissensgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Ideengeschichte); Literatur 1770 - 1830; Literatur 1830 - 1880
Klassifikation13.00.00 Goethezeit > 13.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte; 14.00.00 Romantik > 14.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte; 15.00.00 19. Jahrhundert > 15.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte
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