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Ergebnisanzeige "Öffentlichkeiten. Ästhetisch-politische Imaginationen und Praxen"
RessourcentypCall for Papers
TitelÖffentlichkeiten. Ästhetisch-politische Imaginationen und Praxen
BeschreibungÖffentlichkeiten. Ästhetisch-politische Imaginationen und Praxen

Tagung vom 07.07. bis 09.07.2016 an der Leibniz Universität Hannover

Die Vorstellung der Gesellschaft als Öffentlichkeit bildet eines der zentralen Deutungsmuster moderner westlicher Gesellschaften. Dieses ist zum einen durch die Idee gekennzeichnet, dass das soziale Band auf sinnliche Vermittlung angewiesen ist. Zum anderen, dass sich die jeweils konkrete Ausgestaltung der sozialen Verbindungen prinzipiell auch anders realisieren ließe und damit das Produkt von Entscheidungen und Ausschlüssen darstellt. Die Öffentlichkeit lässt sich deshalb durch ihre ästhetisch-politische Doppelnatur charakterisieren. Das impliziert, dass Öffentlichkeit in einem sehr viel umfassenderen Sinne verstanden ist, als allein in der Bedeutung von argumentativer Diskursivität und ›öffentlicher Meinung‹. Dass in einem solchen weiten Verständnis den Künsten als Amtsverwesern des Ästhetischen eine wichtige Rolle in theoretischen Entwürfen der Gesellschaft als Öffentlichkeit zugeschrieben wird und auch viele Kunstwerke ihre Wirkungsästhetik auf diese Vorstellung gründen, verwundert daher kaum. Die Tagung zum Thema Ästhetisch-politische Imaginationen und Praxen möchte sich zwei Fragenkomplexen widmen: Als systematisches Ziel verfolgt sie eine Konzeptualisierung von Kunst und Literatur als ästhetisch-politische Öffentlichkeiten. Ihr historisches Interesse gilt darüber hinaus dem praxeologisch-performativen Denken avant la lettre mit besonderem Augenmerk auf die Geschichte der Kunst und Literatur und ihrem Anteil an der Formierung von Öffentlichkeiten. Dabei konzentriert sich die Tagung auf den Zeitraum zwischen dem 18. Jahrhundert und der Gegenwart. Regional liegt der Schwerpunkt auf dem deutschsprachigen Raum.

Drei imaginäre Entwürfe des Sozialen waren und sind immer noch prägend für die westliche Moderne: Die Gesellschaft als Nationalstaat, die Gesellschaft als Markt und die Gesellschaft als Öffentlichkeit (Taylor 2004). Unterscheiden lassen sich die Entwürfe hinsichtlich ihrer Grundprämissen: Die Nation setzt mit der Geburts- oder Schicksalsgemeinschaft einen Kollektivbegriff voraus und leitet davon das Individuum ab. Umgekehrt setzt die Vorstellung von der Gesellschaft als Markt eine spezifische Vorstellung des Individuums voraus und konstruiert aus der Aggregation ihrer Handlungen den Markt als Kollektivkonzept. Für die Vorstellung von der Gesellschaft als Öffentlichkeit gelten Individuum und Kollektiv als gleichursprünglich. Während die imaginären Grundlagen der Nation (Giesen 1993, 1999, Matala de Mazza 1999, Hebekus, Matala de Mazza, Koschorke 2003, Lüdemann 2004, Koschorke u. a. 2007) und des Marktes (Vogl 2004, 2010, 2015) mittlerweile sehr gründlich erforscht sind, fehlen vergleichbare Studien für die Öffentlichkeit. Ziel der Tagung ist es daher deren imaginäre Grundlagen und die zugehörigen Praxen näher zu erkunden.

Systematisch sucht die Tagung dabei Anschluss an Konzepte wie das der ›Zivilgesellschaft‹ oder ›Bürgergesellschaft‹ (Cohen, Arato 1994, Adloff 2005, Keane 2013), sowie an Überlegungen zur ›radikalen Demokratie‹ (Lefort 1986, Rancière 2008 – dazu: Marchart 2010, Bedorf, Röttgers 2010, Hebekus, Völker 2012). Im Kern dieser Konzeptionen und ihrer historischen ›Vorläufer‹ steht eine nähere Bestimmung des Verhältnisses zwischen dem ›Ästhetischen‹ und ›Politischen‹. Die beiden Grundbegriffe sowie ihr Wechselverhältnis können dabei ganz unterschiedlich entworfen werden. Mit Elliott und Turner (2012) etwa ließen sich idealtypisch drei Arten von Entwürfen unterscheiden. Der ›ästhetisch-politische‹ Charakter von Öffentlichkeiten wäre dann als Ausdruck von Solidarität, Agonalität oder Kreativität zu verstehen.
Dass von Künsten wichtige Impulse zur Gestaltung der Öffentlichkeit ausgehen, ist nicht nur unbestritten, sondern in letzter Zeit eigens betont worden (Reckwitz 2006, 2012). Die Gestaltungskraft der Künste ist dabei aber vor allem am Beispiel von Zeitungsdiskursen, Bildkünsten, Theater oder Performances entwickelt worden. Die spezifischen Rollen, die auch andere Erscheinungsformen von Literatur bei der Konstitution von Öffentlichkeiten einnehmen können, sind dagegen verhältnismäßig wenig ausgearbeitet. Zudem ist ihre politische Wirksamkeit nicht immer ausreichend mitberücksichtigt. Gedacht ist dabei an Geselligkeiten, Spiele, Feste, Rituale, Lesungen, Diskussionsrunden, Ausstellungen und Unterricht (Menninghaus 1989, 1994, Braungart 1996, Jaeger, Willer 2000, Primavesi 2008, Wiethölter, Pott, Messerli 2008, Martus, Spoerhase 2009, Binczek, Dembeck, Schäfer 2013, Büttner 2015). In einem praxistheoretischen Verständnis von Kunst und Literatur treten ihre Prozessualität sowie performative Wirksamkeit in den Fokus. Denn ästhetische-politische Öffentlichkeiten sind stets im Wandel begriffen und nehmen aufeinander Einfluss. Das zwingt dazu, theoretische Dichotomien (Text vs. Performanz, Literatur vs. andere Kunstformen) produktiv aufzuweichen und die Medialität sowie Materialität von Literatur systematisch miteinzubeziehen. Nicht zuletzt ermöglicht ein praxeologisch-performativer Ansatz auch eine Selbstreflexion der Literatur- und Kulturwissenschaften bezüglich ihrer Rolle innerhalb verschiedener Öffentlichkeiten (Bachmann-Medick 2007, Fischer-Lichte 2014).

Historisch sind verschiedene Semantiken des ›Öffentlichen‹ zu differenzieren und auf Akteursgruppen rückzubeziehen, denn die Begriffsgeschichte der modernen ›Öffentlichkeit‹ zeigt, dass eine Vielfalt von politischen, moralischen und ästhetischen Erscheinungsformen unter dem Begriff gefasst wurde (Hölscher 1978). Dabei ist die spezifische Rolle von KünstlerInnen, und insbesondere von LiteratInnen, näher zu klären. Weiter ist zu fragen, welche verschiedenen Füllungen und Wechselverhältnisse des ›Ästhetischen‹ und ›Politischen‹ sich abzeichnen und welche Begrifflichkeiten, Metaphoriken und Narrative die imaginären Entwürfe mobilisieren. Mit Blick auf längere Zeitläufe kann man (De)Politisierungs- und (De)Ästhetisierungsbewegungen von Öffentlichkeiten beobachten. Hierbei ist es interessant, Konjunkturen näher zu beschreiben und ihre Einflussfaktoren auszumachen.

Dem Wechselverhältnis von Handlungen und verschiedenen Explikationsformen sowie eine kritische Rekonstruktion verschiedener Selbst- und Fremdbeschreibungen sollen sich die Beiträge der Tagung widmen. Methodisch schlägt die Tagung zur (Re)Konstruktion aktueller und historischer ›Öffentlichkeiten‹ dafür einen ›praxistheoretischen‹ Ansatz (Reckwitz 2008, Schmidt 2012, Hillebrandt 2014, Schäfer 2015) vor, da dieser Idealismen vermeidet. Ein solcher Zugang unterstellt, dass jede individuelle Handlung auf andere Menschen bezogen ist. Dadurch ist jede Handlung öffentlich, lediglich der Grad an Öffentlichkeit variiert. In diesem Sinne gibt es nicht die eine Öffentlichkeit, die sich durch bestimmte Wesensmerkmale von anderen Institutionen wie Wirtschaft oder staatlicher Verwaltung abgrenzen lässt. Vielmehr werden verschiedene Öffentlichkeiten durch Handlungen konstituiert, aufgelöst, verwandelt und zueinander ins Wechselspiel gesetzt. Die Institutionenstruktur der Gesellschaft (so auch der Staat, die Wirtschaft etc.) ist in der Folge als Ausformung verschiedener Öffentlichkeiten zu reformulieren. Weiter unterstellt der Ansatz, dass es Bedeutungen nicht vorgängig gibt, sondern diese erst durch Handlungen performativ erzeugt werden. Manche dieser Bedeutungen können sich ausbreiten und zu kollektiv geteilten Hintergrundüberzeugungen werden. Als solche leiten und koordinieren sie das Handeln der öffentlichen Akteure. Die Handlungen können von den Akteuren etwa als ›politisch‹ und/oder ›ästhetisch‹ aufgefasst werden. Diese Zuordnungen bleiben jedoch meist implizit. Allerdings lassen sie sich von den Akteuren selbst oder als äußere Zuschreibung explizieren. Das kann sowohl konkret sinnlich als sogenanntes ›Social Imaginary‹ durch Populärkultur und Kunst als auch in Form abstrakter Theorie durch die Philosophie und Wissenschaft geschehen (Taylor 2004, 23–30). Da die Explikationen jedoch immer nur einen Teil der komplexen Handlungswirklichkeit erfassen, kann es zu divergierenden Beschreibungen ein und derselben Öffentlichkeit kommen.
Dabei können die innerhalb der Tagung zu rekonstruierenden historischen Auffassungen von ›Öffentlichkeit‹ selbst durchaus essentialistisch gedacht sein. Auch werden sich negative Bezugsverhältnisse zwischen dem ›Ästhetischen‹ und dem ›Politischen‹ feststellen lassen. Zu denken ist etwa an den Versuch, beides strikt zu trennen, wodurch das ›Ästhetische‹ entweder sein Eigenrecht verliert und nur mehr als defizitäre Ausdrucksform des ›Politischen‹ aufgefasst wird. Oder aber die potentiell öffentlichen Ausdrucksformen werden allein ›ästhetisch‹ behandelt, wodurch das ›Ästhetische‹ zum Gegenbegriff des ›Politischen‹, zum schlechterdings ›Unpolitischen‹, avanciert (Ezrahi 2012, 118–134). Aufgabe der Tagungsbeiträge ist es jedoch, diese Ansätze historisch zu explizieren und kritisch-dekonstruktiv vollzugstheoretisch zu reformulieren. Insgesamt stehen damit folgende Fragen im Zentrum, die theoretisch und/oder an Fallbeispielen diskutiert werden sollen:

• Welche Typen ›politisch-ästhetischer‹ Öffentlichkeiten lassen sich historisch und systematisch unterscheiden?
• Wie werden das ›Ästhetische‹ und das ›Politische‹ der Öffentlichkeiten innerhalb der imaginären Entwürfe des Sozialen und Theorieentwürfe historisch näher bestimmt und systematisch aufeinander bezogen? Welche historischen Entwürfe von ›Öffentlichkeit‹ lassen sich finden und wo wird die Literatur und Kunst darin situiert?
• Welche Faktoren und Strategien sind im Zusammenhang von ›(De)politisierung‹ und/oder ›(De)ästhetsierung‹ von Öffentlichkeiten zu beobachten?
• Wo lassen sich Umschlagpunkte des Selbstverständnisses und der Zuschreibungen von ›ästhetisch‹ zu ›politisch‹ und umgekehrt festmachen?

Eine anschließende Publikation der Tagungsbeiträge ist geplant.

Bewerbung: Bitte schicken Sie uns ein ca. 1-seitiges Exposé mit dem Thema und der Fragestellung, die Sie in einem Kurzvortrag von 20-25 Minuten zur Diskussion stellen möchten an lisa.bergelt@germanistik.uni-hannover.de und urs.buettner@germanistik.uni-hannover.de. Bewerbungsschluss ist der 31.01.2016.

Reisekosten: Reise- und Übernachtungskosten können im Rahmen der Richtlinien der Graduiertenakademie der Universität Hannover erstattet werden.
Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortHannover
Bewerbungsschluss31.01.2016
Beginn07.07.2016
Ende09.07.2016
PersonName: Lisa Bergelt 
Funktion: Wissenschaftliche Mitarbeiterin 
E-Mail: lisa.bergelt@germanistik.uni-hannover.de 
KontaktdatenName/Institution: Deutsches Seminar, Leibniz Universität Hannover 
Strasse/Postfach: Königsworther Platz 1 
Postleitzahl: 30167  
Stadt: Hannover 
Telefon: +49 511 762 5903 
E-Mail: lisa.bergelt@germanistik.uni-hannover.de 
Internetadresse: www.germanistik.uni-hannover.de 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteratur 1770 - 1830; Literatur 1830 - 1880; Literatur- u. Kulturgeschichte; Literatursoziologie; Medien- u. Kommunikationstheorie; Theater (Aufführungspraxis)
Ediert von  H-Germanistik
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