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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Grenzüberschreitungen. Migration und Literatur aus der Perspektive der Literatursoziologie"
RessourcentypCall for Papers
TitelGrenzüberschreitungen. Migration und Literatur aus der Perspektive der Literatursoziologie
BeschreibungAbschlusskonferenz des WWTF-Projekts „Literature on the Move“
Zeit: 20.-21. Juni 2016
Ort: Österreichische Akademie der Wissenschaften, Theatersaal, Sonnenfelsgasse 19, 1010 Wien

Call for Papers

Das Projekt „Literature on the Move“ beschäftigt sich mit Autoren und Autorinnen, die als Zuwanderer nach Österreich kamen. Dabei beschränkt es sich nicht, wie die bisherige Forschung, ausschließlich auf die Textanalyse. Vielmehr entwickelten wir auf Basis von Pierre Bourdieus Untersuchungen zum literarischen Feld, die wir um internationale und transnationale Perspektiven ergänzten, einen neuen Zugang zu dieser Literatur, der sich der Frage widmet, wie die Autoren und Autorinnen sich im literarischen Feld ansiedeln. Dies beinhaltet einerseits ihre Selbstpositionierung in ihren Werken sowie über bestimmte Veröffentlichungsorgane, andererseits die Positionierung ihrer Person und Werke im Feld durch Verlage, Kritik, Preise etc. Auf Basis dieses Ansatzes analysiert unser Projekt, wie es zugewanderten Autorinnen und Autoren seit den 1990ern gelang, die Grenzen eines literarischen Feldes zu überwinden, das sich in den 1970er und 1980er Jahren nationalisierte, was unter anderem zur Folge hatte, dass die muttersprachliche Kenntnis des Deutschen zur Voraussetzung für literarische Kreativität avancierte. Spezifisch geht es dabei um die Fragen, ob und wie die Schriftsteller und Schriftstellerinnen in Kooperation mit anderen Akteuren im Feld ihre transnationalen Biographien und ihre Mehrsprachigkeit in Kapital verwandelten und ob und wie sie dabei versuchten, der Nische „Migrationsliteratur“ zu entkommen.
Unser Projekt behandelt nicht nur Autoren und Autorinnnen, die in diesem Zusammenhang in Österreich bekannt geworden sind und inzwischen als etabliert gelten, wie Vladimir Vertlib, Dimitré Dinev, Julya Rabinowich und Anna Kim, sondern auch solche, die sich in einer eingeschränkten Öffentlichkeit einen Namen machten, aber bisher wenig wissenschaftliche Aufmerksamkeit erhielten, wie Seher Çakır, Stanislav Struhar und Ilir Ferra. Schließlich versuchten wir die Grenzen bisheriger Forschung auf drei weitere Weisen zu überschreiten. Erstens bezogen wir Autoren und Autorinnen ein, die nicht in deutscher Sprache schreiben, wie Tanja Maljartschuk, die in der bisherigen Forschung zu Literatur und Migration vernachlässigt werden. Zweitens erweiterten wir unseren Blick um jene, bei denen die Zuwanderung für ihre Ansiedlung im Feld keine Rolle spielte, wie Doron Rabinovici, bzw. um jene, die sich mit Migration auseinandersetzen, aber selbst nicht zugewandert sind, wie Susanne Scholl. Und drittens stellten wir uns die Frage, wie sich Zuwanderer vor den 1970ern im österreichischen
literarischen Feld ansiedelten.

Unsere Ergebnisse zeigen, dass Autoren und Autorinnen nicht-deutscher Muttersprache in Österreich
in den 1990er Jahren viel stärker um ihre Anerkennung im literarischen Feld kämpfen mussten als in den frühen 1930er Jahren bzw. den 1950er und 1960er Jahren. Elias Canetti, Milo Dor und György
Sebestyén wurden mit einer gewissen Selbstverständlichkeit im österreichischen literarischen Feld
aufgenommen. Dieses bot Autoren und Autorinnen insbesondere aus den ehemaligen Gebieten der
Habsburgermonarchie, aber auch darüber hinaus lange Zeit die Möglichkeit, in Wien Schriftsteller
und Schriftstellerinnen zu werden, so lange sie sich der sprachlichen und kulturellen Hegemonie unterwarfen, das heißt, sich in die deutsche Sprache und in deutschsprachige literarische Traditionen einschrieben. Erst die nationale Schließung der 1970er Jahre hatte zur Folge, dass literarische Kreativität nur mehr denjenigen vorbehalten war, deren Muttersprache Deutsch ist. Diese Ausgrenzung wurde in den 1990er Jahren sichtbar, als sich verschiedene Akteure im literarischen Feld gegen die steigende Fremdenfeindlichkeit in Österreich zu engagieren begannen und den Mangel an Stimmen von Einwanderern bemerkten, die in der Öffentlichkeit Stellung nehmen könnten. Viele Akteure im literarischen Feld begannen daraufhin, solche Stimmen aktiv zu fördern und gemeinsam mit den Autoren und Autorinnen um die Anerkennung ihrer Texte als Literatur zu kämpfen, ein Prozess, der sich auch in die Werke selbst einschrieb. Bekannte Persönlichkeiten wie Vladimir Vertlib, Dimitré Dinev und Julya Rabinowich zeigen, dass deutsche Muttersprache inzwischen keine Voraussetzung mehr für die Anerkennung im österreichischen literarischen Feld ist. Zudem gelang es diesen, Immigration auch als Thema in die österreichische Literatur einzubringen. Das heißt jedoch nicht, dass alle Grenzen überwunden wurden. So spielt Mehrsprachigkeit in den anerkannten Texten so gut wie keine Rolle. Gleichzeitig entwickelten sich im Bereich von Literatur und Migration Normen, die Texte ausgrenzen, die nicht als interkulturell und grenzüberschreitend angesehen werden. Schließlich finden Autoren und Autorinnen, die nicht in deutscher Sprache schreiben, kaum Aufmerksamkeit, auch wenn sich an diesen zeigt, wie Grenzen bereits lange vor dem Sprachwechsel in Frage gestellt werden.

Unsere Abschlusskonferenz hat zum Ziel diese Ergebnisse vorzustellen und mit anderen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, die zu Migration und Literatur im deutschsprachigen Raum forschen, aus vergleichender Sicht zu diskutieren. Einerseits sollen die Entwicklungen in Österreich aus einer breiten Perspektive mit jenen in Deutschland und der Schweiz verglichen werden. Walter Schmitz aus Dresden und Martina Kamm aus Zürich sind für Überblicksvorträge zu Deutschland und der Schweiz eingeladen. Andererseits bitten wir um Vorschläge für Vorträge, die unsere Einsichten in konkreten Untersuchungen zu (anderen) einzelnen Autoren und Autorinnen in Österreich, Deutschland und der Schweiz erweitern und ergänzen. Dabei werden Vortragsvorschläge bevorzugt, die inhaltlich oder methodisch an unsere Fragestellungen anschließen.

Bitte senden Sie Ihre Vortragsvorschläge bis zum 31. Januar 2016 an Wiebke Sievers (wiebke.sievers@oeaw.ac.at). Diese sollten nicht mehr als 250 Wörter umfassen und mit einer kurzen Biographie des/der Vortragenden ergänzt werden. Bis Ende Februar wird über die Annahme der
Vorträge entschieden. Eine vorläufige schriftliche Version des Vortrags sollte als Basis für die Diskussion bis 1. Juni 2016 vorliegen.

Weitere Informationen zum Projekt „Literature on the Move“ finden Sie auf unserer Website unter:
http://www.litmove.oeaw.ac.at/

Dieses Forschungsvorhaben wird vom WWTF im Rahmen des Wiener Impulsprogramms für Geistes-,
Sozial- und Kulturwissenschaften gefördert.

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortWien
Bewerbungsschluss31.01.2016
PersonName: Sievers, Wiebke [Dr.] 
E-Mail: wiebke.sievers@oeaw.ac.at 
KontaktdatenName/Institution: Österreichische Akademie der Wissenschaften 
Strasse/Postfach: Postgasse 7/4/2 
Postleitzahl: 1010 
Stadt: Wien 
LandÖsterreich
Ediert von  H-Germanistik
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