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Ergebnisanzeige "Kulturtheoretische Wandlungen. Hat sich ein katholischer Tonfall in den Kulturtheorien herausgebildet?"
RessourcentypVortragsreihen
TitelKulturtheoretische Wandlungen. Hat sich ein katholischer Tonfall in den Kulturtheorien herausgebildet?
BeschreibungKulturtheoretische Wandlungen. Hat sich ein katholischer Tonfall in den Kulturtheorien herausgebildet?
Ringvorlesung WS 2015/16
LMU München
Donnerstags, 18 Uhr c.t.
Schellingstr. 3 VG S 002

Veranstaltet von Mario Grizelj und Julian Müller
Institut für Deutsche Philologie und Institut für Soziologie der LMU München

Entgegen der Neubestimmung ‚der‘ Religion bzw. ‚des‘ Religiösen im Rahmen des sogenannten religious turn gibt es Stimmen, die behaupten, dass man inmitten vordergründiger Modernisierungs- und Säkularisierungsbewegungen – gerade in Deutschland – doch stets so etwas wie einen fast unmerklichen, aber doch dominanten protestantischen Zug ausmachen konnte, der das Denken und Forschen, Fragestellungen und Methoden bestimmt hat. Jürgen Habermas etwa spricht von einem „protestantischen Hauptstrom des deutschen Denkens seit Kant“ und kommt nicht umhin, sich hierzu selbst hinzuzurechnen. Damit soll nicht nur der sich in Wertdiskussionen und Bildungsdebatten äußernde sogenannte ‚Kulturprotestantismus‘ gemeint sein, auch nicht allein die Tradition der sich aus dem Milieu der Pfarrerssöhne und -töchter rekrutierenden elitären Intelligenz deutscher Dichter und Denker, sondern vor allem die grundsätzlich protestantische Wort- und Bestimmungsgläubigkeit. Wie auch immer das Verhältnis von Transzendenz und Immanenz, von der Welt der Menschen und der Welt Gottes zu fassen, wie schwerwiegend spirituelle und gesellschaftliche Krisen auch immer sein mögen, es gibt die Schrift und es gibt das Wort, auf die Verlass sein kann. Verlass im Rahmen einer denotativen und abgeklärten Rede, die auf die konsensuelle Kraft des vernünftigen Wortes und des besseren Arguments vertraut. Polemisch ließe sich durchaus sagen, dass gerade in Deutschland Protestantismus und Rationalisierung in einem wechselseitigen Bedingungsverhältnis, ja tatsächlich in einem Verhältnis der mise en abyme zueinander stehen, das sich in Institutionen ebenso niedergeschlagen hat wie in einem Werte- und Bildungskanon, in Karriere- und Rollenmustern, in Formen der Selbstdisziplinierung oder einem spezifischen Arbeitsethos.

Unserer Idee der ‚kulturtheoretischen Wandlungen‘ geht es nun nicht darum, dem Protestantismus ideologisch oder ideengeschichtlich, vor allem auch nicht theologisch zu begegnen, sondern schlicht darum, einen anderen Weg einzuschlagen, um womöglich auch auf andere Fragen zu kommen. Lässt sich also, so die offene Perspektive dieser Ringvorlesung, versuchsweise und zugegebenermaßen auch sehr freihändig eine Form von Katholizismus in Anspruch nehmen, um der immer noch dominanten Privilegierung der Sprache und einer Engführung des Sprechens auf Intentionalität, Bedeutung und Verständigung eine Alternative vielleicht nicht entgegen-, jedoch hinzuzustellen?

Ein Autor, der in den letzten Jahren einen derartigen Weg eingeschlagen hat, ist Bruno Latour, der nach Religion als einem bestimmten Modus des Sprechens fragt. Im Anschluss an sein nur wenig rezipiertes Buch "Jubilieren – Über religiöse Rede" ließe sich argumentieren, dass wir es bei religiöser Rede mit einer Äußerungsform, ja gar einer Form des Wahrsprechens zu tun haben, bei der die Tonart und der Tonfall der Aussage eine wichtige Rolle spielen: „Was ich darlegen möchte, ist, dass Religion nicht über Dinge spricht, sondern von Dingen – Objekten, Kräften, Situationen, Substanzen, Relationen, Erfahrungen, was auch immer die Worte dafür sind –, die in hohem Maße empfindlich sind, wie über sie gesprochen wird.“ Man kommt nicht umhin, das Programm Bruno Latours ein katholisches Programm zu nennen, das uns vielleicht grundsätzlich für verschiedene Tonarten, für Äußerungsformen und für Transformationen aufmerksam machen kann.

Um es klar zu formulieren: Unserer Idee der ‚kulturtheoretischen Wandlungen‘ geht es keineswegs um so etwas wie eine konfessionelle Frontstellung, als vielmehr um die Erprobung eines Zugangs, der Redeweisen, Tonlagen, Äußerungsformen, ästhetische und rhetorische Strategien in den Mittelpunkt rückt. In diesem Sinne zielt dieser nichtkatholische Katholizismus nicht etwa auf die Austreibung des Protestantischen aus den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften ab, sondern will ein Vokabular und eine Methodik in Aussicht stellen, die nicht schon immer mit einer Privilegierung der Information vor der Transformation, der Bedeutung vor dem Rauschen, der Intentionalität vor der Praxis, des Inhalts vor der Form beginnt. Ob sich ein derartiger Zugang tatsächlich als tragfähig für kulturtheoretische und sozialwissenschaftliche Forschung erweist, gilt es zu diskutieren.

19. November
Armin NASSEHI: Elemente einer nachprotestantischen Soziologie

26. November
Mario GRIZELJ und Julian MÜLLER: Catholica non explicantur. Erleben wir eine Katholisierung der Kulturtheorien?

3. Dezember
Oliver JAHRAUS: Die Kulturprotestanten. Zur Selbstbeschreibung eines bürgerlichen Typus

10. Dezember
Thomas MEINECKE: Männer schreiben Frauen auf. Katholische Genderkonstellationen

17. Dezember
Paula-Irene VILLA: „Die Gender-Ideologie ist dämonisch“. Katholische Kritik und ihre Anschlussfähigkeit

7. Januar
Barbara VINKEN: Keuschheit. Mütterliche Männer, männliche Frauen

14. Januar
Reiner ANSELM: Sinn und Geschmack fürs Endliche. Über vollzogene und notwendige Neubestimmungen in der Theologie

21. Januar
Joachim VALENTIN: Mangel Macht Schreiben. Michel de Certeau SJ − ein katholischer Kulturwissenschaftler?

28. Januar
Peter J. BRÄUNLEIN: Körper-Sinne-Dinge. ‚Materielle Religion‘ als katholisches Paradigma der Religionsforschung?

4. Februar
Clemens PORNSCHLEGEL: Antimoderne. Zu einem Topos der Romantikkritik

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortMünchen
Beginn19.11.2015
Ende04.02.2016
PersonName: Grizelj, Mario [PD Dr.] 
Funktion: Veranstalter 
E-Mail: mario.grizelj@lmu.de 
KontaktdatenName/Institution: LMU München Institut für Deutsche Philologie 
Strasse/Postfach: Schellingstr. 3 RG 
Postleitzahl: 80799 
Stadt: München 
Telefon: 089 2180-3920 
E-Mail: mario.grizelj@lmu.de 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeHistorische Semantik (Wissensgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Ideengeschichte); Komparatistik (Kulturvergleich, Interkulturelle Literaturwissenschaft); Literatur- u. Kulturgeschichte; Literatursoziologie; Literaturtheorie: Themen; Medien- u. Kommunikationstheorie
Zusätzliches SuchwortKatholizismus, Protestantismus
Klassifikation01.00.00 Allgemeine deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft; 01.00.00 Allgemeine deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft > 01.03.00 Germanistik; 01.00.00 Allgemeine deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft > 01.04.00 Wissenschaftsgeschichte; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.06.00 Literaturtheorie; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.12.00 Interpretation. Hermeneutik; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.14.00 Literatursoziologie; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.15.00 Literatur und Medien
Ediert von  H-Germanistik
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