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Ergebnisanzeige "Lyrik zwischen Vers und Prosa: Einheit der Darstellung versus Vielfalt der Formen (18./19. Jh.)?"
RessourcentypCall for Papers
TitelLyrik zwischen Vers und Prosa: Einheit der Darstellung versus Vielfalt der Formen (18./19. Jh.)?
BeschreibungLa poésie entre vers et prose aux 18e et 19e siècles: un seul récit pour des formes multiples)?
Lyrik zwischen Vers und Prosa: Einheit der Darstellung versus Vielfalt der Formen (18./19. Jh.)?
Basel, 28.-30. April 2016


Zahlreiche aktuelle Studien zur Herkunft des Prosagedichts in Frankreich haben gezeigt, in welcher Weise literarische Werke und theoretische Reflexion seit dem 18. Jahrhundert diese neue lyrische Form hervorbringen konnten. Ansatz der Tagung ist daher nicht, diese Befunde zu wiederholen, sondern ihre Folgen für die Literaturgeschichtsschreibung zu erörtern: Ist es überhaupt möglich, jene langfristige Entwicklung, in deren Verlauf sich die Grenzen zwischen Vers, Gedicht und Prosa verwischt haben, mittels eines kohärenten literarhistorischen Narrativs zu erfassen?

Zunächst ist evident, dass sich die literarhistorischen Abrisse zum 19. Jahrhundert in der Regel kaum auf die Untersuchungen zum Prosagedicht vor Baudelaire eingehen; sie bleiben in der Hinsicht Georges Blin und Suzanne Bernard treu, die in der Entkoppelung von Lyrik und Vers eine Eigenart der modernen Dichtung sehen. Freilich ist diese Vorstellung in mehrerer Hinsicht ungenau: Sie nährt nicht nur das Vorurteil, dass die Aufklärung keine Lyrik gehabt habe, sondern sie perpetuiert auch die Ideologie der Modernen, die keine Tradition vor ihnen anerkennen: Baudelaire etwa verweist nur auf das zeitgenössische Beispiel Bertrand, letzterer wiederum situiert die Vorbilder seiner "Fantaisies à la manière de Rembrandt et Callot" im außerliterarischen Bereich. Hat das 19. Jahrhundert tatsächlich einen radikalen Bruch mit der Tradition vollzogen, den man kaum – und dann auch nur um den Preis des Anachronismus’ – früher ansetzen könnte? Konnte diese Revolution nur um den Preis der Verdrängung aller vorgängigen Versuche vollzogen werden – jene Versuche, die es eben erlauben würden, von einer Evolution zu sprechen? Oder wurden die früheren Beispiele und Versuche nicht vielmehr auf Grund einer Art Geschichtskrise vergessen, die – sowohl Bedingung als auch Folge eines Bruches zwischen den beiden Jahrhunderten – der Vehemenz von Mallarmés Diagnose, man habe an den Vers gerührt („On a touché au vers.“), zugrunde lag? Viele der Dichter, die vor 1830 mit dem Prosagedicht experimentierten, waren zu dem Zeitpunkt, als man begann, die Moderne theoretisch zu reflektieren, zu minores geworden bzw. waren nie über diesen Außenseiterstatus hinausgekommen; vielleicht gehorchte diese Zuschreibung auch gewissen strategischen Erwägungen, weil sie so keine Gefahr für die Kohärenz des ‚Moderne‘-Narrativs darstellten. Marmontel hingegen, für den die Versform nicht untrennbar mit der Sprache der Poesie verbunden war („une forme [non] inséparable du langage poétique“), war – objektiv besehen – ein einflussreicher Literaturtheoretiker; ähnliches gilt für Batteux („toute prose bien faite est vers, à peu de choses près“ [„Jede gut gemachte Prosa kommt in etwa einem Vers gleich“]) und Du Bos (Texte, die „vom Metrum und vom Reim einmal abgesehen eigentlich Gedichte“ [„poèmes à la mesure et à la rime près“] sind, verhalten sich zur Verslyrik wie eine Radierung zu einem Gemälde). Ihre Beiträge waren Teil jenes literarhistorischen Erbes, mit dem das 19. Jahrhundert operierte. Wurden sie bewusst übergangen, und – wenn dies der Fall ist – wie wäre dann die der Absetzbewegung ‚der‘ Moderne zugrundeliegende Differenz zu verstehen und in eine historische Darstellung zu integrieren?

Zu diesem Problem diachroner Kohärenz kommt jenes einer kulturellen Kontinuität. Die Diskussion über das Verhältnis von Vers und Prosa ist eine europäische: Über zwei Jahrhunderte hinweg hat sie nicht nur die französische, sondern auch die englischsprachige und deutschsprachige Literatur beschäftigt, deren Geschichtsschreiber wiederum andere chronologische Einteilungen vorgenommen haben. Ist eine einheitliche geschichtliche Darstellung dieser Entwicklung denkbar? Oder umgekehrt gefragt: Ist es von der Sache her überhaupt vertretbar, von einem solchen Unterfangen abzusehen, wenn man einerseits in Rechnung stellt, welch große Rolle Übersetzungen in der wechselseitigen Öffnung von Poesie und Prosa gespielt haben, und andererseits, dass die nationalen Debatten sich stets auf andere nationalsprachliche Traditionen bezogen, wenn das Verhältnis von Lyrik, Vers und Prosa bestimmt werden sollte?

Allgemein schließlich hat die Relevanz des Prosagedichts dazu geführt, dass einschlägige Forschungen seine Vorgänger ausfindig machen wollten und dabei eine teleologische Lektüre in Kauf nahmen. Während dementsprechend die lyrische Prosa und das Prosagedicht das Interesse der Forschung auf sich gezogen haben, sind unbekanntere, aber ebenfalls wichtige Praktiken aus dem Blick geraten, in denen die Beziehungen zwischen Lyrik, Vers und Prosa eine bedeutende Rolle spielten. Können sie in eine einheitliche Darstellung der Evolution dichterischer Formen integriert werden? Die Frage stellt sich umso dringlicher, als es sich um originelle Schreibweisen handelt, die Vers und Prosa derart neu verbinden, dass sich die Frage nach ihrem Verhältnis verschiebt. In dem Zusammenhang haben sich Untersuchungen zu dem neuen medialen Resonanzraum, den die Presse nach 1830 anbietet, als fruchtbar erwiesen (Vaillant, Disegni). Aber es gibt noch weitere Artikulationsformen, die es zu erfassen gilt, um das Panorama zu vervollständigen. So sind vielen Gedichten Prosaanmerkungen beigefügt (beispielsweise bei Voltaire, Haller oder Delille). In Frankreich kommt das Prosimetrum am Ende des 18. Jahrhunderts dank der "Lettres à Émilie" von Demoustier wieder in Mode, ein Phänomen, das bisher nicht in seiner Gesamtheit erfasst wurde. Diese Praxis, die oft schwer vom Gebrauch eingefügter Verse zu unterscheiden ist, manifestiert sich zudem massiv in den Romanen der deutschen Romantik, wo man sie nicht etwa auf frühere prosimetrische Modelle zurückführt, sondern nur Goethes "Wilhelm Meister" (1796) als Modell nennt; hier kündigen sich bereits die Bruchstrategien an, die später zur Betonung der Besonderheit von Baudelaires Prosagedicht zum Einsatz kommen werden. Eine weitere Form der Verbindung besteht darin, entweder Verse mit dem Zeilenumbruch von Prosa zu setzen oder aber Prosa durch Leerräume zu unterteilen: Diese Phänomene können sowohl dem Vergnügen (etwa die "Mille jeux d’esprit" von Charles Joliet) als auch dem Experiment (hier wäre ein Kuriosum zu nennen: "Star ou Psy de Cassiopée" von Defontenay; 1854) oder der Polemik dienen. Auch an Doppelungen wäre zu denken, in denen dasselbe Motiv in Versen und in Prosa dargestellt wird (z.B. bei Lefèvre-Deumier oder Cazalis). Schließlich sollen der Sinn und Bedeutungsgehalt jener vielfältigen und mitunter paradoxen Begriffe hinterfragt werden, welche zwei Jahrhunderte lang die ästhetische Debatte bestimmen und die Unterscheidung zwischen Vers und Prosa unterminieren – Konzepte wie „prose versifiée“ (Versprosa), „prose rimée“ (Reimprosa), „prose scandée“ (rhythmisierte Prosa), „prose en vers“ (Prosavers), „vers prosaïque“ (prosaischer Vers), „vers technique“ (technischer Vers) etc. Im Falle Klopstocks etwa, der generell streng auf die Trennung von Lyrik und Prosa achtet, sich aber der antiken Rednerprosa zuwendet, um seine Verse von zu strenger metrischer Regulierung zu befreien, bedeutet das, dass man die sarkastischen Kommentare von Lessing und Konsorten, die darin nur eine „künstliche Prosa“ sehen, sehr wohl in Rechnung stellen sollte.

Monothematische Ansätze werden zwar nicht ausgeschlossen, aber die Tagung wird jene Vorschläge vorziehen, die mehrere Autoren zusammenbringen, ganz gleich, ob es sich dabei um Zeitgenossen oder um eine geschichtliche Reihe handelt. Dabei sollte immer warnend ein Gedanke der aktuellen Forschung im Hintergrund stehen: dass die „crise d’histoire“, die im Zentrum der Tagung steht, sehr wohl die Widerständigkeit der vielfältigen Praktiken gegen jede generische Vereinheitlichung spiegeln könnte (Vincent-Munnia).


Tagungsleitung und Organisation / Comité d’organisation

PD. Dr. Niklas Bender (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg): niklas.bender[a]uni-tuebingen.de
Dr. Georges Felten (Universität Zürich): georges.felten[a]ds.uzh.ch
Prof. Dr. Hugues Marchal (Universität Basel): hugues.marchal[a]unibas.ch


Einsendung der Beitragsvorschläge / Envoi des propositions

Les propositions d’intervention (1-2 p.) devront être envoyées par mail aux trois organisateurs avant le 30 novembre 2015.
Die Beitragsvorschläge (1-2 Seiten) sind den drei Organisatoren bis zum 30. November 2015 per Mail zuzusenden.


Überblicksbibliographie / Bibliographie indicative

Althaus, Thomas: „Ungebunden, ungekünstelt? – Kleine Prosa um 1770“. In: Th. A./Wolfgang Bunzel/Dirk Göttsche (Hgg.): Kleine Prosa. Theorie und Geschichte eines Textfelds im Literatursystem der Moderne. Tübingen: Niemeyer 2007, S. 3-24.
Beil, Ulrich Johannes: Die hybride Gattung. Poesie und Prosa im europäischen Roman von Heliodor bis Goethe. Würzburg: Königshausen & Neumann 2010.
Bunzel, Wolfgang: Das deutschsprachige Prosagedicht. Theorie und Geschichte einer literarischen Gattung der Moderne. Tübingen: Niemeyer 2005.
Disegni, Silvia: „Les poètes journalistes au temps de Baudelaire“. In: Poésie et journalisme au 19e siècle en France et en Italie. Thematische Nummer: Recherches et travaux 65 (2004), S. 83‐98.
Disegni, Silvia: „Poème en prose et formes brèves au milieu du 19e siècle“. In: Microrécits médiatiques. Les formes brèves du journal, entre médiations et fiction. Thematische Nummer: Études françaises 44:3 (2008), S. 69-85.
Dieckmann, Herbert: „Zur Theorie der Lyrik im 18. Jahrhundert in Frankreich, mit gelegentlicher Berücksichtigung der englischen Kritik“. In: Wolfgang Iser et al. (Hgg.): Immanente Ästhetik, ästhetische Reflexion. Lyrik als Paradigma der Moderne. München: Fink 1966, S. 73-112, S. 395-418.
Frank, Gustav: „Dichtung in Prosa(ischen Zeiten). Lyrik zwischen Goethezeit und Vormärz in Erzähltexten Goethes, Heines, Mörikes und Eichendorffs“. In: Steffen Martus / Stefan Scherer / Claudia Stockinger (Hgg.): Lyrik im 19. Jahrhundert. Gattungspoetik als Reflexionsmedium der Kultur. Berlin u. a.: Peter Lang 2005, S. 237-270.
Fülleborn, Ulrich: Deutsche Prosagedichte vom 18. Jahrhundert bis zur letzten Jahrhundertwende. München: Fink 1985.
Genette, Gérard: Fiction et diction; précédé de Introduction à l’architexte. Paris: Seuil 2004.
Harris, Joseph/Reichl, Karl (Hgg.): Prosimetrum. Crosscultural Perspectives on Narrative in Prose and Verse. Cambridge: D. S. Brewer 1997.
Jechova, Hana/Mouret, François/Voisine, Jacques (Hgg.): La poésie en prose des Lumières au romantisme (1760–1820). Paris: Presses de l’Université Paris-Sorbonne 1993.
Leroy, Christian: La poésie en prose du XVIIe siècle à nos jours. Histoire d’un genre. Paris: Honoré Champion 2001 (Unichamp-Essentiel).
Leroy, Christian: „‚Nigra sed formosa‘: notes sur le statut de la prose dans la poésie française du XVIIe siècle au préromantisme“. In: Line Cottegnies et al. (Hgg.): La beauté et ses monstres dans l’Europe baroque 16e – 18e. Paris: Presses Sorbonne Nouvelle 2003, S. 79-89.
Menninghaus, Winfried: „Dichtung als Tanz. Zu Klopstocks Poetik der Wortbewegung“. In: Comparatio 2-3 (1991), S. 129-150.
Moore, Fabienne: Prose Poems of the French Enlightenment. Delimiting Genre. Farham: Ashgate 2009.
Pabst, Bernhard: Prosimetrum, 2 Bde. Köln et al.: Böhlau 1994.
Postel, Philippe (Hg.): Vers et prose. Formes alternantes et formes hybrides. Thematische Nummer: Atlantide 1 (Juli 2014). http://atlantide.univ-nantes.fr/-Vers-et-prose- (URL aufgerufen am 6.8.2015).
Scepi, Henri: Théorie et poétique de la prose, d’Aloysius Bertrand à Léon-Paul Fargue. Paris: Honoré Champion 2012 (Unichamp-Essentiel).
Schneider, Ludwig: Klopstock und die Erneuerung der deutschen Dichtersprache im 18. Jahrhundert. Heidelberg: Winter 1960, Kap. „Die Abgrenzung der poetischen von der prosaischen Sprachgestaltung“, S. 41-56.
Simon, Ralf: Die Idee der Prosa. Zur Ästhetikgeschichte von Baumgarten bis Hegel mit einem Schwerpunkt bei Jean-Paul. München: Fink, 2013.
Thérenty, Marie-Ève/Vaillant, Alain (Hgg.): Presse et plumes. Journalisme et littérature au 19e siècle. Paris: Nouveau monde éditions, 2005.
Vaillant, Alain: „Le vers à l’épreuve du journal“. In: Poésie et journalisme au 19e siècle en France et en Italie. Thematische Nummer: Recherches et travaux 65 (2004), S. 12‐27.
Vincent-Munnia, Nathalie: Les premiers poèmes en prose. Généalogie d’un genre dans la première moitié du dix-neuvième siècle français. Paris: Honoré Champion 1996.
Vincent-Munnia, Nathalie/Bernard-Griffiths, Simone/Pickering, Robert (Hgg.): Aux origines du poème en prose français (1750–1850). Paris: Honoré Champion 2003.

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortBasel
Bewerbungsschluss30.11.2015
Beginn28.04.2016
Ende30.04.2016
PersonName: Felten, Georges 
E-Mail: georges.felten@ds.uzh.ch 
KontaktdatenName/Institution: Deutsches Seminar der Universität Zürich / Romanisches Seminar der Universität Basel 
Strasse/Postfach: Schönberggasse 9 
Postleitzahl: 8001 
Stadt: Zürich 
E-Mail: georges.felten@ds.uzh.ch 
LandSchweiz
SchlüsselbegriffeHistorische Semantik (Wissensgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Ideengeschichte); Komparatistik (Kulturvergleich, Interkulturelle Literaturwissenschaft); Literarische Wertung/Literaturkritik; Literatur 1700 - 1770; Literatur 1770 - 1830; Literatur 1830 - 1880; Literatur- u. Kulturgeschichte; Literatursoziologie; Literaturtheorie: Themen; Lyriktheorie; Rhetorik; Stilistik
Zusätzliches SuchwortProsa/Vers
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.06.00 Literaturtheorie; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.07.00 Ästhetik; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.08.00 Poetik; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.09.00 Metrik; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.10.00 Stilistik. Rhetorik; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.11.00 Übersetzung; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.13.00 Literaturkritik. Wertung; 04.00.00 Allgemeine Literaturgeschichte > 04.03.00 Vergleichende Literaturgeschichte; 05.00.00 Deutsche Literaturgeschichte > 05.09.00 Gattungen und Formen > 05.09.04 Lyrik
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