VIRTUELLE FACHBIBLIOTHEK GERMANISTIK Germanistik im Netz Logo

Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Diskurs der Daten"
RessourcentypCall for Papers
TitelDiskurs der Daten
BeschreibungDiskurs der Daten

Veranstalter: Prof. Dr. Frank Liedtke, Dr. Pamela Steen
Ort: Universität Leipzig, Bibliotheca Albertina, Beethovenstr. 6,
04107 Leipzig
Zeit: 05./⁠06.02.2016

Im Rahmen des interdisziplinären Symposiums "Diskurs der Daten" mit Wissenschaftler_innen aus den Geistes-⁠, Sozial-⁠ und Medienwissenschaften, Politiker_innen und Blogger_innen sollen die Chancen und Risiken der Erzeugung und Verwendung digitaler Massendaten beleuchtet werden. Die Tagung setzt bei der grundlegenden Frage an, wie sich angesichts der aktuellen Debatten und Skandale (Forschungs-⁠)Kultur unter digitalen Vorzeichen verändert und wie der alltäglich in den Medien verwendete Daten-⁠ Begriff aus wissenschaftlicher Sicht definiert werden kann und kritisch hinterfragt werden muss.

Mögliche Vortragsthemen:
- Begriffe: Um zu verstehen, wie sich im Kontext der digitalen Revolution Einstellungen und Bewertungen kommunikativer Praxis verändern – oder aber beibehalten und eingeklagt werden – , müssen zentrale Leitvokabeln, Frames und Argumentationsstrukturen des aktuellen Datendiskurses aufgespürt werden. Mit Begriffen wie „Post Privacy“ (vgl. Heller 2011), „Big Data“ (Reichert 2014), „Transparenzgesellschaft“ (Han 2013) wird aus verschiedenen Perspektiven mit unterschiedlichen Wertungen auf die gleiche gesellschaftliche Struktur geblickt. Dabei geht es um sehr verschiedene Lesarten von Freiheit, Privatheit, Öffentlichkeit, Kontrolle, Information, deren diskursive Bedeutungen es zu rekonstruieren gilt.

- Kontrollverlust: Millionen von Internet-Nutzer stellen ihre Daten täglich zur Verfügung, und beinahe täglich werden neue Daten-Skandale bekannt, bei denen Millionen eben dieser Datensätze gestohlen, unrechtmäßig weiterverwendet oder veröffentlicht werden. Der teils hemmungslose Zugriff auf Datenkommunikation zum Zweck der staatlichen Kontrolle – das Social Web als „wichtigste Datenquelle zur Herstellung von Regierungs- und Kontrollwissen“ (Reichert 2014, 10) – trägt derzeit zu einer Befindlichkeit bei, die als Machtlosigkeit und Ausgeliefertsein erlebt wird. Hierdurch entsteht eine Wissenshierarchie: „Big Data schafft neue Erkenntnisgrundlagen, aber die Kenntnisse sind ungleich verteilt. (...) Die großen privatwirtschaftlichen und staatlichen Datensammler wissen alles über die Nutzer, aber sie hüten ihren Datenschatz wie einen Augapfel.“ (Schaar, 2015). Zu fragen ist, z.B. mit den Methoden der Internetlinguistik (vgl. Marx/Weidacher 2014), nach den kommunikativen Praktiken und ihren Wirkungen, die Zeichenbenutzer kommunikativ enteignen.

- Aufklärung: Vor dem Hintergrund dieser kommunikativen Enteignung werden auch Gegenentwürfe entwickelt, die an die Orientierungsmarken der informationellen Selbstbestimmung und der Netzneutralität sowie demokratischen Kontrolle rückgekoppelt sind. Die Protagonisten werden als Helden oder gar Märtyrer verehrt, die sich gegen die allumfassende informationelle Macht stellen. Die Rekonstruktion von Diskursen, in denen diese „modernen Heldensagen“ entstehen, das Sichtbarmachen von Argumentationsmustern pro und contra Aufklärung, sind Aufgaben der Diskurslinguistik (vgl. Spitzmüller/Warnke 2011), der Politolinguistik, der Pragmatik, der Sprachkritik und anderer Paradigmen und Ansätze.

- Fakten und Fiktionen: Ansammlungen großer Datenmengen, die den Menschen und seine Welt auf eine digitale Weise transparent machen, berühren die Frage nach der Konstruktion von Wirklichkeit und ihrem Verhältnis zur Wahrheit. „Eine Kumulation von Information allein stellt noch keine Wahrheit her“, im Gegenteil, „mehr Information, mehr Kommunikation beseitigt nicht die grundsätzliche Unschärfe des Ganzen. Sie verschärft sie vielmehr.“ (Han 2012, 17). Was im Internet erscheint, wird automatisch zu einem Datum und damit lesbar, interpretierbar, dekontextualisierbar. Digitale Daten werden damit zu Elementen einer potenziell unendlichen Menge nichttransparenter Narrationen und können Auslöser einer unkontrollierbaren Semiose (vgl. Eco 1994) werden. Gleichzeitig sind digitale Daten nicht „authentisch“, sondern werden oft „sorgfältig kuratiert und systematisch verwaltet“ (Manovich 2014; vgl. Ellison/Heino/Gibbs 2006). Digitale narrative Strukturen stellen eine neue Herausforderung für die klassische Erzähltheorie und Semiotik dar.

- Forschungspraxis: Die Sammlung von Daten und die Aufstellung großer Datenarchive spielt unter dem Stichwort von Big Data auch in den empirischen Sozial- und Geisteswissenschaften eine immer größere Rolle. Zu reflektieren ist dabei, welche Folgen das Anlegen von überaus großen Datenkorpora hat und wie sichergestellt werden kann, dass diese ausschließlich für wissenschaftliche Zwecke verwendet werden. Computergesteuerte Erkenntnisverfahren verändern nicht nur den Untersuchungsgegenstand und dessen Verwendungsmöglichkeiten, sondern auch die forschenden Subjekte selbst. Die Digitalisierung führt zu einer digitalen Kultur, in der die Entwicklung eines „digitalen Intellekts“ (Berry 2014, 53) gefordert wird.

Eingeladene Referent_innen:
Prof. Dr. Joan Kristin Bleicher (Universität Hamburg),
Prof. Dr. Wolf-⁠Andreas Liebert (Universität Koblenz-⁠Landau)
Dr. Konstanze Marx (TU Berlin)
Peter Schaar (Vorsitzender EAID, vormals Bundesbeauftragter für den Datenschutz)
Michael Seemann (Autor und Blogger)
Konstantin von Notz (Mitglied des Bundestages, Bündnis 90 /⁠ Die Grünen).
Dr. Georg Weidacher (Universität Graz)

Wenn Sie sich mit einen Vortrag (ca. 20 Minuten) an der Tagung beteiligen möchten, senden Sie bitte ein Abstract von maximal 400 Wörtern bis zum 15.11.2015 an:
datendiskurs@uni-leipzig.de. Der Tagungsbeitrag beträgt 40 Euro für Personen mit Einkommen (10 Euro ohne Einkommen).
In die Tagung integriert ist ein Doktorand_innen-Workshop mit Präsentationen von Projekten zum Tagungsthema und/oder zur Politiksprachenforschung. Interessierte Doktorand_innen reichen bitte ebenfalls ein Abstract ein. Der Workshop wird von der AG Sprache in der Politik finanziert.

Literatur:
DAVID M. BERRY, Die Computerwende. Gedanken zu den Digital Humanities. In: Reichert, Ramón (Hrsg.): BIG DATA. Analysen zum digitalen Wandel von Wissen, Macht und Ökonomie. Bielefeld, 2014, S. 47-64.
UMBERTO ECO, Einführung in die Semiotik. München, 1994.
NICOLE ELLISON – REBECCA HEINO – JENNIFER GIBBS, Managing impressions online. Selfpresentation processes in the online dating environment. In: Journal of Computer-Mediated Communication, 11 (2), 2006. http://jcmc.indiana.edu/vol11/issue2/ellison.html.
BYUNG-⁠CHUL HAN, Transparenzgesellschaft. Berlin, 2012.
CHRISTIAN HELLER, Post-⁠Privacy. Prima leben ohne Privatsphäre. München, 2011.
LEV MANOVICH, Trending. Verheißungen und Herausforderungen der Big Social Data. In: Ramón Reichert, Einführung. In: Reichert, Ramón (Hrsg.): BIG DATA. Analysen zum digitalen Wandel von Wissen, Macht und Ökonomie. Bielefeld, 2014, S. 65-83.
KONSTANZE MARX – GEORG WEIDACHER, Internetlinguistik. Ein Lehr- und Arbeitsbuch. Tübingen, 2014.
RAMÓN REICHERT, Einführung. In: Ders. (Hrsg.): BIG DATA. Analysen zum digitalen Wandel von Wissen, Macht und Ökonomie. Bielefeld, 2014, S. 9-31.
PETER SCHAAR, Datenschutz? Ist mir doch egal! 23.7.2015; Peter Schaar, der Blog. http://www.eaid-berlin.de/?p=726
JÜRGEN SPITZMÜLLER – INGO WARNKE, Diskurslinguistik. eine Einführung in Theorien und Methoden der transtextuellen Sprachanalyse. Berlin/Boston, 2011.


Herzliche Grüße
Pamela Steen


*****
Dr. Pamela Steen
Institut für Germanistik
Haus 1, 4. Etage, Büro 06 (GWZ)
Beethovenstraße 15
04107 Leipzig

Tel: 0341-⁠97-⁠37373
Pamela.Steen@uni-leipzig.de

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortLeipzig
Bewerbungsschluss15.11.2015
Beginn05.02.2016
Ende06.02.2016
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteraturtheorie: Themen; Medien- u. Kommunikationstheorie
Ediert von  H-Germanistik
Ein Angebot vonGermanistik im Netz
URL dieses Wer-Was-Wo-Datensatzeshttp://www.germanistik-im-netz.de/wer-was-wo/49773

© Virtuelle Fachbibliothek Germanistik | Letzte Änderung 01.10.2015 | Impressum | Intern