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Ergebnisanzeige "non/sensus - Die Kategorie des Sinns in Literatur, Philosophie und Literaturwissenschaft"
RessourcentypKonferenzen, Tagungen, Kolloquien
Titelnon/sensus - Die Kategorie des Sinns in Literatur, Philosophie und Literaturwissenschaft
Beschreibungnon/sensus - Die Kategorie des Sinns in Literatur, Philosophie und Literaturwissenschaft

Konferenz in Leipzig, 25.-27. September 2015
Tagungsort: Bibliotheca Albertina
(shortlink zum Tagungsprogramm: http://bit.ly/1NJgW7h)

Die Tagung möchte den vielfältigen literarischen und philosophischen Debatten um die Kategorie des ›Sinns‹ nachgehen, insofern sie das Selbstverständnis der Literatur, der Philosophie und der Literaturwissenschaft in ihrem Kern berührt und alle drei gleichermaßen – darin einander verschränkend und wechselseitig reflektierend – durchzieht.

Anfang des 20. Jahrhunderts gerät die Kategorie des Sinns in die Krise. Mit dieser Krise trennt sich der Sinn in ›Sinn‹, ›Un-Sinn‹, ›Nicht-Sinn‹ und ›Wider-Sinn‹, spaltet sich in Sinn und Sinnlichkeit, pluralisiert sich in nicht-hierarchisierbare, heterogene Sinne, die sich nicht mehr in die Einheit eines Sinns aufheben lassen. Die zwei Weltkriege, die ›Entdeckung‹ des Unbewussten und der Bruch mit dem idealistischen Systemdenken repräsentieren dabei nur drei Phänomene einer in alle Lebensbereiche ausgreifenden Entwicklung. Betroffen ist dabei nicht nur die Vorstellung von der Objektivität oder Gegebenheit des Sinns, sondern auch das Vertrauen in die Angemessenheit und Legitimität subjektiver Praktiken der Sinnerzeugung und -konstitution. Die Reaktionen darauf sind vielfältig: Einerseits wird die Sinnkrise als Sinnverlust oder Sinnentzug empfunden – symptomatisch zeugen dafür die kulturpessimistischen und vernunftkritischen Wendungen, wie die von der »Unrettbarkeit des Ich« (Mach), der »Menschheitsdämmerung« (Pinthus), des »Untergangs des Abendlandes« (Spengler) oder der »transzendentalen Obdachlosigkeit« (Lukács). Andererseits hat die Krise des Sinns auch eine Konjunktur des Sinnlichen, des Un- und Nicht-Sinns zur Folge. Sie Anlaß der Entgrenzung eines einseitig rationalistischen Sinnverständisses und als Befreiung vom Sinn gefeiert – das Sinnliche, Irrationale sowie Un- und Vorbewusste erfahren eine enorme Aufwertung. Gleichzeitig läßt sich ein Bedürfnis nach ›Sinn-Stiftung‹, eine Orientierung an sowie eine ›hemmungslose Sehnsucht‹ nach ›Sinn‹ beobachten, die trotzig der fortschreitenden ›Entleerung des geistigen Raumes‹ (Krakauer) zu widerstehen sucht.

Diese Krise des Sinns findet vor allem in der Literatur des 20. Jahrhunderts ihren Ausdruck. Um die Jahrhundertwende evoziert der Bruch zwischen Sprache und Realität eine nachhaltige Sprachskepsis und zieht Poetologien nach sich, die von dieser Kränkung sprachlicher Souveränität wesentlich bestimmt sind. Andererseits gilt die bis dato vorherrschende Dominanz des Sinns als überwunden, und die Sinnkrise wird als Chance ergriffen, die Realität sprachlich um den Nicht-, Un- und Gegensinn zu erweitern, expressionistisch auszustellen, surreal zu überbieten oder dadaistisch zu überspielen.
Die Philosophie und die philosophische Ästhetik reagieren ebenfalls auf die gesellschaftliche, aber auch künstlerisch reflektierte Sinnkrise. Der logische Positivismus des Wiener Kreises leistet Verzicht auf diese Kategorie, beschränkt sich auf das positiv Gegebene und Faktische, alle metaphysischen Sinnfragen zu Scheinproblemen erklärend; die Hermeneutik des 20. Jahrhunderts versteht den Sinn und den ›Sinnentwurf‹ als Fundament allen Verstehens, das sich am Nicht-Sinn abarbeitet; die Philosophie Adornos behauptet den ›Eigensinn‹ der Kunst als rettenden, utopischen Gegensinn wider eine vernunftkritisch als unsinnig entlarvte Gesellschaft; der Poststrukturalismus und die Dekonstruktion arbeiten die unvorgängige Vermittlung und Wechselwirkung von Sinn und Unsinn, Sinn und Sinnlichkeit heraus.
Sowohl die komplexen literarischen Phänomene als auch die heterogenen Konzeptualisierungsversuche der Philosophie wirken sich schließlich auf die Literaturwissenschaft aus, sofern ihr interpretatives und deutendes Tun maßgeblich auf einem von ihr kritisch zu reflektierenden Verständnis von ›Sinn‹ gründet. So bestimmen die literarischen und philosophischen Problematisierungen das Selbstverständnis der Literaturwissenschaft - ihre Auffassung ihres Gegenstandes als auch ihre Methodik.

Der Schwerpunkt der Tagung soll auf literaturtheoretischen und philosophischen Fragestellungen liegen, die in drei Sektionen, die sich zum Teil überschneiden und ineinander greifen, diskutiert werden sollen: Es geht um den ›Sinn‹ unter der Perspektive des Bedeutens, Aufbrechens und Überlagerns; um Verfahren der Sinnproduktion, -negation, -verschiebung, -erweiterung, -zersetzung oder -streuung; um die Infragestellung verschiedener Verständnisse von Sprachlichkeit, Materialität und Textualität; um Diskurse, in denen die Entgrenzung, Erweiterung, Fragmentierung und Hypostasierung des Sinns diskutiert und konzeptualisiert werden. Im Mittelpunkt steht dabei die Analyse von literarischen und philosophischen Texten, die sich der Krise der Kategorie des Sinns stellen, sie kommentieren, reflektieren oder inszenieren.

Fragen, die Literatur, Philosophie und Literaturwissenschaft gleichermaßen berühren und so miteinander ins Gespräch setzen, sind etwa, wie das Verhältnis von Sinn und Nicht-Sinn zu denken ist: Stellen Sinn und Nicht-Sinn einander ausschließende und unvereinbare Gegensätze dar oder müssen sie als aufeinander bezogen und vermittelt gedacht werden? Ist der Nicht-Sinn als Privation des Sinns oder als vorgängiger Noch-Nicht-Sinn zu verstehen? Ruht der Sinn nicht vielmehr auf dem Nicht-Sinn als dessen Ermöglichungsgrund auf – und/oder vice versa? Weiterhin, die Relation von Sinn/Nicht-Sinn und Sinnlichkeit betreffend: Ist Sinnlichkeit für die Konstitution des Sinns bedeutsam? Und wenn ja: Kommt dem Sinnlichen ein irreduzibles Sinn-Potential zu, das die Sinnkonstitution nicht ausschöpfen kann? Und müsste man demnach von einem ›Eigensinn‹ des Sinnlichen sprechen, der sich widerstreitend gegen den Sinn verhält? Schließlich: In welchem Verhältnis steht die Pluralität des Sinnlichen zum einheitlichen und eindeutigen Sinn? In welcher Weise subvertiert oder pluralisiert das Sinnliche den Sinn, ohne ihn dabei einfach zu negieren und in Nicht-Sinn zu verkehren? Mit Blick auf die literaturwissenschaftliche Arbeitspraxis ist insbesondere zu fragen, wie sich die Interpretation der Komplexität eines mehrfachen, vieldeutigen Sinns stellen kann? Geht es um Sinnentdeckung oder um die Explikation literarischen Eigensinns? In welcher Weise werden literaturwissenschaftlichen Kategorien (›Material‹, ›Form‹, ›Text‹, etc.) von der Revision des Sinn-Begriffs berührt?

Ziel der Tagung ist folglich, zwischen den bedeutendsten literarischen Phänomenen und Theorieansätzen des 20. Jahrhunderts neue Verständnisbrücken zu bauen und überdies auf bislang unberücksichtigte Korrelationen und Bezüge aufmerksam zu machen. Durch die dezidiert interdisziplinäre Ausrichtung der Tagung, deren Teilnehmer Doppelkompetenzen in Literatur- und/oder Kunstwissenschaft einerseits und Philosophie andererseits besitzen, wird dabei die oft vernachlässigte wechselseitige Kommunikation der Disziplinen ermöglicht und durch die Thematisierung gemeinsamer Fragestellungen einem Erkenntnis bringenden Dialog Raum gegeben.


Freitag, 25. September 2015

15.00 – 15.30 Uhr
Martin Endres: Begrüßung / Einleitung

15.30 – 16.15 Uhr
Carsten Dutt: Vom Sinn des Unsinns. Grenzfälle literarischer
Hermeneutik

16.15 – 17.00 Uhr
Felix Christen: Die »Frage nach dem Sinn« und das »Unsinnige«. Bemerkungen zu Heideggers Hermeneutik

17.30 – 18.15 Uhr
Martin Endres: ›sens sans sens‹. Vom (Nicht-)Sinn der Literatur



Samstag, 26. September 2015

10.00 – 10.45 Uhr
Dirk Oschmann: »Das Ganze erscheint zwar sinnlos, aber in seiner
Art abgeschlossen«. Zur Totalität des Sinns in der
frühen Moderne

10.45 – 11.30 Uhr
Sandro Zanetti: Transaktualität des Sinns. Celans Dichtung als Flaschenpost

12.00 – 12.45 Uhr
Frieder von Ammon: (Non-)Sense and (Non-)Sensibility: Verhandlungen
von ›Sinn‹ bei Ernst Jandl

14.30 – 15.15 Uhr
Joachim Bromand: Zum Wandel des Sinnverständnisses in der Sprachphilosophie

15.15 – 16.00 Uhr
Christoph Demmerling: Bedeutung und Bedeutsamkeit. Vom Umgang mit
der Welt zum sprachlichen Sinn

17.00-18.00 Uhr
Oswald Egger: Val di Non



Sonntag, 27. September 2015

10.00 – 10.45 Uhr
Andrea Sakoparnig: Das Begreifen des Unbegreiflichen. Adornos Bestimmung der Ästhetik

10.45 – 11.30 Uhr
Sarah Scheibenberger: »Destruktion der Ästhetik«? Agamben als Leser
von Nietzsche

12.00 – 12.45 Uhr
Luca Viglialoro: »L’excription de notre corps«: Literatur und Ästhetik bei Jean-Luc Nancy


Veranstaltet von Jun.-Prof. Dr. Martin Endres & Prof. Dr. Dirk Oschmann. Gefördert von der Fritz Thyssen Stiftung.

Die Veranstaltung ist öffentlich. Der Eintritt ist frei.
Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortLeipzig
Beginn25.09.2015
Ende27.09.2015
PersonName: Jun.-Prof. Dr. Martin Endres 
E-Mail: martin.endres@uni-leipzig.de 
KontaktdatenName/Institution: Institut für Germanistik Leipzig 
Strasse/Postfach: Beethovenstraße 15 
Postleitzahl: 04107  
Stadt: Leipzig 
Telefon:  +49-(0)341-97 37  
E-Mail: martin.endres@uni-leipzig.de 
Internetadresse: http://bit.ly/1NJgW7h 
LandDeutschland
Klassifikation01.00.00 Allgemeine deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft; 03.00.00 Literaturwissenschaft; 04.00.00 Allgemeine Literaturgeschichte; 05.00.00 Deutsche Literaturgeschichte
Ediert von  H-Germanistik
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