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Ergebnisanzeige "Narrative der Entgrenzung und Angst: Das globalisierte Subjekt im Spiegel der Medien (Film, Literatur, Presse, Social Media, Theater)"
RessourcentypCall for Papers
TitelNarrative der Entgrenzung und Angst: Das globalisierte Subjekt im Spiegel der Medien (Film, Literatur, Presse, Social Media, Theater)
BeschreibungNarrative der Entgrenzung und Angst: Das globalisierte Subjekt im Spiegel der Medien (Film, Literatur, Presse, Social Media, Theater)

Nach den krisenhaften neunziger Jahren, die sich mit demographischen Herausforderungen der Nachwendezeit wie der Landflucht im Osten, der anhaltenden Massenarbeitslosigkeit oder der Fremdenfeindlichkeit in Ost und West auseinanderzusetzen hatten, erschüttern nach dem Jahrtausendwechsel die Krise der globalisierten Weltwirtschaft oder auch das Attentat auf das World Trade Center die hegemonialen Machtverhältnisse. In nahezu allen Belangen herrschte nach dem allerorts proklamierten ‚Ende der Geschichte’ (Fukuyama 1992) Unsicherheit; sämtliche Bereiche des Lebens in liberalen Demokratien befanden und befinden sich noch immer in einem umfassenden Wandel, dessen Ende kaum vorhersehbar erscheint. Die Globalisierung hat im Zuge dessen verschiedene Diskurse der Angst hervorgebracht, die sich auf die Veränderungen beziehen, denen sich das nachmoderne Subjekt ausgesetzt sieht. Diese Diskurse finden sich in den jeweiligen Medien als Narrative der Angst und Entgrenzung. Literatur, Film und Theater sowie die verschiedenen Pressemedien (Print, Hörfunk, TV, Internet) wie auch die sozialen Netzwerke sind als Plattformen kultureller Selbstreflexion zu verstehen, die es hinsichtlich dieser Narrative zu untersuchen gilt. Fünf Bereiche der Redeweisen über Angst und Entgrenzung sind hierbei auszumachen:
1. Zu nennen wäre zunächst das Feld Arbeit und Ökonomie. Für das nachmoderne Individuum in westlichen Gesellschaften erwächst aus den Unwägbarkeiten in allen Lebensbereichen der Zwang, sich in einem steten Balanceakt zwischen den verschiedensten Extremen zurechtzufinden. So steht das unternehmerische Selbst (Bröckling 2007) ökonomisch z.B. zwischen beruflicher Selbstverwirklichung mit finanziellem Erfolg und der Kehrseite der Selbsterfüllung, die sich mitunter als Depression oder Privat-Insolvenz, oft auch als beides zusammen offenbart.
2. In gleichem Maße verändert sich die soziale Schere, denn die so genannte Mittelschicht verliert ihre Sicherheitsposition und wird ergriffen von den neuen Bedingungen. Das Prekariat (Castel/Dörre 2009) wird zum Schlagwort auch für die Schicht der AkademikerInnen, die nicht mehr aufgrund ihres hohen (Aus-)Bildungsniveaus auf einen sicheren Platz auf dem Arbeitsmarkt rechnen können. Die Generation Praktikum (Stolz 2005) erkennt sich zynisch als Auswuchs der Wirtschaft. Damit ist ein weiteres Angstfeld angesprochen: das der Veränderung des sozialen Lebens. Unter dem Stichwort der Flexibilisierung (Sennet 1998) wird die Planung des privaten Umfeldes der beruflichen Orientierung untergeordnet. Denn Arbeitsmarkt und soziales Umfeld erwarten in einem zuvor nicht gekannten Maße, dass sich der Einzelne als besonders flexibel hervortut. Eine Folge sind die sogenannten Job-Nomaden. Neben dieser Flexibilität wird vom Subjekt erwartet, dass es kreativ ist. Genau betrachtet lässt sich hier eine Dopplung von Kreativitätswunsch und Kreativitätszwang (Reckwitz 42014) erkennen, nach dem der Einzelne kreativ sein will und das auch soll. Somit wird das moderne Kreativsubjekt vor fundamentale Schwierigkeiten gestellt, denn: Wer sich andauernd etwas einfallen lassen muss, dem werden mittelfristig die Ideen ausgehen. Wer sich ständig selbst verwirklichen kann, der wird das Streben nach Selbstverwirklichung schon bald nicht mehr als positiven Antrieb empfinden. Die allgemeine Erwartungshaltung führt zu Formen der Erschöpfung, die z.B. am rasant anwachsenden Aufkommen von Depressionen und Burn-Out-Erkrankungen abzulesen sind. Das Kreativsubjekt und das erschöpfte Selbst (Ehrenberg 2008) gehen mit der Beschleunigung des gesellschaftlichen Lebens einher (Rosa 2005). Das verbreitete Vorkommen von konzentrations- und leistungssteigernden Betäubungsmitteln wie Retalin oder Crystal Meth dokumentiert erstmalig, wie eine heranwachsende Generation Drogen als Mittel zur sozialen Assimilation und nicht etwa als Eskapismus begreift. Ähnlich amivalent verhält es sich mit dem Bereich der Esoterik, die in den späten 60er Jahren als antikapitalistische Position in Mode kam. Heute hat der Kapitalismus auch dieses Feld im Sinne der Leistungsoptimierung für sich vereinnahmt, so sind Yoga- und Meditationskurse für ManagerInnen keine Seltenheit.
3. Eine dritte Erscheinungsform der Angst- und Entgrenzungsdiskurse führt auf das Feld kultureller Identität (Breidenbach/Zukrigl 1998) und ist mit den Sorgen vor Terror, Flüchtlingsströmen und der Islamisierung verbunden. Letztere zeigt sich nicht zuletzt in der Pegida-Bewegung. Aber auch Kontroversen wie jene um Michel Houellebecqs jüngst veröffentlichten Roman Unterwerfung rühren von der Angst, dass Fukuyamas spätere Einsicht, dass nach dem Zusammenbruch des ideologischen Machtdualismus der demokratische Westen im radikalen Islamismus einiger arabischer Staaten einen neuen Gegenspieler habe, zutreffend sein könnte und dass das Kräftemessen für den Liberalismus ein schlechtes Ende bringen könnte.
4. Zudem lässt sich noch eine weitere gesellschaftliche Veränderung unter dem Schlagwort der Informationsgesellschaft (Toffler 1965, Winkler 1997) festmachen. Digitalisierung und Virtualität sind Felder der öffentlichen Debatten, die den Verlust von Privatheit (NSA-Affäre) und Persönlichkeitsrechten beklagen und z.B. althergebrachte Größen wie das Urheberrecht hinterfragen lassen, da sie dem digitalen Raum mit seinen veränderten Vervielfältigungs- und Verbreitungsmöglichkeiten anscheinend nicht mehr gerecht werden. Aber auch die Arbeits- und Lebensweisen des Individuums verändern sich in einer zunehmend digitalisierten Welt.
5. Ein weiterer Bereich der veränderten Gegenwart sind die Gebiete Körper- und Geschlechtsidentität. Zum einen haben die Queer und Gender Studies zu einer Neuverhandlung normativer Geschlechterstrukturen geführt; die die moderne bürgerliche Welt ordnende heterosexuelle Matrix mit ihrer binären Geschlechterstruktur (Butler 1990) ist ebenso in Frage gestellt worden wie die ‚Hegemoniale Männlichkeit‘ (Connell 1987). Auf verschiedene Weise wird die Performativität von Geschlechterstereotypen medial reflektieren. Zum anderen verknüpft sich mit dem Körper aber auch ein Trend des Körperkults, der Moden wie Schönheitsoperationen und Körpermodulationen (Tätowierungen etc.) ebenso umfasst wie den in den letzten Jahren boomenden Veganismus. Der Körper steht aber auch im Zentrum einer zwischen Gesundheitskult und Leistungswille stehender Bewegung der Selbstoptimierer. Schließlich verbindet sich mit dem Körper die Problematik von veränderten Arbeitsverhältnissen, Leistungsdruck und Kreativwille.

Um die Blindheit einer eurozentristischen Ausdifferenzierung nicht von Vornherein in Kauf zu nehmen, möchte die geplante Tagung den vermeintlich vormodernen Blickwinkel aufbrechen und vor den skizzierten Hintergründen transdisziplinär nach dem Verhältnis von gesellschaftlichem Wandel und medialen Redeweisen in ihrem komplexen Kontexten der Gegenwartsgesellschaft fragen. Insbesondere soll es dabei um die Konstitution und Position des Subjekts gehen, das wie in einer Zwickmühle zwischen erfüllender Selbstverwirklichung und vernichtender Selbstausbeutung (Schrenk 2008) changiert. Willkommen sind daher neben literaturwissenschaftlichen gerade auch kultur- und gesellschaftswissenschaftliche Beiträge, die die gegenwärtige Entwicklung analysieren und/oder sie in einen historischen Zusammenhang stellen.

Geplant ist eine Tagung des wissenschaftlichen Nachwuchses, die vom 15.-16. März 2016 an der Universität Duisburg-Essen stattfinden soll.
Das Projekt will NachwuchswissenschaftlerInnen aus den verschiedenen Bereichen der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften zum Rahmenthema Narrative der Entgrenzung und Angst: Das globalisierte Subjekt im Spiegel der Medien (Presse, Literatur, Film, Theater, Social Media) zusammenbringen, um im Rahmen einer Tagung das Forschungspotential des Untersuchungsaspekts zu sichten und in interdisziplinärer Perspektive zu diskutieren (geplant ist eine Publikation der Tagungsbeiträge).

Mögliche Untersuchungsschwerpunkte sind:
Redeweisen von der Entgrenzung und Angst des globalisierten Subjekts in Presse, Literatur, Film, Theater, Social Media im Kontext von:
1. Arbeitsmarktbedingungen (Wandel der Arbeitswelt, Auswirkungen auf den Arbeitnehmer, Konsumverhalten, Arbeitslosigkeit, Leistungsdruck),
2. sozialem Leben (Freizeit, Ehe, Familie, Freundschaft; soziale Institutionen: Schule, Kirche, Nachbarschaft),
3. kultureller Identität (Europäisches Bewusstsein, Fremdenangst, Terrorwahn),
4. Leben im Informationszeitalter (Datenfluss, Sprachskepsis, digitale Überwachung),
5. Körper- und Geschlechtsidentität (Sexualität, Geschlechterverhältnisse, Schönheit, Gesundheit).

Das Call for Papers richtet sich an Masterstudierende, Doktorand*innen und Postdoktorand*innen des Geistes-, Gesellschafts-, Medien- und Kulturwissenschaften.
Bitte senden Sie Ihre Abstracts im Umfang von max. 300 Wörtern zusammen mit einer Kurzbiographie bis zum 15.8.2015 an die beiden Organisator*innen: corinna.schlicht@uni-due.de, christian.steltz@sprachlit.uni-regensburg.de.
Eine Finanzierung der Reisekosten ist geplant.
Organistor*innen: Dr. Corinna Schlicht (Universität Duisburg-Essen) und Dr. Christian Steltz (Universität Regensburg)

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortUniversität Duisburg-Essen
Bewerbungsschluss15.08.2015
Beginn15.03.2016
Ende16.03.2016
PersonName: Schlicht, Corinna [Dr.] 
Funktion: Veranstalterin 
E-Mail: corinna.schlicht@uni-due.de 
Name: Steltz, Christian [Dr.] 
Funktion: Veranstalter 
E-Mail: christian.steltz@sprachlit.uni-regensburg.de 
KontaktdatenName/Institution: Institut für Germanistik an der Universität Duisburg-Essen 
Strasse/Postfach: Universitätsstraße 12 
Postleitzahl: 45117  
Stadt: Essen 
Telefon: 0201-183 3502 
Fax: 0201 183-4738  
E-Mail: corinna.schlicht@uni-due.de 
Internetadresse: https://www.uni-due.de/germanistik/schlicht/ 
LandDeutschland
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Literatur nach 1945
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft; 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart; 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart > 19.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte
Ediert von  H-Germanistik
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