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Ergebnisanzeige "10. Studientag Literatur und Wissenschaftsgeschichte am MPI für Wissenschaftsgeschichte"
RessourcentypTagungsberichte
Titel10. Studientag Literatur und Wissenschaftsgeschichte am MPI für Wissenschaftsgeschichte
Beschreibung10. Studientag Literatur und Wissenschaftsgeschichte

10. Juli 2015
Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Boltzmannstraße 22, 14195 Berlin

Bericht von
Esther Preis [estherpreis@zedat.fu-berlin.de], Peter Wittemann [peter.wittemann@fu-berlin.de]

Tagungsbericht
Zum zehnten Mal seit 2005 wurde am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte Berlin zur Vorstellung und Diskussion von im Entstehen begriffenen Arbeiten aus dem Bereich der 'Literature and Science Studies' eingeladen.
Nach dem bewährten Muster der Veranstaltung wurden die vorab an alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer verschickten Papers nicht von den jeweiligen Autorinnen und Autoren vorgestellt, sondern von einem Kommentator beantwortet und anschließend im Plenum diskutiert.

Überblick:
Maha El Hissy (München): Jungfrauen in der Literatur der frühen Neuzeit. Anatomie, Liturgie, Passion
Kommentar: Simon Zeisberg (Berlin)
Peter Klingel (Düsseldorf): Ich sehe was, was du nicht siehst. Wissen und Macht im »Reich der Natur und der Sitten« (1757–1762)
Kommentar: Madleen Podewski (Berlin)
Maria Sawitzki (Würzburg/Erlangen-Nürnberg): Die Physikrezeption in deutschen Kulturzeitschriften von 1945–1970. Ein Kapitel aus der Dissertation ›Paul Celan und die moderne Physik‹
Kommentar: Ina Heumann (Berlin)
Alexander Alon (Zürich): Zionism’s Ethnographic Knowledge: Leo Motzkin’s and Heinrich York-Steiner’s Narratives of Palestine (1898–1904)
Kommentar: Philipp N. Lehmann (Berlin)
Mira Shah (Bern): Etüden der Kuschelprimatologie. Fiktion als Experimentalraum primatologischer Emotionalität
Kommentar: Inga Schaub (Berlin)

Maha El Hissy (München) stellte mit ihrem Beitrag "Jungfrauen in der Literatur der Frühen Neuzeit. Anatomie, Liturgie, Passion" einen Abschnitt ihres umfassender angelegten Habilitationsprojekts zu Jungfräulichkeit im Zeichen des Politischen vor. Anhand eines close readings der Folter- und Hinrichtungsszenen aus Gryphius' "Catharina von Georgien" und Lohensteins "Epicharis" untersucht sie das Verhältnis von Autopsie und Liturgie. Sie vertritt die These, dass die Drastik und die Orientierung an den anatomischen Diskursen der Zeit einer Deutung der Stücke als reine Märtyrerdramen entgegenstehen.
In seinem Kommentar sprach sich Simon Zeisberg (Berlin) dafür aus, diese beiden Diskurse eher in einem Konvergenz- als Konkurrenzverhältnis zu sehen. Er thematisierte das Problematische des Verhältnisses der beiden von El Hissy angewandten Methoden dehistorisierender Dekonstruktion einerseits und eines wissens- und religionshistorischen Zugangs andererseits und ging auf die prinzipiellen Schwierigkeiten der Anwendung einer dekonstruktivistischen Methode auf barocke Texte ein. In diesem Zusammenhang empfahl er auch einen stärkeren Einbezug von zeitgenössischen Primärtexten unterschiedlicher Provenienz der Zeit zum Thema Jungfräulichkeit. Die folgende Diskussion beschäftigte sich mit der Frage, ob mit dem medizinischen Fortschritt in der frühen Neuzeit eine generelle Profanisierungstendenz einhergeht und sich die Ergebnisse von El Hissy in diesem Kontext verorten lassen. Ferner wurde das auf Kantorowicz zurückgehende Konzept der zwei Körper des Königs thematisiert; auch wurde darauf hingewiesen, dass die Bedeutung von Blut und Gewalterfahrung bei den Mysterikerinnen des Mittelalters für El Hissys Forschungsvorhaben relevant sei und abschließend die Bedeutung der Teichoskopie in der Schlussszene von "Catharina von Georgien" diskutiert.

Die Arbeit von Peter Klingel (Düsseldorf) hat die von 1757–1762 erschienene moralische Wochenschrift "Reich der Natur und der Sitten" zum Gegenstand. Er konzentriert sich darin auf das Verhältnis von Autor und Leser und zeigt diejenigen narrativen Verfahren auf, die für das untersuchte Verhältnis konstitutiv sind. In der programmatischen Vorrede und den von ihm betrachteten Stücken gerieren sich in Klingels Lesart die Herausgeber/Verfasser als 'zweite Schöpfer', die Macht über ihren Leser sowohl durch die fiktionale Präsentation von Fakten als auch den Gegenstand selbst, nämlich Johann Peter Süßmilchs Arbeiten zur Bevölkerungsstatistik, gewännen. Der metaleptische Zusammenfall von Fiktion und Realität im Darstellungsmodus weise die dargestellten Inhalte als Resultate der Verfasserinteressen aus, während den Inhalten selbst durch ihre mathematisch-statistische Provenienz Autorität zukäme: Durch empirische Methoden sei der Verfasser in der Lage, aus der Position einer panoptischen Macht heraus sowohl Aussagen über das Leben des Rezipienten zu treffen als auch Handlungsanweisungen daraus zu folgern.
Der Kommentar von Madleen Podewski (Berlin) stellte das Vorhaben in den weiteren Horizont des Zeitschriftenwesens im 18. Jahrhundert. Der unbestrittene Habitus der Belehrung durch die Herausgeber könne vor dem Hintergrund zweier Aspekte besser kontextualisiert werden. Erstens müsse beachtet werden, dass Statistik als wissenschaftliche Methode im 18. Jahrhundert nicht eher einen prekären Status innegehabt habe; zweitens sei zu fragen, ob die Hypothese einer autoritativen Sprechhaltung der genaueren Untersuchung weiterer Stücke der Zeitschrift standhalte. Im Verlauf der Diskussion interessierte vor allem der verwendete Fiktionalitätsbegriff und die Frage, ob er auf eine Gattung angewendet werden könne, die sich dezidiert als nicht-fiktional verstehe. Die Sprechweise sei eher im Bereich einer konventionellen Rhetorik zu verorten. Als breiterer Rahmen, in dem die Gegenstände der moralischen Wochenschriften kondensierten, wurde abschließend die Ratgeberliteratur des 18. und 19. Jahrhunderts zur Sprache gebracht.

Mit ihrem Beitrag "Die Physikrezeption in deutschen Kulturzeitschriften von 1945–1970. Ein Kapitel aus der Dissertation 'Paul Celan und die moderne Physik'" stellte Maria Sawitzki (Würzburg/Erlangen-Nürnberg) ein Kapitel aus ihrem laufenden Dissertationsprojekt "Paul Celan und die moderne Physik" zur Diskussion. Ausgehend von einer Untersuchung der physikbezogenen Titel in der Nachlassbibliothek Paul Celans betrachtet sie zwei von ihm rezipierte Zeitschriftenartikel ausführlicher und zeigt, dass sich durch den Einbezug der damaligen neuesten Erkenntnisse der Astrophysik eine weitere Bedeutungsebene von Paul Celans Gedicht »Blasenkammer« erschließen lässt.
Ina Heumann (Berlin) thematisierte in ihrem Kommentar das Verhältnis von polysemer Lyrik zu eindeutigen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und ging auf die Arbeitsweise von Celan ein. Sie fragte ferner nach der Begründung der Textauswahl und dem Verhältnis der Texte zueinander. Die anschließende Diskussion folgte zunächst in den Grundzügen den von Heumann gegebenen Impulsen: Die Einbettung der isoliert stehenden Texte in einen größeren Verweiszusammenhang wurde ebenso wie eine konkretere Bezugnahme auf das erarbeitete Material aus dem Nachlass Celans angeraten. Eine Umstrukturierung der Arbeit wurde diskutiert: Der Schwerpunkt sollte nicht auf den populärwissenschaftlichen Texten liegen, sondern diese zur Unterstützung der Lektüre des Gedichtes herangezogen werden. Problematisiert wurde die Annahme eines einseitigen Rezeptionsweges wissenschaftlicher Erkenntnisse von der Astrophysik über eine populäre Vermittlung hin zur Bearbeitung durch Celan. In diesem Zusammenhang wurde auch das methodische Vorgehen thematisiert und ein wissenpoetologischer Zugriff auf die Texte im Gegensatz zu einer rein literaturhistorischen Betrachtung angeregt; es sei nicht nur möglich, Celan im Rückgriff auf populärwissenschaftliche Texte zu lesen – auch diese selbst könnten unter erzählanalytischen Geischtspunkten betrachtet und 'mit Celan gelesen' werden. Die Frage, inwieweit physikalische Kenntnisse bei einem Celan-Leser vorausgesetzt werden können, wurde erörtert und abschließend dafür plädiert, sich bei der Interpretation von Celans Gedicht nicht nur auf einer semantischen Ebene zu bewegen.

Der englischsprachige Beitrag von Alexander Alon (Zürich) fasst die Modi der Wissensproduktion der zionistischen Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts ins Auge. Theodor Herzls Vision eines 'Judenstaats' in Palästina sollte – laut Herzl erstmals in der Geschichte der Juden – auf wissenschaftlichen Prinzipien basieren, wodurch das jüdische Volk vom Objekt geschichtlicher Entwicklungen zu deren handlungsbestimmendem Subjekt würde; den Diskurs über die Methodik der hierfür notwendigen Wissensproduktion weist Alon als Verflechtung 'literarischer' und 'objektiver' Methoden aus. Im Beitrag werden exemplarisch Leo Motzkins Expedition nach Palästina (1898) und Heinrich York-Steiners "Talmudbauer"-Trilogie (1904) abgehandelt. Motzkins Mission, verbunden mit dem Auftrag, Bedingungen der Besiedlung Palästinas zu eruieren, sieht Alon dabei vom Modus der Dissimulation geprägt: Der – nach Motzkin – aus ökonomischen Gründen dissimulierenden Verhaltensweise der palästinensischen Juden begegnete dieser mit einer dissimulierenden Fragetechnik, um 'eigentliche' Informationen jenseits empirischer Beobachtungen zu ermöglichen; eine Methode, deren Parallelen zur Konstruktion poetischer Welten im Modus der Fiktionalität Alon herausstreicht. Der "Talmudbauer" York-Steiners, explizit in diesem Modus verfasst, versuche wiederum, Lösungen für die Problematik einer systematischen 'Völkerpsychologie' zu finden. Indem die Trilogie sämtliche Möglichkeiten der Begegnung zwischen Juden auf der Ebene personaler Liebesbeziehungen durchspielt und als einzige Option den an den Talmud-Prinzipien orientierten Umgang miteinander auf palästinensischem Boden anerkennt, werde die Notwendigkeit ethnischer, kultureller und religiöser Übereinstimmung durch fiktionale Stringenz legitimiert.
Philipp N. Lehmann (Berlin) gab in seinem Kommentar vielfältige Anregungen – etwa könne der Frage nachgegangen werden, inwiefern die methodische Diversität der unter dem Begriff 'Ethnographie' subsumierten Herangehensweisen für die fragliche Zeit repräsentativ war; inwiefern die ausgewählten Schriften den Zionismus als Gesamtphänomen abbildeten; und, ob man historiographische Theorien der Kolonialisierung für das Projekt fruchtbar machen könne. In der anschließenden Diskussion wurde die gesellschaftliche Hierarchisierung der palästinensischen Juden unter der Perspektive der Expeditionen diskutiert ('othering'). Der zeitliche und inhaltliche Rahmen des Projekts interessierte ebenso wie die wissenschaftlichen Prinzipien Herzls und die Grundlagen der Zusammenstellungen zionistischer Expeditionen, die man nach Alon wiederum mit einem literarischen Genrebegriff bezeichnen könne: "Schmierenkomödie". Ferner wurde die Bedeutung populärer Literatur für die Bestimmung eines historischen Diskursfelds hervorgehoben.

Der letzte vorgestellte Text von Mira Shah (Bern), unter dem Titel "Etüden der Kuschelprimatologie" als Teil ihrer Dissertation "Affe und Affekt. Die Rhetorik der Primatologie" eingereicht, greift unter der Beschreibung des Spannungsfelds 'Emotionalität – Erkenntnis' Texte von Madonnas "Like a Virgin" bis zum Science-Fiction-Roman "Wish" von Peter Goldsworthy auf; im Fokus steht die Analyse der doppelten Funktionalisierung von Emotion sowohl zur Gewinnung als auch Präsentation von Erkenntnissen im Bereich der Primatologie. So werden autobiographische Berichte von Forscherinnen analysiert, die – aufgrund einer vermeintlich spezifisch weiblichen Arbeits- und Sichtweise ausgewählt – in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts Langzeitstudien mit Gorillas vorgenommen hatten. Die Forschungsberichte propagieren, inhaltlich und narrativ, eine emotionale Haltung gegenüber den Objekten der Studien, die allein spezifischen Erkenntnisgewinn ermöglicht; allerdings leidet die Seriösität von Bericht und Berichtender unter diesem Paradigma. Dies zeigt sich auch in der Prävalenz der Darstellung von Emotionalität als (positivem) Persönlichkeitsmerkmal gegenüber Emotionalität als Erkenntismodus in einem 'biopic' von 1988 ("Gorillas in the Mist"). Peter Goldsworthys Roman "Wish" (1995) schließlich setze sich mit der rechtsphilosophischen Frage des juristischen Status’ von Menschenaffen und der Möglichkeit der Kommunikation zwischen verschiedenen Spezies auf der Basis menschlicher Zeichensysteme auseinander, eingebettet in eine Erzählung, die die Möglichkeit menschlicher Selbstfindung (und damit Erkenntnis) im emotionalen, auch erotisch-zoophilen Kontakt mit Menschenaffen erprobt.
In ihrem Kommentar hob Inga Schaub die drei Phasen der Bewertung von Emotionalität heraus, wie sie von Shah dargestellt werden: Verdrängung, Kultivierung als epistemische Tugend und Wiederkehr des Verdrängten in Fiktion. Sie besprach ferner die verwendeten Analysewerkzeuge (Anerkennungstheorie und die ästhetische Kategorie des 'Erhabenen'). Als Vorschläge, die zur genaueren Distinktion der Resultate dienlich sein könnten, brachte sie moderne Einflussfelder und die Beziehung von Primatologie und Anthropologie ins Gespräch. Denken ohne Emotion, darin war sich die Diskussionrunde einig, ist nicht möglich – daher müsse die Durchdringung der ratio mit dem Affekt als Phänomen beschrieben und in seinem Einfluss auf die Ergebnisse von Forschung dargestellt werden. Schließlich wurde auf zwei interessante Erscheinungen verwiesen: die Tatsache, dass Primatologie in zivilisatorischen Umbruchsituationen auf besonderes Interesse stoße ('anthropological anxiety'), sowie die Eigenheit wissenschaftlicher Texte, Emotion in fiktionale Werke zu verdrängen.

Emotional war dann auch die Abschlussdiskussion – anlässlich der Tatsache, dass es sich in diesem Jahr bereits um den zehnten Studientag handelte, war die Zukunft der Veranstaltung Gesprächsgegenstand. Einerseits sei der Bedarf an theoretischen Hilfsmitteln im Bereich Literatur und Wissenschaftsgeschichte angesichts spezifischer Lexika und Handbücher zum Thema inzwischen besser abgedeckt und die eigenständige Orientierung einfacher geworden, die Vorbereitung des Studientags dagegen gestalte sich – aufgrund der Verteilung der Organisierenden – schwieriger. Demgegenüber hoben die Teilnehmenden neben der ausgezeichneten äußeren Rahmung durch das MPI die fachliche Kompetenz, das Interesse und vor allem die Ergiebigkeit der Diskussionsrunde hervor. Gerade die Idee, das Projekt nicht selbst, sondern durch die kritische Brille von Kommentierenden vorzustellen, die der Diskussion wichtige Impulse zu liefern vermochten, eröffneten den fünf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern neue Perspektiven auf ihr jeweiliges Projekt.

Veranstalter:
Institut für Deutsche und Niederländische Philologie und Friedrich-Schlegel-Graduiertenschule der Freien Universität Berlin und Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Zusammenarbeit mit Mercator Forschergruppe 2 der Ruhr-Universität Bochum und dem Exzellencluster 16 der Universität Konstanz

Organisation:
Jutta Müller-Tamm (Freie Universität Berlin und Friedrich-Schlegel Graduiertenschule), Donatella Germanese (Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte), Johanna Bohley (Friedrich-Schiller-Universität Jena), Jenny Willner (Ludwigs-Maximilian-Universität München), Christina Brandt (Bochum), Bernhard Kleeberg (Konstanz) und Fabian Krämer (München)


Redaktionelle Betreuung: Alexander Nebrig

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Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
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VeranstaltungsortBerlin
KontaktdatenName/Institution: Institut für Deutsche und Niederländische Philologie, FU Berlin 
Strasse/Postfach: Habelschwerdter Allee 45 
Postleitzahl: 14195 
Stadt: Berlin 
LandDeutschland
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