VIRTUELLE FACHBIBLIOTHEK GERMANISTIK Germanistik im Netz Logo

Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "KORREKTUR: 25. Germanistentag 2016 - Panel "Sich selbst erzählen. Autobiographie – Autofiktion – Autorschaft""
RessourcentypCall for Papers
TitelKORREKTUR: 25. Germanistentag 2016 - Panel "Sich selbst erzählen. Autobiographie – Autofiktion – Autorschaft"
BeschreibungKorrigierte Fassung

Call for paper:
Sich selbst erzählen. Autobiographie – Autofiktion – Autorschaft

Panel auf dem 25. Deutschen Germanistentag, 25. bis 28. September 2016 in
Bayreuth (im Themenschwerpunkt 5: Erzählende Instanzen)

Leitung:
Sonja Arnold (Wuppertal)
Stephanie Catani (Bamberg)
Anita Gröger (Genua)
Christoph Jürgensen (Wuppertal)
Klaus Schenk (Dortmund)
Martina Wagner-Egelhaaf (Münster)


Das autobiographische Erzählen stellt einen Grenzfall des Erzählens dar, dessen Virulenz sich sowohl in einer anhaltenden Theoriedebatte als auch in immer neuen literarischen Formen und Experimenten niederschlägt. Um der theoretischen, methodischen und künstlerischen Vielfalt der Selbsterzählung gerecht werden zu können, richtet der Germanistentag eine sich über drei Tage erstreckende Sektion zum Thema ein, deren Panels jedoch miteinander ver­bunden sind. Didaktische Beiträge sind willkommen. Für folgende vier Panels werden Beiträge erbeten:


Panel I: Narratologie der Selbsterzählung (Leitung: Prof. Dr. Martina Wagner-Egelhaaf)

„Die meisten Menschen sind im Grundverhältnis zu sich selbst Erzähler“, schreibt Robert Musil im Mann ohne Eigenschaften[1]. Menschen erzählen permanent (von) sich selbst; die Adressaten dieser Erzählungen sind andere Menschen – aber auch, wie das Diktum von Robert Musil zu verstehen gibt, sie selbst. Literarisch hat dieser Grundgestus des homo narrans[2] zur Ausprägung des Genres der Autobi­ographie geführt, die seit jeher einen Grenz­fall des Erzählens darstellt. Die Literaturwissenschaft hat die Autobiographie als ein hybrides Genre zwischen Faktualität und Fiktionalität diskutiert,[3] das auch die ‚Toterklärung‘ des Sub­jekts im Zuge des Poststrukturalismus überlebt hat. Mehr denn je wer­den neue und experi­mentelle Formen erprobt, die unter dem Stichwort der ‚Autofiktion‘[4] auch die ‚Grenze‘ zwi­schen ‚Fakt‘ und ‚Fiktion‘, ‚Literatur‘ und ‚Leben‘ infrage stellen. Eine Herausforderung für die Erzähltheorie bildet die Tatsache, dass im Zeichen der ‚Autofiktion‘ reale Personen fiktio­nal werden und fiktionale Konstellationen Wirklichkeitsmacht erlangen. Nach den Debatten über die Fik­tionalität des autobiographischen Ichs ist es nun an der Zeit, die Narratologie der Autobiographie so­wie der Autofiktion wieder stärker in den Blick zu nehmen. Nicht zufällig wird in Frankreich derzeit verstärkt die Kategorie der ‚Autonarration‘ diskutiert.[5] Das vorge­schlagene Panel möchte die neuen Debatten um ein altes Genre aufgreifen und ihre theoreti­sche, aber auch ihre literarische Produktivität diskutieren. Dabei treten vor allem die Katego­rien von Raum und Zeit sowie die Frage nach der Er­zählinstanz ins Zentrum der Aufmerk­samkeit. In besonderer Weise fokussiert werden die vermeintli­che ‚Grenze‘ von ‚Leben‘ und ‚Text‘ und die Realitätseffekte literarischer Selbstentwürfe. Im Sinne der postklassischen Narrativität sollen auch die nichtliterarische Selbsterzählung, beispielsweise in sozialen Netzwerken, und die genreübergreifende Funktion der Lebensgeschichte als kulturelles ‚Nar­rativ’thematisiert werden. Gleichermaßen gilt es zu diskutieren, ob und inwiefern Ansätze der Cognitive Narratology, etwa über die Kategorie des ‚embodiment‘, geeignet sind, die Insis­tenz selbst­biographischen Erzählens besser zu verstehen und damit die Autobiographietheorie weiterzuführen. Erbeten werden Vorschläge für Vorträge (20min.), aber auch für theoretische und literarische Texte, die (ggfs. in Auszügen) in gemeinsamen Workshop-Phasen erarbeitet werden sollen.

Abstracts im Umfang von max. 1 Seite und kurze Angaben zur Person werden
bis zum 15.8.2015 erbeten an:
Martina Wagner-Egelhaaf (egelhaa@uni-muenster.de)


Panel II: Figurenentwürfe – Selbstentwürfe. Metagenres. (Leitung: Dr. Sonja Arnold, Anita Gröger)

Biographische und autobiographische Erzählerfiguren, die ihre eigene Zuverlässigkeit infrage stellen, das Spannungsfeld zwischen Fakt und Fiktion ausloten und sich mit den Möglichkeiten und Grenzen des Erzählens von individueller (und kollektiver) Geschichte befassen – dabei handelt es sich um Strategien fiktionaler Texte, die sich in selbstreflexiver Weise mit (Auto)Biographie und deren narrativer Dimension auseinandersetzen. Hierbei treten Phänomene zutage, die immer wieder auf den Fiktions- und Konstruktionscharakter, d.h. die 'Gemachtheit', narrativer Figuren- und Selbstentwürfe verweisen und die in einem ersten Schritt mit dem Begriff der Metaisierung gefasst werden können. Im Kontext der genannten Gattungen wäre u. a. die Frage nach spezifischen sowie epochenübergreifenden Funktionspotentialen metaisierender Darstellungsverfahren zu diskutieren: Sind sie als Ausdruck eines Krisenbewusstseins individueller, gesellschaftlicher oder künstlerischer Art zu bewerten? Vermögen sie innovative Impulse für die Entwicklung neuer bzw. die Weiterentwicklung traditioneller Formen zu setzten?
Erwünscht sind Beiträge, die sich mit der theoretischen Situierung des Begriffs ‚Metaisierung’ befassen, sich textnah mit spezifischen Schreibstrategien seiner Subgattungen – insbesondere der meta(auto)biographischen Fiktion und autofiktionaler Texte – beschäftigen oder die didaktische Vermittlung der genannten Metagenres ins Zentrum stellen.

Abstracts im Umfang von einer Seite und kurze Angaben zur Person werden bis zum 15.8.2015 erbeten an:
Sonja Arnold (sarnold@uni-wuppertal.de)
Anita Gröger (groeger.anita@gmail.com)


Panel III: Dimensionen des Ich-Erzählens in der interkulturellen Gegenwartsliteratur (Leitung: Prof. Dr. Klaus Schenk)

Formen des Ich-Erzählens haben in der Erzähltheorie eine breite Diskussion entfacht. Unter­schiedliche Versuche der Bestimmung wurden dabei unternommen, besonders im Hinblick auf die Ebenen fiktiven Erzählens. Ausgehend von der narratologischen Forschung sollen im Panel Formen des Ich-Erzählens in der interkulturellen Literatur untersucht werden. Deutsch­sprachige Autoren der interkulturellen Gegenwartsliteratur wissen ihre Erzählweisen auch formal innovativ zu gestalten. Besonders die autobiographische bzw. autofiktionale Dimen­sion interkulturellen Erzählens wirft dabei Fragen nach der Instanz des Ich-Erzählers wie auch der/den erzählten Figur/en im Erzählen auf. Verunsichert wird eine Aussagerelation, die den autobiographischen Pakt allererst begründen könnte. Im Hinblick auf die Problematik literari­scher Inter-/Transkulturalität soll daher nach der Spezifik dieser autofiktionalen Erzählweisen gefragt werden. Im Vordergrund stehen dabei die zwischensprachlich-kulturelle Problematik, das skriptural-mediale Feld sowie die imaginäre Zwischenlage der Texte. Aber nicht nur die autofiktionale Dimension entwirft neue Perspektiven auf das interkulturelle Erzählen, viel­mehr setzen sich Verunsicherungen des Erzählens ebenso in der Struktur des Ausgesagten um. So folgt z.B. die Annahme eines ‚unzuverlässigen Erzählens’ einer mono­kulturellen Perspektive, seine Umbesetzung aber zur pluralisierten Narration, die verschie­dene sprach­lich-kulturelle Rollen und Kodes annehmen kann, bietet eine interkulturelle Vari­ante. Vor allem pikareske Ich-Erzählweisen sind hier anzuführen, wie sie in der interkulturel­len Litera­tur immer wieder anzutreffen sind. Zwischenkulturelle Verunsicherungen in der Relation von Aussagestruktur und Ausgesagtem können als eine Erweiterung des Erzählens verstanden werden. Dies betrifft zunächst Theorieansätze, wie sie sich im Spannungsfeld zwi­schen Kulturalität und Transkulturalität herausgebildet haben; zum anderen aber auch die Theorie­bildung zur Transformation von narrativen Techniken, Instanzen und Verfahren. Im Panel sind Beiträge zum Grenzbereich zwischen der autobiographischen bzw. der autofik­tionalen Dimension und anderen ambivalenten Relationen des Ich-Erzählens in der interkultu­rellen Gegenwartsliteratur willkommen.

Abstracts im Umfang von max. einer Seite und kurze Angaben zur Person werden bis zum 15.8.2015 erbeten an:
Klaus Schenk (klaus.schenk@tu-dortmund.de)


Panel IV: Autorschaft erzählen. Gegenwartsliterarische Verfahren der Auto(r)fiktion (Leitung: PD Dr. Stephanie Catani, Dr. Christoph Jürgensen)

Der längst topischen Rückkehr des einst voreilig für tot erklärten Autors in die literaturwis­senschaftliche Diskussion korrespondiert eine Rückkehr auch in die Erzählliteratur: Der scripteur, so konnte Albert Meier schon zu Beginn des neuen Jahrtausends feststellen, „darf […] als Autor wieder ‚ich‘ sagen (und das auch buchstäblich so meinen).“[6] Ein solches autorschaftliches ‚Ich’ artikulierte sich seither in einer Vielzahl von Texten quer durch die Gattungen, wobei ihnen grundsätzlich gemeinsam ist, dass sie in je unterschiedlicher Ge­wichtung einen autobiografischen Pakt und einen Fiktionspakt mit dem Leser kombinieren.[7] Um nur einige Beispiel für diese Kombination anzuführen: Auto(r)fiktionen zeigen sich in so genannten Erinnerungstexten, die, wie Uwe Timms Am Beispiel meines Bruders (2003) oder W. G. Sebald Erzählband Die Ausgewanderten (1992) oder Austerlitz (2001), durch explizit markierte autobiografische Bezüge die Grenze zwischen Erzählinstanz und Autorfigur unter­laufen. Literarische Spiegelungen außerliterarischer Weltereignisse reagieren, wie Ulrich Peltzers Erzählung Bryant Park (2002), auf die Drastik realer Katastrophen mit dem jähen ‚Einbruch‘ der Autorfigur in die Fiktion. In Romanen wie Thomas Glavinic‘ Das bin doch ich (2007) oder Felicitas Hoppes Hoppe (2012) wiederum deutet sich die intrikate Präsenz des Autors in seinem literarischen Text bereits im Titel an, und ‚naturgemäß’ bieten auch Hybrid­gattungen wie das Tagebuch günstige Explorationsfelder für Autorinszenierungen, so etwa das (traditionell publizierte) Tagebuch von Helmut Krausser oder das (digital präsentierte) von Alban Nikolai Herbst. All diese und viele weitere Texten verbindet, dass das Ich des je­weiligen Autors gleichsam auf dem Spiel steht, mit Andreas Maiers Poetik-Vorlesungen, die bezeichnenderweise Ich betitelt sind, programmatisch formuliert: „In den Büchern suchte ich immer ein Ich, und jetzt bin ich ein Buch geworden. Ein Buch auf dem ich steht.“[8] Oder narratologisch gesagt: Gemeinsam ist all diesen Texten ein hohes Maß an Selbstbezüglichkeit, das eine konsequente metareferenzielle Bezugnahme unterschiedlicher Erzählebenen und -perspektiven aufeinander verantwortet. Das Panel untersucht folglich Texte der Gegenwarts­literatur, die über ihre erzählenden Instanzen die Autorfigur und den Akt des Schreibens glei­chermaßen reflektieren – histoire und discours treten hier in ein reziprokes Spannungsver­hältnis.
Eingeladen zur Mitarbeit an dem Panel sind sowohl theoretische Positionierungen wie konkrete Textinterpretationen, die das Erzählen von Autorschaft in der Gegenwartsliteratur insgesamt in seiner formalen und funktionalen Vielfalt sichtbar machen und neue Perspekti­ven im Kontext von Autorbegriff- und -diskussion vorschlagen. Da von einer Verlesung ein­zelner Vorträge zugunsten gemeinsamer Diskussionen und eines kon­struktiven Austausches abgesehen wird, werden nach der Entscheidung über die Zusammen­setzung des Panels alle Beteiligten aufgefordert, ihre druckfertigen Beiträge bis zum 15.6.2016 einzureichen. Anfang Juli 2016 werden diese Beiträge an alle Teilnehmerinnen und Teil­nehmer verschickt, auf dem Germanistenkongress kurz vorgestellt und im Rahmen eines Workshops gemeinsam diskutiert.

Abstracts im Umfang von max. einer Seite und kurze Angaben zur Person werden bis zum 15.8.2015 erbeten an:
Stephanie Catani (stephanie.catani@uni-bamberg.de)
Christoph Jürgensen (ch.juergensen@gmail.com


________________________________

[1] Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften. Roman, in: Gesammelte Werke in neun Bänden, hg. v. Adolf Frisé, Bde. 1-5, Reinbek b. Hamburg 1978, 650.

[2] Vgl. Albrecht Koschorke, Wahrheit und Erfindung. Grundzüge einer Allgemeinen Erzähltheorie, Frankfurt a. M. 2012, 9.

[3] Vgl. Martina Wagner-Egelhaaf, Autobiographie, 2. akt. und erw. Aufl., Stuttgart, Weimar 2005, 1, 49ff.

[4] Einen Überblick über die internationale Debatte gibt Isabelle Grell, L’Autofiction, Paris 2014.

[5] Vgl. Philippe Gasparini, Autofiction. Une aventure du langage, Paris 2008, 312; Arnaud Schmitt, Je réel/Je fictif. Au-delà d’une confusion postmoderne, Toulouse 2010; Arnaud Genon, „De l’autofiction à l’autonarration“, http://www.autofiction.org/index.php?post/2010/12/05/De-lautofiction-a-lautonarration (09.05.2014).

[6] Albert Meier: „Irony is Over: Der Verzicht auf Selbstreferenzialität in der neuesten Prosa.“ In: Heinrich Detering (Hg.): Autorschaft. Positionen und Revisionen. Stuttgart/Weimar 2002, S. 570-581, hier S. 572.

[7] Siehe hierzu Frank Zipfel: Autofiktion. In: Dieter Lamping (Hg): Handbuch der literarischen Gattungen. Stuttgart 2009, S. 31-36, hier S. 33.

[8] Andreas Maier: Ich. Frankfurter Poetikvorlesungen. Frankfurt/M. 2006, S. 127.

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortBayreuth
Bewerbungsschluss15.08.2015
Beginn26.09.2016
Ende28.09.2016
KontaktdatenName/Institution: 25. Deutscher Germanistentag 
Stadt: Bayreuth 
Internetadresse: http://www.germanistentag2016.de/ 
Ediert von  H-Germanistik
Ein Angebot vonGermanistik im Netz
URL dieses Wer-Was-Wo-Datensatzeshttp://www.germanistik-im-netz.de/wer-was-wo/48235

© Virtuelle Fachbibliothek Germanistik | Letzte Änderung 18.02.2016 | Impressum | Intern