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Ergebnisanzeige "Habitus und Sozialprofil der deutschen Gelehrten in historischen und literarischen Quellen vom 18. bis 21. Jahrhundert"
RessourcentypCall for Papers
TitelHabitus und Sozialprofil der deutschen Gelehrten in historischen und literarischen Quellen vom 18. bis 21. Jahrhundert
BeschreibungPolytechnika Koszalinska, Instytut Neofilologii i Komunikacji Spolecznej,

28.05.2009-30.05.2009, Ostseebad Osieki bei Koszalin (Polen).

Deadline: 15.09.2008



Dieses Kolloquium richtet sich gleichermaßen an Historiker, Soziologen und Literaturwissenschaftler. Es handelt sich um die Übernahme eines ursprünglich vom Faustarchiv Knittlingen geplanten Kolloquiums, das allerdings eine viel offenere und breitere Fragestellung hatte, aber aus organisatorischen Gründen nicht stattfinden konnte.

Ziel des Kolloquiums ist, vier Forschungsansätze zusammenzuführen, die bisher unkoordiniert sind oder sich gar polemisch voneinander absetzen:
Quantifizierende prosopographische Kollektivbiographien, wie sie vor allem für das lange 19. Jahrhundert und einzelne Universitäten vorliegen, detaillierte Einzelbiographien von Wissenschaftlern, die oft als "traditionelle Geistesgeschichte" abgestempelt werden, mikrohistorische Studien zu einzelnen Aspekten, etwa zur Esskultur oder zur Zerstreutheit der Gelehrten, sowie literaturwissenschaftliche Untersuchungen zum Gelehrtenportrait in Professoren- und Campusromanen.

In den großen Linien ist die Entwicklung von Sozialprofil und universitärem Umfeld bekannt: Von "Universitätsfamilien" über Wissenschaftlerdynastien zur nur durch Schulenbildung und Schülerprotektion eingeschränkten Leistungsauslese, vom enzyklopädischen "Schulfuchs" und antiquarischen Polyhistor über den charismatischen Forscher und Herrn Geheimrat zum modernen Experten und Techniker der Wissenschaft. Die frühe Neuzeit ist offenbar besonders gut untersucht, während sich quantitative Längsschnittstudien über das 19. Jahrhundert und 20. Jahrhundert häufiger auf politische Aspekte konzentrieren. Aber auch die wenigen sozialgeschichtlichen Untersuchungen zu Habitus und Lebensstil sind durch die schiere Menge des Materials zu Beschränkungen gezwungen. So werden zwar akribisch die Herkunft der Professoren, Karriereverlauf, ökonomische Situation, auch Konnubien und Schulenbildung, Lebensstil und Freizeitverhalten untersucht, aber detaillierte Aussagen über das private und universitäre Umfeld und den gelehrten Habitus, wie er beispielsweise Liebesbeziehungen und Ehekonflikte bewältigt oder durch hierarchische Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnisse deformiert wird, können sie auf Grund des vorwiegend statistischen Materials nicht leisten. Hier sollten Memoiren und Einzelbiographien auf Grund ihrer vielfältigen Informationen zur Alltagsgeschichte und universitären Lebenswelt ergänzende und bereichernde Perspektiven bieten. Eine besondere Lücke stellt in Deutschland offenbar die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts dar, und es gibt bisher keine Parallele zum klassischen Werk von Pierre Bourdieu, Homo academicus.

Die Berücksichtigung von Romanen wird bei manchen Historikern wohl zunächst auf Unverständnis stoßen. Nun haben aber bereits Alfred Weber und Pierre Bourdieu unabhängig von einander darauf aufmerksam gemacht, dass sich Habitus und Lebensgefühl der Menschen in Kunstwerken manifestieren, Künstler und Schriftsteller daher intuitiv zentrale Aspekte von Kultur und Gesellschaft in zugespitzter Weise erkennen und darstellen können. Natürlich kann man von Romanen keine naturalistisch-dokumentarische Widerspiegelung, keine Photographie der gesellschaftlichen Realität erwarten. Nach Bourdieu kann der Schriftsteller als eine Art Medium gesellschaftliche Strukturen in ähnlicher Weise objektivieren wie ein Wissenschaftler. Allerdings ist seine Methode anders: Er vermag "die ganze Komplexität einer Struktur und einer Geschichte zu konzentrieren und zu kondensieren, welche die wissenschaftliche Analyse mühsam auseinander falten und ausbreiten muss."(Bourdieu). Ein gutes Beispiel dafür ist Heinrich Mann. Er wollte seine Romane als "lebende Soziologie" verstanden wissen, die eine "überrealistische Wirklichkeit" präsentieren, und gerade sein berühmter Roman "Der Untertan" hat Historikern in der "Kaiserreich-Debatte" wichtige Erkenntnisse über die bürgerliche Mentalität der Wilhelminischen Zeit geliefert. Darüber hinaus kann man der Belletristik auch entnehmen, wie Gelehrte in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Insofern müssen Romane wie Dietrich Schwanitz' "Campus" geradezu als Ersatz für die fehlende wissenschaftliche Untersuchung von gelehrtem Habitus und Sozialprofil der letzten vierzig Jahre herangezogen werden.

Auch wenn die analytischen Kategorien sich hier vor allem an Bourdieu orientieren, sollten sich die Beiträge dadurch keineswegs in ein methodologisches Prokrustesbett einzwängen lassen. Ob man von Habitus und Lebensstil spricht, oder Konzepte wie den Sozialcharakter im Sinne Erich Fromms, Sozialprofil oder soziale Rolle vorzieht, ist nicht entscheidend. Wichtig ist, dass die Alltagsgeschichte und die akademische Lebenswelt des deutschen Gelehrten in ihren verschiedenen Facetten und im gesellschaftlichen Wandel präsentiert werden. Insbesondere Verfasser von individuellen Biographien sollten aber die unten genannten Fragestellungen beachten und nicht etwa weitschweifig über die Werke und die wissenschaftliche Bedeutung ihrer Gelehrten referieren. Auch die genügend erforschten politischen Aktivitäten der Gelehrten können hier außer Betracht bleiben.



CALL FOR PAPERS:

Es werden Vorschläge in Form von abstracts (1-2 Seiten) für Referate in deutscher, englischer oder französischer Sprache erbeten. Die Referate sollten 20 Minuten nicht übersteigen. Dabei sind Einzelfallstudien ebenso möglich wie vergleichende Längs- oder Querschnittanalysen. U.a. sind folgende Fragestellungen denkbar, andere werden aber nicht ausgeschlossen.



1) SOZIALE HERKUNFT UND AUSBILDUNG:

Bis 1933 generell geklärt, weniger für die Zeit danach.

2) INSTITUTIONELLES MACHTKAPITAL

Welchem hierarchischen Druck war der Gelehrte in jungen Jahren ausgesetzt?

Und welche Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnisse hat er selbst später realisiert?

In welchem Ausmaß praktizierte er die Protektion von Schülern?

Gab es eine Fremdbestimmung des Denkens und Handelns durch institutionelle Formen, führte sie zur "déformation professionnelle"?

Trat er als Wissenschaftsorganisator hervor?

Wie wirkte sich Machtlosigkeit aus (Privatgelehrte, Privatdozenten, professorale Außenseiter)?

Welche Konfliktsituationen ergaben sich innerhalb der Institution?

3) WISSENSCHAFTLICHE MACHT UND GESELLSCHAFTLICHES PRESTIGE:

Wie wurde der Gelehrte in der Öffentlichkeit wahrgenommen?

Welches Prestige hatte er in der Öffentlichkeit?

Strebte er nach Privilegien? Auszeichnungen?

Wie war seine Kommunikationsfähigkeit? Seine Lehrmethode?

Bestimmte er die Richtung von Zeitschriften?



4) DIE VERWERTUNG DES WISSENSCHAFTLICHEN UND INSTITUTIONELLEN KAPITALS

Wie ließ es sich auf anderen sozialen Feldern verwerten?

Auf dem Feld der Politik?

Gegenüber Verwaltungen und Ministerien?

Als soziales Kapital, z.B. in Clubs oder Vereinen?

Als ökonomisches Kapital?



5) NETZWERKE UND GRUPPENKONTAKTE:

Welche Kontakte gab es mit anderen gesellschaftlichen und beruflichen Gruppen? Frage nach dem Elfenbeinturmsyndrom.

Welche wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Netzwerke hat er geschaffen?

Wie setzte er seine Schüler dafür ein?

Wie setzte er die Netzwerke für seine persönlichen Interessen oder die Interessen seines Instituts ein?

Wie verhielt er sich zu den unteren sozialen Schichten?



6) LEBENSSTIL:

Übernahm er den traditionellen bürgerlichen Bildungskanon oder grenzte er sich davon ab?

Wie war seine Wohnsituation? Und seine Haushaltsführung? Sein Essensstil? Sein Geschmack?

Wie verbrachte er seine Freizeit?

War er realitätsfern oder stand er im praktischen Leben?



7) SELBSTINSZENIERUNG DES GELEHRTEN
Wie waren seine äußere Erscheinung und sein Auftreten?

Setzte er spezielle Mittel sozialer Distinktion ein?

War er elitär oder sozialintegrativ?

Spielte bei ihm die Askese-Orientierung eine Rolle?

Strebe er nach neuen Konventionen oder orientierte er sich an traditionellen bzw. sogar an veralteten Konventionen?



8) DER GELEHRTE UND DIE FRAUEN

Welche Rolle spielten Frauen in seinem Leben?

Wie waren seine Moralvorstellungen? Gab es Liebesbeziehungen? Im universitären Bereich oder außerhalb? Ehekonflikte?

Pflegte er einen betont geschlechtsspezifischen Habitus?

Wie war der Anteil von Frauen an seiner wissenschaftlichen Arbeit?

Wie reagierte er auf Wissenschaftlerinnen in seiner Institution?


9) GELEHRTE FRAUEN
Wie lassen sich die obigen Fragen, unter Abschnitt 8 entsprechend abgeändert, geschlechtsspezifisch für Professorinnen und andere gelehrte Frauen beantworten?



ORGANISATORISCHES:
Die Tagung findet voraussichtlich vom 28. bis 30. Mai 2009 im Ostseebad Osieki statt, ca. 8 km nördlich von Koszalin. Es ist beabsichtigt, die Reise- und Aufenthaltskosten zu übernehmen. Bitte reichen Sie daher eine vorläufige Schätzung der Reisekosten ein (Billigflug oder "Holzklasse", über Berlin, nicht über Warschau, Eisenbahn 2. Klasse). Exposés von 1-2 Seiten Länge sollten ausschließlich als Email-Attachment bis zum 15. September 2008 geschickt werden an: Prof. Dr. Dr. Eberhard Demm, edemm(at)gmx.net oder/und
eberhard.demm(at)tu.koszalin.pl
Die Beiträge werden in einem Kolloquiumsband im Rahmen der "Monografia Instytutu Neofilologii i Komunikacji Spolecznej" veröffentlicht.
Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortOsieki
Bewerbungsschluss15.09.2008
Beginn28.05.2009
Ende30.05.2009
PersonName: Demm, Eberhard [Prof. Dr. Dr.] 
Funktion: Ansprechpartner 
E-Mail: edemm@gmx.net 
KontaktdatenName/Institution: Polytechnika Koszalinska, Instytut Neofilologii i Komunikacji Spolecznej 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeHistorische Semantik (Wissensgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Ideengeschichte)
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.14.00 Literatursoziologie
Ediert von  H-Germanistik
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