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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "FVF-Jahrbuch 2016: Anarchismus in Vor- und Nachmärz"
RessourcentypCall for Papers
TitelFVF-Jahrbuch 2016: Anarchismus in Vor- und Nachmärz
BeschreibungFVF-Jahrbuch 2016: Anarchismus in Vor- und Nachmärz

Bis ins 19. Jahrhundert ist der Begriff Anarchie ein Kampfbegriff, der eingesetzt wird, um politische Gegner zu diffamieren, die es darauf angelegt haben, die bestehenden Eigentumsverhältnisse und mithin die soziale Ordnung zu destabilisieren und in letzter Instanz zu zerstören. Mit Anarchie wird von den Herrschenden ein Zustand von Gesetzlosigkeit, Unordnung, Chaos und obsessiver Destruktivität bezeichnet, der im sozialen Antagonismus am ehesten mit ‚Pöbelherrschaft’ konnotiert wird.
Im Vormärz vollzieht sich ein markanter Wechsel. 1840 ist es zuerst Proudhon, der sich in seinem Hauptwerk „Was ist das Eigentum?“ offen zur Anarchie als anzustrebendem Idealzustand sozialen Zusammenlebens bekennt, die er als „Abwesenheit jedes Herrschers, jedes Souveräns“ definiert. Die Negation des Eigentums und jeder Autorität, der religiös-kirchlichen wie der politischen (Abschaffung des Staates), sind danach fundamentale Prinzipien des von ihm propagierten Anarchismus.
Im Deutschland des Vormärz sind es insbesondere die Junghegelianer, die als radikalste politische und ideologische bürgerliche Opposition vor der Revolution von 1848/49 die Überzeugungen und Ziele Proudhons (zumindest zeitweilig) aufgreifen (u.a. Moses Heß, Karl Grün, Bruno und Edgar Bauer und auch der junge Friedrich Engels, der Proudhons Hauptwerk 1843 als „das tiefste philosophische Werk, das von einem Kommunisten in französischer Sprache geschrieben wurde“ bezeichnet.) Zu diesem Kreis zählt auch der revolutionäre Aktivist Michail Bakunin, dessen Aufsatz „Die Reaction in Deutschland“ (1842) schon von einer deutlich anarchistisch geprägten Denkweise zeugt: „Die Lust der Zerstörung ist gleichzeitig eine schaffende Lust.“ Auch Marx’ früher Weggefährte und spätere Konkurrent um die Führung der kommunistischen Bewegung, Wilhelm Weitling, zeigt sich in seinem Hauptwerk „Garantien der Harmonie und Freiheit“ (1842) von Proudhon beeinflusst.
Selbst dem junghegelianischen Kreis der ‚Freien’ entstammend ist es Max Stirner, der deren atheistische Religionskritik als nicht radikal genug attackiert und in seinem Hauptwerk „Der Einzige und sein Eigentum“ (1845) dazu auffordert, sich jedweder Fremdbestimmung zu verweigern und das Handeln nur von Eigeninteresse (Egoismus) leiten zu lassen. Solche Zurückweisung jeder Autorität – auch der einer Partei, einer Klasse, eines historischen Subjekts – ruft Marx und Engels auf den Plan, die inzwischen eine gänzlich andere Vorstellung davon entwickeln, wie eine erfolgreiche Umwälzung der Eigentums- und Machtverhältnisse zu erfolgen hätte. In ihrer 1845/46 entstandenen, aber erst (1903/1932) aus dem Nachlass veröffentlichten „Deutschen Ideologie“ unterziehen sie die „neueste[] deutsche[] Philosophie in ihren Repräsentanten Feuerbach, B. Bauer und Stirner“ einer fundamentalen Kritik und reduzieren den Kern der „neuern junghegelschen Philosophie“ auf „unschuldige[] und kindliche[] Phantasien“, die von diesen „philosophischen Heroen“ aber als von „weltumstürzende[r] Gefährlichkeit“ und „verbrecherische[r] Rücksichtslosigkkeit“ ausgegeben werden: Schafe im Wolfspelz.
Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts wird das Verhältnis von (libertären) Anarchisten und (autoritären) Marxisten immer spannungsvoller. Auch wenn sie darin übereinstimmen, dass nur durch eine soziale Revolution die Überwindung des Kapitalismus gelingen könnte, so blieben ihre Vorstellungen über den Weg dorthin ebenso unvereinbar wie die über die Gestaltung einer neuen sozialen Ordnung. Die Unvereinbarkeit sich ausschließender Auffassungen (zu Partei, Beteiligung an Wahlen, Staat, “Diktatur des Proletariats“ u.a.m) bestimmen das problematische Verhältnis von Anarchisten und Marxisten bis weit ins 20. Jahrhundert.

Das mögliche Themenspektrum des Jahrbuchs reicht von den Anfängen des politischen Anarchismus im 18. Jahrhundert und während und nach der Französischen Revolution (u.a. Hébertisten, Babeuf, Godwin, Fourier) über anarchistisches Denken im Vormärz (u.a. Proudhon, Stirner, Junghegelianer) bis zu den Konflikten von Marxisten und Anarchisten (Bakunin, Kropotkin) im Nachmärz und späteren 19. Jahrhundert. Neben Beiträgen zu politik- und philosophiegeschichtlichen Aspekten sind auch solche zu anarchistischen Tendenzen im literarischen (z.B. Grabbe) oder musikalischen Kontext der Zeit (z.B. Wagner) willkommen. Selbstverständlich kommen auch Beiträge in Betracht, die sich mit anarchistischem Denken und Handeln im Zeitraum Vormärz/Nachmärz auch außerhalb des deutschen Sprachraums befassen (etwa in den romanischen Ländern, in England, Russland und den U.S.A.).

Themenvorschläge und Exposés (maximal 1 Seite) werden per E-Mail bis zum 31. August 2015 erbeten an:
Prof. Dr. Detlev Kopp, Forum Vormärz Forschung e.V., Bielefeld;
E-Mail: kopp@vormaerz.de

Als Redaktionsschluss für die Beiträge ist der 31.10.2016 vorgesehen.


Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
Bewerbungsschluss31.08.2016
Beginn15.05.2015
PersonName: Detlev Kopp 
Funktion: Geschäftsführer, Herausgeber des Jahrbuchs des FVF 
KontaktdatenName/Institution: Forum Vormärz Forschung e.V. 
Strasse/Postfach: Oberntorwall 21 
Postleitzahl: 33602 
Stadt: Bielefeld 
Telefon: 0521-172812 
Fax: 9521-172812 
E-Mail: kopp@vormaerz.de 
Internetadresse: www.vormaerz.de 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeHistorische Semantik (Wissensgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Ideengeschichte)
Klassifikation15.00.00 19. Jahrhundert > 15.11.00 Vormärz und Revolution 1848
Ediert von  H-Germanistik
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