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Ergebnisanzeige "Ephemeralität. ‚Flüchtigkeit‘ und ‚Vergänglichkeit‘ der Moderne im späten 18. und im 19. Jahrhundert"
RessourcentypKonferenzen, Tagungen, Kolloquien
TitelEphemeralität. ‚Flüchtigkeit‘ und ‚Vergänglichkeit‘ der Moderne im späten 18. und im 19. Jahrhundert
BeschreibungEphemeralität. ‚Flüchtigkeit‘ und ‚Vergänglichkeit‘ der Moderne im späten 18. und 19. Jahrhundert

Workshop des DFG-Schwerpunktprogramms 1688: Ästhetische Eigenzeiten. Zeit und Darstellung in der polychronen Moderne, Universität Leipzig, 8. Mai 2015

In seinem Essay „Der Maler des modernen Lebens“ erklärt Baudelaire 1863, die Moderne sei „das Vergängliche, das Flüchtige, das Zufällige“. Diese Bemerkung lässt sich zunächst auf die vor allem seit der Französischen Revolution topische Verbindung von Moderne und Beschleunigung beziehen, die etwa Friedrich Justin Bertuch 1798 in der Beobachtung herstellt: „Nie ist das Neue so schnell alt […] geworden, als in dem letzten Jahrzehend, seit Revolution die Losung des südwestlichen Europa ist.“ Darüber hinaus reflektiert Baudelaire jedoch eine Faszination für so verschiedene Gegenstände und Phänomene wie ‚Wolken‘, ‚Klang‘ oder ‚Leben‘, die für sich bereits höchst ‚flüchtig‘‚ ‚vergänglich‘, oder mit einem anderen Wort: ‚ephemer‘, sind. Diese Faszination, die ebenfalls charakteristisch modern zu sein scheint, ist folgenreich. Wie Baudelaire selbst zeigt, äußert sie sich auch in neuen Formen der Wahrnehmung, die seit dem späten 18. Jahrhundert entstehen und nicht zuletzt auf die Beobachtung der Verzeitlichung und Beschleunigung verschiedener Lebensbereiche antworten, sowie in einem steigenden Verlangen, beim Flüchtigen zu verweilen und es darzustellen, wie es in „Der Maler des modernen Lebens“ am Beispiel der Skizzentechnik Constantin Guys’ beschrieben wird.
Diese Faszination für das Ephemere zeigt sich ebenso in den Künsten wie in den Wissenschaften, die seit dem späten 18. Jahrhundert immer wieder flüchtige Objekte, Prozesse und Phänomene in den Blick genommen und versucht haben, diese zu verstehen, zu fassen und darzustellen. Allerdings offenbaren sie dabei ein zwiespältiges Verhältnis zum Ephemeren. Zwar versuchen sie, das Flüchtige und Vergängliche festzuhalten, doch ohne ihm selbst ganz anheimzufallen und ihren Anspruch auf Dauer aufzugeben und auch ohne ihm seinen flüchtigen und vergänglichen Charakter vollständig zu nehmen. Die damit umschriebene Wechselwirkung von Flüchtigkeit und Dauer, von Zeitlichkeit und Überzeitlichkeit oder auch von Momentanität und Monumentalität hat sich als höchst produktiv erwiesen. In den Künsten und Wissenschaften hat sie seit den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts eine beständige Auseinandersetzung mit Darstellungs- und Wissensformen und -formationen stimuliert, die sich in der Entstehung und Konjunktur von neuen literarischen Formen und in Experimenten mit neuen Weisen der bildlichen Darstellung ebenso manifestiert wie in der Emergenz von Wissensbereichen wie der Biologie, der Meteorologie und der Akustik.
Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, dass die prägende Kraft des Ephemeren in der Moderne bislang nur wenig erforscht wurde. Während der Zusammenhang der Moderne mit Verzeitlichung und Beschleunigung spätestens seit den Studien von Reinhart Koselleck ausgiebig untersucht wird, liegen für das, was man die ‚Ephemeralität der Moderne‘ nennen könnte, und für die damit verbundene Frage nach der (Eigen-)Zeitlichkeit des Ephemeren vergleichsweise wenige Arbeiten vor. Zwar haben sich seit einigen Jahren besonders in den Bereichen der Performativitätstheorie, der Media Studies und der ‚Thing Theory‘ Ansätze herausgebildet, die sie sich für ephemere Objekte wie auch die Ephemeralität ihrer Objekte oft hoch sensibel zeigen, doch beschränkt sich ein großer Teil dieser Ansätze auf die Untersuchung von Gegenständen und Phänomenen des 20. und 21. Jahrhunderts, vor allem die sogenannten ‚neuen‘ Medien. Gerade die Phase, in der im Bruch mit früheren Vorstellungen von Vergänglichkeit die grundsätzlichen Verbindungen zwischen Ephemeralität und Moderne im Kontext neuer künstlerischer, wissenschaftlicher und technologischer Entwicklungen hergestellt wurden, wurde von der Forschung bislang vernachlässigt.
Der Workshop will sich diesem Desiderat widmen. Wie die ‚ephemere Moderne‘ sich formiert und etabliert, soll dabei vor allem im Blick auf die Zeiträume ‚um 1800‘ und ‚um 1850‘ herausgearbeitet werden, die als post-revolutionäre Zeiträume in herausgehobener Weise durch Erfahrungen des temporalen Wandels und der Unstetigkeit der jeweils ‚neuen‘ Zeiten gekennzeichnet sind, dadurch aber auch Innovationen im Umgang mit ‚Flüchtigkeit‘ als historischem, medialem, epistemologischem und ästhetischem Problem provozieren. Einige Fragestellungen oder Perspektiven auf den Umgang mit Ephemeralität erscheinen dabei als besonders lohnend. So soll, erstens, untersucht werden, wie Künste und Literatur mit Ephemeralität umgehen, wie also künstlerische Probleme der Darstellung des Ephemeren theoretisch reflektiert und praktisch umgesetzt werden. Dabei erschiene es interessant zu verfolgen, wie Künste und Literatur sich in der Auseinandersetzung mit Flüchtigem als ‚aktuell‘ und modern konstituieren und gerade in der Ausstellung von Flüchtigem ihren Status als ein Kunstobjekt, das sich von anderen ephemeren Gegenständen abhebt, zu zeigen versuchen. Zweitens kann die seit dem Ende des 18. Jahrhunderts unübersehbare Hinwendung zu flüchtigen und vergänglichen Phänomenen von einem wissensgeschichtlichen Standpunkt aus betrachtet und gefragt werden, wie Wissen von diesen ‚Phänomenen‘ erlangt und stabilisiert wird. Damit eng verbunden ist, drittens, eine mediengeschichtliche Perspektive, die die Wechselwirkungen zwischen ephemeren Phänomenen und den Medien untersucht, durch die solche Phänomene aufbewahrt und dargestellt werden, ohne zu vergessen, dass bestimmte Medien schon immer als ephemer und unbeständig betrachtet werden und dadurch Vorstellungen von Ephemeralität mit prägen. Zu berücksichtigen ist hierbei auch das durch die mediale Rahmung erzeugte Wechselspiel zwischen der Darstellung, Konservierung oder sogar, wie beim tableau vivant, der Produktion von ‚Flüchtigkeit‘.


Programm:

09.00 Michael Bies (Hannover), Sean Franzel (Columbia, MO), Dirk Oschmann (Leipzig): Begrüßung und Einleitung

09.15 Sean Franzel (Columbia, MO): „Ephemerische Lieblinge“. Models of Storing Time in the Periodical Landscape around 1800

10.00 Christiane Holm (Halle/S.): Das papierne Zeitalter. Koreferat zu „Plan und Ankündigung“ von Bertuchs „London und Paris“

10.45 Pause

11.15 Lena Kugler (Konstanz): Staub und Steine. (Falsche) Fossilien und die Tiefenzeit moderner Flüchtig- und Vergänglichkeit

12.00 Michael Bies (Hannover): Flüchtige Erfüllung. Äquatorüberquerungen in der Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts

12.45 Mittagspause

14.30 Lisa Bergelt (Hannover): Flüchtigkeit, Dauer, Ewigkeit – Die zeitliche Konfiguration des dramatischen Interregnums

15.15 Michael Gamper (Hannover): Stifters Ästhetik der Atmosphäre

16.00 Pause

16.30 Wolfgang Struck (Erfurt): Wolken-Atlas. Zur Kartographie des Flüchtigen

17.15 Dirk Oschmann (Leipzig): Selbstverliebte Vergänglichkeit. Zur Kurzprosa Peter Altenbergs

19.00 Abendessen


Ort:

Universität Leipzig
Geisteswissenschaftliches Zentrum (GWZ)
Beethovenstr. 15
Raum 1.416 (Haus 1, 4. Etage)
04107 Leipzig


Organisation:

Dr. Michael Bies (Hannover), Dr. Sean Franzel (Columbia, MO), Prof. Dr. Dirk Oschmann (Leipzig)


Kontakt:

Michael Bies (michael.bies@germanistik.uni-hannover.de)
Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://www.aesthetische-eigenzeiten.de/termine/
Verknüpfte Ressourcehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortLeipzig
Beginn08.05.2015
Ende08.05.2015
PersonName: Bies, Michael [Dr.] 
Funktion: Organisator 
E-Mail: michael.bies@germanistik.uni-hannover.de 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Historische Semantik (Wissensgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Ideengeschichte); Literatur 1770 - 1830; Literatur 1830 - 1880; Literatur 1880 - 1945
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.07.00 Ästhetik; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.08.00 Poetik; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.15.00 Literatur und Medien; 05.00.00 Deutsche Literaturgeschichte; 12.00.00 18. Jahrhundert; 13.00.00 Goethezeit; 14.00.00 Romantik; 15.00.00 19. Jahrhundert; 16.00.00 Jahrhundertwende (1880-1914)
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