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Ergebnisanzeige "Am Ende der Wissensgeschichte? Zum erkenntniskritischen Potential literarischer Formverfahren"
RessourcentypTagungsberichte
TitelAm Ende der Wissensgeschichte? Zum erkenntniskritischen Potential literarischer Formverfahren
BeschreibungAm Ende der Wissensgeschichte? Zum erkenntniskritischen Potential literarischer Formverfahren, Münster (04.-06.12.2014)

Bericht von Christian D. Haß
Seminar für Klassische Philologie
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
christian.hass@skph.uni-heidelberg.de
http://www.materiale-textkulturen.de/person.php?n=112


Vom 4.-6. Dezember 2014 organisierte das Graduiertenkolleg „Literarische Form“ an der Universität Münster die Tagung „Am Ende der Wissensgeschichte? Zum Erkenntniskritischen Potential literarischer Formverfahren“.

Im interphilologischen Dialog wurden aktuelle (literatur-)wissenschaftliche Fragen verhandelt: Welches wissenserzeugende und -vermittelnde Potential eignet jeweils Literatur und Wissenschaft? Lassen sich literarische klar von wissenschaftlichen epistemischen Verfahren abgrenzen? Diese wurden je unterschiedlich beleuchtet, sodass sich ein in seiner Multiperspektivität instruktives Panorama möglicher Antworten ergab:

Franziska Bomski (Weimar) zeigte, wie in David Foster Wallaces „Infinite Jest“ mathematische Wissensbestände als Ausgangspunkt poetischer Übersteigerung und ethischer Problemreflexion dienen: Mathematische Inhalte korrespondieren mit satirischen Darstellungsmitteln und werden als Wissen von Figuren problematisiert, mit dem diese – nicht immer erfolgreich – ihre Lebensprobleme zu bewältigen versuchen.
Die Probleme von „Formresistenz“ und „Formfixierung“ diskutierte Matthias Löwe (Jena) anhand bestehender wissensgeschichtlicher Textlektüren zu Goethes „Wahlverwandtschaften“ sowie zu Texten Thomas Bernhards. Im ersten Fall würden Texte unter Ausblendung der ästhetischen Problematisierungsstrategien als bloßer Träger von historischem Wissen gelesen, im zweiten Fall unter Ausblendung der ideologischen Stoßrichtung als bloßes ästhetisches Spiel betrachtet.

Albrecht Koschorke (Konstanz) kontrastierte die hegelsche Systemphilosophie mit Beispielen (post-)kolonialer Literatur (Joseph Conrad, „Heart of Darkness“; Chinua Achebe, „Arrow of God“) hinsichtlich der Frage, ob und wie „das Andere der Kultur“ jeweils eine Stimme erhalte. Bei Conrad werde der Kolonialdiskurs trotz einseitiger Erzählperspektive durch literarische Formverfahren unterminiert; bei Achebe artikuliere sich die Identitätsproblematik des Protagonisten zwischen westeuropäischer Romanform in englischer Sprache einerseits und mündlicher Stammeskultur andererseits. An Hegels Ausschluss Afrikas aus der Weltgeschichte zeige sich die Unvereinbarkeit der Zeitform einer linearen Progression des Weltgeistes mit der subjektivphilosophischen, zyklischen Logik rekursiver Systeme. Dieser Formenkonflikt verweise auf die immanente Problematik idealistischer Systemphilosophie: Im hegelschen Denken bildeten die „geschichtslosen Völker Afrikas“ als „Fremdkörper“ zugleich „die Basis“ und „das Andere“ des Systems.

Am Beispiel von Velleius Paterculus und Livius zeigte Annika Domainko (Heidelberg), wie historische Wissensproduktion an narrative Darstellungsverfahren gebunden ist: Während Velleius durch Monophonie und Monoperspektivität Geschichte als abgeschlossenes Ganzes darstelle, entwerfe Livius durch Polyphonie und Multiperspektivität ein zur Zukunft hin offenes Geschichtsbild, das unterschiedliche Deutungen erlaube.
Mit dem Verfahren literarischer Bildbeschreibung und -deutung (Ekphrasis) in der sog. 2. Sophistik befasste sich Jakob Lenz (Heidelberg). In Lukians „Herakles“ und der „Tabula Cebetis“ demonstrierte er das Verhältnis zwischen ekphrastischen Verfahren und ihrer epistemischen Funktion. Das Potential dieses Formverfahrens bestehe besonders in „Wissens-Thesaurierung, Wissens-Mobilisierung und Wissens-Autorisierung“. Durch Inszenierung mehrerer medialer Ebenen werde Wissen nicht bloß argumentativ präsentiert, sondern narrativ generiert.

Florian Schmid (Greifswald) untersuchte Grenzziehungen und -auflösungen zwischen ‚Literaturʻ und ‚Geschichteʻ in volkssprachlichen Chroniken des 12.-16. Jh. Er zeigte das Spektrum der Reflexionen auf den epistemischen Status literarischer Quellen auf, das von Unzuverlässigkeitsvorwürfen gegen ,fiktionaleʻ Stoffe bis zur (re-)historisierenden Hybridisierung und Harmonisierung mit ,gelehrtenʻ Wissensbereichen reiche.
Auch Heinrich Seuses „buechli der warheit“ aus dem frühen 14. Jh. erweise sich nach Yannick Lauppe (Freiburg) als narratives Hybrid zwischen literarischer und theoretischer Form und thematisiere das Verhältnis von Inhalt und Vermittlung. Im Transzendieren gattungspoetisch vorgeprägter Vermittlungsverfahren artikuliere sich das lebenspraktische und diskursive theologisches Wissen von Seuse.

Die poetologische Normierung des Verhältnisses von Wissen und Dichtung im spanischen Neoklassizismus untersuchte Sarah Fallert (Berlin) in Antonio Burriels „Compendio del arte poético“ (1757). Dieser stoße im Versuch einer Integration des spezifischen ‚surplus‘ von Dichtung in eine vernunftorientierte Poetik an seine Grenzen. Die Dichtung, die im Diskurs der Zeit zur Wissenschaft erhoben werden sollte, widerstrebe somit ironischerweise begrifflicher Erfassung.

Erika Thomalla (Berlin) las Johann Karl Wezels Roman „Belphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne“ (1776) als Experimentalanordnung, die das neu entwickelte Verfahren des inversen Wahrscheinlichkeitsschlusses kritisch reflektiere und die Produktionsbedingungen von Wahrscheinlichkeitsschlüssen vorführe. So werde die Abhängigkeit induktiver Erkenntnisgenerierung von subjektivem Beobachtungs- und Erfahrungswissen sowie von narrativen Plausibilisierungsstrategien ausgestellt.

Wie hingegen der Heimatkunstroman um 1900 eine Modernereflexion leiste, zeigte Anna S. Brasch (Bonn). Als Reaktion auf „moderne Kontingenzerfahrung“ werde eine panoptische Perspektive eingenommen, die sich in „panoramatischem Erzählen“ ausdrücke. In ihrer nicht nur beschreibenden und reflektierenden, sondern auch sinnstiftenden Funktion sei die Weltanschauungsdichtung ein „genuin modernes Phänomen“.
Auch Christian van der Steeg (Zürich) behandelte verschiedene Wissensdiskurse des 19. Jh. Diese zeigten sich als Blütezeit naturwissenschaftlicher Erkenntnis und bürgerlicher Ästhetik und stellten diskursübergreifend die Frage nach der (Un-)Möglichkeit einer Trennung von ,Kunstʻ und ,Wissenʻ. Anhand von Adalbert Stifters „Condor“ formulierte van der Steeg die These, dass dort Wissensbestände zwar enthalten seien, nicht aber generiert würden.

Paul Strohmaier (Trier) las Gustave Flauberts Roman „Bouvard et Pécuchet“ als parodistischen Nekrolog auf die Wissensansprüche des 19. Jh. Der Durchgang der Protagonisten durch verschiedene Wissensfelder orientiere sich am progressionslosen pikaresken Handlungsschema. So werde das zeitgenössische Fortschrittsdenken ironisiert, der Wissensdiskurs der Zeit also durch die Form subvertiert.
Solche epistemologische Subversion konstatierte auch Fabienne Imlinger (München) für Adélaïde Herculine Barbins autobiographische Schilderung des eigenen Hermaphroditismus („Mes Souvenirs“, 1874).

Die wechselseitige Durchdringung (natur-)wissenschaftlicher Wissensbestände und narrativ-literarischer Formverfahren im Literatur- und Wissensdiskurs um 1900 zeigte Andrea Albrecht (Stuttgart) auf. Sie ging anhand von Texten Hermann Brochs und Robert Musils der Frage nach, inwiefern sich in (Natur-)Wissenschaften, Philosophie, Psychologie und Literatur disziplinübergreifend spezifische sprachliche Repräsentationen literarischer Kreativität und wissenschaftlicher Innovation etablierten, die zum Gegenstand literarischer ,Imitationenʻ werden konnten. So wurden die exemplarischen Konstellationen, Brechungen und Korrelationen von ,Literaturʻ und ,Wissenschaftʻ als Folgen genuin narrativer Form- und Darstellungszwänge ausgewiesen.
Rhetorische Verfahren der Erkenntnisvermittlung untersuchte auch Bernhard Stricker (Bochum), ausgehend von Cavells Kritik am Totalitätsanspruch wissenschaftlicher Rationalität in den Philosophischen Untersuchungen Wittgensteins: Die epistemisch ebenfalls wirksamen lebensweltlichen Faktoren blieben ausgeblendet; an deren Stelle träten literarische Strategien (Dialogizität, Deutungsoffenheit, Fragmentarizität), die den Leser zur aktiven Reflexion aufforderten.

Jörg Schuster (Marburg/Münster) untersuchte das Verhältnis moderner Textverfahren zur Verhandlung NS-ideologischer Werte in Texten des sog. „Magischen Realismus“. Er illustrierte die Kontinuität symbolistischer und expressionistischer Formexperimente über die historische Zäsur von 1933 hinaus, verwies aber zugleich auf deren Anpassung an ideologiekonforme Ganzheits- und Einheitsprinzipien.

Wie sich Literatur in ihrem epistemischen Status ausstelle und zugleich kritisch mitreflektiere, illustrierte Benjamin Loy (Köln/Potsdam) in Roberto Bolaños „2666“. Außerdem zeigte er, dass die wirkmächtigen epistemologischen Konzepte des „ÜberLebensWissens“ (Ette) und der „Präsenzproduktion“ (Gumbrecht) literarische Formalisierungen von Wissen nicht hinreichend zur Kenntnis nähmen und in Richtung eines Wissensbegriffs weiterzudenken seien, dem auch die „affektive Dimension ästhetischer Erfahrung“ nicht fremd sei.
Im aktuellen Literaturdiskurs bewegte sich auch Stephen Koetzing (Erlangen/Nürnberg), der die erzähltheoretische Funktionalisierung gerontologischer Wissensbestände in Paul Austers „Travels in the Scriptorium“ und „Man in the Dark“ beschrieb.

Einen besonderen Beitrag leistete der Schweizer Literat Lukas Bärfuss (Zürich). Auf die Lesung aus seinem Roman „Koala“, der auf subtile Weise Autobiographie (den Selbstmord des Bruders) mit der grausamen jüngeren Wissens- und Zivilisationsgeschichte Europas verbindet, folgte ein Gespräch zu zentralen Fragen der Tagung, etwa zum Verhältnis von literarischer Gattung und Wissensanspruch bzw. von ,literarischer Fiktionʻ und ,wissenschaftlicher Faktizitätʻ. Das Panorama theoretischer Perspektivierungen wurde so in fruchtbarer Weise um eine ,Praxisperspektiveʻ ergänzt.

Die Tagung zeigte, dass die Möglichkeiten, das Verhältnis von „Episteme“ und „Literatur“ zu denken, mindestens so vielfältig sind, wie die Texte aus verschiedenen Zeiten, in denen diese Frage verhandelt wird. Auch wurde deutlich, dass das Paradigma der Wissensgeschichte, gerade wenn es unter der Bedingung seines möglichen Endes diskutiert wird, in seiner Produktivität für den (geistes-)wissenschaftlichen Diskurs längst nicht „am Ende“ ist.


Redaktionelle Betreuung: Alexander Nebrig


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Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortMünster
Beginn04.12.2014
Ende06.12.2014
PersonName: Margit Dahm 
E-Mail: m.dahm@uni-muenster.de 
KontaktdatenName/Institution: Margit Dahm / Graduiertenkolleg Literarische Form 
Strasse/Postfach: Robert-Koch-Str. 29 
Postleitzahl: 48149 
Stadt: Münster 
E-Mail: m.dahm@uni-muenster.de 
Internetadresse: http://www.uni-muenster.de/GRKLitForm/kollegiatinnen/margit_dahm.html 
LandDeutschland
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Historische Semantik (Wissensgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Ideengeschichte)
Klassifikation01.00.00 Allgemeine deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft; 01.00.00 Allgemeine deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft > 01.03.00 Germanistik; 01.00.00 Allgemeine deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft > 01.04.00 Wissenschaftsgeschichte; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.06.00 Literaturtheorie
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