VIRTUELLE FACHBIBLIOTHEK GERMANISTIK Germanistik im Netz Logo

Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Gretchen - Mörderin, Verführte, Unschuldige? Gretchentage"
RessourcentypKonferenzen, Tagungen, Kolloquien
TitelGretchen - Mörderin, Verführte, Unschuldige? Gretchentage
BeschreibungBei der Veranstaltung „Gretchen – Mörderin, Verführte, Unschuldige?“ – Gretchen-Tage in der Fauststadt Knittlingen handelt es sich nicht um eine Konferenz oder ein Symposium im klassischen Sinne. Zwar beziehen sich die Programmpunkte dieser drei Tage mit dem Gretchen aus Goethes „Faust“ auf ein deutlich zugespitztes Themenfeld. Die Annäherung an diese Figur wird aber auf mehreren Ebenen erfolgen.

Das Faust-Museum/Faust-Archiv widmet sich seit mehreren Jahrzehnten der Dokumentation des Faust-Mythos‘, so mit einer Dauer-Ausstellung, die auf drei Ebenen den Weg von der historischen Faust-Gestalt bis in die verschiedenen Ausprägungen, u.a. in Literatur, Theater, Film und Musik, präsentiert. Hinzu kommt das in der ehemaligen Alten Lateinschule seit dem Jahre 2002 untergebrachte Faust-Archiv, das in seiner Bibliothek über 6000 Titel zum Thema „Faust“ beherbergt, fußend auf mehreren Sammlungen, die in ihrem Umfang und ihrer Vielseitigkeit den weltweit wohl größten Fundus an Literatur und Medien zum Faust-Mythos bilden. In der Geburtsstadt des historischen Vorbildes für Goethes Faust, Georg Johann Faust, sich dem authentischen Ausgangspunkt der weiblichen Protagonistin, Susanna Margaretha Brandt aus Frankfurt
und ihrer Gestaltung in Literatur und Kunst zu widmen, bietet sich damit nicht nur an, sondern liefert die angemessene und äquivalente Plattform – sowohl thematisch als auch von den wissenschaftlichen und organisatorischen Gegebenheiten.

Themen und Fragestellungen
Zum einen liegt ein Schwerpunkt der Gretchen-Tage auf dem historischen Schicksal der Kindsmörderin Susanna Margaretha Brandt aus Frankfurt, deren Gerichtsverhandlung und Todesurteil Johann Wolfgang von Goethe über die Prozessakten, die er sich laufend in sein Haus bringen ließ, verfolgte.
Zum anderen beziehen sich die Fragestellungen unserer Gretchen-Tage sowohl auf Goethes eigenen, persönlichen Bezug zu Kindsmordprozessen dieser Zeit als auch zu seiner poetologischen Gestaltung des Gretchens in Faust I. Hier sind eine Flut von Fragestellungen bisher von der Wissenschaft nicht ausreichend beantwortet, so in Bezug auf Gretchens berühmte Frage an Faust, wie es um sein Religionsverständnis bestellt sei, das Insistieren und Bestehen auf einer Antwort, ihre Integrität und gleichzeitige Verfehlung und die Brüche und Tiefen in einer Figur, die teilweise nur als „zart“, „naiv“ oder „unbedarft“ besprochen und umgesetzt wird. Inwieweit steht das Gretchen wirklich für ein Gegenprinzip gegen Mephisto, als der andere von zwei Polen, zwischen denen Faust oszilliert?

Goethe steht auch insofern immer wieder im Focus, als untersucht werden soll, warum er den Faust-Stoff nicht in seiner damals schon jahrhundertealten Gestalt belassen hat, sondern das Gretchen neu eingebracht hat. Welche Konsequenzen hat diese Erweiterung für den Faust-Stoff? Vermittelt uns hier Goethe, dass der Mensch nicht nur über die Ratio und das Wissen (Faust) verführbar ist, sondern ebenfalls über die Liebe, das Gefühl (Gretchen)? Wie ist also außerfiktional das Verhältnis zwischen Faust und Gretchen zu beschreiben, inwieweit spiegelt sie ihn, inwieweit ist sie eine Kontrastfigur, warum brauchte es das Gretchen für Goethes Umsetzung des Faust-Stoffs?

Doch auch innerfiktionale Aspekte sind noch längst nicht beantwortet und sollen bei den Gretchen-Tagen diskutiert werden: Auffällig ist, wie Goethe das Geschehen um Gretchen vor allem durch deutliche Leerstellen gestaltet. Warum weder der Tod der Mutter noch des Kindes tatsächlich deutlich beschrieben, sondern nur die Auswirkungen ihrer Taten thematisiert werden, so dass sich der Zuschauer/Leser diese Lücken selbst füllen und das Geschehene erschließen muss, ist ein spannender Aspekt. Sind die Situationen und Abläufe innerhalb dieser Leerstellen dem Zuschauer sowieso eingängig, setzt hier Goethe dieses Wissen voraus, weil es offensichtlich oder als gegeben genommen wird? „Erspart“ uns Goethe hier das Zuschauen beim Mord? Will sich Goethe die Gestaltung des „Schrecklichen“ nicht zumuten? Oder zeigt uns Goethe hier, dass Gretchen im Grunde von ihrer ganzen Persönlichkeit her mit dem tatsächlichen Akt des Tötens eigentlich nichts zu tun hat? Will er deshalb nicht, dass man ihr bei den Tötungen/Morden zuschauen kann? Warum lässt er nicht zu, dass wir sie tatsächlich als Mörderin sehen, sondern zwingt uns eher dazu, mit den Folgen ihrer Taten mitzuleiden? Schließlich: Warum wird Gretchen gerettet, ist sie insofern eine "gute" Mörderin?

Eröffnet werden die Gretchen-Tage durch künstlerische Umsetzungen dieses komplexen Feldes: das artENSEMBLE THEATER Bochum speziell für die Gretchen-Tage eine Theater-Performance entwickeln, die sich dem Spannungsfeld zwischen historischer Begebenheit und literarischer Dramatisierung widmet, dies unter dem Titel "FALL GRETCHEN-GRETCHENS FALL". Das artENSEMBLE THEATER, das seit 2009 beide Teile der Goetheschen "Faust"-Tragödie im Repertoire hat, collagiert hier Kernpassagen aus "Faust I" und "Faust II", Auszüge aus den Frankfurter Prozessakten und weitere historische sowie literarische Texte im Umfeld des Stoffes und schlägt einen Bogen in die Gegenwart des leider immer noch dringlichen Themas "Kindsmord."

Die wissenschaftliche Thematisierung des historischen Gretchens sieht zum einen Vorträge vor, die sich mit Kindsmordprozessen beschäftigen, so von Frau Prof. Marita Metz-Becker (Marburg), die zur Zeit an einem Forschungsprojekt zum Kindsmordthema arbeitet, den Band “Kindsmord und Neonatizid. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf die Geschichte der Kindstötung” herausgegeben hat und die sich bei den Gretchen-Tagen dem Thema unter dem Titel “Die anderen Gretchen. Kindsmörderinnen im 19. Jahrhundert” widmen wird. Frau Prof. Metz-Becker berichtet dabei aus ihren Studien, bei denen sie über 100 konkrete, archivalisch überlieferte Fälle aufgearbeitet hat. Zuvor wird die Schauspieler Luise Wunderlich (Stuttgart) aus den historischen Akten des Prozesses gegen Susanna Margaretha Brandt rezitieren.

Zum anderen geht die literaturwissenschaftliche Seite des Symposiums zunächst eng von Goethes Text aus, behält die Entstehungsgeschichte im Blick, will aber vor allem neue Ansätze liefern, die Figur des Gretchens zu deuten. Darüber hinaus sollen bei der Interpretation die Impulse durch die künstlerischen Darbietungen (Theater, Ausstellung, Lesung) mit einfließen: Dr. Jost Eickmeyer (Universität Heidelberg) und Dr. Denise Roth (Faust-Museum/Faust-Archiv Knittlingen) widmen sich gemeinsam dieser Aufgabe.

Prof. Heike Knortz und Dr. Beate Laudenberg von der PH Karlsruhe untersuchen unter dem Stichwort "'Am Golde hängt doch alles' - Margarete im sozio-ökonomischen Kontext" deren wirtschaftliche Verhältnisse.
Da Faust II mittlerweile in nicht geringerem Maße als Faust I im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit steht, immer häufiger auch auf den Theaterbühnen präsent ist und darüber hinaus mittlerweile als eines der visionärsten Werke in Bezug auf unsere gegenwärtige gesellschaftliche und politische Situation gilt, soll auch hier der Horizont geöffnet werden:
Gretchens Erscheinen am Ende von Faust II und ihre Bezug-Setzung zu Helena werden unter dem Stichwort der „Apotheose des Weiblichen“ besprochen werden von dem ausgewiesenen Kenner und deutschlandweit bekannten Referenten zu Goethes Werken, Dr. Manfred Osten.
Abends folgt eine Lesung sowie ein Autorengespräch mit der Schriftstellerin Dr. Ruth Brandt, die den historischen Roman und Bestseller „Gretchen – ein Frankfurter Kriminalroman“ geschrieben und damit auf moderne Weise den authentischen Fall fiktional gestaltet hat.

Hinzu kommt eine theologisch-philosophische Diskussion, über die sprichwörtlich gewordene Gretchen-Frage, bei der jedoch nicht Gretchens Persönlichkeit, sondern Goethes Religionsverständnis im Focus steht, das hier über die Diskussion Faust – Gretchen aufgeworfen wird. Der Referent, Prof. Wolfgang Achtner, Universitätspfarrer und Forschender über die Grenzbereiche
zwischen Naturwissenschaft und Glaube, wird sich in einem Vortrag vertieft dieser Fragestellung widmen.

Abschließend beendet ein versöhnliches Thema die Gretchentage, mit einer szenischen Lesung der Schauspielerin Luise Wunderlich über Gretchen - und die Liebe.

Eine Ausstellung rund um Aspekte der Figur des Gretchens, für die wir auch von anderen Museen und Kultureinrichtungen Leihgaben erhalten werden, wird auch noch nachhaltigen Eindruck und Spuren hinterlassen und im Faust-Museum für zwei Monate sehen sein.

Das Wegweisende unseres Ansatzes liegt in der interdisziplinären Ausrichtung und den Synergien, die wir uns durch Kunst und Wissenschaft (mediale Perspektive der Vermittlung) und andererseits historischer und literarischer Dimension (inhaltliche Bandbreite der Thematik) versprechen.

Unsere Gretchen-Tage richten sich an ein internationales Publikum, an alle Interessierten zur Faust-Thematik und zu historischen Fällen des Kindsmords. Das Programm wird bestritten von herausragenden Experten ihres Faches, sei es Geschichte, Literaturwissenschaft oder Belletristik. Für die künstlerische Gestaltung der Gretchen-Tage haben sich Akteure mit langjähriger Erfahrung und innovativen Ansätzen ihrer Arbeit bereit erklärt, eigene Ideen und Interpretationen zu entwickeln, die teilweise erstmals präsentiert werden – in der Fauststadt Knittlingen.


Preise:
Drei-Tages-Pass inklusive Abendveranstaltungen und Getränken: 40,- €
Ein-Tages-Pass Samstag inkl. Abendveranstaltung und Getränken: 25,-€
Ein-Tages-Pass Samstag ohne Abendveranstaltung, inkl. Getränken: 15,-€
Ein-Tages-Pass Sonntag inkl. Getränken: 15,-€
Einzel-Buchung Theater-Aufführung "Fall Gretchen-Gretchens Fall": Freitag Abend: 12 Euro/10 Euro (ermäßigt)
Einzel-Buchung Lesung/Autorengespräch Ruth Berger am Samstag Abend: 12 Euro/10 Euro (ermäßigt)

Referenten und Künstler

artENSEMBLE THEATER Bochum: Susanne Hocke und Jürgen Larys
Prof. Dr. Wolfgang Achtner, Universität Gießen
Dr. Ruth Berger, Schriftstellerin, Frankfurt
Dr. Jost Eickmeyer, Universität Heidelberg/Berlin
Prof. Dr. Heike Knortz, Pädagogische Hochschule Karlsruhe
Dr. Beate Laudenberg, Pädagogische Hochschule Karlsruhge
Prof. Dr. Marita Metz-Becker, Universität Marburg
Dr. Manfred Osten, Bonn
Luise Wunderlich, Stuttgart


Programm

Freitag, 05. Juni 2015

19.00 Uhr: Begrüßung, kurze Einführung. Faust-Museum Knittlingen

20.00 Uhr: "FALL GRETCHEN - GRETCHENS FALL", Theater-Performance, artENSEMBLE THEATER Bochum, Steinhaus, Knittlingen


Samstag, 06. Juni 2015

10.00 Uhr: "FALL GRETCHEN - GRETCHENS FALL" - Gretchen als dramaturgische und theatralische Herausforderung, Nachbesprechung zur Theater-Performance, Susanne Hocke/Jürgen Larys, artENSEMBLE THEATER Bochum
Vortragssaal, Faust-Archiv

10.45 Uhr: "Goethes Gretchen im Spiegel", Vortrag, Dr. Jost Eickmeyer (Heidelberg/Berlin)/Dr. Denise Roth (Faust-Museum/Faust-Archiv Knittlingen)

11.45 Uhr: Diskussion/Pause

12.00 Uhr: Inspiration aus der Realität: Lesung aus den historischen Akten des Prozesses gegen Susanna Margareta Brandt. Luise Wunderlich (Stuttgart), Vortragssaal, Faust-Archiv

12.30 Uhr Diskussion

13.00 Uhr Mittagspause

14.00 Uhr "Die anderen Gretchen" - Kindsmordprozesse im 19. Jahrhundert, Vortrag, Prof. Dr. Marita Metz-Becker (Universität Marburg), Vortragssaal, Faust-Archiv

15.00 Uhr Diskussion

15.15 Uhr 'Am Golde hängt doch alles' - Margarete im sozio-ökonomischen Kontext, Vortrag, Prof. Dr. Heike Knortz/Dr. Beate Laudenberg (PH Karlsruhe), Vortragssaal, Faust-Archiv

16.15 Uhr Diskussion/Pause

16.30 Uhr Gretchen und die Apotheose des Ewig-Weiblichen", Vortrag, Dr. Manfred Osten (Bonn), Vortragssaal, Faust-Archiv

17.30 Uhr Diskussion/Pause

18.00 Uhr Pause

20.00 Uhr "Gretchen - ein Frankfurter Kriminalfall", Lesung und Autorengespräch, Dr. Ruth Berger (Frankfurt), Steinhaus, Knittlingen


Sonntag, 07. Juni 2015

11.00 Uhr Theaterpraktische Übungen, Susanne Hocke/Jürgen Larys, artENSEMBLE THEATER Bochum, Vortragssaal, Faust-Archiv

12.00 Uhr Mittagspause

13.30 Uhr "Wie hast Du's mit der Religion" - Goethes Religionsverständnis im 'Faust', Prof. Dr. Wolfgang Achtner (Universität Gießen), Vortragssaal, Faust-Archiv

14.30 Uhr Diskussion/Pause

15.00 Uhr Ausstellungseröffnung: "Gretchen in Literatur, Theater, Film und Vorstellung", Faust-Museum

16.00 Uhr "Gretchen und die Liebe" - Szenische Lesung, Luise Wunderlich (Stuttgart), Faust-Museum

17.00 Uhr Abschluss-Diskussion und Ausblick


Web: http://www.faustmuseum.de/

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortKnittlingen
Beginn05.06.2015
Ende07.06.2015
PersonName: Dr. Denise Roth 
Funktion: Faust-Museum/Faust-Archiv 
E-Mail: dr@faustmuseum.de 
KontaktdatenName/Institution: Faust-Museum/Faust-Archiv Knittlingen 
Strasse/Postfach: Kirchplatz 9 
Postleitzahl: 75438  
Stadt: Knittlingen 
Telefon: 07043/951610 
Fax: 07043/951611 
E-Mail: dr@faustmuseum.de 
Internetadresse: www.faustmuseum.de 
LandDeutschland
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Dramentheorie; Erzähltheorie; Genderforschung; Geschichte der Germanistik; Historische Semantik (Wissensgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Ideengeschichte); Komparatistik (Kulturvergleich, Interkulturelle Literaturwissenschaft); Leserforschung; Literarische Wertung/Literaturkritik; Literatur 700 - 1150; Literatur 1150 - 1300; Literatur 1300 - 1500; Literatur 1500 - 1580; Literatur 1580 - 1700; Literatur 1700 - 1770; Literatur 1770 - 1830; Literatur 1830 - 1880; Literatur 1880 - 1945; Literatur nach 1945; Literatur- u. Kulturgeschichte; Literaturdidaktik; Literaturpsychologie; Literatursoziologie; Literaturtheorie: Klassiker; Literaturtheorie: Themen; Lyriktheorie; Medien- u. Kommunikationsgeschichte (Hand-, Druckschrift, Film, Rundfunk, Computerspiel usw.); Medien- u. Kommunikationstheorie; Motiv- u. Stoffgeschichte; Theater (Aufführungspraxis)
Zusätzliches SuchwortFaust, Goethe, Gretchen, Kindsmord, Prozesse, 19. Jahrhundert, Mephisto
Ediert von  H-Germanistik
Ein Angebot vonGermanistik im Netz
URL dieses Wer-Was-Wo-Datensatzeshttp://www.germanistik-im-netz.de/wer-was-wo/45417

© Virtuelle Fachbibliothek Germanistik | Letzte Änderung 30.03.2015 | Impressum | Intern