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Ergebnisanzeige "Körperbilder zwischen Kult und Verschwinden (Universität von Amsterdam 29.-30.01.2015)"
RessourcentypTagungsberichte
TitelKörperbilder zwischen Kult und Verschwinden (Universität von Amsterdam 29.-30.01.2015)
BeschreibungTagungsbericht Körperbilder zwischen Kult und Verschwinden
Masterclass Amsterdam 29. - 30. 01. 2015

Bericht von: Petra van Beelen, Nicole Groen, Iduna Paalman,
Lisa Abraham, Svea Gustavs

Bericht eingesandt von der Organisatorin Anna Seidl; Email: a.s.seidl@uva.nl.


Am 29. und 30. Januar 2015 fand in Amsterdam unter der Leitung von Dr. Anna Seidl (Amsterdam) in einer Kooperation der Universität von Amsterdam, der Ruhr-Universität Bochum, der Universität Duisburg-Essen, der Universität Bonn, dem Deutschlandinstitut (Amsterdam) und dem Goethe Institut (Amsterdam) eine Masterclass unter dem Titel „Körperbilder zwischen Kult und Verschwinden“ statt. Obwohl der Körper in der Diskussion um Gesundheit und Lebensqualität gegenwärtig an Bedeutung gewonnen hat, ist auch vom Verschwinden des Körpers im Zeitalter der Virtualisierung die Rede. Während der Körperdiskurs in historischer und symbolischer Hinsicht bereits eingehend untersucht wurde, scheint eine Definition des Körpers, vor allem als Agens, schwierig zu bleiben. In dieser Masterclass setzten sich Studierende, Post-Graduierte und Lehrende mit ‚Körpern‘ aus unterschiedlichen Perspektiven auseinander, um so Puzzlestücke zu einem Gesamtbild zusammenzutragen.

Keynote-Sprecherin Dr. Magdalena Beljan (Duisburg/Essen) referierte in ihrem öffentlichen Vortrag im Goethe-Institut „Körper, Bilder und Gefühle“ über den Körper als veränderlichen Diskurs und die Historizität der Gefühle. Was sind Gefühle, was bringen sie in der sozialen Praxis zustande und wie konstruieren sie Geschichte? Beljans Anliegen war es, Körper- und Gefühlsgeschichte zu verbinden. Sie ging der Frage nach, inwiefern beide als soziale Konstrukte verstanden werden können und ob die Sicht auf diesen konstruierten Körper als Radikalisierung zu bewerten sei. Die Körpergeschichte sei auch eine politische Geschichte: Machtverhältnisse würden Körper beeinflussen, bemerkte Beljan mit Foucault. Auch diskutierte sie den Aidskörper als sexuellen Männerkörper und die Rolle, die die Abbildung bei der Formung des Körperbildes spielt. Sie zeigte die Aidsbilder David Kirbys (bekannt aus der Benetton-Reklame) und folgerte, Bilder seien nicht nur Repräsentationen der Wirklichkeit, von Körpern und Gefühlen, sondern konstitutiv. Ihr Effekt und ihre Macht müssten daher hinterfragt und erklärt werden. Visuelle und schriftliche Quellen müssten einander nicht gegenübergestellt, sondern in der Körper- und Emotionsgeschichte zusammengebracht werden. In der anschließenden Diskussion wurde die Frage gestellt, wie der Konstrukt-Charakter des Körpers mit dem der Fotografie zusammenhänge. Wie sei zum Beispiel die Position des sterbenden Kirby, die deutlich auf die Pietà verweist, zu bewerten? Beljan zufolge spiele die Werbekampagne mit dem Bildgedächtnis; es gehe nicht nur um Bilder oder um Vorstellungen von Körperlichkeit, sondern auch um Erinnerung und Wiederholung. Mit Bezug auf die Theorien Susan Sontags wurden Fragen nach dem Mitleid gestellt. Ebenso kam die Frage auf, ob der ausgemergelte Körper (wie der von Kirby) im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus in Deutschland einen zusätzlichen Gedächtniskontext habe. Schließlich blieb die Frage, wo genau sich der Ort der Gefühle und der Körper in Bildern befinde.

Rezipierte Körper
Der erste Teil der Masterclass behandelte die Rezeption von Körpern in der Fotografie, im Theater, Film oder in der Ausstellung von Körpern. Im einleitenden Vortrag „Mögliche Körper: Zum Verhältnis von Körper und Bild in den Fotos/Texten von Jochen Gerz“ betrachtete Dr. Britta Caspers (Duisburg-Essen) Körperbilder in Gerz’ Die Zeit der Beschreibung. Die Fotografie entkörpere zunächst den Körper durch seine Abbildung. Er werde zum sinnentleerten Gegenstand, der durch die Abbildung eines aus der Zeit gerissenen Moments seinen Zusammenhang mit der Welt verliere. Die Körperdarstellung wirke hier als Sein im Modus des Scheins. Durch die Kombination von Text und Bild verschiebe sich der Aussageschwerpunkt aber auf eine Ebene außerhalb des Bildes. Foto und Text wirkten interdependent, als Dispositiv. Der Text suggeriere zunächst eine Erklärung zum Bild, beziehe sich aber auf die Zeit und expliziere schließlich die Unauflösbarkeit des Moments im Foto. So werde ein Reflexionsraum für den Betrachter geschaffen und setze eine kritische Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der Fotografie (Öffnen, aber auch Schließen der Erinnerung) ein.

Sinead Wendt (Amsterdam) diskutierte in ihrem Beitrag „Subjektformation in Die Schutzbefohlenen von Elfriede Jelinek“, wie das Theaterstück Die Schutzbefohlenen von Elfriede Jelinek den modernen Migrationsdiskurs problematisiert. Sie bezog sich in ihrer Arbeit auf Judith Butlers Ansatz, dass nicht jeder Mensch als verletzbar anerkannt und wahrgenommen wird. Menschen in Not werde zwar geholfen, die Flüchtlinge würden aber nicht als ‚hilflos‘ gesehen, sondern allenfalls als Bedrohung. Der Körper des Flüchtlings wird daher zum Abjekten, die Anerkennung als Subjekt wird ihm verweigert. Wendt forderte abschließend die Anerkennung von Flüchtlingen als Subjekte, bemerkte aber auch die paradoxe Situation, dass derartige Randgruppen zumeist erst als Gruppe und eben nicht als Individuum gehört würden, was die Anerkennung des Einzelnen als verletzlicher Körper weiter erschwere. In der Diskussion wurde gefragt, ob es gefährlich sei, dass die Migranten oft als Gruppe in Erscheinung träten, aber Wendt zufolge ist dies die einzige Möglichkeit, überhaupt als Subjekt akzeptiert zu werden.

Friederike Lenter (Amsterdam) betrachtete in ihrem Vortrag „Majorité opprimée: Das Ende der männlichen Unantastbarkeit?“ den Körper aus der Genderperspektive. Es wurden Fragmente aus Eleonore Pourriats Film Oppressed Majority, in dem eine durch Frauen dominierte Welt dargestellt wird, gezeigt. Lenter besprach eine mögliche Umkehrung der Täter-Opfer-Rolle und stellte dabei die Frage wie, wo und durch wen der Männerkörper objektiviert und sexualisiert wird. Ihre Arbeit bezog sich auf die Theorien Connells und Butlers, für die die Beziehung zwischen Maskulinität und Femininität von Hierarchien und Ungleichheiten geprägt ist. In der Diskussion wurde eine mögliche Parallele der besprochenen Genderbilder zur Travestie angemerkt und der Bezug zu Fassbinders Film Angst essen Seele auf hergestellt. Hier wurde die Frage aufgeworfen, inwieweit die in den genannten Filmen dargestellten Geschlechterrollen schockierend oder aufdeckend wirken sollten.

Stefanie Weiß (Amsterdam) stellte ihre Forschung zu „Freakstars damals und heute. Gekonnte Provokation oder die Grenze des guten Geschmacks?“ dar. Anhand von Bourdieus Konzept der Doxa und einer historischen Perspektive des Kolonialismus, der Völkerschauen und Freakshows untersuchte sie, wie unschöne, nicht-normative Körper ausgegrenzt werden. In der Diskussion wurde ein Vergleich zu Schlingensief gezogen, der auch mit behinderten Schauspielern arbeitete. Auch wurde der Begriff ‚Freakstar‘ hinterfragt und vorgeschlagen, mit dem Begriff der ‚ausgestellten Körper‘ zu arbeiten. Schließlich wurde bemerkt, dass die Faszination am Anderen nicht nur in der Abgrenzung liege, sondern dass es jenseits des ‚normalen‘ Menschen auch eine Art der Identifikation mit den ‚Freaks‘ gebe.

Svea Gustavs (Amsterdam) präsentierte in ihrem Beitrag „Der Leib und die Sprache des Volkes am Beispiel von Georg Büchners Dantons Tod und Elfriede Jelineks Rechnitz (Der Würgeengel)“ ihr Forschungsprojekt: Ausgehend von Büchners Metapher ‚Leib des Volkes‘ untersuchte sie, wie Sprache auf der Bühne verkörpert wird. In den postmodernen Theaterstücken Jelineks bilde die Sprache einen ‚Leib des Volkes‘. Gustavs fragte danach, wie im Kontext des Theaters die Begriffe Leib und Körper funktionieren. Unterstützende Theorien fand sie bei Bachtin, Austin, Bredekamp und Krois. Sie schloss mit der Betonung der Bühne als performativer Raum, in dem der Körper repräsentiert werde und die körperliche Darstellung von Text sozialgesellschaftlich relevant werden könne.

(De-)Konstruierte Körper
Im zweiten Abschnitt der Masterclass wurden Konstruktionen von Körperbildern dargestellt und gleichzeitig ihre Wirkungsweise offengelegt.

Prof. Dr. Christina Lechtermann (Bochum) stellte in ihrem Vortrag „Der zergliederte Körper“ Repräsentationen vormoderner zergliederter Körper vor. Der erzählte Körper sei immer auch ein zeitlicher. Dabei erscheine er immer wieder als fragmentiert, da er in deskriptive Einzelelemente zerlegt, in einer ‚Auflistung‘ der Körperteile dargestellt werde. Lechtermann betonte dabei die ausstellende Funktion dieses „Gliederkatalogs“: Derartige Darstellungen seien immer aus dem Narrativ ausgegrenzt, bezögen sich auf Randfiguren. Zum einen werde hier ein Körper ausgestellt, zum anderen aber auch die poetische Kunstfertigkeit des Autors. Lechtermanns These ist, dass der Gliederkatalog in den deutschsprachigen Texten (anders als in der französischen) das klassische Prinzip der Kalokagathia unterlaufe, da nicht Herrscher- sondern Randfiguren beschrieben würden. In der Diskussion wurden Parallelen zu den Untersuchungen von Wendt und Caspers gefunden, da sie sich allesamt mit der Frage beschäftigten, was mit Körpern passiere, die aus ihrem zeitlichen und räumlichen Kontext geholt werden.

Coene Wouters (Amsterdam) behandelte in seiner Präsentation „Wer ist denn hier subaltern? Körperdarstellungen in Paradies: Liebe“ die Machtstrukturen im Film Paradies: Liebe von Ulrich Seidl. Er arbeitete mit den Begriffen des Subalternen und des Hegemonialen und bezog sich auf die Theorien von Spivak. Außerdem stützte er sich auf die Modelle Pierre Bourdieus: Hegemonial seien die, die sich in einem bestimmten Feld zu Hause fühlten. Die, die sich dort nicht zu Hause fühlen, sich am Rande des Feldes bewegten, seien die Subalternen. Genau dieses Konzept finde man in Paradies: Liebe wieder. Wouters nannte einige Szenenbeispiele und zeigte Kameraeinstellungen, in denen deutlich wurde, wie die Verhältnisse zwischen ‚weiß‘ und ‚schwarz‘ im Film gezeigt werden. Er folgerte, dass es wichtig sei, einen Diskurs festzustellen, in dem das Untergeordnetsein eine Rolle spiele, wodurch die Machtrollen im Film für den Betrachter erst interpretierbar würden. In der Diskussion wurde auf die Funktion des Kamerablicks für Wouters’ Untersuchung eingegangen, welche den Blick des Rezipienten lenke. Die Kameraführung bestimme damit auch die Vermittlung des nicht gezeigten Kontextes. Außerdem wurde auf die Verflechtung des Subalternen im Film hingewiesen, was verdeutliche, dass die Definition von Machtstrukturen komplex sei, abhängig davon, welche sozialen Aspekte in den Vordergrund gestellt würden.

Soziale Körper
Der dritte Teil der Masterclass bezog sich auf die sozialen Körper. Dabei ist an die soziologische Forschung, aber auch an Religion, Krankheit und Behinderung zu denken.

Dr. Joachim Harst (Bonn) stellte in seinem Vortrag „Verkörperungen des Sozialen: Zu Gugutzers Theorie der Leiblichkeit“ in einer mündlichen Rezension Robert Gugutzers Soziologie des Körpers vor, in der Gugutzer eine neue Theorie des Körpers vorgelegt hat, die ein neues Verständnis soziologischer Forschung einfordere. Harst ging auf die Begriffe der Leiblichkeit, des leiblichen Interagierens und der Zwischenleiblichkeit ein und kommentierte sie aus literaturwissenschaftlicher Sicht. Gugutzer fordere, Bewusstsein immer leiblich zu denken. Kommunikation sei immer zunächst leibliches Interagieren, das im intersubjektiven Raum zwischen den Leibern, dem neu entstehenden „Zwischenleib“ stattfinde. Dabei kritisierte Harst, dass Gugutzers Theorie in mancher Hinsicht nicht weit genug reiche: Gugutzers Forderung nach einem Körper als Subjekt der Forschung sei schwer fassbar. Gugutzer scheitere, wenn es um konkrete Beispiele dafür gehe, wie der Körper als forschendes Subjekt auftreten könne. In der Diskussion stellte sich die Frage nach kulturellen Unterschieden der sinnlichen Wahrnehmung und eventuellen universellen Aspekten.

Isabelle van der Weerden (Amsterdam) legte in ihrer Präsentation „Frauen - Kloster - Körper: Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichen und religiösen Veränderungen“ eine Verbindung zwischen Körper, Religion und Gesellschaft. Ihr Forschungsgegenstand waren die Augustinerinnen eines Frauenklosters in Hilversum und die Frage, wie diese Frauen mit ihren Körpern umgehen. Van der Weerden stellte die Frage, wie sich das Verhalten der Klosterfrauen ändere, wenn sie sich außerhalb ihres eigenen Feldes bewegten. Wie zeigt sich an diesen Frauen das Verhältnis von Religion und Aufmerksamkeit für den Körper? Und was bewirken die äußerlichen Unterschiede zwischen den Ordensschwestern und ihren Gästen? Van Weerden folgerte, religiöse Frauen könnten eine Wechselwirkung mit der Gesellschaft bewirken. Das (äußerliche) Mitbewegen mit der Gesellschaft setze ein Körpergedächtnis voraus.

Chiara Tissen (Amsterdam) berichtete in ihrem Beitrag „Krankheit als Geheimnis oder Stigma: Die Rolle der Gesellschaft in Helmut Dubiels Tief im Hirn“. Dubiels Roman handelt von der Parkinsonerkrankung des Autors und der reduzierten Körperbewegung. Tissen stellte die Frage, ob bei einer Krankheit wie Parkinson der Körper als Gegenstand betrachtet werden könne. Kann hier von einer Objektivierung des Körpers gesprochen werden? Tissen bemerkte, der Körper ‚benehme‘ sich im Roman ironischerweise als Gegenstand: Er verwandle sich in ein nicht mehr zu kontrollierendes Körper-Ding. Tissen untersuchte schließlich die ästhetischen Aspekte dieses Körpers, die Darstellung des fungierenden Leibs und die Wirkung des veränderten Körperbildes auf den Anderen. Sie befasste sich hierzu auch mit Susan Sontags Illness as Metaphor und mit der eigenen Verantwortung für die Krankheit, die man bekommt. Auch die Definition von Krankheit als Geheimnis oder als Stigma wurde besprochen. Wie reagiert Gesellschaft auf Krankheiten? Werden Kranke inkludiert oder exkludiert, und welche Wirkung haben in diesen Fällen Scham und Verschlossenheit auf den Körper? In der Diskussion wurde die Frage aufgeworfen, ob der Roman teilweise verklärend sei. Tissen entgegnete, der Roman stelle ihrer Meinung nach ein für den Kranken ungünstiges Gesellschaftssystem dar und setze eine positive Alternative dagegen. Damit sei der Roman zugleich gesellschaftskritisch und konstruktiv.

Marissa Pels (Amsterdam) beschäftigte sich in ihrem Vortrag „Ingeborg Bachmanns Ihr glücklichen Augen und Max Frischs Mein Name sei Gantenbein“ mit behinderten Körpern in der Literatur. In Ingeborg Bachmanns Erzählung Ihr glücklichen Augen entscheidet sich eine Frau bewusst, ihre Kurzsichtigkeit nicht behandeln zu lassen und behindert durchs Leben zu gehen, während sich in Max Frischs Mein Name sei Gantenbein ein sehender Mann für einen Blinden ausgibt. Pels’ Untersuchung richtete sich auf die Fragen nach dem Zweck der Blindheit und der Wirkung der Behinderung auf die Protagonisten und ihr Umfeld. Die Blindheit in diesen Texten sei nicht nur eine körperliche, sondern auch eine Metapher für eine soziale Behinderung.

Thom Westveer (Amsterdam) beschäftigte sich in seinem Beitrag „Thomas Manns Tonio Kröger: der Dichter als Außenseiter“ ebenfalls mit der sozialen Behinderung des Körpers. Für seine Untersuchung zog er Vergleiche zwischen Thomas Manns Tonio Kröger und dem Gedicht L’albatros von Charles Baudelaire. Sowohl in Baudelaires Gedicht als auch in Tonio Kröger sei der Künstler ein Außenseiter. Sein Außenseitertum werde auf seinen Körper übertragen. Der Dichter beobachte und kritisiere die Menschen und mache daraus Kunst. Unter Menschen sei er aber wie ein Behinderter und fühle sich wie ein Fremder. Das sei das Paradoxon des Künstlers: Seine Gabe sei gleichzeitig auch seine Behinderung.

Susanne Böhmisch (Aix-en-Provence) besprach in ihrem Vortrag „Körperliches Kapital in der Wiederholung: Zum Tanztheater von Pina Bausch“ das sogenannte Theater der Erfahrung. In den Stücken von Pina Bausch werde Wirklichkeit als Körperwirklichkeit zum Ausdruck gebracht. Die konkrete Körpererfahrung werde sichtbar, und auch der Zuschauer werde mit seiner Körperlichkeit konfrontiert. Typisch für Bausch sei die parodistische Darstellung von gescheitertem oder verweigertem körperlichem Kapital. Die Karikatur körperlichen Ausdrucks stelle dessen angenommene Freiheit in Frage und weise damit auf die Performativität des Körperkapitals hin. Hier gebe es eine Verbindung zu Bourdieus Modell des Habitus, der den Menschen in seinen Handlungen eingrenzt, ihm aber gleichzeitig die Möglichkeit der (Um-)Feldgestaltung gibt. Die für Bausch typische Wiederholung von Gesten zeige den Körper als Konstrukt, welcher in einem endlosen Lernprozess immer wieder neu kodiert werde. Ebenso zeige sie das Scheitern, das Unerfüllte und Zwanghafte im Körperkapital, lege in experimentellen Variationen und in der Darstellung der Beziehung von Mann und Frau auch Machtstrukturen offen.

Alexander Lemonakis (Bochum) analysierte in seiner Untersuchung „Körper in Bewegung: Sport in John von Düffels Ego und in Elfriede Jelineks Ein Sportstück“ Körperbilder und -inszenierungen. In beiden Werken gehe es um den Körper in Bewegung. Die Kritik am individualisierten Fitnesswahn in Ego wird dem kollektiven Sport-Wahn bei Jelinek gegenübergestellt. Lemonakis berief sich auf Pierre Bourdieus Habituskonzept, um die verschiedenen Körperkonzepte zu analysieren. Außerdem verortete er die unterschiedlichen Körperinszenierungen in der historischen Entwicklung des Körperdiskurses. Deutlich werde bei Jelinek die Assoziation mit Krieg und dem Sportler als Soldaten, während bei von Düffel Sport als individuelles Statussymbol fungiere. Beide Texte übten Kritik an der bestehenden Gesellschaft, bei von Düffel repräsentiere aber das Individuum die Gesellschaft, während bei Jelinek das Kollektiv für das Individuum stehe.

Nils Demetry (Duisburg/ Essen) untersuchte für seinen Beitrag „Körperdiskurs im ‚Pop‘ zwischen 1992 und heute. Fallbeispiele ‚Blumfeld‘ und ‚Retrogott und Hulk Hodn‘“ Songtexte der Popgruppen ‚Blumfeld‘ und ‚Retrogott und Hulk Hodn‘. Die beiden Alben von Blumfeld seien von erheblicher Bedeutung für die Pop-Linke der 1990er Jahre. Demetry bemerkte, dass sich die Texte der Hiphop-Band ‚Retrogott und Hulk Hodn‘ an aktuelle Körperdiskurse anschlössen. Ihre Themen seien dabei politisch, mit den zentralen Aspekten Subversion und Normalität. Demetry stützte sich bei seiner Forschung auf die Thesen von Foucault und Link.

Radikale Körper
Der letzte Abschnitt der Masterclass beschäftigte sich mit dem radikalen Körper. Dabei ging es um abstoßende Körpererfahrungen, aber auch um vollständige Körperverwandlungen und darum, wie der Körper bestimmte Strukturen durchbrechen kann.

In seinem Vortrag „Eklige Erzählwelten: Radikale Körper-, Selbst-, Welterfahrungen im Spiegel der Literaturkritik“ stellte Thomas Stachelhaus (Duisburg/ Essen) seine Forschung zum Ekel in der Literatur von Joseph Winkler und Charlotte Roche sowie zur Reaktion der Literaturkritik auf radikale tabubrechende Körperdarstellungen vor. Für den Begriff des Ekels stützte Stachelhaus sich auf die Thesen von Menninghaus und Anz, für die Materialanalyse bezog er sich auf das Modell für Kriterien literarischer Werte von Heydebrand und Winko. Stachelhaus hat das Vokabular der Rezensionen untersucht und herausgefunden, dass hier gemeinhin kaum explizit auf eklige und vulgäre Körperbilder verwiesen wird. Winklers Texte würden in den Interpretationen als autobiographisch und persönliche ‚Rettung‘ bewertet, während es bei Roche um die Kritik am überformten, unnatürlichen Körper gehe. Dennoch sei bei Winkler von Authentizität die Rede, bei Roche aber auch von Pornographie. In der Diskussion wurde bemerkt, dass Rezensionen auf die Gefühle beziehungsweise Erwartungshaltungen der Leser Rücksicht nähmen und daher ihr Vokabular anpassen würden. Diesbezüglich seien der Methode dieses Projekts Grenzen in seiner Interpretation gesetzt.

Melissa Buitenweg (Amsterdam) erläuterte in ihrem Beitrag „Body Horror in The Fly und District 9“ den Begriff des ‚Body Horror‘, welcher kein eigenes Genre konstituiert, sondern eine Unterkategorie des Horrorgenres ist, in dem Körperabnormalitäten gezeigt werden. Buitenweg stützte sich in ihrer Untersuchung auf die Thesen von Kristeva zum ‚Abjekten‘ und der traumatischen, ekelauslösenden Erfahrung, die die Begegnung mit diesem Abjekten auslöse. Sie untersuchte Motive und Themen in den Filmen The Fly von David Cronenberg und District 9 von Neill Blomkamp und konzentrierte sich dabei vor allem auf die Frage nach der metaphorischen Funktion des Body Horror. In District 9 würden Apartheid, Schwangerschaft und das ‚Andere/Fremde‘ metaphorisch dargestellt, in The Fly würden AIDS, Alter und körperlicher Verfall im Allgemeinen gezeigt. Der Body Horror in The Fly wirke damit intern, der in District 9 extern. Außerdem könne festgestellt werden, dass Body Horror in District 9 als übertragenes Mittel eingesetzt werde, während er in The Fly den Körper selbst zum Thema habe und damit nicht nur Mittel, sondern Essenz des Filmes sei.

Nora Schönfelder (Bochum) untersuchte in ihrer Arbeit „Corpus Delicti: Das kreative Potential des Körpers“ das Durchbrechungspotentials des Körpers. Dieses liege in der Kreativität, im Vermögen, etwas bereits Existierendes anders denken zu können. Schönfelder bezog sich in ihrer Untersuchung auf Bourdieu: Akteure innerhalb eines bestimmten Feldes verhielten sich unausgesprochen in einem gleichen Muster. Hier ansetzend suchte sie nach der Durchbrechungsmöglichkeit. Am Beispiel des Romans Corpus Delicti von Juli Zeh besprach Schönfelder das Verhältnis zwischen Krankheit und Gesundheit und inwiefern hier gesellschaftliche Machtstrukturen eine wichtige Rolle spielten. Dabei stützte sie sich auf die Theorien von Foucault.

Vor allem der rege Austausch in den Diskussionsmomenten wurde abschließend von allen Teilnehmern der Masterclass als gewinnbringend und inspirierend beschrieben. Für die unterschiedlichen Untersuchungsprojekte konnten hierdurch neue Perspektiven und Ansätze gewonnen werden. Auch Ideen zu eventuellen Folgeprojekten wurden angeregt. Außerdem wurden die Teilnehmer, insbesondere die Studierenden, animiert, ihre Forschungsergebnisse in angepasster Form für eine Veröffentlichung in der Literaturzeitschrift Schliff einzusenden. Der horizontale und vertikale, inter-universitäre Austausch zwischen sowohl Studierenden und Promovierenden als auch ‚Senior‘-Wissenschaftlern erwies sich als sehr fruchtbar und soll auch in Zukunft weitergeführt beziehungsweise intensiviert werden.



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Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortAmsterdam
Beginn29.01.2015
Ende30.01.2015
PersonName: Seidl, Anna (Dr.) 
Funktion: Organnisatorin 
E-Mail: a.s.seidl@uva.nl 
Ediert von  H-Germanistik
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