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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Technologien des Glaubens"
RessourcentypCall for Papers
TitelTechnologien des Glaubens
BeschreibungCall for Papers: Nachwuchspanel zur Tagung „Technologien des Glaubens. Schubkräfte zwischen technologischer Entwicklung und religiösen Diskursen“

Tagung vom 24. bis 26. September 2015 in Halle an der Saale
Veranstaltet vom Landesforschungsschwerpunkt „Aufklärung – Religion – Wissen“ (ARW) der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg in Kooperation mit den Franckeschen Stiftungen und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina


Vom 24. bis zum 26. September 2015 findet in Halle an der Saale die vom Landesforschungsschwerpunkt ARW und den Franckeschen Stiftungen in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Klaus Tanner (Heidelberg/Mitglied der Leopoldina) veranstaltete Tagung „Technologien des Glaubens. Schubkräfte zwischen technologischer Entwicklung und religiösen Diskursen“ statt. Den Eröffnungsvortrag wird Hans Poser (Berlin) zum Thema „Technische Kreativität und Creatio“ halten. Vorträge aus den Bereichen Pharmaziegeschichte, Kulturwissenschaft, Evang. Theologie, Philosophie und Germanistik wurden zugesagt.

Die Tagung soll auch ein Forum für dem Thema verbundene und interessierte NachwuchsforscherInnen bieten. Daher werden PromovendInnen und PostDocs aus den Bereichen:

Islamwissenschaft, Judaistik, Filmwissenschaft, Medienwissenschaft und -theorie, Theologie, Religionswissenschaft, Geschichte, Kulturwissenschaft, Kunstgeschichte, Politikwissenschaft, Neuere Philologien, Medizingeschichte und Philosophie

aufgerufen, sich mit einem/Ihrem Forschungsthema an der Veranstaltung zu beteiligen. Zum Thema:

Die seit der Aufklärung etablierte Abgrenzung von Religion und rational verstandener Wissen¬schaft leuchtet aus der Perspektive der Ratio deutlicher ein als aus der Perspektive des Glaubens. Sie ist Teil einer revisionsbedürftigen Modernisierungstheorie, die linear und einseitig von einer fortschreitenden Verdrängung der Religion durch die Wissenschaft ausgeht. Dabei stellt sich die Wissenschafts- und Technikgeschichte weitaus differenzierter dar, denn Gläubige haben schon immer versucht, rational erworbenes Wissen und die aus diesem entwickelten Technologien und Techniken in ihr ‚Weltbild‘ zu integrieren, auch um es für ihre Zwecke in Dienst nehmen zu können. Insbesondere seit der Frühen Neuzeit verdichten sich religiöse Diskurse und lassen sich Akteure und Praktiken erkennen, welche die sich herausbildenden empirischen Wissenschaften sowie die technischen Innovationen in ihren metaphysischen Rahmen integrieren und auch als deren Schubkräfte wirken. So waren zahlreiche Geistliche zugleich Naturforscher, wichtige Agrarreformen wurden auch von der Kanzel herunter durchgesetzt usw.

Diese Verstrickungen wurden schon früh in der Literatur reflektiert, man denke an die technische Versiertheit der Protagonisten im Zeichen göttlicher Vorsehung (providence) in Daniel Defoes Romanen Robinson Crusoe oder Captain Singleton. Die Figur des Faust kann als weiteres Beispiel für das komplexe Verhältnis von Wissenschaft, Technologie und Religion verstanden werden: Der Magier des Volksbuchs fährt zur Hölle. Bei Goethe, 200 Jahre später, scheitert der Forscher und Ingenieur Faust zwar noch mit seinen Versuchen am Retortenmenschen, doch werden das technische Projekt der Landgewinnung und die Himmelfahrt schließlich in unmittelbare Nähe gerückt. Unterliegt also der Seelentechnologe Mephistopheles der Gnade Gottes am Realtechnologen Faust?

Neue Technologien ermöglichen nach Niklas Luhmann stets Kontingenzsteigerung und Entlastung. Dabei sehen viele ihrer Entwickler und Anwender sie allerdings eingebunden in eine göttliche Ordnung und halten damit ein ausbalanciertes Verhältnis von Ratio und Religion aufrecht. So schreibt Friedrich Dessauer noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts techniktheologisch von einer „Begegnung mit Gott“, der sich „des menschlichen Geistes als Schöpfungsmittel“ bediene. Genau in diesem Sinne argumentiert der CDU-Abgeordnete und evangelische Pfarrer Peter Hintze 2011 bei der überparteilich organisierten Beratung über ein Gesetz zur Präimplantationsdiagnostik im Deutschen Bundestag: „Das ist die Vernunft, die uns Gott gegeben hat und die wir mithilfe der Medizin nutzen.“ Und als schließlich das Higgs-Boson sehr zum Missfallen seines Entdeckers in ein God particle umbenannt wurde, konnte die Technologie sogar diese technomystische Vision einlösen.

Die Entwicklung neuer Technologien stellt Religionen vor neue Herausforderungen. Technische Möglichkeiten beeinflussen den Zugriff auf das Leben und die Welt und verändern die Diskurse und Praktiken. So lässt die voranschreitende Beherrschung der Natur auch ein göttliches Prinzip überflüssig erscheinen; dafür wird die moralische Verantwortung für die Folgen des technologischen Fortschritts nach Hans Poser heute unmittelbar beim handelnden Menschen gesucht: Aus der Theodizee wird eine Technodizee. Insbesondere die Hochtechnologien (Atomtechnik, Gentechnik usw.) werfen die Frage nach einem neuen ethischen Rahmen auf, in dem die Religion nicht einseitig in die Rolle einer Begrenzerin gebracht werden kann.

Die Tagung fragt, wie genau religiöse Diskurse und Praktiken – offen oder versteckt – die technische Entwicklung beeinflussen. Es wird auch zu überlegen sein, inwiefern mit Hilfe theologischer Kategorien, z.B. der Eschatologie, der durch technische Entwicklung mögliche Zugriff auf Leben und Tod reflektiert werden kann. Denn die Interferenzen von technologischer Entwicklung und religiösen Diskursen besitzen gesellschaftliche Bedeutung offenbar vor allem dort, wo ethische Kernfragen zu Lebens- und Menschen-Begriffen verhandelt werden.

Zudem fragt die Tagung nach den Bedingungen und Zielen, unter denen Technologien – möglicherweise auch als ein Apriori – in religiöse ‚Weltbilder‘ integriert werden. Die homogene Wahrnehmung der Reaktionen religiöser Großgruppen auf neue Techniken verlangt nach einer Differenzierung: Wann und weshalb entscheiden sich religiöse Gemeinschaften – katholische, evangelische, jüdische, muslimische – für die Akzeptanz bestimmter Technologien, wann legen sie die Entscheidung über die Akzeptanz in die Hand des einzelnen Gläubigen und wann und weshalb lehnen sie sie ab? Welche diskursiven und praktischen Verschiebungen erzeugen Technologien im Glaubenssystem? Welche nicht-religiösen Gründe wie Integrationsdruck, demographischer Wandel oder (Geo-)Politik spielen hier eine Rolle? Die Aufgabe wird also sein, zu verstehen, unter welchen Bedingungen und mit welchen Zielen das technologische Potenzial aus religiösen Gründen begrenzt, genutzt oder vorangetrieben wurde und immer noch wird.


Die Kosten für Reise und Unterbringung werden übernommen. Eine Publikation der Tagungsbeiträge ist geplant.

Bitte senden Sie einen max. einseitigen Entwurf Ihres Beitrags sowie ein CV bis Montag, den 27. April, an den Wissenschaftlichen Koordinator des Landesforschungsschwerpunkts „Aufklärung – Religion – Wissen“ Dr. Sebastian Böhmer:
sebastian.boehmer@netzwerk-arw.uni-halle.de

Sebastian Böhmer steht Ihnen auch für Fragen oder weitere Informationen zur Verfügung:
sebastian.boehmer@netzwerk-arw.uni-halle.de
Tel.: +49 (0) 345 55 21784
Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://www.exzellenz-netzwerk-arw.uni-halle.de/index.htm
Verknüpfte Ressourcehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortHalle (Saale)
Bewerbungsschluss27.04.2015
Beginn24.09.2015
Ende26.09.2015
PersonName: Sebastian Böhmer 
Funktion: Wissenschaftlicher Koordinator des Landesforschungsschwerpunkts "Aufklärung - Religion - Wissen" 
E-Mail: sebastian.boehmer@netzwerk-arw.uni-halle.de 
KontaktdatenName/Institution: Sebastian Böhmer, MLU Halle-Wittenberg, Landesforschungsschwerpunkt "Aufklärung – Religion – Wissen" 
Strasse/Postfach: Franckeplatz 1, Haus 24  
Postleitzahl: 06110  
Stadt: Halle (Saale) 
Telefon: +49 (0) 345 55 21784 
E-Mail: sebastian.boehmer@netzwerk-arw.uni-halle.de 
Internetadresse: http://www.exzellenz-netzwerk-arw.uni-halle.de/index.htm 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Historische Semantik (Wissensgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Ideengeschichte); Komparatistik (Kulturvergleich, Interkulturelle Literaturwissenschaft); Literatur 1700 - 1770; Literatur 1770 - 1830; Literatur 1830 - 1880; Literatur 1880 - 1945; Literatur nach 1945; Literatur- u. Kulturgeschichte; Literatursoziologie; Medien- u. Kommunikationsgeschichte (Hand-, Druckschrift, Film, Rundfunk, Computerspiel usw.); Medien- u. Kommunikationstheorie
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