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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Schnitzlers Skandale "
RessourcentypCall for Papers
TitelSchnitzlers Skandale
BeschreibungCall for Papers
Sammelband

Die Ökonomie des Skandals: Gesellschaft, Sexualität, Gender und Judentum bei Arthur Schnitzler (Margrit Vogt / Carl Niekerk)

Skandale sind Stolpersteine (griech. scandalon =Fallstrick, Anstoß, Ärgernis), die die ethische Essenz eines Menschen in Frage stellen und durch Bloßstellung des Subjekts scheinbar gegen dessen Interessen gerichtet sind. Welche Grenzüberschreitungen werden in einer Gesellschaft als Skandal angesehen? Ein aufsehenerregendes Ereignis wird erst dann zum Skandal, wenn ihn die Öffentlichkeit als solchen erfährt. Im Bereich der Literatur und Kunst wird der Leser zum Juror darüber, was einen Skandal darstellt, wie ein Skandal beurteilt werden soll, und wie in einer solchen Situation gehandelt werden soll.

Skandale sind Medienereignisse oder werden häufig als solche inszeniert.
Skandale organisieren, mehr noch, sie hierarchisieren Information. Die durchgeführte Selektion der Informationsvermittlung, das Aufbauschen einer Nachricht zum Skandal stellt aber immer nur die Kehrseite eines Übergehens- und Auslassungsverfahrens dar. In der medialen Darstellung eines Skandals bleibt auch vieles ungesagt.

Als Kategorie kulturwissenschaftlicher Analyse ist der ‚Skandal’ interessant, weil er die Teilnahme der Literatur an der Öffentlichkeit dokumentiert. Dabei wird die Frage nach der Rolle und Funktion von Kunst neu gestellt. Was muss Kunst leisten, um von der Öffentlichkeit überhaupt wahrgenommen zu werden und um im besten Fall gesellschaftsrelevant zu wirken? Durch den Skandal im Text, die Skandalinszenierung des Textes oder die skandalöse Reaktion auf das Werk lässt sich identifizieren, was in einer Epoche an einem Kunstwerk provoziert und wie Kunst sich der Öffentlichkeit gegenüber kritisch verhalten kann.

Der Skandal bildet das konstitutive Element in Arthur Schnitzlers Werk. Schnitzlers Stücke und Erzählungen thematisieren nicht nur Skandale, oft provozieren sie sie auch. Inhaltlich umfassen die Skandale in Schnitzlers Texten vorwiegend die Themenbereiche Sexualität, Gender und Antisemitismus. Die brüskierende Darstellung von Sexualität oder von sexuellen Skandalen zeigen in Schnitzlers Werken oft Machtverhältnisse auf und prangern die divergierenden Erwartungshaltungen gegenüber Mann und Frau und die changierenden gesellschaftlichen Verhaltenscodes an. Häufig geraten die Figuren in Konflikt mit ihren Selbst- und Fremddefinitionen bezüglich ihrer Geschlechter- und Gesellschaftsrollen. Insbesondere hinsichtlich der Darstellung jüdischer Figuren und ihrer Diskriminierung im Wien der Jahrhundertwende bezieht Schnitzler – entgegen seiner Wiener Schriftstellerkollegen – emanzipatorisch und gesellschaftskritisch Position. Auch antisemitische Übergriffe und die unverhohlene Nicht-Anerkennung von jüdischer Identität gehören zum Repertoire des Skandals.

Schnitzler weiß um die Ambivalenz des Skandals: Der Skandal kann gleichzeitig eine faszinierte und abstoßende Reaktion bei den Rezipienten auslösen und sowohl einen Anziehungs- als auch einen Abwehrmechanismus darstellen. Gerade die Diversität der in seinen Texten inszenierten inhaltlichen und formalen Skandale, die ihrerseits nicht selten die zeitgenössische Gesellschaft zu neuen Skandalinszenierungen provozieren, geben einen multiperspektivischen ‚skandalösen’ Blick auf Schnitzlers Werk frei.

Dank der Strategie der Skandalmultiplikation gelingt es Schnitzler, den Einzelskandal in seinen Stücken zu relativieren und die Diskussion um die ästhetische und gesellschaftsrelevante Leistungsfähigkeit von Skandalen in der Kunst und Literatur im Wien des Fin de Siècle erst zu entfachen. Mit der Skandalvervielfachung zielt Schnitzler auf die Meinungsäußerung der Öffentlichkeit ab, deren Aufmerksamkeit er auf vielfache Weise (in Theateraufführungen, auf dem Buchmarkt, in Theaterschauprozesse, Demonstrationen, oder Zeitungskontroversen) erreicht.
So reagiert die Wiener Öffentlichkeit des Fin de Siècle im juristischen Zweig, im Journalismus, in der Kunst, Literatur- und Kunstkritik, in der Politik, Theologie und im Literatenkreis mit Fragen der Politik, Ethik und Medizin auf die Vielfalt von Skandalen in Schnitzlers Werk und dessen Rezeption.

Wie aber sieht eine kritischere Annäherungsweise an Schnitzler aus, die einerseits die emanzipatorische Dimension seiner Texte respektiert, und andererseits diejenigen Momente identifiziert, die eine unerwünschte gesellschaftliche Praxis unkritisch darstellt und nicht hinterfragt? Inwiefern dienen Schnitzlers Texte der (Selbst-)Bestätigung einer Maskulinität, die sich selbst gerade nicht zu überprüfen gewollt ist und sich jedem ethischen Normierungsversuch zu entziehen versucht? Schnitzlers Texte konfrontieren den Leser mit ethischen Fragen. Die Skandale werfen häufig ethische Fragen auf, nehmen den Aspekt der
Transkulturalität von Ethik in den Blick und bilden den bisher unerkannten Kern von Schnitzlers Schreiben.

Der geplante Sammelband macht es sich zur Aufgabe, die Skandale in Schnitzlers Werk und dessen Rezeption und ihre Darstellungen auf ihre multiplen Funktionen hin zu überprüfen. Im Zentrum stehen die Fragen,
- welche Skandale in Schnitzlers Werk dargestellt sind,
- welche gewagten bis skandalösen Darstellungsverfahren Schnitzler verwendet,
- auf welche Weise sich die inszenierten und provozierten Skandale in und um Schnitzlers Werk gegenseitig kommentieren oder relativieren,
- inwiefern Schnitzlers Strategie der Skandalinszenierung dazu dient, die Leserwahrnehmung zu steuern und gleichzeitig – gewollt oder ungewollt – Aufmerksamkeit von zentralen skandalösen Umständen abzuziehen,
- an welchen Stellen und inwiefern der Skandal in Schnitzlers Werk als Ökonomie der Aufmerksamkeitslenkung fungiert?
- welche Skandalinszenierungen in Schnitzlers Werk gerade darin bestehen, dass sie wirkliche Skandale vertuschen und dementsprechend als bewusst oder unbewusst angelegte Skandale der Auslassung zu lesen sind?

Erwünscht sind

– Beiträge, die grundsätzliche Überlegungen zur Kategorie ‚Skandal’ und zu ihrer kulturwissenschaftlichen Relevanz für die Schnitzler-Forschung untersuchen,
– inhaltsbezogene Analysen, die die Thematisierung des Skandals in einzelnen Texten Schnitzlers untersuchen,
– innovative formale Darstellungsverfahren, die von der zeitgenössischen Rezeption als aufsehenerregend gepriesen oder als skandalöse Darstellungsformen verschrien wurden,
– Aufsätze, die die Inszenierung einzelner Skandalstücke im Theater dokumentieren und kritisch hinterfragen,
– Fall-Studien, die die Rezeption und öffentliche ‚Skandal’-Wirkung einzelner Schnitzler-Texte veranschaulichen und Schnitzlers ökonomisches Verfahren der Skandalinszenierung analysieren,
- Artikel, die die Skandalvermischung auf der fiktiven und realen Ebene veranschaulichen und die Durchdringung der inhaltlichen und formalen Skandale auf der Text- und Aufführungsebene in ihrem Zusammenhang mit der Wirkung auf die Zeitgenossen und deren skandalösen Reaktionen auf der Realitätsebene durchleuchten,
- Beiträge, die Schnitzlers Inszenierung, Steuerung und Verwaltung von Skandalen thematisieren sowie,
- Artikel, die sowohl die Möglichkeiten als auch die Grenzen von Skandalökonomien bei Schnitzler aufzeigen.


Bitte alle Abstracts (250 Worte) vor dem 15. März 2015 an die beiden Herausgeber schicken:

Margrit Vogt (margrit.vogt@uni-flensburg.de)
Carl Niekerk (niekerk@illinois.edu)

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttps://illinois.academia.edu/CarlNiekerk/Posts
Verknüpfte Ressourcehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
Bewerbungsschluss15.03.2015
PersonName: Margrit Vogt / Carl Niekerk  
E-Mail: margrit.vogt@uni-flensburg.de; niekerk@illinois.edu 
KontaktdatenName/Institution: University of Illinois 
Strasse/Postfach: 707 South Mathews 
Postleitzahl: IL 61801 
Stadt: Urbana 
E-Mail: niekerk@illinois.edu 
Internetadresse: https://illinois.academia.edu/CarlNiekerk 
SchlüsselbegriffeLiteratur 1880 - 1945
Klassifikation16.00.00 Jahrhundertwende (1880-1914) > 16.15.00 Zu einzelnen Autoren; 17.00.00 20. Jahrhundert (1914-1945) > 17.18.00 Zu einzelnen Autoren; 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart > 19.13.00 Zu einzelnen Autoren
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