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Ergebnisanzeige "Interdisziplinäre Tagung für NachwuchswissenschaftlerInnen: Interpunktion im Spannungsfeld zwischen Norm und stilistischer Freiheit"
RessourcentypCall for Papers
TitelInterdisziplinäre Tagung für NachwuchswissenschaftlerInnen: Interpunktion im Spannungsfeld zwischen Norm und stilistischer Freiheit
BeschreibungInterdisziplinäre Tagung für NachwuchswissenschaftlerInnen:
Interpunktion im Spannungsfeld zwischen Norm und stilistischer Freiheit.
Literaturwissenschaftliche, sprachdidaktische und linguistische Perspektiven.
17.09. – 19.09.2015 Universität Kassel
Geistes- und Kulturwissenschaftliches Promotionskolleg (GeKKo) des Fachbereichs 02

Bevor die Interpunktion normiert wurde, vertrat Goethe folgende Ansicht:
„Wenn man will, mache ich in jedem Brief Schreibfehler – und keine Komma[ta]. Dabei beruhige ich mein Gewissen mit der Meinung des verehrten Wieland: Religion und Interpunktion sind Privatsachen.“ (Goethe zit. n. Liebenau/Schönberger 1991: 393)
Die Interpunktion wird als Teilgebiet der Orthographie – dem am stärksten normierten Bereich der deutschen Sprache – eingestuft. Vermutlich aufgrund dieser (vermeintlichen) regelhaften Festigkeit gibt es bisher kaum Untersuchungen zu den Möglichkeiten und stilistischen Freiräumen, die die Interpunktion dem Verfasser eines Textes lässt. Denn innerhalb der Orthographie kann die Interpunktion als derjenige Bereich gesehen werden, der den größten Spielraum für individuelle Verwendung lässt.
Genau diese Freiräume sollen im Zentrum der geplanten Tagung stehen: Ziel der Tagung ist es, durch interdisziplinäre Perspektiven neue Erkenntnisse in Bezug auf Fragen nach dem Zusammenhang von Interpunktion und Stil zu eröffnen. Es sind daher Beiträge aus allen Forschungsrichtungen, die sich mit Texten beschäftigen, erwünscht: philosophische, literaturwissenschaftliche, sprach-wissenschaftliche, sprachdidaktische sowie kontrastive, editionswissenschaftliche, etc.
Die zentralen Fragestellungen der Tagung lauten:
• Welchen Einfluss hat Interpunktion auf die Stilwirkung eines Textes? Gibt es einen Zusammenhang von Interpunktion und Autorenstil? Welche Wahlmöglichkeiten der Interpunktion hat ein Autor innerhalb/trotz Normierung?
• Wie kann die grammatische Gestalt eines Textes durch Interpunktion verändert werden? Bei welchen grammatischen Phänomenen variiert die Interpunktion in besonderem Maße?
• Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Interpunktion und dem Erwerb von Textkompetenz?
• Wie weit ist der jeweilige kommunikativ-pragmatische Rahmen für den Autor ausschlaggebend für die Wahl seiner Interpunktion?
• In welcher Beziehung stehen Komma und Punkt zu anderen Interpunktionszeichen, die die Funktion der Textstrukturierung übernehmen?
• Welches Norm- und Varianzbewusstsein (Stilbewusstsein) besitzen SchülerInnen mit Blick auf eigene und fremde Texte? Findet eine Entwicklung statt? Inwieweit (wenn ja wie) sollte das Gegenstand des Deutschunterrichts sein?
• Welche Unterschiede bestehen zwischen dem Deutschen und anderen Sprachen innerhalb der stilistischen Interpunktion?
Wir freuen uns über Beiträge von Studierenden, Promovierenden und Habilitierenden und bitten, ein Abstract zum Vortrag (ca. 400 Wörter) bis zum 30.01.2015 per Email einzureichen. Pro Beitrag sind 45 Minuten veranschlagt: 30 Minuten Vortrag, 15 Minuten Diskussion.
Kontakt: gekko@uni-kassel.de
Weitere Informationen zur Tagung gibt es bald unter: http://www.uni-kassel.de/fb02/institute/germanistik/projekte.html
Ob die Möglichkeit der Reisekostenübernahme besteht, kann leider erst kurzfristig bekannt gegeben werden. 
Tagungsexposé
Entgegen der Ansicht Gadamers, demzufolge die „Interpunktion nicht zur Substanz des dichterischen Wortes“ gehört (Gadamer 1961: 63), hat sich in der Literaturwissenschaft die Ansicht etabliert, dass Interpunktion nicht allein dem wohlgeordneten Schriftbild und der Syntax dient, sondern auch über eine stilistische Funktion verfügt. Daran anschließend stellt sich die Frage nach der Relation von syntaktischer und stilistischer Interpunktion: zu klären ist etwa, ob syntaktische Interpunktion Bedeutung trägt oder nicht und ob stilistische Interpunktion nur als eine Differenzqualität zu etablieren ist, die zwangsläufig mit den Regeln syntaktischer Interpunktion bricht (oder eben nicht) (vgl. Adorno 1956: 55; Stenzel 1966: 9 und 11). Auch in der Frage nach dem Einfluss von Satzzeichen auf den Autorenstil bleiben trotz der Annahme, dass „Erzählprosa [...] ihren Charakter [ändert], je nachdem, wie sie interpungiert ist“ (Nebrig/Spoerhase 2012: 19), große Teile besonders der Gegenwartsliteratur in dieser Richtung unerforscht. Dabei können Interpunktionszeichen durchaus eine Schlüsselfunktion in Texten ausüben, so z. B. der Gedankenstrich, der Abbruchstellen in Texten markiert und dadurch dem Rezipienten signalisiert, dass hier etwas mitzuverstehen ist, (vgl. etwa die bekannte Verwendung in Kleists Marquise von O). Hoffmann (1997: 432) bezeichnet solche Abbruchstellen als phatische Ellipsen, welche als komprimiertes Stilmittel zur Spannungssteigerung oder Verschleierung dienen,
Ebenso können editionsphilologische Gründe zu „einer partiellen philologischen Satzzeichen-Vergessenheit“ beigetragen haben, etwa die Modernisierung der historischen Originalinterpunktion zugunsten leichterer Lesbarkeit. Damit eröffnet sich die Fragestellung: „Wie macht man das, was in literaturwissenschaftlichen Editionen und Interpretationen nicht selten zum Verschwinden gebracht wird, wieder beobachtbar?“ (Nebrig/Spoerhase 2012: 13f.)
Eng verbunden mit der Frage nach der Interpunktion als Stilmerkmal ist die Frage nach der Bedeutung von Interpunktion für die grammatische Struktur eines Textes. Nach Zimmermann (1969: 43) besteht die wesentliche Leistung aller Interpunktionszeichen in der Abgrenzung syntaktischer Einheiten. Er ist der Auffassung, dass dem Komma eine ‚neutrale‘ Bedeutungsfunktion zukommt. „Alle übrigen Satzzeichen übernehmen entweder noch besondere Hinweise auf die Art der Einheit […] oder verweisen zusätzlich auf inhaltliche oder logische Beziehungen“ (Zimmermann 1969: 43). Grundsätzlich gibt es nur wenige Arbeiten, die den Systemaspekt der Interpunktion in den Blick nehmen. Diese beschränken sich aufgrund der vorwiegend syntaktischen Funktion von Punkt und Komma meist auf ebendiese. So gibt es vor allem zum Komma und zu dessen syntaktischen Regularitäten eine Vielzahl an Arbeiten (vgl. Bredel 2010; Gallmann 1996; Primus 1993, 2010; Zifonun et al. 1997). Andere Interpunktionszeichen wurden in der linguistischen Forschung bisher kaum berücksichtigt. Auch diesem Forschungsdesiderat soll mit der geplanten Tagung Rechnung getragen werden und die Bedeutung der bisher wenig beachteten Interpunktionszeichen (z.B. Doppelpunkt, Semikolon, Gedankenstrich, Klammer) diskutiert und die „inhaltlichen oder logischen Beziehungen“, die sie herstellen können, in den Blick genommen werden.
Da es sich bei Interpunktion um ein Mittel der Textstrukturierung handelt (vgl. Dürscheid 2006: 153) bzw. sie dazu dient, dem Leser die Rezeption zu erleichtern (vgl. Stein 2003: 73), kann mithilfe von Interpunktion außerdem der Erwerb der Fähigkeit zur strukturierten und rezipientenorientierten Textgestaltung untersucht werden. Bredel (2008: 189f.) geht mit ihrer Online-Hypothese davon aus, dass die Bedeutung der Interpunktion vor allem in der Steuerung des Leseprozesses liegt. Dahingehend lässt sich die Frage formulieren, inwieweit der Rezipient bei der Zeichensetzung im Rahmen der Textproduktion bereits berücksichtigt wird.
Auch in der Schriftspracherwerbsforschung steht das Komma im Zentrum der Untersuchungen zur Interpunktion. Fragen zur Konkurrenzbeziehung zwischen Komma und Punkt, sowie dem regelhaften oder intuitiven Gebrauch anderer Satzzeichen wurden in der sprachdidaktischen Forschung bisher nicht aufgegriffen. Die Mehrheit der Studien arbeitet mit präparierten Testsätzen und nicht mit freien Schülertexten, weshalb es in den bisherigen Untersuchungen selten darum geht, was mit der Zeichensetzung des Deutschen in Texten jenseits der normativen Regeln geleistet werden kann.
Verschiedene Sprachen haben unterschiedliche Systeme der Interpunktion. Die grammatische Interpunktion folgt den orthographischen Regeln einzelner Sprachen und muss daher auf die unterschiedlichen Sprachen bezogen analysiert werden. Die Frage ist nun, ob das auch für die stilistische Interpunktion gilt: ist stilistische Interpunktion an die jeweilige Sprache gebunden oder gibt es Tendenzen stilistischer Interpunktion, die gleichsam sprachübergreifend existieren? Aus diesem Grunde richtet sich die Tagung sowohl an germanistische wie auch anglistische und romanistische NachwuchswissenschaftlerInnen, um vor allem im Bereich der stilistischen Interpunktion ein breites komparatistisches Spektrum zu entfalten.

Literatur
• Adorno, Theodor W. (1956): Satzzeichen. In: Nebrig, Alexander/Spoerhase, Carlos (2012): Die Poesie der Zeichensetzung. Studien zur Stilistik der Interpunktion. Bern: Lang (Publikationen zur Zeitschrift für Germanistik 25), 55-60.
• Bredel, Ursula (2008): Die Interpunktion des Deutschen. Ein kompositionelles System zur Online-Steuerung des Lesens. Tübingen: Niemeyer.
• Bredel, Ursula (2010): Strukturfunktionale und erwerbstheoretische Aspekte des Interpunktionssystems am Beispiel des Ausrufezeichens. In: Bredel, Ursula/Müller, Astrid/Hinney, Gabriele (Hg.) Schriftsystem und Schrifterwerb: linguistisch – didaktisch – empirisch. Berlin et al.: de Gruyter, 259–275.
• Dürscheid, Christa (2006): Einführung in die Schriftlinguistik. Grundlagen und Theorien. 3. Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht (Studienbücher zur Linguistik 8).
• Gadamer, Hans-Georg (1961): Poesie und Interpunktion. In: Nebrig, Alexander/Spoerhase, Carlos (Hg.): Die Poesie der Zeichensetzung. Studien zur Stilistik der Interpunktion. Bern: Lang (Publikationen zur Zeitschrift für Germanistik 25), 61-68.
• Gallmann, Peter (1996): Interpunktion (Syngrapheme). In: Günther, Hartmut/Ludwig, Otto (Hg.): Schrift und Schriftlichkeit. Ein interdisziplinäres Handbuch internationaler Forschung. 2 Halbbände. Berlin: de Gruyter (= Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft [HSK], 11.1 und 11.2), 1456–1467.
• Liebenau, Ferdinand von/Schönberger, Margit (Hg.) (1991): Das große Buch der Anekdoten von A–Z. München: Orbis.
• Nebrig/Spoerhase (2012): Für eine Stilistik der Interpunktion. In: Nebrig, Alexander/Spoerhase, Carlos (Hg.): Die Poesie der Zeichensetzung. Studien zur Stilistik der Interpunktion. Bern: Lang (Publikationen zur Zeitschrift für Germanistik 25), 11-32.
• Primus, Beatrice (1993): Sprachnorm und Sprachregularität: Das Komma im Deutschen. In: Deutsche Sprache 21. S. 244-263.
• Primus, Beatrice (2010): Strukturelle Grundlagen des deutschen Schriftsystems. In: Bredel, Ursula/Müller, Astrid/Hinney, Gabriele (Hrsg.): Schriftsystem und Schrifterwerb linguistisch – didaktisch – empirisch. S. 9-45 - Berlin/New York: de Gruyter, 2010. (Reihe Germanistische Linguistik 289)
• Stein, Stephan (2003): Textgliederung: Einheitenbildung im geschriebenen und gesprochenen Deutsch: Theorie und Empirie. Diss. Berlin [u.a.]: de Gruyter (Studia linguistica Germanica, 69).
• Stenzel, Jürgen (1966): Zeichensetzung. Stiluntersuchungen an deutscher Prosadichtung. Göttingen: V&R.
• Zifonun, Gisela/Hoffmann, Ludger/Strecker, Bruno (1997): Grammatik der deutschen Sprache. 3 Bände. Berlin / New York: de Gruyter (= Schriften des Instituts für deutsche Sprache 7.1, 7.2, 7.3).
• Zimmermann, Harald (1969): Zur Leistung der Satzzeichen. Eine Studie über die Funktion der Zeichensetzung im Deutschen, untersucht an einem Beispiel der Gegenwartssprache. Mannheim/Zürich (Duden-Beiträge ; 36).
Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortKassel
Bewerbungsschluss30.01.2015
Beginn17.09.2015
Ende19.09.2015
PersonName: Miriam Langlotz 
Funktion: Koordinatorin 
E-Mail: gekko@uni-kassel.de 
KontaktdatenName/Institution: Geistes- und Kulturwissenschaftliches Promotionskolleg Uni Kassel 
Strasse/Postfach: Kurt-Wolters-Straße 5 
Postleitzahl: 34125 
Stadt: Kassel 
Telefon: 05618043324 
E-Mail: gekko@uni-kassel.de 
Internetadresse: http://www.uni-kassel.de/fb02/institute/germanistik/projekte.html 
LandDeutschland
SchlüsselbegriffeLinguistik; Grammatik (Wortarten, Flexion, Syntax, Grammatiktheorien, Grammatikographie); Kontrastive Linguistik (Sprachvergleich); Phonematik/ Graphematik (Phonologie, Phonetik, Schrift, Schriftsysteme, Orthographie); Sprachdidaktik (Schuldidaktik, Erwachsenenbildung, Konzepte sprachlicher Bildung); Spracherwerb / Psycholinguistik (sprachliches Wissen); Stilistik / Rhetorik (inkl. Argumentationstheorie, Stilbegriff, Persuasionstheorie, politische Sprache, Werbesprache); Textlinguistik (Textbegriff, Textgrammatik, Textsorten, Hypertexte, Textsortengeschichte); Verständlichkeitsforschung (Popularisierung und Wissenstransfer, Schreibforschung, Textoptimierung); Literaturwissenschaft; Stilistik
Klassifikation02.00.00 Deutsche Sprachwissenschaft (in Auswahl); 02.00.00 Deutsche Sprachwissenschaft (in Auswahl) > 02.05.00 Grammatik; 02.00.00 Deutsche Sprachwissenschaft (in Auswahl) > 02.06.00 Orthographie; 02.00.00 Deutsche Sprachwissenschaft (in Auswahl) > 02.07.00 Textwissenschaft; 02.00.00 Deutsche Sprachwissenschaft (in Auswahl) > 02.08.00 Stilistik; 02.00.00 Deutsche Sprachwissenschaft (in Auswahl) > 02.09.00 Deutsche Sprachgeschichte > 02.09.10 Entwicklung der deutschen (nhd.) Literatursprache bis zum 19. Jh.; 02.00.00 Deutsche Sprachwissenschaft (in Auswahl) > 02.10.00 Sprache im 20. Jahrhundert. Gegenwartssprache
Ediert von  H-Germanistik
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