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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Vor dem Aufbruch. Möglichkeitsräume des Reisens vom späten Mittelalter bis zum Beginn der Moderne"
RessourcentypKonferenzen, Tagungen, Kolloquien
TitelVor dem Aufbruch. Möglichkeitsräume des Reisens vom späten Mittelalter bis zum Beginn der Moderne
BeschreibungVor dem Aufbruch. Möglichkeitsräume des Reisens vom späten Mittelalter bis zum Beginn der Moderne.
Tagung des Historisch-Kulturwissenschaftlichen Forschungszentrums Trier
Universität Trier, 28./29. November 2014

Von den frühen utopischen Schriften bis hin zu den Werken Jules Vernes und den Science-Fiction-Szenarien des 20. Jahrhunderts lässt sich das Genre der imaginären Reise nachvollziehen, das inzwischen zum Gegenstand einer umfangreichen Forschung geworden ist. Wie bereits Stephen Greenblatt in seinem einflussreichen Band „Marvelous Possessions“ deutlich machte, spielt jedoch auch bei realen Reiseunternehmen die Imagination eine entscheidende Rolle, kennzeichnen sich etwa die Reiseberichte der Entdeckungsfahrer in der frühen Neuzeit durch eine „imagination at work“, die bislang nur in Ansätzen zum Gegenstand der kulturwissenschaftlichen Reiseforschung geworden ist. Im ausgehenden Mittelalter ebenso wie im Zeitalter der großen Entdeckungen oder in jener Sattelzeit um 1800, in der mit vielen anderen Formen des Wissenserwerbs auch das Reisen zunehmend in regulierte Bahnen gelenkt wird, werden zudem immer wieder mögliche, also vorstellbare, aber dennoch fiktionale Reisen imaginiert, ohne ausgeführt werden zu können. Die Vorwegnahme oder Erfindung konkreter Reiseunternehmungen, die Formulierung von Erwartungen und Wünschen oder der Versuch, Begegnungen mit dem Neuen und Unbekannten bereits im Vorfeld zu planen, lassen dabei kenntlich werden, welche Weltentwürfe und Ereignisse, historischen Entwicklungen und persönlichen Erfahrungen in einer bestimmten Epoche vorstellbar sind, was als möglich, was als phantastisch gilt – und auch, was sich vollkommen jenseits der Grenzen jeder Imagination befindet. Diese Möglichkeitsräume des Reisens sind es, welche die geplante Tagung in kulturhistorischer Tiefenperspektive zu rekonstruieren sucht.
Das Interesse gilt dabei zum einen konkreten Reisen in ihrem Entwurfsstadium, also jenen diskursiven Prozessen und künstlerischen Imaginationen, die der Durchführung einer Reise vorausgehen. Diese können insbesondere dort als besonders ergiebig vermutet werden, wo “ Entdeckungs- oder Forschungsreisen geplant sind, die den Bereich des Bekannten und Alltäglichen verlassen sollen und eine Begegnung mit dem Neuen, Anderen zum Ziel haben. Solche Reisen basieren notwendig auf Planungen, Erwartungen und Vorstellungen, welche das Reiseprojekt selbst überhaupt erst entstehen lassen und die es mit nützlichen oder notwendigen Zielen versehen. Das Neue und Andere, um das es diesen „epistemischen“ Reise geht, wird im Zuge ihrer Vorwegnahme auf bestimmte Weise ausgemalt und zu semantisieren versucht: Seine Imagination präfiguriert die tatsächliche Reiseunternehmung, die von ihren geplanten oder vorgestellten Versionen jedoch auch deutlich abweichen kann. Reisen werden somit im Virtuellen bereits mehrfach vollzogen, bevor sie tatsächlich stattfinden und dabei einen bestimmten, häufig unvorhergesehenen Verlauf aktualisieren. Noch ehe sie sich ereignen, eröffnen sie einen Möglichkeitsraum, der zu literarischer und künstlerischer Ausgestaltung einladen kann, der im Zuge konkreter Reisevorbereitungen aber auch notwendig durchgespielt werden muss, um etwa präventive Maßnahmen für mögliche Gefahren treffen zu können.
Innerhalb der möglichen Reisen, die auf diese Weise entstehen, wird dabei auch die Wiederkehr in den eigenen Handlungsraum bereits mitgedacht, werden somit konkrete Erwartungen bezüglich der Auswirkungen der Reise auf das eigene Wissenssystems artikuliert. Solche epistemischen Möglichkeitsräume entstehen selbst jedoch nicht bedingungslos, sondern basieren wiederum auf bestimmten Konzepten, Erfahrungen, Methoden und Denkweisen. So können etwa vorangegangene Reiseerfahrungen sowie historische oder mythische Reisen auf das neue Reiseprojekt übertragen oder eigene Ordnungsmuster auf das zu entdeckende Andere projiziert werden. Solche Vorwegnahmen können später dann in die aktuelle Reiseerfahrung integriert werden und sich so konstruktiv auf die Verarbeitung der Erlebnisse auswirken oder mit diesen in Konflikt treten – etwa im Falle der ersten Entdecker Amerikas, die bekanntlich eigentlich den Seeweg nach Indien zu finden hofften und daher die Bevölkerung der neu entdeckten Gebiete als „Indios“ bezeichneten. Später dann, nach der Rückkehr, können die Erfahrungen der tatsächlichen Reise zu einer Modifikation des Möglichkeitsraums beitragen – und somit im Nachhinein andere Erwartungen und andere vorbereitende Maßnahmen als sinnvoll erscheinen lassen.
Zum anderen interessiert sich die Tagung für fiktionale Reisen, die niemals stattgefunden haben, deren literarische Ausgestaltungen von Zeitgenossen jedoch – etwa im Falle des reisenden Ritters John Mandeville – für reale Reiseberichte gehalten wurden. Hierbei kann es sich um ernstgemeinte Projekte handeln, die bloßes Vorhaben blieben, oder aber um vollständig imaginierte Reisen, die niemals auf eine reale Umsetzung zielten. Der Horizont des Denkbaren wird hier an den Grenzen der Imagination selbst sichtbar, bleibt doch auch literarische Imagination an vorherrschende Diskurse gebunden. Wie die reale Reiseunternehmung bildet jedoch auch die phantastische Reise nicht selten einen Versuch, an die Grenzen dieser Diskurse selbst zu gelangen, den Raum des Bekannten in der Imagination zu überschreiten und auf diese Weise zu erweitern. Fiktive Reisen können zudem wiederum Einfluss auf die Planung tatsächlicher Reiseunternehmungen nehmen. An ihnen wird auf diese Weise das epistemologische Konzept des Reisens selbst deutlich, das seit dem ausgehenden Mittelalter zwischen den Polen der Kolonisation des Fremden und des Staunens über das Andere, das zugleich eine Infragestellung oder Erweiterung der eigenen Wissenssysteme impliziert, hin und her schwankt (Greenblatt).
Von apodemischen Werken, welche auf das Reisen vorbereiten, indem sie es zu regulieren versuchen, bis hin zu imaginativen „Zimmerreisen“ (Bernd Stiegler), welche die Entfaltung des Möglichkeitsraums an die Stelle der eigentlichen, physischen Reiseerfahrung setzen, ist das epistemische Reisen stets mit der Einbildungskraft und dem – genuin literarischen – Entwurf möglicher Welten verbunden. Der geplanten Tagung geht es um solche virtuellen Reise-Entwürfe – um Imaginationen, Erwartungen, Berechnungen und Planungen, die bereits vorhanden sind, bevor oder ohne dass eine tatsächliche Reise stattfindet, und die auf die Grenzen des Denk- und Vorstellbaren hinweisen, welche historische Wissenssysteme konstituieren. Sie fragt dabei auch nach historischen Grenzziehungen zwischen Faktualität und Fiktionalität, welche es ermöglichen, die phantastischen Reisen, die allein der Literatur und den Künsten vorbehalten sind, von Imaginationen potenzieller Reisen zu unterscheiden. Damit einher geht eine historische Bestimmung des Verhältnisses von Möglichkeit, Wahrscheinlichkeit und Wissen (vgl. u.a. Campe). Mit der Grenzziehung zwischen diesen Bereichen ist zugleich ein genuin wissenshistorischer und wissenspoetologischer Zugriff verbunden: An virtuellen Reisen wird der Raum des Denkbaren, werden die Grenzen der Diskursordnung sichtbar, wobei das Wissen sich in Geschichten und Bildern artikuliert und daher von seinen Ästhetiken der Darstellung nicht zu trennen ist (Vogl). Im Einzelfall wäre etwa zu erörtern, welche Wissensbereiche durch unterschiedliche virtuelle Reiseentwürfe betroffen sind, wie genau sie ihr hypothetisches Wissen mit den etablierten Wissensbeständen verbinden, welche ästhetischen Verfahren der Plausibilisierung ‚fremder Welten' zum Einsatz kommen und wie die Grenze zwischen Wissen und Nicht-Wissens etwa in imaginären Reiseberichten markiert wird.

Freitag 28.11.

9.15-9.30
Grußwort des Präsidenten der Univ. Trier

9.30-10.00
Johannes Pause/Martin Przybilski (Dresden/Trier): Einführung

10.00-11.00
Julia Weitbrecht (Kiel): conversio – Wegsemantik und Wissensvermittlung in der Reiseliteratur des 12. Jahrhunderts („Visio Tnugdali“ und „Straßburger Alexander“)

11.00-12.00
Christian Jörg (Tübingen): Gerüstet für Italien. Logistik und organisatorische Rahmenbedingungen im Umfeld spätmittelalterlicher Romzüge

12.00-13.30 Mittagspause

13.30-14.30
Werner Röcke (Berlin): Auf der Grenze. Alexanders Grenzgänge und die Produktivität von Grenzen in Johann Hartliebs ‚Alexander‘-Roman

14.30-15.30
Volker Honemann (Münster): Die Darstellung der Reisevorbereitungen in deutschen Pilgerberichten des Spätmittelalters

15.30-16.00 Kaffeepause

16.00-17.00
Burkhardt Wolf (Berlin): „Eine artige Lügente“. Ende der curiositas und Beginn der Aufklärung in Reuters Schelmuffsky

17.00-18.00
Dorit Müller (Berlin): Das Wissen der Reisenden. Johann Gottfried Schnabels Insel Felsenburg


Samstag, 29.11.

9.00-10.00
Uwe Hentschel (Chemnitz): Goethes nicht geschriebener Italienbericht

10.00-11.00
Philipp Felsch (Berlin): Der Kartograf der Kälte. Wie August Petermann den Nordpol erfand

11.00-12.00
Peter Gendolla (Siegen): Wunderliche Fiktionen. Zur Entwicklung der Italienbilder in der deutschsprachigen Literatur vom 19. ins 20. Jahrhundert

12.00-13.30 Mittagspause

13.30-14.30
Marion Eggert (Bochum): Gedankenflüge. Imagination als Bindeglied der Realitäten in vormoderner koreanischer Reiseliteratur

14.30-15.30
Folke Gernert (Trier): Der reisende Schelm und die Grenzen des Erlaubten

15.30-16.00 Abschluss

Weitere Informationen und Anmeldung unter www.hkfz.uni-trier.de bzw. www.hkfz@uni-trier.de
Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortTrier
Beginn28.11.2014
Ende29.11.2014
KontaktdatenName/Institution: HKFZ Trier 
Strasse/Postfach: Universität Süd 
Postleitzahl: 54286 
Stadt: Trier 
Telefon: +49/651/2012318 
Fax: +49/651/2013247 
E-Mail: hkfz@uni-trier.de 
Internetadresse: hkfz.uni-trier.de 
LandDeutschland
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