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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Gehäuse: Mediale Einkapselungen"
RessourcentypCall for Papers
TitelGehäuse: Mediale Einkapselungen
BeschreibungCall for Papers zur Tagung „Gehäuse: Mediale Einkapselungen“
Christina Bartz, Timo Kaerlein, Monique Miggelbrink, Christoph Neubert
Institut für Medienwissenschaften in Kooperation mit dem Graduiertenkolleg „Automatismen“, Universität Paderborn
Datum: 21. bis 23. Mai 2015
Frist zur Einreichung von Beiträgen: 09. Januar 2015

Hans Blumenberg bezeichnet „die technische Welt, unabhängig von allen funktionalen Erfordernissen, [als] eine Sphäre von Gehäusen, von Verkleidungen, unspezifischen Fassaden und Blenden“ (Blumenberg 1981). Ein unmittelbarer Effekt von Technisierung sei demnach ein Vorgang der Einkapselung, der auf kognitiver Seite einen Sinnverzicht bezeichnet. Was funktioniert, wird nicht nur epistemisch, sondern auch gegenständlich geschlossen und der Einsicht entzogen. Gehäuse sind materielles Substrat eines Blackboxing-Vorgangs. Doch darin beschränkt sich ihre Funktion nicht. Als gestaltete Oberflächen wenden sie sich dem Benutzer zu: „Design schafft den dunklen Rätselkästen ein aufgeschlossenes Äußeres“ (Sloterdijk 2010). In der Tat ließe sich eine Domestizierungsgeschichte des Computers oder Fernsehens unter dem Aspekt des historischen Wandels von Gehäusen schreiben.

In den Medien- und Kulturwissenschaften ist der Funktionalität und historischen Produktivität von Gehäusen bislang nur vereinzelt oder am Rande Aufmerksamkeit gewidmet worden. Eher ist es üblich Gehäuse als sukzessiv abzutragende Hüllen zu verstehen, die den Blick auf das Wesentliche der Schaltkreise verstellen. Entgegen solch medienmaterialistischer Zugänge lässt sich das Gehäuse in Anlehnung an die (Medien-)Anthropologie als Signifikant von Praxen kultureller Aneignung produktiv machen. Arbeiten der Cultural Studies zur Domestizierung des Fernsehens führen die symbolische Funktion von Gehäusen und ihrer Aneignung vor Augen: Als Stellplatz für Familienfotos avanciert die hölzerne Hülle des Fernsehapparats in brasilianischen Haushalten zum sakralen Schrein (Leal 1990). So sehr sich solche Zugänge für das Äußere des technischen Apparates interessieren, so wenig systematisieren sie eine solche Perspektive.

Gehäuse scheinen gleich mehrere Funktionsstellen zu besetzen: Sie
• kapseln hermetisch ein, schützen Technik und Anwender wechselseitig voreinander,
• fügen sich in bestehende Arrangements ein oder erscheinen darin als Fremdkör-per (z. B. als Medienmöbel),
• strukturieren Blickregime, bspw. indem sie durch selektive Transparenz Einblicke gewähren oder den Blick ergebnislos abgleiten lassen,
• sind nicht selten essenzielle Funktionsträger, beispielsweise als Resonanzraum von Lautsprechern.

Gehäuselose Technik erscheint außerhalb von Experten- und Bastlerkulturen zunehmend als Skandalon. Aus dem Kasten ragende Kabelstränge und geöffnete Blenden haben in Zeiten von Smartphones, Tablet-Computern und Plug & Play eine ans Obszöne grenzende Qualität gewonnen. Hier deutet sich an, dass Gehäuse nicht nur eine operative, sondern auch eine moralisch-normative Grenze markieren und stabilisieren.

Die Tagung „Gehäuse: Mediale Einkapselungen“ strebt eine kulturwissenschaftliche Annäherung an das Phänomen des Gehäuses an. Sie richtet sich an Medien- und KulturwissenschaftlerInnen, HistorikerInnen, SozialwissenschaftlerInnen, DesignerInnen, ArchitektInnen, EthnologInnen, TechnikphilosophInnen und andere Interessierte. Beiträge könnten u. a. folgende Aspekte adressieren:
• Begriffsgeschichte und Definition von Gehäusen: Was macht eigentlich ein Gehäuse aus? Was unterscheidet Gehäuse im Tierreich, wie sie beispielsweise die Konchylienkunde zu ihrem Gegenstand erhebt, von jenen, die technische Apparate beherbergen? Ist der Einsiedlerkrebs der einzige, der sich mit fremden Gehäusen schmückt?
• Historizität von Gehäusen: Lassen sich historische Typen von Gehäusen identifizieren? Was lehrt die Geschichte mittelalterlicher Reliquien und Tabernakel über die modernen Ausprägungen, die in einer engen Beziehung zur Industriegeschichte der Standardisierung stehen? Inwiefern haben die barocken Automatenspiele des 18. Jhds. noch Anteil an der Illusionsgeschichte verborgener Wirkmechanismen? Was motiviert Designentscheidungen bezüglich Transparenzgrad, Farbgebung und Stil und zu welchen Praktiken geben die wechselnden Erscheinungsformen Anlass?
• Gehäuse trennen zwischen Innen- und Umwelt. Was sind die Ökologien und Architekturen von Gehäusen? Welche Wohn- oder (Über)Lebensräume schaffen sie, welchen Milieus und Environments geben sie statt? Wie situiert sich das Gehäuse zwischen anderen Grenz-formen wie Haut, Kleidung oder Rüstung, und mehr oder weniger stabilen architektonischen Anordnungen wie Zelt, Hütte oder Haus?
• Wie gestaltet sich das Verhältnis von Gehäusen zu (anderen) Behältern wie Krügen oder Containern? Wie ist es um die Festigkeit und Beweglichkeit von Gehäusen bestellt? Welche Rolle spielen sie beim Transport und der Speicherung von Zeichen, Personen und Dingen? Welche medialen und logistischen Funktionen haben Gehäuse? Wie helfen sie, Raum und Zeit zu organisieren?
• Gibt es eine interkulturelle Dimension von Gehäusen? Welche Zweckentfremdungen, Umwidmungen, Adaptionen lassen sich beispielsweise im Rahmen von Bastlerkulturen ausmachen?
• In welcher Beziehung stehen Gehäuse zu Interfaces? Sind sie in deren Peripherie anzusiedeln, fristen sie ein Schattendasein wie das ungeliebte Kabel oder sind sie elementarer Bestandteil bei der Herstellung von usability?
• Wie lässt sich die zuweilen auratisierende Wirkung von Gehäusen – ihr noli me tangere – beschreiben und erklären? Besteht hier eine Verwandtschaft zum Museumsdisplay?
• Welches Selbstverständnis haben Casemodding-Szenen, die sich gänzlich der Ornamentik einer vermeintlichen Nebensächlichkeit widmen? Wo finden sich im kommerziellen Bereich Parallelen?
• Wie verhält sich das Gehäuse zum Ausnahmezustand, zu Unfall und Krise, zur Grenzsituation (K. Jaspers)? Wo und wann wird das Gehäuse ge- oder zerstört? Was ist die Logik der Öffnung oder Beschädigung, was ist die Katastrophe des Gehäuses?
• Und umgekehrt: Wo beginnt das Gehäuse, zu stören oder gar gefährlich zu werden? Mit welchen Formen von Verkrustung oder Verknöcherung ist zu rechnen? Wo muss auf Gehäuse, Verkleidungen und Blenden verzichtet werden?
• Zukunft von Gehäusen: Erleben wir mit iPad & Co. die Verabsolutierung des Gehäuses oder – völlig konträr – seine Auflösung in smart environments und ubiquitous computing?

Einreichungen von NachwuchswissenschaftlerInnen und etablierten ForscherInnen sind gleichermaßen willkommen. Reise- und Übernachtungskosten können in begrenztem Umfang übernommen werden. Eine Dokumentation der Tagungsergebnisse ist vorgesehen.

Vorschläge für Beiträge sind bis zum 9. Januar 2015 möglich. Neben wissenschaftlichen Kurzvorträgen sind auch künstlerische Beiträge sowie alternative Formate willkommen. Wir bitten um ein kurzes Abstract (ca. 300 Wörter) und eine knappe biographische Information. Die Einreichungen schicken Sie bitte an timo.kaerlein@uni-paderborn.de und an monique.miggelbrink@uni-paderborn.de.

Kontakt:
Timo Kaerlein / Monique Miggelbrink
Universität Paderborn
Fakultät für Kulturwissenschaften
Institut für Medienwissenschaften
Warburger Str. 100
33098 Paderborn
Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortPaderborn
Bewerbungsschluss09.01.2015
Beginn21.05.2015
Ende23.05.2015
PersonName: Timo Kaerlein 
Funktion: Wissenschaftlicher Mitarbeiter 
E-Mail: timo.kaerlein@uni-paderborn.de 
KontaktdatenName/Institution: Timo Kaerlein, Institut für Medienwissenschaften, Universität Paderborn 
Strasse/Postfach: Warburger Str. 100 
Postleitzahl: 33098 
Stadt: Paderborn 
E-Mail: timo.kaerlein@uni-paderborn.de 
Internetadresse: http://kw.uni-paderborn.de/institute-einrichtungen/mewi/ 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeMedien- u. Kommunikationsgeschichte (Hand-, Druckschrift, Film, Rundfunk, Computerspiel usw.); Medien- u. Kommunikationstheorie
Klassifikation00.00.00 ohne thematische Zuordnung
Ediert von  H-Germanistik
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