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Ergebnisanzeige "Zwischen Auge und Welt: Instrumente und Strategien einer neuen visuellen Epistemologie in den Naturwissenschaften (1740-1840)"
RessourcentypCall for Papers
TitelZwischen Auge und Welt: Instrumente und Strategien einer neuen visuellen Epistemologie in den Naturwissenschaften (1740-1840)
BeschreibungCfP Internationale Tagung

"Zwischen Auge und Welt: Instrumente und Strategien einer neuen visuellen Epistemologie in den Naturwissenschaften (1740-1840)"
Université de Neuchâtel, 4.-7. November 2015

I. Kontext der Tagung
Am 6. und 7. November findet in Neuchâtel die Tagung „‘Der Augen Blödigkeit‘. Trugwahrnehmungen und visuelle Epistemologie im 18. Jahrhundert“ (« ‘La bêtise des yeux’. Illusions des sens et épistémologie visuelle au XVIIIe siècle ») statt. Sie macht sich zur Aufgabe, die physiologischen, individuellen und sozialen Dimensionen der visuellen Wahrnehmung in literarischen, künstlerischen und philosophischen Werken des 18. Jahrhunderts zu untersuchen. Im Zentrum dieser Veranstaltung stehen problematische visuelle Erfahrungen, welche die Schwäche der Sinne oder sogar den problematischen Charakter der von ihnen übermittelten Informationen deutlich machen und damit die Tragfähigkeit eines Wissens untergraben, welches sich in erster Linie auf die sog. ‚Licht- und Augenideologie‘ stützt. Im November 2015 wird eine Folgetagung organisiert, die an die Überlegungen der ersten Tagung anschließt und sich auf Fragen der Natur- und Experimentalwissenschaften von 1740 bis 1840 konzentriert.

II. Allgemeine Einführung
Der gewählte Zeitraum ist in mehrerer Hinsicht entscheidend in der Entstehung eines neuen Verständnisses der visuellen Wahrnehmung und ihrer epistemologischen Bedeutung. Auch wenn viele Forscher – wie beispielsweise Buffon – davon überzeugt sind, dass „voir beaucoup et revoir souvent“ (‚vieles und oft sehen‘) dem Naturwissenschaftler erlaube, Experte seines Forschungsobjektes zu werden, so kann doch das Verhältnis des Sehenden zum gesehenen Objekt immer weniger als eine ideale Unmittelbarkeit gefasst werden, in der die Natur – wird sie nur richtig betrachtet – ihre Geheimnisse dem aufmerksamen Beobachter offenbare. Die Erkenntnis durch den Blick erfordert zahlreiche Instrumente: solche, die direkt mit dem Betrachten verbunden sind (Vorbereitung des Objekts, Sezierung, Experimente) und solche, die die möglichst konforme Beschreibung und Verbreitung des Gesehenen mit sich bringen. Das untersuchte Objekt muss zugänglich und seine Identität übereinstimmend feststellbar sein. Zudem muss, ganz konkret, die Möglichkeit einer Reproduktion des Experiments und der Beobachtungen gewährleistet sein. Der Linnéismus, der sich genau in dieser Zeit durchsetzt, kann als Paradebeispiel für eine bestimmte Art und Weise der Fokussierung des Blicks auf einzelne Elemente (für Linné der Schlüssel zu einem spezifischen Wissen), sowie für die Regulierung der Kommunikation und die Lösung der Probleme bei der Verbreitung des Wissens verstanden werden.

Die Perfektionierung des Mikroskops und das steigende Interesse für Mikroorganismen erlaubt den Forschern zudem, Objekte zu untersuchen, die für das menschliche Auge unsichtbar sind und deren Identifizierung sich als sehr komplex erweist: Wie soll das Gesehene beschrieben und wie kann der Blick anderer Betrachter auf dieselben Objekte gelenkt werden? Die Diskussionen über die Auswahl des zu benutzenden Materials und die nötigen Vorbereitungen verdeutlichen ein zunehmendes Bewusstsein von der Komplexität des Beobachtungsvorgangs, der – so zeigt schon Ludwik Fleck – immer Resultat eines Lernprozesses ist, der nicht nur von den konkreten Umständen der Betrachtung, sondern auch vom Sprachgebrauch als aktivem Teil des Erkenntnisprozesses abhängt.

Es geht also nicht mehr allein darum, zu sehen : alles Wissen über die Natur scheint sich unter den Bedingungen einer (experimentellen, textuellen und bildlichen) ‚Inszenierung‘ zu konstruieren. Sie bedingt, was und wie gesehen wird, wie darüber gesprochen werden soll und wer, auf der anderen Seite des Mikroskops, den Blick lenkt und ihn dazu bringt, bestimmte Objekte zu suchen und zu erfassen. Sehen ist also kein spontaner Vorgang mehr: der Wahrnehmungsakt wird – wie auch der ihn beschreibende Diskurs – mehr und mehr zu einem normierten Vorgang. Wie Lorraine Daston und Peter Galison bereits gezeigt haben, entstehen im Rahmen dieser schrittweisen Veränderung des Verhältnisses von Sehen und Wissen die Begriffe Objektivität und Subjektivität, die Debatten über die Bedeutung der Subjektivität für die wissenschaftliche Beobachtung, die Frage nach der Notwendigkeit ihrer Unterdrückung oder, im Gegenteil, den Möglichkeiten, ihr Rechnung zu tragen. Hier deutet sich bereits die weitreichende Tendenz zur Spezialisierung sowohl auf visueller, als auch auf diskursiver Ebene an, welche seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer radikalen Trennung von alltäglicher und wissenschaftlicher Wahrnehmung der Natur führt.

III. Call for papers
Die Tagung ist auf 3 bis 4 Tage angelegt. Eines der wichtigsten Ziele ist es, die Zusammenarbeit und den Austausch der Neuenburger Wissenschaftler mit internationalen Kollegen zu ermöglichen, deren besonderes Forschungsinteresse ebenfalls im Bereich der visuellen Epistemologie des 18. Jahrhunderts liegt. Um die Tagung so kohärent wie möglich zu gestalten, konzentrieren wir unsere Aufmerksamkeit auf die Spannungen, die nach und nach zwischen dem Ideal eines mimetischen Sehens und Reproduzierens der Natur und den Verschiebungen, die der konkrete Akt des Sehens mit sich bringt, entstehen.
Es wird im engeren Sinne darum gehen, die Sichtbarmachung oder die Inszenierung der Beobachtung – zu der scheinbar unmöglich ‚natürlich‘ vorgedrungen werden kann – zu problematisieren. Wir konzentrieren uns dabei auf die visuellen Instrumente und Strategien, welche die Möglichkeit einer unmittelbaren Verbindung von Auge und Objekt verteidigen oder, im Gegenteil, diese in Frage stellen. Besonders den Begriffen Präparierung und Sammlung gilt dabei unsere volle Aufmerksamkeit. Den Naturalienkabinetten kommt in diesem Kontext eine besondere Rolle zu, insbesondere aufgrund des bedeutenden Aufschwungs der naturkundlichen Sammlertätigkeit seit den 1740er Jahren. Das Kabinett präsentiert sich als ein Raum mimetischer Reproduktion der Natur, von der es eine Kurzfassung zu lesen gibt und es legt doch gleichzeitig Verbindungen offen, die mit bloßem Auge oder im natürlichen Umfeld unmöglich zu sehen sind. So wie das Naturalienkabinett in der wissenschaftlichen Optik des 18. Jahrhunderts umgesetzt wird, situiert es sich auf halbem Weg zwischen der Wunderkammer, dessen direkter Nachfolger es ist, und dem eigentlichen Raum wissenschaftlicher Präparierung: dem späteren Labor. Die Tagung interessiert sich insbesondere für die Auseinandersetzungen der Jahre 1750 bis 1815 über die Vorgehensweisen der Sammlung und der Aufbereitung von Forschungsobjekten und deren heuristischen Wert. Folgende Aspekte können als Ausgangspunkt dienen:

- Theorien, Programme und Paradigmen des spezialisierten Blicks auf die Natur: das Interesse kann sich auf die Kunst der Beobachtung richten, auf Anweisungen für Sammlungen, Anleitungen zum mikroskopischen Sehen, Wörterbücher, etc., um zu fragen, wie der epistemologische Wert der wissenschaftlichen Beobachtung gedacht wird. Wie wird der allmähliche Wandel in der Definition der visuellen Wahrnehmung deutlich? Im Bereich der Kabinette zeugen die Debatten von der allmählichen Erosion einer Kultur der Wunder, von sozialen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Spannungen und Brüchen, die hieraus ebenso entstehen, wie eine neue Praxis und ein neuer Diskurs des instrumentengestützten Blicks.
- Kognitive und ästhetische Herausforderungen der Raumgestaltung im Bereich des spezialisierten Blicks (Anordnung der Sammlung, Ikonographie der mikroskopischen Betrachtung, etc.): welche Rolle darf und kann die Künstlichkeit, welche die Instrumente der Inszenierung und die Bearbeitung der Ausstellungsobjekte in einer glaubwürdigen Erarbeitung des Wissens spielen? Die Dichotomie Methode/Stil strukturiert die Diskussion: die wissenschaftliche Elite fordert methodische Sammlungen, welche die Entstehung eines oft von Linnés Prinzipien geleiteten Expertendiskurses begleiten solle. Dieser Diskurs setzt eine Instrumentierung des Blicks voraus. Die Gegenüberstellung von Stil/Methode spiegelt jedoch auch komplexere epistemische und epistemologische Probleme wieder. Soll man einer perfekten mimetischen Reproduktion der Natur in einem geschlossenen Raum oder unter einer Linse, die nur einer kleinen Runde Eingeweihter zugänglich ist, Glauben schenken? Oder soll man dem Kabinett und dem Auge eine ästhetisierte Wahrnehmung, die auf einer regelrechten Inszenierung beruht, zugestehen, um den visuellen Lern- und Gedächtnisprozess zu erleichtern?
- Strategien der Inszenierung und Kommunikation: welche Rolle kommt dem Forschungsobjekt zu? Wie wird es präpariert, welchen Instrumenten wird es unterworfen und welchem Blick ist es folglich zugänglich? Welche Art von visueller Repräsentation stellt der Betrachter her: wird das Forschungsobjekt als Einzelobjekt oder als Teil eines Ganzen präsentiert? Wie wird mit einem Forschungsobjekt im Bereich der Mikroskopie umgegangen, welches aus individueller Beobachtung hervorgegangen ist, manchmal schwer wiederherzustellen oder als Objekt unsicher und problematisch? Welche Strategien erlauben den Austausch von Forschungsobjekten, welche Rituale entstehen, um die richtige Beobachtungsweise zu
erlernen? Wie wird mit dem Transfer der Forschungsobjekte in den Bereich der Schrift oder des Diskurses umgegangen?
- Der Platz des Irrtums und der Illusion: ist die neue Art des Sehens – erlaubt sie auch über physische und kognitive Grenzen der menschlichen Sinne hinauszugehen – nicht mit Vorsicht zu genießen? Wie schätzt man die optischen Probleme und Täuschungen ein, insbesondere diejenigen, die mit dem Gebrauch (mikroskopischer) Instrumente, der Präparierung oder der Inszenierung zu tun haben? Welche Zweifel oder Schwierigkeiten verbunden mit den Anforderungen des neuen visuellen Wissens heben die Forscher hervor?
Abstracts für 20-25minütige Vorträge können bis zum 5. Januar 2015 an folgende Adresse gesandt werden: nathalie.vuillemin@unine.ch. Sie sollten eine einseitige Präsentation des Vortrages, eine kurze Bibliographie zum Thema und eine kurze Bio-bibliographie (ca. 10 Zeilen) enthalten. Wir freuen uns über Fallstudien wie auch allgemeinere Zugänge zu einem englischen, deutschen, französischen oder italienischen Textkorpus (es sind dies die offizielle Sprachen der Tagung).

Organisation :
Nathalie Vuillemin
Professeur assistante
Laboratoire d’étude des littératures et savoirs
Faubourg de l’Hôpital 77
2000 Neuchâtel
E-mail: nathalie.vuillemin@unine.ch
Web: http://www2.unine.ch/nathalie.vuillemin/accueil

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortNeuchâtel
Bewerbungsschluss05.01.2015
Beginn04.11.2015
Ende07.11.2015
PersonName: Nathalie Vuillemin 
Funktion: Assistenzprofessorin 
E-Mail: nathalie.vuillemin@unine.ch 
KontaktdatenName/Institution: Université de Neuchâtel 
Strasse/Postfach: Espace Louis-Agassiz 1 
Postleitzahl: 2000 
Stadt: Neuchâtel 
Telefon: +41 32 718 17 60 
E-Mail: nathalie.vuillemin@unine.ch 
Internetadresse: http://www2.unine.ch/nathalie.vuillemin/accueil 
LandSchweiz
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Historische Semantik (Wissensgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Ideengeschichte); Literatur 1700 - 1770; Literatur 1770 - 1830; Literatur- u. Kulturgeschichte; Medien- u. Kommunikationstheorie
Zusätzliches SuchwortMikroskopie, Naturwissenschaften, Literatur und Wissen
Ediert von  H-Germanistik
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