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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Aufsatzband „Forschungen eines pawlowschen Hundes: Kafka-Interpretationen reloaded“"
RessourcentypCall for Papers
TitelAufsatzband „Forschungen eines pawlowschen Hundes: Kafka-Interpretationen reloaded“
BeschreibungCfP: „Forschungen eines pawlowschen Hundes: Kafka-Interpretationen reloaded“

Es war Sartre, der 1962 anlässlich des Weltfriedenskongresses in Moskau die These formulierte, Kafka sei eine Waffe des Westens und müsse infolgedessen von westlicher Ideologie befreit werden. Natürlich ist dies ihrerseits ideologisch aufgeladene Kriegsmetaphorik, gleichwohl jedoch nicht ganz aus der Luft gegriffen: So hat sich auch der Westen unter dem Einfluss des Kalten Krieges ‚seinen’ Kafka zusammengebastelt, damit Wirkungen manipuliert und verhindert.
Auch Bernd Neumann weist in seiner 2014 erschienen Darstellung Franz Kafka und der Große Krieg darauf hin, dass die Vertreter mitteleuropäischer Deutungstradition einer Wirkungsmanipulation aufgesessen seien: „Denken wir einmal so“, fordert er, „wie wir schon als Studenten [...] verlernt haben zu denken, nämlich räumlich-konkret statt metaphysisch-abstrakt.“ Er verweist auf Libuše Moníková und die in dem 1983 veröffentlichten Roman Pavane für eine verstorbene Infantin vermerkte Reflexion über die Studenten eines Kafka-Seminars, die letztlich wie Pawlowsche Hunde interpretieren: „Wenn ich ihnen einen Text gebe, z.B. ‚Die kaiserliche Botschaft’, und sie frage, wo er spielt, transponieren sie die Geschichte sofort auf eine symbolische Ebene, erinnern sich, was sie über Kafka gehört oder gelesen haben – seine Transzendenz, seine Metaphysik –, und sind nicht imstande, den konkreten Inhalt zur Kenntnis zu nehmen.“
Und es hebt ja bereits in der Schule an, in welcher nach Maßgabe des Lehrplans ein spezifisches Kafka-Bild vermittelt wird, welches dann natürlich die Rezeption und auch das Schreiben über andere Rezeptionen bedingt – unbewusst waltend zumeist. Besonders deutlich wird dies in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Kafka-Rezeptionen in autoritären Staaten, scheint es doch relativ simpel, hier Wirkungsmanipulationen nachzuweisen und zugleich den eigenen Standpunkt als absolut zu setzen: Die Interpretation Kafkas in der UdSSR oder in China unter Bezugnahme auf die Prämisse einer marxistischen/kommunistischen Literaturdefinition ist daher ein sicherlich interessantes, aber doch letztlich recht gefälliges Thema, kann man sich doch wunderbar und geradezu leichtfüßig über die Engstirnigkeit der Kollegen auslassen und die eigene unreflektierte Freiheit gegen die stets durchschaute, da durchschaubare Diktatur stellen.
Interessanter und gehaltvoller ist da sicherlich die Selbstreflexion über die Wirkungsverhinderungen und -manipulationen, der man selbst als Vertreter einer mitteleuropäischen, freiheitlich orientierten Kultur aufgesessen ist und im Zweifelsfall immer noch aufsitzt. Wobei diese Selbstbetrachtung nicht auf die Zeit des Kalten Krieges beschränkt bleiben sollte und die Fragestellung also erweitert gehört: Wie etwa, dies als Beispiel, interpretiert man heutzutage in den deutschen Schulen Kafka und wo sind hier Manipulationen mit welchen Motivationen abzulesen. Und wie liest man Kafka als Vertreter westeuropäischer Kultur im Ausland? Höchst interessant auch die Frage, wie die Biographien von Reiner Stach oder Peter-André Alt wiederum die Rezeption beeinflussen; ist doch vor allem letzteres Werk innerhalb kürzester Zeit zum Standardwerk und gleichsam Bibel der Kafka-Forschung geworden, indes die seit einigen Tagen vollständig vorliegende Biographie Stachs den ganzen Kafka in einer empathischen Bewegung vorstellt – mit welchen Konsequenzen?
In aller Kürze: Es geht letztlich darum, den eigenen Standpunkt zu reflektieren. Selbstverständlich muss dieser Standpunkt kein mitteleuropäischer sein – dies ist ohnehin ein zutiefst vager Begriff, den wir hier der Einfachheit halber nutzen und der wohl von allen als ein derartiges Provisorium verstanden wird –, gleichfalls aufschlussreich sind Zugänge, welche von sozusagen von außerhalb die hier vorgestellten Auffassungen einer Deutung Kafkas aufs Korn nehmen.
„Forschungen eines pawlowschen Hundes: Kafka-Interpretationen reloaded“, so lautet der tatsächlich nur vorläufige Arbeitstitel des geplanten Aufsatzbandes, für den ich hiermit herzlich um Vorschläge bitte. Deadline hierfür ist der 15.12.2014. Es wäre sinnvoll, ein knappes Abstract einzureichen und abzuwarten, ob ich die Idee passend für den geplanten Band einstufe. Wie lang das Abstract nun genau sein soll, überlasse ich Ihrem Gutdünken, mahne aber Selbstbescheidung an.

Dr. Roman Halfmann
Abstracts bitte an mail[at]romanhalfmann.de

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
Bewerbungsschluss15.12.2014
PersonName: Roman Halfmann 
Funktion: Herausgeber 
E-Mail: mail@romanhalfmann.de 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Komparatistik (Kulturvergleich, Interkulturelle Literaturwissenschaft); Literatur nach 1945; Literatur- u. Kulturgeschichte
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft
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