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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Wozu Dichter? Hundert Jahre Poetologien „in dürftiger Zeit“"
RessourcentypKonferenzen, Tagungen, Kolloquien
TitelWozu Dichter? Hundert Jahre Poetologien „in dürftiger Zeit“
BeschreibungWozu Dichter? Hundert Jahre Poetologien „in dürftiger Zeit“
Unterstützt von der Alexander von Humboldt-Stiftung

Budapest, 2.−4. Oktober 2014


Vor fast genau hundert Jahren – 1913 – erschien der erste Band der Hölderlin-Werkausgabe von Norbert von Hellingrath, die dann – nach dem Tod Hellingraths bei Verdun (1916) – von Friedrich Seebaß und Ludwig von Pigenot weitergeführt wurde. Die Ausgabe begann ihre enorme Wirkung bereits während des I. Weltkriegs auszuüben und leitet eine beispiellos weitreichende Rezeption Hölderlin’scher Dichtung im 20. Jahrhundert ein. Man denke hier nur an Rainer Maria Rilke, Stefan George, Hugo von Hofmannsthal oder Georg Trakl. In den 1930-er Jahren beginnt mit Martin Heideggers Erläuterungen eine weitreichende philosophische Rezeption; sein Vortrag Wozu Dichter? (1946) ist infolge der erfahrenen Katastrophe des II. Weltkriegs vom Nachdenken über das Verhältnis zwischen der dichterischen Sprache und der Geschichte geprägt.

Einem solchen Reichtum, den die Wirkung Hölderlins im europäischen Denken und Dichten zeigt, vermag sicherlich kein Symposium gerecht zu werden; eine Gesamtschau oder eine Synthese wird daher auch nicht angestrebt. Vielmehr geht es darum, signifikanten Spuren nachzugehen, die die Poetologie Hölderlins in der Dichtung und in der Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts hinterließ, und sie nicht nur aus historischen Perspektiven, sondern vor allem aus dem Blickwinkel der Gegenwart zu untersuchen. Das berühmte, manchmal zu Unrecht aus seinem Kontext aphoristisch herausgerissene Zitat aus Hölderlins Elegie Brod und Wein soll als Motto dienen, weil in ihm einerseits die Verzweiflung des Dichters über seine Aufgabe in düsteren Zeiten so elementar zu Wort kommt, andererseits aber auch die Vermutung, dass Dichtung doch die einzige Instanz sei, welche die Erinnerung an das Göttliche – sei es metaphysisch, utopisch oder eher skeptisch bedacht – bewahren kann. Neben den vor kurzem erschienenen Tagungsakten können zwei neuere Veröffentlichungen erwähnt werden, die sich mit Hölderlins Frage in Brod und Wein beschäftigen: erstens die kundige close reading von Wolfram Groddeck (Hölderlins Elegie Brod und Wein oder Die Nacht, 2012) und zweitens Jean-Luc Nancys Publikationen zu Hölderlin, unter denen der Aufsatz Wozu Dichter (2011) an der Unmöglichkeit der Hölderlin’schen Frage herumrätselt.

Im Rahmen der Forschung zur Ideengeschichte wurden bereits zahlreiche Facetten des ideologischen Missbrauchs der Hölderlin’schen Lyrik erörtert, vom politisch instrumentalisierten Ideal des Kämpfers und des Heldentums bis zum nationalsozialistisch entstellten Porträt des „Dichters der Dichter“ bei Heidegger. Es bleiben aber immer noch eine ganze Reihe von Fragen, die entweder nicht genügend bedacht oder noch nicht gestellt wurden: Warum greifen Dichter und Denker des Dichterischen immer wieder auf Hölderlin zurück, wenn über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit des Dichtens in unserer Epoche nachgedacht wird? Wie wirken die neueren Poetologien auf das Werk Hölderlins zurück, lassen sie sich gegenseitig voneinander neu formen? Gibt es in der Tat eine Hölderlin-Linie in der modernen Dichtung, von der Durs Grünbein einmal sprach? Welche dichterische Poetologien des 20. Jahrhunderts sollten im Rückblick besonders hervorgehoben werden und inwiefern ist es eben der Dialog mit Hölderlin, der sie inspirierte, neue Zäsuren innerhalb der Lyrik der Moderne zu setzen? Welches Echo fanden die Poetologien der dürftigen Zeit und das damit verbundene Sprachproblem in der DDR und in den Diktaturen des Sozialismus? Inwiefern ließe es sich als Folge der politischen Instrumentalisierungen des Vaterländischen und des Männlichen bzw. als Folge der Rezeption des George-Kreises verstehen, dass eminente Lyrikerinnen in der Hölderlin-Linie selten erwähnt werden?

Die Spurensuche der Beiträge kann sowohl dem Dichter der Dichter als auch der modernen/zeitgenössischen Dichtung gelten (Paul Celan, Philipp Jaccottet, Ernst Meister, Michael Hamburger oder Durs Grünbein) oder die theologisch-politische bzw. die messianische Dimension des Dichterischen bei George Steiner, Jean-Luc Nancy, Giorgio Agamben oder Alain Badiou beleuchten. Es geht dabei nicht um eine bloße Rezeptionsgeschichte oder um intertextuelle Verbindungen, sondern vielmehr um die Gegenwärtigkeit und um die energetische Potenz der grundlegenden Eigenart der Hölderlin’schen Poetik und Poetologie.


PROGRAMM

Donnerstag, 02. Oktober

15.00
Registration, Begrüßungen

15.30
Einführung (Eva Kocziszky)

I. Sektion
Moderation: Eva Kocziszky (Veszprém)

16.00
Vivetta Vivarelli (Firenze): „Hier ist Fallen das Tüchtigste“. Hölderlins Wirkung nach der Ausgabe von Norbert von Hellingrath

Alexandre Kostka (Strasbourg): „Hölderlin, Nietzsche, George Märtyrer, Propheten und ihre Bildstrategien“

Amelia Valtolina (Bergamo): „O du wandelnder Geist, du wandelndster!“: Rilkes Begegnung mit Hölderlin

17.45
Pause

18.00
Lesung im Goethe-Institut mit Durs Grünbein – oder alternativ – Lesung im Insti¬tuto Italiano di Cultura mit Valerio Magrelli

19.30
Empfang


Freitag, 03. Oktober

II. Sektion
Moderation: Zoltán Szendi (Pécs)

09.00
Timo Günther (Göttingen): Mächtige Dichtung in dürftiger Zeit? Hölderlin im Problemkreis der „Konservativen Revolution“ Hugo Hofmannsthals

Lajos Mitnyan (Szeged): ’Anthropologicopoetische’ ’Erhellung’. Hölderlins Poetologie und Hans Blumenbergs Unbegrifflichkeits-Theorie

10.30
Pause


III. Sektion
Moderation: Gábor Boros (Budapest)

11.00
Arto Haapala (Helsinki): Disclosing New Worlds – Whose Privilege? Heideggerian Considerations

Anja Lemke (Köln): „Seit ein Gespräch wir sind, an dem wir würgen“ − Zur poeto¬logischen Konstellation Hölderlin − Heidegger – Celan

Chryssoula Kambas (Osnabrück): Hölderlin und Benjamin

13.00
Mittagspause


IV. Sektion

15.00
Jan Cooper (Kent): Antitheos

Johannes Windrich (Berlin): „Zeit“: Jean-Luc Nancys Hölderlin. Anbetung in dürftiger Zeit

16.30:
Pause

16.45
Forum junger Wissenschaftler
Moderation: Johanna Backes (Veszprém):

- Helena Köhler (Bielefeld)
- Saskia Fischer (Bielefeld)
- Gergely Szatmáry (Budapest)
- László V. Szabó (Veszprém)
- Sara Bubola (Udine)
- Stefania Siddu (Udine)

20.00
Gemeinsames Abendessen


Samstag, 04. Oktober

V. Sektion
Moderation: Imre Kurdi (Budapest)

9.00
Förderungsprogramme der Alexander von Humboldt-Stiftung

Luigi Reitani (Udine): Hölderlins Poetik in der Lyrik von Friederike Mayröcker

Lorella Bosco (Bari): Hölderlin-Rezeption in Grünbeins Poetologie

Charlie Louth (Oxford): Hölderlin und Philippe Jaccottet

11.30
Pause

11.45-13.15
Abschlussdiskussion

Am Nachmittag: Stadtbesichtigung oder Abreise



Veranstaltungsort:
Eötvös-Loránd-Universität
Múzeum krt. 4/A, H-1025 Budapest
Gebäude A, Erdgeschoss, Konferenzraum

Kontakt:
Prof. Dr. Eva Kocziszky
E-Mail: kocziszky.eva@iif.hu
Pannonische Universität Veszprém
Institut für Germanistik und Translationswissenschaft

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortBudapest
Beginn02.10.2014
Ende04.10.2014
LandUngarn
BenutzerführungUngarisch
SchlüsselbegriffeLiteratur- u. Kulturgeschichte; Motiv- u. Stoffgeschichte
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.07.00 Ästhetik; 04.00.00 Allgemeine Literaturgeschichte > 04.03.00 Vergleichende Literaturgeschichte; 04.00.00 Allgemeine Literaturgeschichte > 04.04.00 Weltliteratur
Ediert von  H-Germanistik
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