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Ergebnisanzeige "Vom „unrettbaren“ zum „wiedergefundenen“ Ich? Identitätsnarrative im 20. Jahrhundert"
RessourcentypVortragsreihen
TitelVom „unrettbaren“ zum „wiedergefundenen“ Ich? Identitätsnarrative im 20. Jahrhundert
BeschreibungVom „unrettbaren“ zum „wiedergefundenen“ Ich? Identitätsnarrative im 20. Jahrhundert


Regensburg

Ich-Narrative sind für die bürgerliche Kultur konstitutiv. Jedoch destruierte die europäische Moderne das Ich. Rimbauds „Je est un autre“ war das Fanal. Ernst Mach erklärte das Ich für „unrettbar“, da er es auf seine einzelnen Elemente zurückführte, und Sigmund Freuds Drei-Instanzen-Modell zerlegte es schließlich nach seinen Funktionen im psychischen Apparat. Zusammen mit dem „Tod Gottes“ (Nietzsche) löste die Ich-Auflösung eine fundamentale me-taphysische Krise aus. Andererseits erwies sie sich als Katalysator für eine dynamisierte Mo-dernisierung der Künste. Denn paradoxerweise steht die Auflösung des Ich für eine neue, autonome Subjektkonstitution in der Literatur. Was von nun an erzählte, waren die „Elemen-te“ selbst, das Unbewusste, die Strukturen und die Funktionen. Der Ich-Verlust führte also – trotz Hofmannsthals „Lord Chandos-Brief“ – zum „Sprachgewinn“. So begründete Freuds Traumdeutung eine Hermeneutik der Sprache des Unbewussten. Die internationalen histori-schen Avantgarden – allen voran der Dadaismus und Surrealismus – entwickeln auf dieser Grundlage und angesichts der rasanten Entwicklung von Techniken und Medien neue Narra-tive der Subjektkonstitution jenseits einer problematischen Ich-Instanz. Was erzählte, war dem Ich nicht mehr verfügbar, schien einer notwendigen Logik, einer „écriture automatique“, zu folgen. Der russische Formalismus und der französische Strukturalismus formulierten sprachgestützte Grammatiken der Subjekt-, Sinn- und Wahrheits-Konstitution und der franzö-sische Nouveau Roman überführte diese Grammatiken in neue Narrative der Objektwelt ohne wahrnehmendes Subjekt. Zeitgleich entdeckte die amerikanische Beat-Generation das Erzählpotenzial der Materialwelt der Populärkultur und der neuen Medien, die – wenn überhaupt – das Ich-Subjekt in den Zwischenräumen der Oberflächenästhetik aufblitzen ließ.
Die Wende von einer politischen und dokumentarischen Literatur um 1968 hin zu einer Neuen Subjektivität in der deutschsprachigen Literatur scheint das Ich und seine Subjektkonstitution wieder ins Zentrum des Schreibens gerückt zu haben. Dabei ist die Erzählung vom Ich zumeist eine Suche in Form einer Reise. Die einzelnen Bestandteile und Formen des Subjekts werden zu Reisestationen nach dem Muster des Road Movie, wobei das feste Ziel der Reise unerreichbar bleibt. Flexible Narrative „(nicht-)normaler Fahrten“ (Link/Parr) durch normalistische „Kurvenlandschaften“ der Subjekt-Konstitution werden in der Gegenwartslite-ratur seit den 1970er Jahren zentral. Ebenso treten Alteritätskonzepte auf, die das „Eigene“ und das „Fremde“ in permanenten Wechselwirkungen und Hybriditätsformen konstituieren. Schließlich scheint zum Ende des 20. Jahrhunderts die Ich-Kategorie im Kontext eines „neuen Erzählens“ eine Renaissance zu erfahren. So hat sich in der französischen Gegenwartsliteratur das neue Genre einer „autofiction“ durchgesetzt. Und in Deutschland ist in den neunziger Jahren zunehmend die Rede von einer „Rückkehr des Autors“, die auch eine „Rückkehr zum erzählenden Ich“ zu beinhalten scheint.

Universität Regensburg, Institut für Germanistik, Neuere deutsche Literaturwissenschaft, Lehrstuhl II, Prof. Dr. Heribert Tommek

Wintersemester 2014/15

Mittwoch, 18-20 Uhr, Raum: H 2


Vorlesungsreihe

Vom „unrettbaren“ zum „wiedergefundenen“ Ich?
Identitätsnarrative im 20. Jahrhundert


15.10. Prof. Dr. Heribert Tommek (Regensburg): Flüchtige Identitäten – mit Robert Walser als Fluchtpunkt

22.10. Dr. Corinna Schlicht (Duisburg-Essen): Das Leben ein Irrtum – Anagnorisis in den Einakterzyklen Arthur Schnitzlers

29.10. Dr. Benjamin Kohlmann (Freiburg): Waiting for the Re-volution: Der sozialistische Bildungsroman und das Ich in der Revolte

5.11. Prof. Dr. Jürgen Daiber (Regensburg): „Das Ich und sein innerer Lärm“ – Franz Kafka als Tagebuchschreiber

12.11. Dr. Christian Steltz (Regensburg): „Es ist nicht einfach, ein einzelner zu sein“ – Zum Spannungsverhältnis von De-Normalisierungsangst und De-Normalisierungsthrill in Prosatexten des 20. Jahrhunderts

19.11. Prof. Dr. Ursula Regener (Regensburg): Gantenbeins Kleider. Zur Poetologie Max Frischs

26.11. Dr. Eva-Maria Konrad (Frankfurt): „Kein Ich kommt auf, natürlich nicht.“ Identitätssuche und Ich-Konstitution in Christa Wolfs Nachdenken über Christa T.

3.12. Verena Gold (Regensburg): Zwischen Barbarei und Empfindlichkeit. Infame Subjekte bei Ingeborg Bachmann und Gisela Elsner

10.12. Prof. Dr. Jochen Mecke (Regensburg): Von der Auto(r)-Destruktion zur Auto(r)-Konstruktion: Identitätsnarrative in der französischen Literatur vom Surrealismus bis zur Autofiktion

7.1. Dr. Katharina Boehm (Regensburg): 'I am everyone': Kollektive Ich-Narrative und postkoloniale Identität im Werk von Salman Rushdie

14.1. Prof. Dr. Isabella von Treskow (Regensburg): Selbst-Behauptung. Autobiographische Organisation bei Wodin und Cixous

21.1. Prof. Dr. Alexandra Pontzen (Duisburg-Essen): Dilletantismus versus Meisterschaft oder: was Houellebecq kann und Cailloux, Grass, Hoppe, Setz,... wollen

28.1. Dr. Thomas Ernst (Duisburg-Essen): Dekonstruktion ethnischer, geschlechtlicher und sexueller Identitäten in der deutschsprachigen Gegenwartsprosa
Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortRegensburg
Beginn15.10.2014
Ende28.01.2015
PersonName: Tommek, Heribert [Prof. Dr.] 
Funktion: Ansprechpartner, Veranstalter 
E-Mail: Heribert.Tommek@sprachlit.uni-regensburg.de 
KontaktdatenName/Institution: Universität Regensburg, Institut für Germanistik, Neuere deutsche Literaturwissenschaft, Lehrstuhl II 
Strasse/Postfach: Universitätsstr. 31 
Postleitzahl: 93053 
Stadt: Regensburg 
Telefon: 0941 943-3460 
Fax: 0941 943-1979 
Klassifikation05.00.00 Deutsche Literaturgeschichte; 17.00.00 20. Jahrhundert (1914-1945); 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989); 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.10.00 Bundesrepublik Deutschland bis 1990; 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart
Ediert von  H-Germanistik
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