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Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Post-Romantiken"
RessourcentypVortragsreihen
TitelPost-Romantiken
BeschreibungForschungskolloquium des Deutschen Seminars der Leibniz Universität Hannover, WS 2014/15
Veranstalter: Dr. Michael Bies, Dr. des. Urs Büttner

Post-Romantiken

Es gibt viele Beispiele dafür, dass romantische Formen, Muster und Semantiken nach dem Ende der historischen Romantik weiterhin in Gebrauch sind. Zu denken ist etwa an spezifische Konzeptionen von Subjektivität, Geschlecht, Freundschaft und Liebe, an die Strahlkraft charakteristischer Formen von Einsamkeit und Gemeinschaft, die Sehnsucht nach Authentizität und vermeintlich unberührter Natur, an den ‚revolutionären Geist‘ von Gegenkulturen und Protestbewegungen sowie an Grenzfiguren der Rationalität und der sozialen Ordnung. Romantische Vorstellungen erweisen sich in diesem Sinne auch nach dem Ende der historischen Romantik als nachhaltig prägend – und sie finden sich nicht nur in Literatur, Musik und anderen Künsten, sondern sie strukturieren auch alltagsweltliche Praktiken, wissenschaftliche Terminologien (gerade in den Literatur- und Kulturwissenschaften) und den Bereich der Populärkultur.
Für solche expliziten, meist aber impliziten und auch nicht weiter reflektierten Aktualisierungen empfiehlt die historische Romantik sich aufgrund ihres charakteristischen Doppelverhältnisses zur Moderne. Auf der einen Seite geht sie mit der Etablierung von ästhetischen, epistemologischen, sozialen und politischen Theorien, Strukturen, Modellen und Praktiken einher, die als spezifisch ‚modern‘ bezeichnet werden können und seither eine große Wirkmächtigkeit behauptet haben. Nicht umsonst haben viele Meistererzählungen der Moderne sich nicht nur auf die Aufklärung, sondern vor allem auch auf die Romantik bezogen, um die Moderne zu begründen. Dass der Romantik insofern eine Schlüsselfunktion für die Bestimmung dessen zukommt, was eigentlich ‚modern‘ sei, hat auf der anderen Seite aber auch damit zu tun, dass sie zugleich mit einer kritischen Evaluation der Moderne einhergeht und immer wieder versucht hat, vormoderne Strukturen, Institutionen und kulturelle Praktiken zu retten und zu adaptieren, um die Friktionen der Moderne abzumildern oder gar zu kitten. Dieses selbstbewusst kritische Moment hat vor allem die frühe Romantik nicht nur für eine Bestimmung der Moderne, sondern auch für eine Verständigung über das, was eigentlich ‚postmodern‘ sei, attraktiv erscheinen lassen. Auf einer breiteren Ebene hat es darüber hinaus die Durchsetzung der Massen-, Populär- und Konsumkultur befördert, die oft erst durch die Aufnahme romantischer Formen, Muster und Semantiken das für sie charakteristische Versprechen von Authentizität, Individualität und Erfüllung etablieren konnte.
In der Forschung ist der Umstand, dass die Romantik nach dem Ende der historischen Romantik längst nicht ‚vorbei‘ ist, bereits zum Gegenstand zahlreicher Untersuchungen gemacht worden. Besonders zwei Perspektiven, die oft miteinander verbunden wurden, haben sich dabei als dominant erwiesen: zum einen eine rezeptionsgeschichtliche Perspektive, von der aus häufig die Verbindungen einzelner Werke, Autor/innen und Künstler/innen zu Phänomenen der ‚eigentlichen‘ Romantik in den Blick genommen wurden, zum anderen eine an großräumigeren Narrativen interessierte ideengeschichtliche Perspektive, von der aus entweder ein gespenstisches Fort- und Nachleben der Romantik beschrieben worden ist – oftmals unter der Betonung einer besonderen Affinität vom ‚deutschem‘ und ‚romantischem‘ Denken – oder aber die fortwährende „Kontinuität romantischer Ideen“ in den Mittelpunkt gerückt wurde.
Im Forschungskolloquium sollen diese Forschungen aufgenommen, aber auch durch jüngere literatur-, kultur- und sozialwissenschaftliche Untersuchungen zur ‚Romantik‘ von Massen-, Populär- und Konsumkultur ergänzt werden, wie sie prominent etwa von Eva Illouz oder auch von Christoph Reinfandt angestellt worden sind. Hierfür soll auf den Begriff der Post-Romantik zurückgegriffen werden, der in der anglistischen Literaturwissenschaft zuletzt vermehrt diskutiert worden ist, in der germanistischen Forschung aber bislang keine Beachtung gefunden hat. Charakteristisch für diesen Begriff ist vor allem, dass er ‚Romantiken nach der Romantik‘ untersucht und sie als jeweils an der eigenen Gegenwart orientierte Formen einer nicht-identischen Wiederholung von Romantik beschreibbar werden lässt – wobei im Einzelfall jeweils zu klären ist, was überhaupt unter der ‚wiederholten Romantik‘ verstanden wird und wie sich die Form der Wiederholung bestimmen lässt. Mithin zeichnet der Begriff der Post-Romantik sich dadurch aus, dass er verschiedenste kulturelle Muster, künstlerische Werke und andere Phänomene in einen produktiven Bezug zu Manifestationen der historischen Romantik zu rücken erlaubt, ohne sie deshalb gleich in eine auf die bloße Fortschreibung der Romantik zielende Erzählung einzugliedern. Darüber hinaus ist für ihn kennzeichnend, dass er von einer spezifischen Nachzeitigkeit ausgeht, die in den ‚Romantiken nach der Romantik‘ eine besondere Virulenz zu gewinnen scheint, auch wenn sie bereits in den Jahren um 1800 thematisiert und gestaltet worden ist – und zwar sowohl in den triadischen Geschichtsmodellen der Romantiker als auch, wie etwa bei Schiller, unter ‚sentimentalischer‘ Perspektive.
Das Ziel des Forschungskolloquiums ist, das Konzept der Post-Romantik anhand neuerer theoretischer Texte, insbesondere aber anhand einzelner Fallstudien zu Literatur und Film zu profilieren und zu erproben. Dabei soll es nicht darum gehen, eine einheitliche Epoche der ‚Post-Romantik‘ zu bestimmen, sondern darum, charakteristische Manifestationen und Formen von Post-Romantik sichtbar werden zu lassen, wie sie sich beispielweise im Realismus, in Ästhetizismus und ‚Neuromantik‘, in der NS-Zeit, in den ‚Gegenkulturen‘ der Zeit ab 1968 wie auch in der jüngsten Popkultur beschreiben lassen. Zu klären wird unter anderem sein, auf was für eine Romantik jeweils Bezug genommen wird, wie dieser Bezug behauptet und gestaltet wird, in welcher Weise mit Nachzeitigkeit umgegangen wird und in welchem Verhältnis die jeweilige ‚Post-Romantik‘ zu ihrer eigenen Gegenwart steht. Dabei wird nicht zuletzt die Frage in den Blickpunkt rücken, was eigentlich als nicht romantisierbar gilt.


Programm:

29.10.2014, 18 Uhr
Richard Faber (FU Berlin): Kritik der Romantik. Zur Differenzierung eines Begriffs

19.11.2014, 18 Uhr
Birgit Nübel (Hannover): Nach der Romantik: Robert Musil

03.12.2014, 18 Uhr
Ethel Matala de Mazza (HU Berlin): Geisterkunde. Metaphysik und Regionalethnographie bei Heinrich Jung-Stilling, Justinus Kerner und Theodor Storm

17.12.2015, 18 Uhr
Björn Weyand (Magdeburg): „Die Welt ist schon entdeckt. Aber das Fernweh bleibt.“ Post-romantische Sehnsucht nach der Ferne im Zeitalter des Massentourismus: Zur Reiseprosa Christian Krachts

07.01.2015, 18 Uhr
Eckhard Schumacher (Greifswald): Ironie der Ironie. Christian Krachts "Imperium"

21.01.2015, 18 Uhr
Christian Klein (Wuppertal): Eichendorffs "Taugenichts" als Kultbuch


Ort:
Leibniz Universität Hannover, Deutsches Seminar, Königsworther Platz 1, 30167 Hannover, Raum 415


Kontakt:
Michael Bies (michael.bies@germanistik.uni-hannover.de)
Urs Büttner (urs.buettner@germanistik.uni-hannover.de)
Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortHannover
Beginn29.10.2014
Ende21.01.2015
PersonName: Bies, Michael [Dr.] 
E-Mail: michael.bies@germanistik.uni-hannover.de 
KontaktdatenName/Institution: Leibniz Universität Hannover, Deutsches Seminar 
Strasse/Postfach: Königsworther Platz 1 
Postleitzahl: 30167 
Stadt: Hannover 
E-Mail: michael.bies@germanistik.uni-hannover.de 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Historische Semantik (Wissensgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Ideengeschichte); Komparatistik (Kulturvergleich, Interkulturelle Literaturwissenschaft); Literatur 1770 - 1830; Literatur 1830 - 1880; Literatur 1880 - 1945; Literatur nach 1945; Literatur- u. Kulturgeschichte; Literatursoziologie
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.06.00 Literaturtheorie; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.07.00 Ästhetik; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.14.00 Literatursoziologie; 05.00.00 Deutsche Literaturgeschichte; 13.00.00 Goethezeit; 13.00.00 Goethezeit > 13.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte; 14.00.00 Romantik; 14.00.00 Romantik > 14.05.00 Rezeption; 15.00.00 19. Jahrhundert; 15.00.00 19. Jahrhundert > 15.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte; 16.00.00 Jahrhundertwende (1880-1914); 16.00.00 Jahrhundertwende (1880-1914) > 16.15.00 Zu einzelnen Autoren; 17.00.00 20. Jahrhundert (1914-1945); 17.00.00 20. Jahrhundert (1914-1945) > 17.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte; 17.00.00 20. Jahrhundert (1914-1945) > 17.05.00 Österreich; 17.00.00 20. Jahrhundert (1914-1945) > 17.18.00 Zu einzelnen Autoren; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989); 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart; 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart > 19.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte; 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart > 19.13.00 Zu einzelnen Autoren
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