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Ergebnisanzeige "Physiognomisches Schreiben. Stilistik, Rhetorik und Poetik einer gestaltdeutenden Kulturtechnik"
RessourcentypCall for Papers
TitelPhysiognomisches Schreiben. Stilistik, Rhetorik und Poetik einer gestaltdeutenden Kulturtechnik
BeschreibungTagung "Physiognomisches Schreiben. Stilistik, Rhetorik und Poetik einer gestaltdeutenden Kulturtechnik"

Eine interdisziplinäre Veranstaltung im Rahmen des Forschungsmoduls "Ästhetik" des SNF-ProDoc "Das unsichere Wissen der Literatur"

Universität Lausanne (Schweiz), 10.-12. September 2015

Was bedeutet es, physiognomisch zu (be-)schreiben? Physiognomische Wissensdispositive stehen jeweils mit spezifischen literarischen und künstlerischen Ausdrucksformen in einem engen Zusammenhang, die von der Ästhetik seit 1750 programmatisch als unsicheres Wissen qualifiziert werden. Dabei bearbeiten und verarbeiten Literatur und Kunst ihrerseits zumal in Konsolidierungs- und Übergangsphasen der Wissensgeschichte vorzugsweise unsicheres oder verunsichertes Wissen. In ästhetischer Hinsicht hat es das physiognomische Schreiben daher sowohl systematisch als auch historisch in signifikanter Weise mit unsicherem Wissen zu tun.

Im 18. Jahrhundert erfährt die Physiognomik einen Theoretisierungsschub, auf den Kunst und Literatur verstärkt mit der Ästhetisierung des physiognomischen Phänomens reagieren. Die Mechanismen dieser Ästhetisierungsbewegungen und ihren Niederschlag in literarischen Stilfiguren, rhetorischen Mitteln und poetologischen Konzepten hat die Forschung bislang kaum beachtet. Spätestens seit Lavaters Systematisierungsbestrebungen drängt sich außerdem die Frage nach dem Dilettantismus bzw. der Wissenschaftlichkeit des physiognomischen Schreibens auf. Diese historisch gewachsene Differenzierung lässt dennoch nicht den Schluss zu, dass das physiognomische Schreiben in zwei strikt voneinander zu trennende Kategorien – dilettantisches vs. professionelles Schreiben – zu unterteilen wäre. Entscheidend für eine Wissensgeschichte physiognomischer Literatur und Kunst scheint vielmehr ihre gegenseitige Abhängigkeit zu sein. Die Tagung geht daher u.a. der Frage nach, wie sich Dilettantismus und Wissenschaftlichkeit produktiv im physiognomischen Schreiben niederschlagen.

Neben der Schrift müssen dabei aber auch noch andere 'gestaltdeutende Kulturtechniken' bzw. nicht-schriftliche Verfahren berücksichtigt werden. Es ist charakteristisch für die Kulturtechnik Physiognomik, dass physiognomische Texte sich vielfach auf Bilder (z.B. Silhouetten oder Fotografien) stützen und dass diese Bilder umgekehrt in die Argumentationsstruktur integriert werden. Abbildungen etablieren und rechtfertigen schriftliche Beschreibungen, sie können aber auch mit der Schrift konkurrieren oder diese gar in Frage stellen. Die Frage nach 'poetischen' oder gar 'poetologischen' sowie nach gemeinsamen 'tropologischen' Mustern in einer sprachlichen und nicht-sprachlichen physiognomischen Stilistik setzt Gemeinsamkeiten zwischen diesen Techniken voraus, denen ebenso gewichtige Differenzen gegenüberstehen.

Ob in schriftlicher oder nicht-schriftlicher Form, physiognomische Beschreibungstechniken üben stets einen erheblichen Effekt auf literarische, künstlerische und architektonische Produktionsverfahren aus, die selber kein physiognomisches Wissen produzieren wollen, jedoch trotzdem an physiognomischen Diskursen teilnehmen und die Theoriebildung beeinflussen. Diese gegenseitige Beeinflussung lässt sich als reziproker Ästhetisierungs- und Szientifizierungsprozess beschreiben. Ihm soll an den Leitbegriffen Stilistik, Rhetorik und Poetik nachgegangen werden.

Stilistik – Gattung
Eine Stilistik ist an Typen und Erscheinungsorte von Texten geknüpft und definiert sich (besonders im Fall der Literatur) über ein Spannungsverhältnis zu Gattungen. Welchen Typologien und Gattungsregeln der Stil eines physiognomischen Schreibens folgt und welche er durchkreuzt oder überschreitet, ist deshalb für unsere Fragestellung von grundlegendem Interesse. Zu fragen ist aber auch nach dem Typus und der Gattung jener physiognomischen Texte, welche um die Wissenschaftlichkeit ihrer 'Disziplin' zwischen Philosophie, Esoterik und Naturwissenschaft bemüht sind (z.B. Lavater, Gall, Klages), sowie danach, wie sich derartige Projekte in bestehende wissenschaftliche Gattungen einschreiben bzw. diese erweitern oder revidieren. 'Stil' kann aber auch selbst als ein 'physiognomischer Begriff' verstanden werden. Seit Vasari steht der Stilbegriff in einem genuinen Bezug zum Begriff des Charakters und setzt sich in den 1920er und 30er Jahren als terminus technicus für die physiognomische Ekphrasis durch.

Rhetorik – Tropen
Wie für die Stilistik des physiognomischen Schreibens die Gattung komplementär ist, so sind es für ihre Rhetorik die Tropen von Metapher, Metonymie und Symbol. Als strukturanalytische Konzepte verstanden, bieten sich diese Tropen zur Kategorisierung physiognomischen Schreibens an. Die 'metonymische' Physiognomik beruht auf bedeutungskonstituierenden Kontiguitäten. So schließt die phrenologische Argumentation von der Schädelform auf den Charakter, weil das Gehirn als Sitz des Charakters eine direkte physiologische Auswirkung auf den Kopf nahelegt. Die 'metaphorische' Physiognomik dagegen erschafft einen neuen Bedeutungszusammenhang durch den sprunghaften Vergleich zweier unterschiedlicher Bedeutungsfeldern. Die 'symbolische' Physiognomik schließlich hat ihren Bedeutungsschwerpunkt in der äußeren Repräsentation des Inneren: nicht der Vergleichszusammenhang steht im Vordergrund, sondern die neue Bedeutung des Symbols, die den Innen-Außen-Gegensatz aufweicht. Diese tropologische Kategorisierung physiognomischer Techniken kann mit typischen rhetorischen Stilmitteln konfrontiert werden. So fragt sich etwa, ob und wie die Großaufnahme im Film – insbesondere das Gesicht im filmischen close-up – als uneigentliches 'Sprechen' verstanden werden kann oder wie die schauspielerische Mimik zwischen einem angeblich verlässlichen 'metonymischen' Ausdruck und einer irreführenden 'metaphorischen' Maske oszilliert.

Poetik – Schreibszenen
Bislang kaum gestellt wurde die Frage nach den verschiedenen Szenen und Funktionen des Schreibens und der Schrift in der Physiognomik als Wissenspraxis. Schreiben als epistemische Schlüsseloperation in der physiognomischen Urteilsfindung, als Instrument der Evidenzsteigerung und Legitimierung in der Physiognomiktheorie und als Medium der Apologie oder Kritik in der öffentlichen Debatte um ihre gesellschaftliche Relevanz und Geltung wirken hier in-, mit- und gegeneinander. Durch die Aufmerksamkeitsverlagerung von der topischen Bildfixierung auf pragmatische Schriftprozesse gibt sich physiognomisches Wissen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein als die Selbsttechnik zu erkennen, als die sie sich in der Moderne seit der Frühen Neuzeit formiert hatte. Von hier aus eröffnet die Analyse physiognomischen Schreibens auch einen kritischen Blick auf typische oder alternative Autorpoetiken. Zur Diskussion steht nicht nur, wie sich solche poetischen Selbstbestimmungen artikulieren, sondern auch, welche Schreibprogrammatik sich jeweils hinter den physiognomischen Beschreibungen eines Autors oder einer Autorin verbirgt und wie sich umgekehrt konkrete ästhetisch-physiognomische Konzeptionen auf sein bzw. ihr Schreiben auswirken. Entsprechende Programme müssen dabei nicht notwendigerweise mit den Befunden am literarischen bzw. wissenschaftlichen Text übereinstimmen. Gerade die Spannung zwischen Selbstreflexion, Textbefund und Kontext macht eine kritische Auseinandersetzung mit den oftmals (zu) affirmativ gelesenen Poetiken überhaupt erst möglich.

Wir bitten um Vorschläge für 30-minütige Vorträge. Kurze Abstracts in einer Länge von max. einer A4-Seite (mit kurzem Lebenslauf) aus allen einschlägigen Disziplinen sind bis zum 31. Oktober 2014 per E-Mail an benedikt.tremp@unil.ch zu richten. Eine Publikation der Beiträge ist geplant.

Ein ausführlicheres Exposé zur Tagung ist einzusehen unter: http://unsichereswissen.ch/fileadmin/downloads/Aesthetik/Expose_Physiognomisches_Schreiben_2015__2_.pdf

Organisation: Prof. Dr. Hans-Georg von Arburg, Mariana Prusák, Benedikt Tremp, Elias Zimmermann

Webpräsenz: http://unsichereswissen.ch/index.php?id=5

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortLausanne
Bewerbungsschluss31.10.2014
Beginn10.09.2015
Ende12.09.2015
PersonName: Tremp, Benedikt [M.A.] 
Funktion: Ansprechpartner 
E-Mail: benedikt.tremp@unil.ch 
KontaktdatenName/Institution: Section d'allemand, Universität Lausanne 
Strasse/Postfach: Anthropole 
Postleitzahl: 1015 
Stadt: Lausanne 
Telefon: +41 (0)21 6922912 [Sekretariat] 
Fax: +41 (0)21 6922985 [Sekretariat] 
E-Mail: secretariat-allemand@unil.ch 
Internetadresse: http://www.unil.ch/all/home.html 
LandSchweiz
BenutzerführungFranzösisch
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Historische Semantik (Wissensgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Ideengeschichte); Literatur 1770 - 1830; Literatur 1830 - 1880; Literatur 1880 - 1945; Literatur- u. Kulturgeschichte; Rhetorik; Stilistik
Zusätzliches SuchwortPhysiognomik; Tropologie; Poetologie; Wissensgeschichte
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.07.00 Ästhetik; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.08.00 Poetik; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.10.00 Stilistik. Rhetorik
Ediert von  H-Germanistik
Ein Angebot vonGermanistik im Netz
URL dieses Wer-Was-Wo-Datensatzeshttp://www.germanistik-im-netz.de/wer-was-wo/41171

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