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Ergebnisanzeige "7. Hans Werner Richter Literaturtage: "Realistisches Erzählen als ‚Diagnose’ von Gesellschaft und Erfolgsrezept in Vergangenheit und Gegenwart?""
RessourcentypCall for Papers
Titel7. Hans Werner Richter Literaturtage: "Realistisches Erzählen als ‚Diagnose’ von Gesellschaft und Erfolgsrezept in Vergangenheit und Gegenwart?"
Beschreibung7. Hans Werner Richter Literaturtage:

"Realistisches Erzählen als ‚Diagnose’ von Gesellschaft und Erfolgsrezept in Vergangenheit und Gegenwart?"
Wissenschaftliches Kolloquium vom 13. bis 15. November 2014,
Hans Werner Richter-Haus in Bansin/Usedom

Ende der 1980er Jahre wurde die deutsche Literatur als individualistisch selbstbezogen und unpolitisch bezeichnet. Zehn Jahre später machten Teile der Literaturkritik eine neue Erzählergeneration im vereinigten Deutschland aus, die „literarische Theorien und Dogmen“ missachte und „so saftig, unterhaltsam und unbekümmert“ erzählen würde, „wie einst der junge Grass“ (Volker Hage). Gefeiert wurde eine „neue Lust am Erzählen“ ebenso wie das „vitale Interesse am Erzählen, an guten Geschichten und wacher Weltwahrnehmung“. Die neue Wertschätzung insbesondere junger deutscher Autoren am Ende der 1990er Jahre war letztlich Ausdruck von Veränderungen im Handlungs- und Symbolsystem Literatur. So war die zu beobachtende Rehabilitierung – nicht Wiederkehr – des Erzählens Ausdruck einer Verschiebung von Dominanzen innerhalb des Literaturbegriffs, die sich im Sinne der Birmingham School von der Wertschätzung einer über den Literaturkanon definierten „Hochkultur“ hin zu der Untersuchung der Breitenwirkung von Subkulturen, Populärkulturen und Massenmedien vollzog (vgl. Gansel/Herrmann 2013). Im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends wurde der Ruf nach einer sich mit der Gegenwart ernsthaft auseinandersetzenden erzählenden Literatur laut. Dieses Votum kam von Vertretern der mittleren Alterskohorte, die sich in ihrem ‚literarischen Manifest‘ auch gegen die sogenannte Grass-Walser-Generation wandten. Die ältere Generation würde sich, so der Vorwurf von Autoren wie Matthias Politycki, aus ihrer elfenbeinturmartigen Isolation nur herausbegeben, um der Welt ins Gewissen zu reden. Zugleich fanden sich die Newcomer der späten 1980er und 1990er Jahre kritisiert, deren Darstellungen der Gegenwart vermeintlich nichts anderes denn solipsistisch oder infantilisierend seien. Das Manifest, das im Juni 2005 veröffentlicht wurde, trug den Titel „Was soll der Roman?“. Im Kern ging es um das Votum für einen „Relevanten Realismus“, der „die zwar unbequeme, aber aufregende Gegenwart zum zentralen Ort des Erzählens und des Erzählten“ werden lassen sollte. In ihrer Forderung nach einem „emphatischen Begriff des Romans“, der der deutschen Gegenwartsliteratur abhanden gekommen sei, artikulierte sich ein Realitätsbezug, der auf ein Erzählen „aus der Mitte erlebten Lebens heraus“ setzte und die „beständige Sichtung unserer untergehenden Welt und das Ringen um neue Utopien“ einschloss. Die Frage, ob der „relevante Realismus“ mit einem neuen Avantgardismus in Verbindung stehe bzw. stehen solle, der nicht nur thematisch einen unmittelbaren Bezug zur Gegenwart herstellt, sondern diesen auch über neue Darstellungsformen zu vermitteln sucht, wurde von den Verfassern des Manifestes nicht diskutiert. Ab 2012 finden sich dann erneut Hinweise, die eine fehlende Welthaltigkeit der deutschen Literatur beklagen wie auch den Verzicht auf eine kritische Reflexion von gegenwärtigem Dasein in einer globalen Weltgesellschaft.

Ausgehend von den skizzierten Befunden zur deutschsprachigen (Gegenwarts)Literatur möchte die Tagung einer für die Literatur maßgeblichen Kategorie auf dem Grund gehen, dem realistischen Erzählen. Dass dabei Hans Werner Richter durchaus ein Ausgangspunkt sein kann, muss nicht betont werden, denn der Autor hat immer wieder den realistischen Ansatz seines Erzählkonzepts betont. Im Mittelpunkt der Tagung sollen also Tendenzen realistischen Erzählens in der deutschsprachigen Literatur nach 1945 stehen, wobei es ausdrücklich auch darum geht, über die Epochenschwelle um 1989 bis hin zu aktuellen Texten zu gelangen. Sehr vereinfacht wird man für die Nachkriegszeit im geteilten Deutschland zunächst von einer Kontinuität zweier Realismus-Konzepte ausgehen können, die ihre Wurzeln bereits in der Literatur der internationalen Moderne haben. Mit der Ausdifferenzierung zweier Literatursysteme begann in der DDR zeitweise ein enges Realismuskonzept zu dominieren, das entgegen der Positionen von Bertolt Brecht Auffassungen von Georg Lukács favorisierte. Brecht hatte in der Expressionismusdebatte des Exils ein offenes Realismus-Konzept vertreten und betont, dass es formalistisch sei, wenn man gegenüber den „immer neuen Anforderungen der sich immer ändernden sozialen Umwelt“ an den „alten konventionellen Formen“ festhalten würde. Ende der 1950er Jahre wurde dann ein Aufsatz von ihm publiziert, in dem er ein realistisches Schreiben einmal mehr an die konkrete Wirklichkeit band: „Es verändert sich die Wirklichkeit, um sie darzustellen, muss die Darstellungsart sich ändern“. Dennoch wurde der (‚sozialistische‘) Realismus in den 1950er Jahren einseitig auf Darstellungen „in den Formen des Lebens“ reduziert. Die frühen Wirklichkeitsdarstellungen von Autoren in der DDR der 1950er Jahre variieren entsprechend typische Leitmotive, Plotstrukturen und Heldenfiguren einer sozialistischen Teleologie. Demgegenüber wurde in Westdeutschland ein mimetisches Prinzip stilbildend, das bereits in den 1920er Jahren unter dem Begriff des ‚magischen Realismus‘ diskutiert wurde. Es waren u.a. Autoren der Gruppe 47, die versuchten, „in der unmittelbaren realistischen Aussage“ einer an Hemingway orientierten Schreibweise und im Gefolge von Camus „hinter […] der Realität das Irrationale“ ihrer Zusammenhänge zu erfassen, so Hans Werner Richter. Seit Mitte der 1970er Jahre ist es dann in der Literatur in Ost und West zu einer Annäherung gekommen, die sich auch darin zeigt, dass Begrenzungen aufgebrochen und vielfältig Formen realistischen Erzählens erprobt werden.

Wenn man nun in globaler Perspektive aktuelle Entwicklungen in den Blick nimmt, dann sind Überlegungen von Moritz Baßler mitzudenken, der in einem ausgesprochen anregenden Beitrag – internationale Trends beobachtend – eine Art „populären Realismus“ ausgemacht hat und damit Texte von Autoren fasst, die von Haruki Murakami über amerikanische Thriller-Autoren bis zu Frank Schätzing, Bernhard Schlink oder Daniel Kehlmann in Deutschland reichen. Der Erfolg dieser Autoren und Texte verdankt sich in erster Linie – so die berechtigte Vermutung – ihrer realistischen Schreibweise. Dabei ist mit Realismus ein Verfahren bzw. eine Technik gemeint, „so zu schreiben, dass sich dem Leser automatisch eine erzählte Welt, eine Diegese, präsentiert, ohne dass er zunächst mit Phänomenen der Textebene zu kämpfen hätte“ (Baßler 2011).

Vor dem Hintergrund dieser Vorüberlegungen wären folgende Fragestellungen denkbar:

- Literarische Realismus-Konzepte nach 1945 im historischen Kontext: Die ‚realistische‘ Literatur seit 1945 steht in einem größeren literaturgeschichtlichen Zusammenhang, der bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Insofern wäre in diachroner Perspektive nach literarischen Vorbildern, poetologischen Konzepten und intertextuellen Bezugspunkten zu suchen, die die epochalen Einschnitte in der neueren deutschsprachigen Literaturgeschichte überdauert haben. Zugleich steht die Frage nach signifikanten Abgrenzungen und Innovationen, mithin nach neuen Strömungen innerhalb der realistischen Literatur, wie sie etwa die Popliteratur der Jahrtausendwende hervorgebracht haben oder aber sich im sogenannten „populären Realismus“ (M. Baßler) zeigen.

- Literarische Realismus-Konzepte im Vergleich: In synchronem Schnitt stehen gesellschaftliche Einflüsse und weltanschauliche Vorgaben zur Debatte, an denen sich insbesondere die Literaturen des geteilten Deutschland abgearbeitet haben. Insbesondere die Tendenzen in der Literatur der 1950er und 1960er Jahre sind nicht ohne den tiefen Einschnitt von „Drittem Reich“ und Zweitem Weltkrieg zu denken. Hier gilt es Forschungen zu vertiefen, die in vergleichender Perspektive insbesondere auch die Schreibverfahren fokussieren, mit denen die Autoren in Ost- und Westdeutschland versuchten, die katastrophale jüngste Vergangenheit wie die Gegenwart des Wiederaufbaus zu reflektieren.

- Mit Blick auf aktuelle Entwicklungen rücken die Jahre nach 1989/90 als Epochenschwelle ins Zentrum des Interesses. In diesem Zusammenhang wären u.a. aktuelle Ansätze zur Bestimmung von ‚Gegenwartsliteratur‘ zu berücksichtigen, die im Sinne von klassischen Bestimmungen des Realismus die „Tatsächlichkeit gelebten Lebens“ (C. Heselhaus) betonen und die Gegenwartsbezogenheit als wichtiges typologisches Kriterium stark machen. Es steht die Frage, in welchem Maße sich von der Literatur der vergangenen 25 Jahre per se als realistischer Literatur sprechen lässt. Außerdem ist zu prüfen, welche Tendenzen, Trends, Richtungen realistischen Erzählens sich nach der Vereinigung der beiden deutschen Literaturen bzw. nach der Jahrtausendwende im Bereich der Gegenwartsliteratur abzeichnen. Nicht zuletzt steht zur Debatte, ob bestimmte Varianten des realistischen Erzählens in der Tat Erfolgsgarant und Schlüssel für den Erfolg von Weltbestsellern sind.

Die 7. Hans Werner Richter Literaturtage 2014 werden ausgerichtet vom Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen/Arbeitsbereich Neuere deutsche Literatur (Prof. Dr. Carsten Gansel/Leitung) und dem Eigenbetrieb Kaiserbäder Insel Usedom
(Dr. Karin Lehmann) in Verbindung mit Prof. Dr. Eckhard Schumacher (Institut für Deutsche Philologie, Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald).

Bei Interesse bitten wir um Rückmeldung mit einem konkreten Themenangebot bis zum 31. August 2014 an folgende Adresse:

Prof. Dr. Carsten Gansel
Justus-Liebig-Universität Gießen
FB 05 Sprache, Literatur, Kultur
Institut für Germanistik
Otto-Behaghel-Str. 10b
35394 Gießen
Carsten.Gansel@germanistik.uni-giessen.de

Web: https://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb05/germanistik/abliteratur/glm/forschung/tagungen

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortBansin/ Insel Usedom
Bewerbungsschluss31.08.2014
Beginn13.11.2014
Ende15.11.2014
PersonName: Prof. Dr. Carsten Gansel 
Funktion: Veranstalter 
E-Mail: carsten.gansel@germanistik.uni-giessen.de 
KontaktdatenName/Institution: Prof. Dr. Carsten Gansel/ Justus-Liebig-Universität Gießen/ Institut für Germanistik 
Strasse/Postfach: Otto-Behaghel-Str. 10B 
Postleitzahl: 35394 
Stadt: Gießen 
Telefon: 0641/99-29121 
Fax: 0 641/99-29129 
E-Mail: carsten.gansel@germanistik.uni-giessen.de 
Internetadresse: https://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb05/germanistik/abliteratur/glm 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Literatur nach 1945
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.13.00 Literaturkritik. Wertung; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.14.00 Literatursoziologie; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.15.00 Literatur und Medien; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.16.00 Literarisches Leben; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989); 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart
Ediert von  H-Germanistik
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