VIRTUELLE FACHBIBLIOTHEK GERMANISTIK Germanistik im Netz Logo

Wer-Was-Wo - Detailanzeige

Ergebnisanzeige "Figuren der Wissensübertragung. Konstellationen der Stifter-Zeit, 1830-1870"
RessourcentypKonferenzen, Tagungen, Kolloquien
TitelFiguren der Wissensübertragung. Konstellationen der Stifter-Zeit, 1830-1870
BeschreibungFiguren der Wissensübertragung
Konstellationen der Stifter-Zeit, 1830-1870

Tagung des Teilprojekts E4 im Rahmen des Nationalen Forschungsschwerpunkts "Medienwandel - Medienwechsel - Medienwissen: Historische Perspektiven" an der Universität Zürich, 24.-26. April 2008

Die Tagung "Figuren der Wissensübertragung" beschäftigt sich mit Aspekten des Wissenstransfers in der Zeit von 1830 bis 1870. Sie fragt danach, wie in dieser Epoche Wissen von einem Bereich in einen anderen gelangt, sie untersucht, welche Medien diese Verschiebungen ermöglichen und welche spezifische Effekte von Medialität dabei erzeugt werden, und sie möchte herausarbeiten, wie sich Wissensformationen in diesen Vorgängen inhaltlich und formal transformieren. 'Wissen' wird dabei im Anschluss an Michel Foucault nicht als Gegenstand von auf 'Wahrheit' bezogenen und souveränen Subjekten zuordenbaren Redeweisen und Disziplinen, sondern als Agglomerat lose zusammenhängender, aber nicht notwendiger Weise synthetisierter Aussagengebilde begriffen, das Textgattungen, Diskurse und Disziplinen durchquert. Dieses 'Wissen' stellt ein Arsenal von bedeutungshaltigen Elementen bereit, die prinzipiell keinen definierten disziplinären Status haben. Denn es sind erst die konkreten Kontexte und die spezifischen Weisen der Inszenierung und Darstellung von 'Wissen', etwa in Texten, die darüber entscheiden, wie, wo und in welche disziplinäre Register diese Elemente eintreten und wie und in welcher Form sie auch nach ihrer Aufnahme in reglementierte Redeweisen, Fächer und Disziplinen Transfer- und Austauschbeziehungen zwischen den einzelnen Bereichen unterhalten. Der Terminus 'Wissen' bezeichnet deshalb einen Kenntnisbestand, der sich in spannungsreichen und dynamischen Konstellationen und unter spezifischen historischen und sozialen Bedingungen präsentiert. Übertragungsprozesse finden dabei auf allen Stufen der Formierung von 'Wissen' statt, und Wissenschaft und Dichtung, Erkenntnis und Fiktion haben gleichermaßen Anteil an 'Wissen' und dessen Figurierung.

Dieses Interesse an Transfers innerhalb historisch bestimmter Wissensformationen über die Disziplinen- und Diskursgrenzen hinweg findet in der 'Stifter-Zeit' ein viel versprechendes Untersuchungsgebiet. Erstens werden in dieser Epoche, nach Synthetisierungsbemühungen in der Romantik, zunehmend die Unterschiede in der Praxis und der Theorie von Erkenntnisgewinnung betont; die Frontstellung, in die Naturphilosophie und Naturwissenschaft in dieser Zeit geraten, ist dafür paradigmatisch. Zweitens rückt in dieser Phase neben der Natur und dem Menschen auch die Gesellschaft in den Fokus der Wissenschaft. Damit werden verstärkt Phänomene von ,Übertragung' selbst zu Objekten des wissenschaftlichen Wissens, etwa in Theorien der Vererbung, der Biochemie und der sozialen Interaktion, oder zu Gegenständen der technischen Forschung, etwa in der Elektrizitätslehre, der Telephonie und der Telegraphie. Drittens setzt die Formulierung 'Stifter-Zeit' einen Dichter ins Zentrum der Überlegungen und rückt damit auch ein spezifisches Medium der Wissensübertragung, eben die Literatur, ins Zentrum. Für die Literatur dieser Zeit gilt, dass sie sich, im Gegensatz zu den Wissenschaften, weniger durch einen bestimmten Wissensgegenstand definiert als vielmehr durch eine bestimmte Behandlung und sprachliche Gestaltung verschiedenster bzw. potentiell aller Gegenstände des Wissens. Literatur ist auf Grund dieser formalen Prävalenz immer zugleich Nachrichten-, Erfahrungs- und Reflexionsmedium und damit ein besonders umtriebiger und variantenreicher Umschlagplatz für Wissenstransfers.

Und viertens stellt die spezifische Wahl von Stifters Werk eine besondere Herausforderung für die Spezifikation von Übertragungsmodellen dar. Stifters beharrliche Arbeit an den Taxonomien und Klassifikationssystemen seiner Epoche erfolgte in der Absicht, soziale, soziologische und naturgeschichtliche Klassifikationen umzubauen in der Hoffnung, so aktuelle Antagonismen entdramatisieren zu können. An die Stelle etwa des von Marx gleichzeitig konstruierten Klassengegensatzes Bourgeoisie/Proletariat setzte er den Gegensatz Gebildete/Ungebildete, der die Bildungs- und Bildbarkeitspotentiale der Literatur in besonderer Weise herausforderte und zugleich deren Anspruch bewahrte. Entsprechende nicht-narrative literarische und rhetorische Techniken hat Stifter in die epischen Großformen zu integrieren versucht und solcherart auch das normierende Ordnungssystem der literarischen Gattungen verändert. Zu nennen wären etwa: epische Beschreibungskataloge; Genre"bilder"; Enumerationen; Genealogien von Handelnden; Geologie von Handlungsräumen und entsprechende Privilegierung eines Zeitbegriffs der "langen Dauer"; "Übertragung" bzw. Aneignung vergangener Epochen zur Konstruktion von Gegenwart (Arbeit am Mittelalter); Umbau geschichtsphilosophischer Konzepte in technokratisch-bürokratische Reform- und Universalmodelle.

Stifter war damit in spezifischer Weise um das Verhältnis von Wissenschaft und Dichtung bemüht und generierte in seinen Werken eine textspezifische 'Poetik des Wissens', die Übertragungs-, Integrations- und Abstoßungsvorgänge koordiniert und leitet. Er hat in seinen Texten poetologische Projekte entwickelt, die nicht nur zu den Inhalten der naturwissenschaftlichen, politischen und soziologischen Diskurse der Zeit Stellung beziehen, sondern auch deren Formen der Präsentation, Repräsentation und Zirkulation reflektieren. Und es war ihm ein Anliegen, die Position der Literatur als enzyklopädisches Organon der Wissensübertragung und -speicherung im Feld der rivalisierenden Diskurse und Medien zu stärken.


Tagungsprogramm

Donnerstag, 24. April
Universität Zürich-Zentrum, Rämistrasse 71, Hörsaal KOL G-217

14:45 Begrüßung und Einleitung

15:15 Robert Leucht: Die Figur des Kunsthandwerkers - Stifters "Nachsommer" und der Utopie-Diskurs des 19. Jahrhunderts

16:00 Saskia Haag: Wiederherstellen. Techniken der Restaurierung bei Adalbert Stifter

17:15 Cornelia Herberichs: Epische Brechungen. Umschriften mittelalterlicher Historiographie im Witiko

18:00 Johannes John / Walter Hettche: Probleme der Stifter-Kommentierung


Freitag, 25. April
Universität Zürich-Zentrum, Rämistrasse 71, Hörsaal KOL G-217

09:30 Daniel Müller-Nielaba: "die gewöhnlichen, alltäglichen, in Unzahl wiederkehrenden Handlungen der Menschen": Zur Figur des "Gesetzes" (Bunte Steine)

10:15 Monika Ritzer: Stifters Naturbegriff im Kontext der zeitgenössischen Philosophie

11:30 Christian Begemann: Das 'Titelblatt der Seele'. Stifter und die Physiognomik

12:15 Stefan Willer: "Das Doppel-Rodererwohl auf grenzenlose Zeit!" Genealogisches Wissen und genealogische Poetik bei Stifter

14:45 Ulrich Beil: Sterne und Fussnoten. Medialität, Physik und Phantastik in Stifters Der Condor

15:30 Michael Gamper: Stifters Elektrizität

16:45 Peter Schnyder: Sammlung - Karte - Bild - Schrift. Medien geologischen Wissens in Stifters Nachsommer

17:30 Sabine Schneider: Kulturerosionen. Stifters prekäre geologische Übertragungen


Samstag, 26. April
Deutsches Seminar, Schönberggase 9, 8001 Zürich, SOD 1-101

09:30 Hans-Georg von Arburg: Hausen im Niemandsland. Stifters Architekturen zwischen Historismus und Neuem Bauen

10:15 Christian van der Steeg: Stifter und Alexander von Humboldt

11:30 Werner Michler: Seltsame Zeitgenossen. Adalbert Stifter und die Präraffaeliten

12:15 Karl Wagner: George Eliot und die deutsche Wissenschaftskultur


Konzept und Organisation:
Prof. Dr. Michael Gamper, Departement für Geistes-, Sozial- und Staatswissenschaften der ETH Zürich (gamper@gess.ethz.ch)
Prof. Dr. Karl Wagner, Deutsches Seminar der Universität Zürich (karl.wagner@gmx.ch)


ETH Zürich
Prof. Dr. Michael Gamper
SNF-Förderprofessur für Literaturwissenschaft
Rämistrasse 101, HG E 67.3
CH-8092 Zürich
Tel. ++41 44 632 48 42
gamper@gess.ethz.ch

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortZürich
Beginn24.04.2008
Ende26.04.2008
PersonName: Gamper, Michael [Prof. Dr.] 
Funktion: Ansprechpartner 
E-Mail: gamper@gess.ethz.ch 
LandSchweiz
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteratur 1830 - 1880
Klassifikation15.00.00 19. Jahrhundert > 15.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte; 15.00.00 19. Jahrhundert > 15.04.00 Studien; 15.00.00 19. Jahrhundert > 15.15.00 Zu einzelnen Autoren
Ediert von  H-Germanistik
Ein Angebot vonGermanistik im Netz
URL dieses Wer-Was-Wo-Datensatzeshttp://www.germanistik-im-netz.de/wer-was-wo/3989

© Virtuelle Fachbibliothek Germanistik | Letzte Änderung 15.02.2010 | Impressum | Intern