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Ergebnisanzeige "Sonderheft der Zeitschrift "Prospero": Evolutionäre Ästhetik / Biopoetik. Für eine organische Betrachtungsweise fiktionaler Praktiken"
RessourcentypCall for Papers
TitelSonderheft der Zeitschrift "Prospero": Evolutionäre Ästhetik / Biopoetik. Für eine organische Betrachtungsweise fiktionaler Praktiken
BeschreibungIn den letzten Jahren ist die Anzahl der Studien, die sich mit evolutionärer Ästhetik befassen, beträchtlich gestiegen, was in erster Linie auf das Interesse für die ästhetischen Konsequenzen bestimmter Aspekte in Darwins Lehre zurückzuführen ist. Spätestens in Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl  (1871) entwickelt Darwin eine allgemeine Theorie über die Adaptationsfunktion des Ästhetischen, die auf der sexuellen Zuchtwahl aufbaut, bei der der Konkurrenzkampf der männlichen Artgenossen um die Gunst der weiblichen Mitglieder eine wesentliche Rolle spielt. Hieraus sind unterschiedliche Interpretationen entstanden, was die Entstehung einer Anlage zur Ausübung von Kunst und die Existenz „poetogener Strukturen“ betrifft. Die bekannteste und einflussreichste Interpretation stammt von den amerikanischen Evolutionspsychologen John Tooby und Leda Cosmides (The Psychological Foundations of Culture, in The Adapted Mind. Evolutionary Psychology and the Generation of Culture, hrsg. v. Jerome H. Barkow Leda Cosmides und John Tooby, 1992, S. 19-136; Does beauty build adapted minds?, in «Substance», 94/95, 2001, S. 6-25). Die Autoren haben untersucht, welche Zusammenhänge zwischen der gestalterischen Fähigkeit, die bei der Ausübung des Ästhetischen in Erscheinung tritt, und einer der drei Fitness-Ebenen, die sie mit Evolutionsprozessen in Verbindung bringen, nämlich der mentalen Fitness, bestehen. Mit Hilfe fiktionaler Praktiken sei es – so die Forscher – möglich, die Realität gemäß immer komplexer werdenden Modalitäten zu organisieren; ihr Nutzen bestehe darin, unter Beachtung dessen, was Tooby und Cosmides als “organizational mode” bezeichnen, einzelne Adaptationsfunktionen in einer simulierten und potenziellen Version anzuregen. Der deutsche Germanist Karl Eibl (Animal poeta. Bausteine der biologischen Kultur- und Literaturtheorie, 2004) hat dieses Modell verändert und vorgeschlagen, von einer von der Kunst abhängenden „Lustmodus “ zu sprechen: Die ästhetische Praxis garantiere eine erhöhte Widerstandskraft gegen den von Überlebenspraktiken hervorgerufenen Stress und daher einen Adaptationsvorteil.

Über diese der Orientierung dienenden, primär evolutionistischen Arbeiten hinaus existieren weitere Studien, die in der Kategorie des bíos (gr. ‘Leben‘) eine Makrostruktur sehen, die zwischen heterogenen, fiktionalen Ausdrucksformen, die sich in unterschiedlichen historisch-kulturellen Kontexten befinden, vermitteln kann. So hat beispielsweise Winfried Menninghaus die Adaptationsfunktion des Ästhetischen in dem allgemeineren Rahmen einer Kulturtheorie untersucht, das die Radikalität und den distanzierten Kognitivismus bestimmter Varianten der evolutionistischen Ästhetik abmildert. Michele Cometa dagegen hebt den bioanthropologischen Charakter vieler Aspekte der Ästhetik des 18. Jahrhunderts aus dem Blickwinkel der ‘Kulturwissenschaften’ hervor und Vittoria Borsò hat erste Instrumente für eine Analyse fiktionaler Schaffensprozesse als Organisationsweisen des biologischen und körperlichen Wirkungsbereichs bereit gestellt.

Die nächste Ausgabe von “Prospero” steht Beiträgen offen, die dem Zusammenspiel von Fiktion und Natur, Ästhetik und Biologie gewidmet sind, mit dem Ziel, einen möglichen Anwendungsbereich für einen biopoetischen Ansatz zu umreißen. Der kognitivistische Ansatz vieler biopoetischer Untersuchungen hat in den letzten Jahren ein Ungleichgewicht zu Gunsten von Rezeptionsphänomenen und zum Nachteil der ästhetischen Produktion entstehen lassen. Dieses Ungleichgewicht ist besonders in Arbeiten aus dem anglo-amerikanischen Bereich zu beobachten, angefangen mit den bereits zu den ‚Klassikern‘ gehörenden Arbeiten von Frederick Turner (Beauty. The Value of Values, 1991) und Ellen Dissanayake (Homo Aestheticus. Where Art Comes From and Why, 1995) bis zu den jüngst erschienenen Arbeiten von Michael Tomasello. Selbst wenn die Studien sich nicht auf kognitive Prozesse im Allgemeinen, sondern auf historisch-kulturell kontextualisierte Praktiken beziehen, wird dennoch meistens die Position des Autors der Texte vernachlässigt. In diesem Zusammenhang sind beispielsweise die Arbeiten über den Emotionalismus im 18. Jahrhundert von Katja Mellmann zu nennen, in denen die Tendenz vorherrscht, einer idealen Anthropologie des Lesers Gestalt zu geben und möglichst detailliert die Sensibilisierungsprozesse, die durch den Kontakt mit dem literarischen Text hervorgerufen werden, vorherzusagen (Emotionalisierung. Von der Nebenstundenpoesie zum Buch als Freund, 2006).

Die Frage ist aber, ob eine biologische Betrachtungsweise fiktionaler Phänomene nicht auch darauf ausgeweitet werden sollte, wie der Bereich des bios die gestaltende Arbeit der Autoren strukturiert und orientiert, wobei dann die Idee überholt wäre, dass die kulturelle Bedeutung des Organischen auf den Bereich der reinen und schlichten ästhetischen Rezeption zu begrenzen ist. Es ist also notwendig, von der „Bioästhetik“, die als biologische Fundierung von Phänomenen der Rezeption des Schönen aufgefasst wird, überzugehen zu einer tatsächlich realisierten „Biopoetik“, im Sinn einer Rekonstruktion der Modalitäten, in denen uns das Organische in fiktionalen Schaffensprozessen begegnet. Die wenigen, in dieser Richtung durchgeführten Studien haben die Stellen in Kunstwerken privilegiert, in denen die Verbindung mit dem bíos explizit thematisiert worden ist (wie im Fall der Interpretation des Sexualverhaltens von Madame Bovary, siehe Barash 2005). Ein Modell, das auf angemessene Weise die Präsenz des bíos in allen gestalterischen Ausdrucksformen berücksichtigt, darf sich nicht auf die Stellen beschränken, in denen über bíos gesprochen wird, sondern muss sich bemühen, alle Strukturen zu untersuchen, in denen eine mehr oder weniger kulturalisierte anthropologische Basis als Sinn-Erzeuger tätig ist.

Mögliche Untersuchungsgegenstände sind folgende (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

interdisziplinäre Ansätze in der Geschichte der Ästhetik;
die fiktionale Darstellung des Körperlichen sowohl bei bestimmten Autoren als auch in geschichtlich-literarischen Strömungen;
der Einfluss der Naturwissenschaften bei der Erschaffung fiktionaler Gestalten;
anthropologische Fundamente rhetorisch-poetischer Figuren (z.B. die Rolle der Emotionen in wirkungsorientierten Poetiken.
biologische Grundlagen, die der Einteilung in literarische Gattungen zugrunde liegen;
Anwendungen des Evolutionismus bei der Interpretation literarischer Texte;
Umwandlungen und Hybridisierungen zwischen heterogenen Diskursbereichen auf der Basis einer historischen Semantik.

Abstracts zu Publikationsvorschlägen sind im Umfang von höchstens 300 Wörtern in englischer, italienischer, französischer oder deutscher Sprache bis zum 11.5.2014 einzureichen. Zusage erfolgt bis zum 25.5.2014. Beiträge im Umfang von 5000 bis 8000 Wörtern sind nach MLA-Einrichtungsrichtlinien bis zum 15.9.2014 an den Herausgeber des Sonderheftes (Maurizio Pirro, Università degli Studi di Bari, mauriziopirro@libero.it) sowie an die wissenschaftlichen Herausgeberinnen Roberta Gefter und Anna Zoppellari (gefter@units.it; zoppelan@units.it) zu senden. Erscheinungstermin ist Dezember 2014. Die eingereichten Beiträge werden mit peer-review double-blind begutachtet.

„Prospero“ ist die Zeitschrift für Literatuwissenschaft, Komparatistik und Kulturwissenschaften des Dipartimento di Studi Umanistici (DiSU), die seit 1993 von EUT, dem Verlag der Universität Triest, jährlich publiziert wird. Es sind bereits zahlreiche Sonderhefte erschienen, die neben einer Sektion für Rezensionen, Beiträgen in italienischer deutscher, englischer, französischer und spanischer Sprache (zwischen 5000 und 8000 Wörtern) Raum bieten. Prospero ist an den Index des MLA gebunden und in den italienischen (SBN und ACNP Katalog) und ausländischen (unter anderem im KVK (Karlsruhe Virtual Catalog), Library of Congress, Worldcat) Bibliotheken zu finden – seit 2011 auch im open access. (http://www.openstarts.units.it/dspace/handle/10077/6091). Seit 2011 auch vollständig unter peer-review double-blind. Vorschläge für Beiträge sind in Übereinstimmung mit den Redaktionsnormen des MLA an die wissenschaftlichen Herausgeberinnen Roberta Gefter (gefter@units.it) und Anna Zoppellari (zoppelan@units.it) zu senden.

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://www.openstarts.units.it/dspace/handle/10077/6091
Verknüpfte Ressourcehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
Bewerbungsschluss11.05.2014
PersonName: Maurizio Pirro 
Funktion: Dozent fuer deutsche Literatur an der Universitaet Bari 
E-Mail: mauriziopirro@libero.it 
KontaktdatenName/Institution: Maurizio Pirro / Università degli Studi di Bari 
Strasse/Postfach: via Garruba, 6/b 
Postleitzahl: I - 70121 
Stadt: Bari 
Telefon: 0039 080 5717489 
E-Mail: mauriziopirro@libero.it 
LandItalien
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