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Ergebnisanzeige "Literatur und Gedächtnis – Zur Inszenierung von Erinnerung in der Literatur der Russlanddeutschen vor und nach 1989"
RessourcentypCall for Papers
TitelLiteratur und Gedächtnis – Zur Inszenierung von Erinnerung in der Literatur der Russlanddeutschen vor und nach 1989
BeschreibungLiteratur und Gedächtnis – Zur Inszenierung von Erinnerung in der Literatur der Russlanddeutschen vor und nach 1989
Wissenschaftliches Kolloquium am Germanistischen Institut der Justus-Liebig-Universität Gießen vom 22.-24. September 2014

Die Tagung wendet sich einem in der literatur- und kulturwissenschaftlichen Forschung bislang wenig beachteten Gegenstand zu, der Literatur von Russlanddeutschen vor und nach 1989. Dabei werden mit dem Terminus ‚Russlanddeutsche‘ „jene Gruppen deutscher Siedler gefasst, die im 18. und 19. Jahrhundert in der Wolgaregion, in Bessarabien, am Schwarzen Meer, auf der Krim, im Kaukasus oder in Sibirien angesiedelt worden sind“. Eine größere Zahl von Ihnen wurde nach dem Überfall Hitler-Deutschlands (1941) vor allem in asiatischen Teile der damaligen Sowjetunion deportiert. Auf Grund der damaligen Umsiedlungen lebten und leben Russlanddeutsche „noch bis heute in unterschiedlichsten Nachfolgestaaten der UdSSR wie Russland, Kasachstan, Tadschikistan, Turkmenistan und Kirgisien“. Dieser Hinweis ist von entscheidender Bedeutung gerade in dem Fall, da es um Literatur geht, die – trotz aller möglichen Fiktionalisierung – in besonderem Maße an die jeweilige „wirkliche Wirklichkeit“, die historisch-kulturellen Kontexte und die entsprechenden Räume gebunden ist. Die Tatsache, dass die Russlanddeutschen also in „den unendlichen Weiten der UdSSR [verstreut] waren“, hat Folgen sowohl für die entstandenen Texte, als auch für die Literaturgeschichtsschreibung insgesamt: Herold Berger hat zutreffend festgestellt, dass die Geschichte der Literatur der Russlanddeutschen noch nicht geschrieben ist (Belger 2010).
Nun existieren zwar neuere Vorarbeiten wie die von Belger erarbeitete Übersicht über wichtige Autoren der russlanddeutschen Literatur (Belger 2010). Allerdings fehlen analytische Arbeiten zu den unterschiedlichen Gattungen bzw. Textsorten, insbesondere von der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Überhaupt stellt sich ein Problem, das die Literatur der Russlanddeutschen – bis 1989 wurde der Terminus ‚sowjetdeutsche Literatur‘ gebraucht – insgesamt betrifft, nämlich die Frage nach der literar-ästhetischen Qualität. Sehr pointiert hat Annelore Engel-Braunschmidt das Dilemma im Rahmen ihrer Neuedition einer Sammlung sowjetdeutscher Dichtung von 1931 auf den Punkt gebracht: „Ohne eigene Ästhetik und Poetik, sprachlich unsicher, sah und sieht sie sich von politisch-sozialem Auftrag dominiert“ (Engel-Braunschmidt 1990, V). Hugo Wormsbecher, einer der wichtigen Repräsentanten der russlanddeutschen Literatur und bis 1990 verantwortlicher Redakteur und Autor der ersten Nachkriegszeitschrift der Sowjetdeutschen für Literatur und Publizistik in deutscher Sprache, des Almanachs „Heimatliche Weiten“, hat auf Gründe aufmerksam gemacht, die ein literarisches Schaffen wie eine entsprechende Kontinuität unmöglich machten. Er betont, dass die russlanddeutsche Literatur in den 1930er Jahren fast die gesamte „erwachsene Generation der Schriftsteller“ verloren hat und in den Nachkriegsjahren „Themen, die mit dem nationalen Leben der russlanddeutschen Volksgruppe zu tun hatten“ tabuisiert waren (Wormsbecher 2006, 2013). Es ist daher ein ausdrückliches Anliegen der Tagung, bislang verschollene Texte und biographische Zusammenhänge zu Autoren aufzudecken, auch und gerade zu jenen, die in den 1930er und 1940er Jahren deportiert wurden und nicht überlebten.
Die grundlegende Monographie von Elena Seifert „Genres und ethnisches Weltbild in der Poesie der Russlanddeutschen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis Anfang des 21. Jahrhunderts“ (2009), die etwa 400 russlanddeutsche Autoren erfasst und wichtige Stoffe und Themen benennt, konnte nur bedingt auf ästhetische Fragen eingehen und Einzeltexte dezidiert analysieren. Hinzu kommt, dass neuere kulturwissenschaftliche Ansätze bislang auf die Untersuchung der Russlanddeutschen Literatur erst ansatzweise angewandt worden sind. Dies betrifft beispielsweise Fragen nach dem Verhältnis von Literatur und Gedächtnis. Angesichts der Tatsache, dass es über Jahrzehnte nicht möglich war, über die Leiderfahrungen zu erzählen und eine Tabuisierung vorherrschte, erscheint es daher dringlich, erinnerungstheoretische Aspekte zu diskutieren. Ein solcher Ansatz ist auch deshalb angeraten, weil gegenwärtig eine Generationenschwelle überschritten wird. Es werden nicht nur die letzten Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs und seiner unmittelbaren Folgen in absehbarer Zeit nicht mehr persönlich Auskunft geben können, sondern auch jene nicht, die von Verbannung, Gulag, Trudarmija, Zwangsumsiedlung und Neubeginn betroffen waren. „Deportation 1941 nach Sibirien oder Kasachstan, Zwangsarbeit in den berüchtigten Arbeitskolonnen und Sondersiedlung sind die einschneidendsten Erlebnisse der Russlanddeutschen – sowohl der Betroffenen als auch ihrer Nachkommen“ betont Nina Paulsen (2012) zutreffend. Von daher gehören Krieg, Deportation, Gefangenschaft und die Erkenntnis, vertrieben zu sein, zu einer gemeinsamen Erfahrung in russlanddeutschen Familien bis in die Gegenwart. Sie prägen das ‚kommunikative Gedächtnis‘ und die Erinnerungskultur und es ist daher zu fragen, ob und in welcher Weise sie Gestaltung in der Literatur gefunden haben.
Dass das ‚Prinzip Erinnerung‘ (Gansel 2007, 2009) eine gewichtige Rolle für die literarische Identität der Russlanddeutschen spielt, zeigt bereits die entstehende Memoiren- bzw. Erinnerungsliteratur nach 1917 (Emmy von Liphard, „Erlebtes und Geschautes aus den Kolonien an der Wolga“, 1924; Anna Janecke, „Wolgadeutsches Schicksal“, 1936; Erika Müller-Hennig, „Wolgakinder“, 1935). In der Folgezeit konnte die Literatur der Russlanddeutschen zwar nicht vernichtet werden, aber sie wurde „doch entschieden verstümmelt“ (Seifert 2012).
Angesichts dieser Situation soll das Kolloquium bevorzugt die russlanddeutsche Literatur von der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis zum Ende der Sowjetunion (1989/90) sowie bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts in den Blick nehmen und dies deshalb, weil es sich hier um die wohl komplizierteste Phase handelt. In diesem Zeitraum liegen solche einschneidenden Ereignisse wie Deportation, Trudarmija, Sonderansiedlung, wiedergewonnene Freiheit, sodann der vergebliche Versuch einer Wiederherstellung der deutschen Wolgarepublik und schließlich die Ausreise nach Deutschland. Dass derartige ‚Themen‘ an Bedeutung gewonnen haben und nach 1989 bzw. 2000 erinnert werden, zeigen die Romane von Eleonora Hummel „Die Fische von Berlin“ (2005) und „Die Venus im Fenster“ (2009). Erste Untersuchungen haben zudem belegt, dass für die Literatur der Russlanddeutschen in diesem Zeitraum ein Zugang über die Kategorie Störung und die Figuration der Störung, des Grenzgängers und Außenseiters bzw. der Figur des Dritten möglich ist (Gansel/Ächtler 2013, Gansel 2007). Für die Tagung zu fragen ist zudem, welche Rolle der sogenannte ‚spatial turn‘ für die Analyse der russlanddeutschen Literatur spielen kann.
Fragt man nach dem ‚Was’ der literarischen Darstellung, dann haben nach 1989 ansatzweise eben jene bis dahin verdrängten ‚Themen’ Eingang in die russlanddeutsche Literatur gefunden. So erzählen die Texte vom Überlebenskampf in der Arbeitsarmee, von der „geraubten Kindheit“ (Nelli Kossko) unter Bedingungen von Umsiedlung, Krieg und Flucht, es geht auch um dem schwierigen Weg russlanddeutscher Jugendlicher zu akademischer Bildung und um Bespitzelung in Zeiten einer „allgegenwärtigen Macht“. Erstmals kann nun auch die Problematik eines nationalen Selbstbewusstseins zwischen Isolation und Integration der russlanddeutschen Volksgruppe literarisch gestaltet werden.
Schließlich ist zu beachten, dass in neuesten Texten einer jungen Autorengeneration mit einem russlanddeutschen Hintergrund, Aspekte von Identitätsfindung unter Bedingungen der Migration in den Horizont der Darstellung geraten. Hier werden Figuren entworfen, die über ihre Integrationsprobleme in die deutsche Gesellschaft erzählen. Derartige Texte (u.a. Hummel, Bronsky, Klassen) eröffnen ein neues Problemfeld.

Weitere Konkretisierungen und Präzisierungen durch die Referenten/innen sind innerhalb des vorgegebenen Themenrahmens ausdrücklich erwünscht.

Leitung des Kolloquiums : Prof. Dr. Carsten Gansel


Bei Interesse bitten wir um Rückmeldung mit einem konkreten Themenangebot bis zum 15. Juni 2014 an die folgenden Adressen:

Prof. Dr. Carsten Gansel
Justus-Liebig-Universität Gießen
FB 05 Sprache, Literatur, Kultur
Institut für Germanistik
Otto-Behaghel-Str. 10
35394 Gießen
Carsten.Gansel@germanistik.uni-giessen.de

Julian Wessel
Justus-Liebig-Universität Gießen
FB 05 Sprache, Literatur, Kultur
Institut für Germanistik
Otto-Behaghel-Str. 10
35394 Gießen
Julian.S.Wessel@germanistik.uni-giessen.de
Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortGießen
Bewerbungsschluss15.06.2014
Anmeldeschluss01.09.2014
Beginn22.09.2014
Ende24.09.2014
PersonName: Prof. Dr. Carsten Gansel 
Funktion: Veranstalter 
E-Mail: carsten.gansel@germanistik.uni-giessen.de 
KontaktdatenName/Institution: Justus-Liebig-Universität Gießen 
Strasse/Postfach: Otto-Behaghel-Straße 10B 
Postleitzahl: 35394 
Stadt: Gießen 
Telefon: 0641/99-29121 
Fax: 0641/99-29129 
E-Mail: carsten.gansel@germanistik.uni-giessen.de 
Internetadresse: http://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb05/germanistik/abliteratur/glm 
LandDeutschland
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Erzähltheorie; Literatur nach 1945; Literatur- u. Kulturgeschichte
Klassifikation03.00.00 Literaturwissenschaft; 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.16.00 Literarisches Leben; 05.00.00 Deutsche Literaturgeschichte > 05.07.00 Deutschsprachige Literatur des Auslandes; 05.00.00 Deutsche Literaturgeschichte > 05.10.00 Literarische Volkskunde; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989); 19.00.00 1990 bis zur Gegenwart
Ediert von  H-Germanistik
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