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Ergebnisanzeige "Abenteuerliche ‚Überkreuzungen‘: Vormoderne intersektional"
RessourcentypCall for Papers
TitelAbenteuerliche ‚Überkreuzungen‘: Vormoderne intersektional
BeschreibungAufsatzband "Abenteuerliche ‚Überkreuzungen‘: Vormoderne intersektional"

Die Leistungsfähigkeit kulturwissenschaftlicher Theorien und Modelle beruht gerade darauf, dass sie sich nicht letztgültig fixieren lassen. Vielmehr sind sie beweglich und reisen gewissermaßen zwischen Disziplinen, Epochen und Regionen. Dabei zeigt sich die Mediävistik seit längerem als besonders aufnahmefähig, ist sie doch ‚von Hause aus‘ eine interdisziplinär arbeitende Wissenschaft.
In diesem Sinne möchten wir in einem entsprechenden Aufsatzband einen Ansatz in den Blick nehmen, der im Raum soziologischer Theorie und Praxis bereits einige Reiseerfahrung gesammelt hat, nämlich den der Intersektionalität, mit dem sich gleich ein ganzes Bündel theoretischer Positionen verbindet. Im Rückblick auf den Werdegang der Debatte zeigt sich, dass intersectionality in den Sozialwissenschaften innerhalb weniger Jahre ein buzzword (Davis 2008) geworden ist, das Anschlussfähigkeit für vielfältige interdisziplinäre Perspektiven verspricht (Lenz 2010; Smykalla/Vinz 2011; Knüttel/Seeliger 2011). Im Zentrum der Debatte steht die Frage, wie die Kategorie Geschlecht in aktuellen Gesellschaften im Zusammenwirken mit anderen Ungleichheitsdimensionen erfasst werden kann. Sie findet in Deutschland in einer intensiven Auseinandersetzung mit Ansätzen aus dem anglophonen Raum statt (Vgl. hierzu die Darstellung und Diskussion auf dem Online-Portal Intersektionalität: http://portal-intersektionalitaet.de). Der Begriff der Intersektionalität ist dabei mit einer dezidiert gegenwartsorientierten Diskussion von ‚sozialer Ungleichheit‘ verbunden, beschrieben werden mehrfache Diskriminierungsprozesse als Schnittstellen verschiedener Kategorien (Knapp 2008). Über die räumlichen Metaphern der Überkreuzung, Überschneidung und Verschränkung werden diese in einer wechselseitigen Beziehung zueinander visualisiert und analysiert.

Anders jedoch als beispielsweise vergleichbare Theorieübernahmen aus den Bereichen der Gender-Studies, der Raumtheorie, der historischen Anthropologie oder der Emotionsforschung beginnt die historische Kultur- und Literaturwissenschaft gerade erst, dieses Konzept für sich zu entdecken und zu erobern (vgl. hierzu Dietze/Haschemi Yekani/Michaelis 2007; Griesebner/Hehenberger 2013; Schul 2014; Bedekovic/Kraß/Lembke 2014). Man könnte vermuten, dies liege daran, dass Interdisziplinarität und eine Mehrebenenanalyse in der Mediävistik schon immer selbstverständlich waren und Intersektionalität möglicherweise bloß als neue Etikettierung von Interdisziplinarität verstanden wird. Wir halten dies aber für deutlich zu kurz gegriffen. Denn der Mehrwert besteht darin, dass sowohl verschiedene disziplinäre Felder (Soziologie, Kulturwissenschaft, Narratologie usw.) als auch verschiedene Sachbereiche (Natur, Kultur, Raum usw.) systematisch und ohne vorgängige Hierarchisierung in einem einheitlichen Beschreibungsmodell zusammengeführt werden können. So eröffnet die Intersektionalitätsanalyse die Möglichkeit einer sehr detaillierten und präzisen Beschreibung der vielfältigen Bezüge zwischen dem Kunstwerk und seinen kognitiv-mentalen, sozialen und kulturellen Entstehungsbedingungen, ohne dass damit zugleich simplifizierende Wirkungsabhängigkeiten zwischen Text und Kontext impliziert würden. Die dem Artefakt inhärenten Modelle von Vergesellschaftung lassen sich so sichtbar machen, ohne seine ästhetische Qualität zu übergehen. Eine der Chancen intersektionaler Analyse liegt also darin, die narrativen und ästhetisch-künstlerischen Faktoren in neuer, mehrdimensionaler Weise zu den historischen Entstehungsbedingungen in Bezug zu setzen, so dass die unterliegenden Modelle sozialer und kultureller Konstruktion aus veränderten Perspektiven in den Blick geraten.

Dementsprechend soll die gerade beginnende mediävistische Rezeption der Intersektionalitätstheorie auf eine breitere Basis gestellt und von möglichst vielfältigen Anwendungs- und Operationalisierungsvorschlägen begleitet werden. Im Zentrum steht die Frage, wie und auf welche Weise sich die neusten, sozialwissenschaftlich dominierten Diskussionen um Intersektionalität, (soziale) Ungleichheit und Differenz auf kulturhistorische Analysen der Vormoderne übertragen lassen.

Wir wünschen uns dazu Beiträge aus allen Disziplinen der Geistes- und Kulturwissenschaften, die an einem konkreten Beispiel aus dem eigenen disziplinären Bereich entsprechende Fallstudien vornehmen und bitten um Vorschläge in Form eines kurzen (max. 4.000 Zeichen) Abstracts des geplanten Beitrags bis zum 30. April 2014. Schicken Sie Ihren Themenvorschlag bitte per Email an beide HerausgeberInnen, ergänzt um einige Informationen zu Ihrem wissenschaftlichen Profil.

Die Beiträge können auf Deutsch oder Englisch abgefasst sein, ein detailliertes Stylesheet geht Ihnen mit der Information über die Annahme Ihres Beitrages zu. Abgabetermin für die fertigen Beiträge, die einen Umfang von 60.000 Zeichen nicht überschreiten sollen, ist der 31. Dezember 2014. Der Band wird dann im ersten Halbjahr 2015 in der Reihe „Aventiuren“ im Verlag V&R-unipress (Göttingen) erscheinen.


Auswahlbibliographie:
Natasa BEDEKOVIC, Andreas KRASS, Astrid LEMBKE (Hg.): Durchkreuzte Helden. Das „Nibelungenlied“ und Fritz Langs Film „Die Nibelungen“ im Licht der Intersektionalitätsforschung. Bielefeld 2014.
Kimberlé W. CRENSHAW: Demarginalizing the Intersection of Race and Sex. A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine, Feminist Theory and Antiracist Politics. University of Chicago Legal Forum (1989), S. 139-167.
Kathy DAVIS: Intersectionality in Transatlantic Perspective. In: Gudrun-Axeli Knapp, Cornelia Klinger (Hg.): ÜberKreuzungen. Fremdheit, Ungleichheit, Differenz. Münster 2008, S. 19-35.
Gabriele DIETZE, Elahe HASCHEMI YEKANI, Beatrice MICHAELIS: ‚Checks and Balances.‘ Zum Verhältnis von Intersektionalität und Queer Theory. In: Katharina Walgenbach, Gabriele Dietze, Antje Hornscheidt u.a. (Hg.): Gender als interdependente Kategorie. Neue Perspektiven auf Intersektionalität, Diversität und Heterogenität. Opladen 2007, S. 107-139.
Andrea GRIESEBNER, Susanne HEHENBERGER: Intersektionalität. Ein brauchbares Konzept für die Geschichtswissenschaften? In: Vera Kallenberg, Jennifer Meyer, Johanna M. Müller (Hg.): Intersectionality und Kritik. Neue Perspektiven auf alte Fragen. Wiesbaden 2013, S. 105-124.
Gudrun-Axeli KNAPP: ‚Intersectionality’ – ein neues Paradigma der Geschlechterforschung? In: Rita Casale, Barbara Rendtorff (Hg.): Was kommt nach der Genderforschung? Zur Zukunft der feministischen Theoriebildung. Bielefeld 2008, S. 33-53.
Katharina KNÜTTEL, Martin SEELIGER (Hg.): Intersektionalität und Kulturindustrie. Zum Verhältnis sozialer Kategorien und kultureller Repräsentationen. Bielefeld 2011, S. 25-52.
Ilse LENZ: Intersektionalität: Zum Wechselverhältnis von Geschlecht und sozialer Ungleichheit. In: Ruth Becker, Beate Kortendiek (Hg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie. 3. erw. und durchges. Aufl. Wiesbaden 2010, S. 158-165.
Susanne SCHUL: HeldenGeschlechtNarrationen: Gender, Intersektionalität und Transformation im Nibelungenlied und in Nibelungen-Adaptionen. Frankfurt a. M. 2014 (MeLiS. Medien – Literaturen – Sprachen in Anglistik/Amerikanistik, Germanistik und Romanistik; 14).
Sandra SMYKALLA, Dagmar VINZ (Hg.): Intersektionalität zwischen Gender und Diversity. Theorien, Methoden und Politiken der Chancengleichheit. Münster 2011.
Katharina WALGENBACH: Intersektionalität – eine Einführung. 2012. Online Publikation: http://www.portal-intersektionalität.de.



Prof. Dr. Michael Mecklenburg & Dr. Susanne Schul
Institut für Germanistik
Universität Kassel
Kurt-Wolters-Str. 5
34125 Kassel
michael.mecklenburg@uni-kassel.de
schul@uni-kassel.de

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
Bewerbungsschluss30.04.2014
PersonName: Prof. Dr. Michael Mecklenburg 
E-Mail: michael.mecklenburg@uni-kassel.de 
Name: Dr. Susanne Schul 
E-Mail: schul@uni-kassel.de 
KontaktdatenName/Institution: Institut für Germanistik, Universität Kassel 
Strasse/Postfach: Kurt-Wolters-Straße 5 
Postleitzahl: 34125 
Stadt: Kassel 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteraturwissenschaft; Genderforschung; Historische Semantik (Wissensgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Ideengeschichte); Komparatistik (Kulturvergleich, Interkulturelle Literaturwissenschaft); Literatur 700 - 1150; Literatur 1150 - 1300; Literatur 1300 - 1500; Literatur 1500 - 1580; Literatur 1580 - 1700; Literatur- u. Kulturgeschichte; Literatursoziologie; Literaturtheorie: Themen; Motiv- u. Stoffgeschichte
Zusätzliches SuchwortIntersektionalität; intersectional theory
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