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Ergebnisanzeige "Ikonographie des Terrors? 30 Jahre Deutschland im Herbst"
RessourcentypCall for Papers
TitelIkonographie des Terrors? 30 Jahre Deutschland im Herbst
BeschreibungIkonographie des Terrors? 30 Jahre Deutschland im Herbst.
Formen filmischer und literarischer Erinnerung an den Terrorismus in der BRD 1978-2008.

Workshop zur Filmreihe des Zentrums für Medien und Interaktivität (ZMI) in Zusammenarbeit mit dem Institut für Germanistik und der Arbeitsstelle für Literatur und Mediensozialisation (LIMES) an der Justus-Liebig-Universität Gießen, vom 23.-25. Juni 2008.


Der Terrorismus in der Bundesrepublik der 1970er Jahre erscheint noch heute, 30 Jahre nach der Kulmination der Konfrontation zwischen Staat und RAF, als ein umstrittenes Kapitel der jüngsten deutschen Geschichte. Das wurde u.a. deutlich in den Debatten um die Berliner RAF-Ausstellung 2005 und die vorzeitige Haftentlassung der Terroristen Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar 2007.

Zwar ist es dem kulturellen Diskurs gelungen, dem Kino entlehnte Syntagmen wie „Deutscher Herbst“, „Bleierne Zeit“ oder „Dritte Generation“ als Pathosformeln des kollektiven Gedächtnisses zu etablieren. Die andauernde Auseinandersetzung um die Deutungshoheit gegenüber den so bezeichneten Ereignisfolgen verweist jedoch darauf, dass sich im Umgang der deutschen Gesellschaft mit dem Terrorismus offenbar noch keine hegemoniale Vergangenheitsversion durchgesetzt hat.

Anders verhält es sich bei der künstlerischen Verarbeitung des Terrorismus. Es lässt sich mit Ricœur zunächst von einer recht homogenen kulturellen Präfiguration der Texte und Filme zum Thema sprechen. Die Autoren und Filmemacher rekrutierten sich zunächst fast ausschließlich aus dem Umfeld der Studentenbewegung oder sie standen dem linksintellektuellen Milieu nahe. Die Erinnerung an die Gewaltspirale der 1970er Jahre war somit stets auch eine Auseinandersetzung der Künstler mit der eigenen Vergangenheit. Auch die jeweilige textuelle Konfiguration des Stoffes weist beim Vergleich augenscheinliche Gemeinsamkeiten auf. Sprechen Literaturkritiker bereits vom „RAF-Roman“ als einem neuen Genre, so lassen sich die nach dem Herbst 1977 entstandenen Filme zunächst zwei Entwicklungslinien zuordnen. Beide haben ihren Ausgangspunkt in jenem Filmprojekt, das die Ereignisse bereits 1978 filmisch aufbereitete und 2008 sein 30jähriges Jubiläum feiert: "Deutschland im Herbst".

Zum Einen begründete die Koproduktion der herausragenden Vertreter des Neuen Deutschen Kinos wie Rainer Werner Fassbinder, Alexander Kluge oder Volker Schlöndorff unter Beteiligung von Autoren wie Heinrich Böll und Wolf Biermann das Genre der so genannten Dokufiktion. Es ging den beteiligten Filmemachern darum, „Erinnerung – eine subjektive Momentaufnahme – festzuhalten“.

Dabei durchbrachen sie herkömmliche Genregrenzen. Die Konfiguration ausgewählter Aspekte der Situation vom Herbst 1977 und ihrer Vorgeschichte geschah mit Hilfe der innovativen Montage von Reportage- und Spielszenen. Der Verzicht auf ein (end)gültiges ‚Deutungsangebot’ zugunsten eines vielschichtigen und vielstimmigen Kreisens um das zentrale Ereignis stellt eine bewusste Störung klassischer, auf Linearität angelegter (Film)Dramaturgie und ihres intendierten Rezeptionsverhalten dar. Statt eine kohärente, über gängige Erzählschemata vermittelte Vergangenheitsversion zu liefern, verkettet der Film lediglich unterschiedliche Annäherungsversuche, die den Rezipienten zu einer produktiven Transfiguration des Stoffes, zu einer selbständigen Reflektion über die Ereignisse des „Deutschen Herbstes“ auffordern. Dieser Bruch mit medialen Konventionen macht "Deutschland im Herbst" zum Prestigeprojekt des Neuen Deutschen Kinos. Der avantgardistische Akt wurde jedoch nicht stilprägend. Einzig mit F.C. Delius’ Romantrilogie zum "Deutschen Herbst" (1981-1992) liegt auf dem literarischen Feld ein vergleichbarer Versuch vor, sich mit ähnlichen Verfremdungsmechanismen auf der Ebene des discours dem Terrorismus zu nähern. Bleibt auch die Polyphonie und Multiperspektivik von "Deutschland im Herbst" bislang unerreicht, so sind es Filme wie Andres Veiels "Black Box BRD" (2001), die das Hybridgenre der Dokufiktion für die filmische Erinnerungsarbeit fruchtbar machen.

Die fiktiven Sequenzen von "Deutschland im Herbst" bilden den Ansatzpunkt für die zweite und weitaus wichtigere Hauptrichtung der Nachfolgefilme, das psychologische Drama, das auch die literarische Produktion der Zeit bestimmen sollte. Hatten sich Literatur und Film der 1970er Jahre vor allem mit den aktuellen gesellschaftlichen und medialen Rahmenbedingungen des Terrorismus beschäftigt – beispielhaft in Bölls "Katharina Blum" (1974) und deren Verfilmung durch Schlöndorff und Margarethe von Trotta – so wandelte sich die Rezeption nach der Zäsur des „Deutschen Herbstes“ zugunsten einer intellektuellen Innenschau. Diese vollzieht sich wieder weitgehend über konventionelle Erzählmuster. Von Reinhard Hauffs "Messer im Kopf" (1978) über Trottas "Die bleierne Zeit" (1981) bis hin zu Christian Petzolds "Die innere Sicherheit" (2001) dient der Terrorismus als Folie für eine linksintellektuelle Selbstreflexion, an deren Ende eine tiefgreifende politische Ernüchterung angesichts fragwürdig gewordener Utopien steht. Die Erinnerung an das militante Erbe der Studentenbewegung wird zur Trauerarbeit, wie auch in den Romanen von Heinrich Böll ("Fürsorgliche Belagerung", 1979) oder Rainald Goetz ("Kontrolliert", 1988).

Auch der Fall der Mauer 1989 und das Ende des Kalten Krieges sollten zunächst nichts an diesen Präferenzen ändern. Im Gegenteil. Die Auslieferung von in der DDR untergetauchten RAF-Mitgliedern inspirierten Schlöndorff und den früheren DEFA Regisseur und Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase zu einem weiteren, gewissermaßen deutsch-deutschen Psychoportrait ("Die Stille nach dem Schuss", 2000; vgl. auch Ulrich Plenzdorfs Fernsehfilm "Vater, Mutter Mörderkind", 1992). Eine ebenfalls deutsch-deutsche Perspektive auf den Terrorismus beschreibt Ulrich Woelk in seinem Roman "Die letzte Vorstellung" (2002).

Erst der Antritt der rot-grünen Regierung, der nach einem Erfolg des linken „Marschs durch die Institutionen“ aussah, schien einen neuen Ansatz in der künstlerischen Erinnerungsarbeit nach sich zu ziehen. Zum Einen wirkten nun vermehrt die Angehörigen der 68er-Generation in den Institutionen des kulturellen Gedächtnisses, zum Anderen aber trat nunmehr eine neue Generation von Kulturschaffenden auf, die nicht mehr zu den Zeitzeugen der 68er Jahre gehörte. In Film und Literatur – aber auch der Bildenden Kunst – zeigen sich seither zwei neue Tendenzen des Umgangs mit der jüngeren Vergangenheit, denen eine verstärkte Ablösung vom zeitgeschichtlichen Diskurs gemeinsam ist.

Wurden die Embleme des Terrors unter dem Label „Prada-Meinhof“ Mitte der 1990er Jahre zu Logos eines radical chic, so stilisieren Romane wie Rosenfest von Leander Scholz (2001) oder Filme wie Christopher Roths "Baader" (2002) die Stadtguerilleros zu Ikonen der Popkultur. Im Sinne einer romantisierenden „Westalgie“ erscheint in solchen Werken die Bundesrepublik vor allem der späten 1960er und frühen 1970er Jahre als der „letzte große Abenteuerspielplatz der deutschen Geschichte“ (John von Düffel). Bezeichnenderweise rücken in diesen Werken Problemfelder der (Post)Adoleszenz in den Mittelpunkt der Handlung. Christopher Roth gestaltet seinen Protagonisten als einen spätpubertären Outlaw zwischen Allmachtsphantasien und Selbstinszenierung, Scholz beschreibt den Weg Andreas Baaders und Gudrun Ensslins in den Untergrund als Liebesgeschichte zweier unangepasster junger Menschen. Wie sich Bernd Eichingers für Herbst 2008 angekündigter Blockbuster "Der Baader-Meinhof-Komplex" ausnehmen wird, lässt sich in diesem Zusammenhang nur vermuten.

Dieser retrospektiven Verklärung des Terrorismus steht die zweite Gruppe von Werken gegenüber, deren prospektiver Vergangenheitsbezug sich mit dem von Klaus Theweleit geprägten Begriff des „abstrakten Radikalismus“ umschreiben lässt. Bereits Joseph Boys, Gerhard Richter oder Heiner Müller hatten in ihrem Selbstverständnis als radikale künstlerische Avantgarde mit der terroristischen „politischen Avantgarde“ kokettiert. Der „Störfaktor RAF“ diente ihnen als geeignete Folie künstlerischer Provokation. Eine ähnlich gelagerte Annäherung findet sich in den Filmen Hans Weingartners ("Die fetten Jahre sind vorbei", 2004) oder in Ulrich Peltzers neuem Roman "Teil der Lösung" (2007) wieder. Hatte der Komponist Karlheinz Stockhausen die Anschläge vom 11. September 2001 als „das größte Kunstwerk, was es je gegeben hat", bezeichnet, so wird der Terrorismus bei Weingartner und Peltzer ohne expliziten Verweis auf die Vorbilder zur mythischen Vorlage für Sinnstiftungsversuche einer politisch orientierungslosen jungen Generation. In Zeiten beschleunigter massenmedialer Einvernahme und Kommerzialisierung alternativer Lebensentwürfe und Gegenkulturen findet sich das jugendliche Bedürfnis nach einer identifikatorischen Abgrenzung von der Mehrheitsgesellschaft zum Rückgriff auf immer radikalere Mittel gedrängt. Bei Weingartner und Peltzer mündet der jugendliche Abspaltungsversuch in einen befreienden subversiven Aktivismus. Dieser erweist sich zwar als vergleichsweise harmlos, doch auch hier spielt der revolutionäre Gestus mit dem überlieferten Störpotential des Terrorismus.

Es wird deutlich, dass die künstlerische Rezeption des Terrorismus der 1970er Jahre bei weitem nicht erschöpft ist. Der Workshop zur Filmreihe des ZMI kann einen fruchtbaren Beitrag zu der Frage leisten, auf welche Weise Erinnerung als „subjektive Momentaufnahme“ in Bezug auf die RAF in den filmischen und literarischen Werken seit "Deutschland im Herbst" bis heute festgehalten wird. Überdies gilt es, nach Veränderungen des Vergangenheitsbezugs in der Übergangsphase von erzählter Augenzeugenschaft zum postmemory der Nachgeborenen zu suchen. Mit Blick auf die skizzierten jüngsten Entwicklungen ist zu fragen, inwieweit von einem „Konzept der Störung“ im Sinne eines „abstrakten Radikalismus“ als Mittel künstlerischer Avantgarde unter den Bedingungen der massenmedialen Überflutung der Gesellschaft gesprochen werden kann. Folgende Schwerpunkte lassen sich nachfolgend als Orientierungspunkte für mögliche Beiträge anführen:

- "Deutschland im Herbst" als künstlerische Innovation und ästhetischer Bruch.

- Dokufiktion: Erinnern zwischen Zeitzeugenbericht und Imagination; (Reinhard Hauff, "Stammheim" – Heinrich Breloer, "Todesspiel" – Andres Veiel "Black Box BRD").

- „Linker Totenkult“, „linke Melancholie“, „linke Trauerarbeit“, „linke Selbstbespiegelung“ im filmischen und literarischen Psychodrama.

- Annäherung durch Verfremdung: F.C. Delius’ Trilogie "Deutscher Herbst".

- (Selbst)Ironie als Vergangenheitsbewältigung: Provokation nach links und rechts (Fassbinder, "Die Dritte Generation"; John von Düffel, "Rinderwahnsinn/ Born in the RAF")

- Mythos RAF: von der medialen Inszenierung in den 1970ern bis zur popkulturellen Ausschlachtung in den 1990ern.

- Popliteratur und Radikalität (Christian Kracht, "1979"; Joachim Bessing, "Tristesse Royale")

- Fictions of (post)memory in Film und Literatur (Michael Wildenhain, "Erste Liebe – Deutscher Herbst"; Inka Parei, "Was Dunkelheit war", etc.).

- Westalgie in Film und Literatur (Christopher Roth, "Baader"; Leander Scholz, "Rosenfest").
- Abenteuerspielplätze: Adoleszenz und Stadtguerilla.

- Künstlerische Konzepte eines „abstrakten Radikalismus“ (Theweleit).

- Künstlerische Tatrhetorik im Schatten von Kommerz und Globalisierung (Hans Weingartner, Ulrich Peltzer, etc.).

- Konzepte der Störung: Terrorismus und Avantgarde 1977 bis heute.


Carsten Gansel und Norman Ächtler, Januar 2008.


Norman Ächtler, M.A.

Universität Gießen
FB05 Sprache, Literatur, Kultur
Institut für Germanistik
Literatur-und Medienwissenschaft
Otto-Behaghel-Straße 10B
Raum 132
35394 Gießen
Tel.: 0641/ 99-29084
E-Mail: norman.aechtler@germanistik.uni-giessen.de

Quelle der BeschreibungInformation des Anbieters
Internetadressehttp://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Germanistik&mo...
VeranstaltungsortGießen
Bewerbungsschluss30.04.2008
Beginn23.06.2008
Ende25.06.2008
PersonName: Ächtler, Norman 
Funktion: Ansprechpartner 
E-Mail: norman.aechtler@germanistik.uni-giessen.de 
LandDeutschland
BenutzerführungDeutsch
SchlüsselbegriffeLiteratur nach 1945; Medien- u. Kommunikationstheorie
Klassifikation18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.03.00 Geistes- und Kulturgeschichte; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.08.00 Gattungen und Formen > 18.08.05 Weitere Formen; 18.00.00 20. Jahrhundert (1945-1989) > 18.10.00 Bundesrepublik Deutschland bis 1990 > 18.10.03 Geistes- und Kulturgeschichte
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